Interview

Wer gibt, dem wird gegeben

Ein Pfarrer in England verschenkt Geld und bekommt das Zwanzigfache zurück.

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in der Kirche und Ihr Pfarrer drückt Ihnen plötzlich 10 Euro in die Hand. Etwas Ähnliches ist in Kirkheaton, einem kleinen Ort in Yorkshire, passiert. Dort hat Pfarrer Richard Steel im letzten November 10-Pfundnoten an verschiedene Kirchenmitglieder verteilt und sie dazu aufgefordert, das anvertraute Geld zu vermehren. Damit sollte der Umbau der örtlichen Kirche finanziell unterstützt werden. Inspiration für die Aktion war das Gleichnis von den anvertrautenTalenten (Matthäus 25,14-20). ERF Online hat nachgefragt.

ERF Online: Sie haben 450 Pfund investiert und 11.360 Pfund zurückbekommen. Das ist etwa zwanzigmal so viel, wie Sie investiert haben. Haben Sie das erwartet, als Sie mit dem Spendenprojekt begonnen haben?

Richard Steel: Ich hätte niemals gedacht, dass so viel Geld zusammenkommt. Ich hatte mit 3.000 oder 4.000 Pfund gerechnet. Denn obwohl dieses Spendenprojekt sehr wichtig war, ist es nur eines in einer Reihe von Spendenprojekten. Also dachte ich: „Hey, vielleicht werden es damit noch ein paar Tausender mehr.“ Doch dass es über 11.000 Pfund geworden sind, ist einfach nur großartig.

ERF Online: Was hat Sie inspiriert das Gleichnis von den anvertrauten Talenten für ein Spendenprojekt zu nutzen?

Richard Steel: Eigentlich war das nicht meine Idee. Ich erinnerte mich, dass jemand vor circa zwanzig Jahren mal etwas Ähnliches durchgeführt hat. Damals wurde auch ein bisschen Geld weggegeben, um dadurch wiederum mehr Geld zu erhalten. Ich hielt das für eine gute Idee und empfand es als gute Inspiration für unsere Kirchengemeinde, dieses biblische Bild zu verwenden.

„Ich habe darauf vertraut, dass Gott mit dem Geld arbeiten wird“

ERF Online: War da auch der Gedanke: „Dieses Prinzip hat schon in der Bibel funktioniert, also wird es hoffentlich auch bei uns funktionieren“?

Richard Steel: Das Gleichnis in der Bibel dreht sich meiner Ansicht nach darum, alles zu nutzen, was Gott uns gibt, und nicht die guten Dinge zu ignorieren, die er uns schenkt. Deswegen schien es mir eine gute Möglichkeit, darauf unser Projekt aufzubauen. Da wir auch unseren Gottesdienst und die Leitung der Gemeinde stark an der Bibel orientieren, war es genau das Richtige für uns. Zudem wusste ich, dass es bei anderen Leuten funktioniert hatte. Sehr erfreut hat mich auch, dass es durch das Projekt zu Diskussionen über die Bibel kam. Es ist mir ein großes Anliegen, dass Menschen verstehen, wie relevant die Bibel heute noch ist. Das ist dadurch auch passiert.

ERF Online: Sie haben das Geld an Menschen weitergegeben ohne deren Namen zu notieren oder irgendwelche Sicherheiten zu fordern. Hatten Sie keine Angst, dass jemand das ausnutzen und das Geld einfach nehmen würde ohne etwas davon zurückzugeben?

Richard Steel: Nein, denn die meisten Menschen, denen ich Geld gab, waren Kirchenmitglieder. Aber ich habe auch Geld an Leute verteilt, die ich überhaupt nicht kannte. Das war schon ein Risiko. Doch ich habe darauf vertraut, dass Gott mit diesem Geld arbeiten wird. Im schlimmsten Fall hätte ich ein bisschen Geld verloren. Aber ich wusste, dass einige Menschen mit dem Geld arbeiten und es vermehren würden. Ich glaubte, es würde sich in jedem Fall die Waage halten. Tatsächlich ist – soweit ich weiß – alles Geld wieder zurückgekommen.

ERF Online: Erzählen Sie mir mehr von den Leuten, die beteiligt waren. Ich habe gehört, ein elfjähriges Mädchen habe mit Fotokarten tausend Pfund eingenommen. Wie kam es dazu?

Richard Steel: Ja, das war Lucy, sie ist eine unserer jüngeren Kirchenmitglieder und nicht die Einzige in ihrem Alter, die sich beteiligt hat. Lucy ist eine sehr gute Fotografin und sie hatte die Idee, einige Karten von ihren Bildern drucken zu lassen. Sie setzte sich zum Ziel, einen gewissen, kleineren Geldbetrag damit für die Kirche einzunehmen. Doch die Leute liebten ihre Karten so sehr, dass sie immer mehr Bestellungen bekam. Daran zeigt sich für mich das Besondere an diesem Projekt, denn viele der erwachsenen Kirchenmitglieder können einfach Geld spenden und haben das auch getan. Aber ich wollte, dass auch junge Leute und ältere Menschen, die nicht so viel Geld geben können, sich mit ihrer Zeit oder mit ihren Begabungen einbringen können.

„Gott gibt uns Talente und wir können diese Talente einsetzen“

ERF Online: Nun spricht das Gleichnis, das Sie verwenden von Talenten. Dieses Wort hat im Deutschen wie im Englischen eine Doppelbedeutung. Es bezeichnet die Gabe, etwas zu tun, ist aber auch ein altes Wort für eine Geldeinheit. Welchen Unterschied macht es Ihrer Ansicht nach, wenn Menschen nicht nur spenden, sondern auch ihre Gaben einsetzen können, um Geld für Gott zu sammeln?

Richard Steel: Die meisten Einnahmen unserer Gemeinde kommen von Einzelnen, die Woche für Woche spenden, aber ich habe erlebt, dass einige Menschen durch dieses Projekt nochmal neu motiviert wurden, weil sie Gaben einsetzen konnten, die sie normalerweise nicht für Gott einsetzen. Eine Frau hat zum Beispiel Bilder verkauft. Sie hat vorher zwar viele Bilder gemalt, aber nie welche verkauft. Die Tatsache, dass Leute ihre Bilder wirklich kaufen, hat sie in dieser Gabe bestätigt. Lucy ging es ähnlich. Es hat sie sehr ermutigt, dass andere Menschen ihr Können erkannt haben. Das ist meiner Ansicht nach das Besondere an dem Projekt. Gott gibt uns Talente und wir können diese Talente auf verschiedenste Weise einsetzen. Ich hoffe, dass viele Teilnehmer damit unabhängig von dem Projekt fortfahren. Vielleicht haben einige sogar neue Fähigkeiten entdeckt.

ERF Online: Hatte das Projekt auch einen positiven Einfluss auf den Zusammenhalt in Ihrer Kirchengemeinde?

Richard Steel: Ja, denn die Teilnehmer erlebten „Das haben wir zusammen erreicht“. Auch war es großartig zu sehen, wie viele Menschen an dem Projekt beteiligt waren. Das war auch eines meiner Ziele. Jeder sollte mitmachen können. Der jüngste Teilnehmer war neun Jahre alt, der älteste Ende 80. Dadurch wurde der Zusammenhalt der Gemeinde gestärkt. Das war ein toller Nebeneffekt.

ERF Online: In Ihrer Gemeinde war die Spendenaktion ein voller Erfolg. Glauben Sie, dass auch andere Gemeinden davon profitieren können, ein ähnliches Projekt zu starten?

Richard Steel: Natürlich, dadurch, dass auch die Medien auf die Aktion hingewiesen haben, haben mich schon eine Reihe anderer Kirchen angefragt, wie man ein solches Projekt durchführen kann. Ich bin gespannt, wie das Projekt anderswo aufgenommen wird.

„Wir wollen die Kirche weiser und öfter nutzen, als wir es in der Vergangenheit getan haben“

ERF Online: Wie wurde die Aktion von kirchenfernen Menschen aufgenommen?

Richard Steel: Durchweg gut. Dadurch dass die Aktion in den Medien war, werde ich beinahe jedes Mal, wenn ich eine Taufe, Hochzeit oder Beerdigung durchführe, von irgendjemand auf unser Projekt angesprochen. Da erleben wir sehr viele positive Rückmeldung aus unserem Dorf. Die Menschen verstehen, warum und wofür wir diese Aktion gestartet haben. Hier in der Gegend gehört für viele die Kirche einfach dazu. Selbst wenn sie nicht in die Kirche gehen, ist die Kirche Teil ihrer Geschichte und ein wichtiges Gebäude für sie. Deswegen freuen sich die Leute, dass wir sie am Laufen halten und für heutige Bedürfnisse optimieren wollen. Ab und an erlebe ich es auch, dass mir jemand Geld oder Geschenke für unsere Kirchengemeinde spontan zusteckt.

ERF Online: Sie sprachen bereits davon, dass Sie die Kirche attraktiver machen wollen. Welche Visionen haben Sie konkret für ihre Kirchengemeinde?

Richard Steel: Zunächst einmal wollen wir die Kirche ganz praktisch einladender gestalten mit einer neuen Heizung. Auch soll es dann Toiletten in der Kirche geben, damit Besucher nicht mehr in das Gemeindezentrum nebenan gehen müssen. Mein Wunsch ist, die Kirche zu einem Gebäude zu machen, das von mehr Menschen genutzt wird. Als Kirchengemeinde brauchen wir ein Gebäude, das jeden Tag und nicht nur einmal in der Woche genutzt wird. In der renovierten Kirche wird es möglich sein, dass Menschen für eine Tasse Kaffee oder zum stillen Gebet vorbeikommen. Außerdem wird es besser für Konzerte, Theateraufführungen und andere Veranstaltungen geeignet sein. Wir wollen die Kirche weiser und öfter nutzen, als wir es in der Vergangenheit getan haben.

ERF Online: Ist es dabei auch Ihr Ziel, mehr Menschen in Kontakt mit Gott zu bringen?

Richard Steel: Ja, zum Beispiel planen wir als Eröffnungsfeier des neuen Gebäudes ein besonderes Event. Wir werden ein Weihnachtsbaumfestival veranstalten, bei dem man Weihnachtsbäume schmücken kann. Dazu wird es Musik, Kunst und verschiedene Aktivitäten geben. Viele Leute, die nicht regelmäßig in die Kirche gehen, fühlen sich unwohl, wenn sie eine Kirche betreten. Mein größtes Anliegen ist es, dass Menschen zu Veranstaltungen in unserer Kirche kommen, die ihnen Spaß machen. Vielleicht kommen sie wann anders wieder. Besondere Aktionen ziehen Menschen an und geben uns die Chance, ihnen etwas von dem zu vermitteln, woran wir glauben. Ich hoffe, dass dies in Zukunft noch öfter passiert.

ERF Online: Vielen Dank für das Interview.