Lebensbericht

Laos: Wo Christen die Bibel mehr lieben als die Freiheit

Vieles musste Bounchan Kanthavong* ertragen. Doch ohne seine Bibel kann er nicht leben. So wurde er zum Schmuggler der Heiligen Schrift.

Die Botschaft der Bibel führt ins Gefängnis

Kein Lüftchen dringt in die fensterlose, schwül-heiße Zelle, die eine dünne Blechtür versperrt. In dem stickigen Loch fällt das Atmen schwer. Da entdeckt Bounchan einen Rostfleck an der Tür und es gelingt ihm tatsächlich, ein winziges Loch durch das brüchige Metall zu bohren: „Ich drückte meine Nase dagegen und atmete.“ Für den Häftling die einzige Belüftung.

Über ein Jahr lang musste der laotische Christ unter unmenschlichen Bedingungen in dieser schwül-heißen Einzelzelle verbringen – ein Jahr von insgesamt 15 Jahren, zu denen er verurteilt worden war. Seine Arbeitskollegen hatten den ehemaligen, stellvertretenden Distrikt-Gouverneur mehrmals vor seinem christlichen Engagement gewarnt. Aber Bounchan hörte nicht auf, die Botschaft der Bibel zu predigen. 1999 wurde er verhaftet.

„Ohne Bibel kann ich nicht leben“

Er wurde in eine zwei Quadratmeter kleine Zelle gesperrt. „Meine Füße befanden sich in einem Holzblock, der um die sechs Kilo wog und meine Beine steckten in Ketten, mit denen man normalerweise Elefanten fesselt“,  so Bounchan. „Meine Handgelenke und Daumen waren in Handschellen. Statt einer Toilette gab es Plastiktüten. Wenn die Wärter mir das Essen brachten, konnte ich die Tüte mit den Exkrementen wieder abgeben“.
Es war sehr heiß in der Zelle. „Gerne hätte ich ein paar Kleidungsstücke ausgezogen, aber weil ich gefesselt war, ging das nicht“, erzählt Bounchan.“Die Bewegungsfreiheit reichte gerade so weit, dass ich ein Loch in die Tür bohren konnte.“

Hintergrundinformationen zu Laos
Die kommunistische Partei, die seit 1975 regiert, hält enge Verbindungen zu Vietnam und China. Die Macht und der Einfluss der Nachbarländer haben Laos wirtschaftlich und geografisch isoliert. Die vorherrschende Religion ist der Theravada-Buddhismus.

Religion: Buddhismus 57,3%, Christen 3,4%
Präsident: Generalleutnant Choummaly Sayasone

Nur weil einer der Wächter Mitleid hatte und Bounchan ab und an eine Extraportion Reis zukommen ließ, überlebte er die Tortur. „Die anderen Aufpasser wären froh gewesen, wenn ich gestorben wäre. Sie waren überzeugt, dass ich mein Land verraten habe“. Den hilfsbereiten Wärter wagte Bounchan zu bitten, seiner Frau eine Nachricht zu überbringen: „Sag´ ihr, dass sie mir unbedingt eine Bibel schicken soll. Ich kann ohne das Evangelium nicht leben.“ Doch aufgrund der strengen Regelungen konnte seine Familie ihm weder ein Exemplar der Heiligen Schrift zukommen lassen, noch Medikamente, obwohl Bounchan oft krank war. „Also hatte ich oft keine andere Wahl als zu beten – und Gott beantwortete meine Gebete und heilte mich, mehr als einmal. Die anderen Gefangenen bekamen mit, was für eine Kraft hinter dem Gebet steckt. Das hat mich darin ermutigt, an meinem Glauben festzuhalten, auch ohne Bibel.“

Hohn, Spott – und Todesdrohung

Nach einem Jahr in der düsteren Einzelzelle wurde er zum Arbeitsdienst beordert: Feuerholz sammeln. Die Arbeit im Unterholz war hart für den ausgemergelten Mann. Doch wann auch immer sich der erschöpfte Bounchan ausruhen wollte, hielten ihm die Wärter eine Waffe an die Schläfe und höhnten: „Ruf deinen Jesus, damit er dir hilft. Ruf ihn, damit er dir Stärke verleiht.“

Zehn Jahre lang bückte sich Bounchan Tag für Tag nach Feuerholz. Irgendwann waren es die Aufpasser leid, ihm dabei auf Schritt und Tritt zu folgen. Und so ließen sie ihn zeitweise allein ins Unterholz entschwinden. Es muss im Juli oder August 2007 gewesen sein, als sie Bounchan sogar stundenlang unbewacht ziehen ließen. Der nahe Fluss war über die Ufer getreten und keiner der Wächter wollte mit dem Gefangenen durch den morastigen Untergrund waten.

Nach dem Ausbruch - mit Bibeln zurück in die Zelle

„Ich kannte die Routine und wusste genau, welche Menge Holz von mir täglich erwartet wurde“, schmunzelt Bounchan. „So sammelte ich am ersten Tag genug Vorrat für zwei Tage. Am zweiten Tag schwamm ich dann durch den reißenden Strom, rannte zu meinem Haus, holte mir eine Bibel und lief so schnell wie möglich wieder zurück. Ich verstecke das Buch im Feuerholz und brachte es so ins Gefängnis.“

Beim ersten „Ausflug“ trifft er auf seine völlig überraschte Frau Sengkham. Sie kann es gar nicht fassen, dass plötzlich ihr Mann auftaucht – und ebenso schnell wieder verschwindet. Vier Mal während seiner Gefangenschaft entwischt Bounchan seinen Wärtern. Jedes Mal steckt ihm seine Frau eine Bibel und auch Essen zu, das er mit seinen Mitgefangenen teilt. Einmal nimmt er auch ein kleines Radiogerät mit, wickelt es in große Blätter und schmuggelt es ins Gefängnis.

„Eine Bibelstelle ermutigte mich ganz besonders“, sagt Bounchan „… ich bin darin guter Zuversicht, dass der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird's auch vollenden bis an den Tag Christi Jesu“, heißt es in Philipper 1,6,  oder auch Philipper 4,13: „… ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht.“

Bibel-Lesung für ungläubige Gefängniswärter

Bounchan steckt die Bibeln Mitgefangenen zu, von denen er weiß, dass sie vertrauenswürdig sind sich für die Frohe Botschaft interessieren. Zwei Bibeln behält er. Doch eine davon wird bei einer Zellendurchsuchung entdeckt. Die Beamten befehlen ihm vor versammelter Mannschaft aus der Heiligen Schrift laut vorzulesen. „Nach einer Weile“, so Bounchan“, erklärte ich den Wärtern, dass ich nicht den Inhalt des ganzen Buches an einem einzigen Tag vortragen kann. Aber wenn sie einverstanden sind, würde ich ihnen gerne am nächsten Tag mehr vorlesen.“ Von nun an behandeln ihn die Aufseher mit mehr Respekt; aber irgendjemand muss diese heimliche Komplizenschaft mitbekommen haben. Denn in der folgenden Woche werden all seine Zuhörer durch eine andere Wachmannschaft ersetzt.

Zur Situation der Christen in Laos
Als eines der letzten noch existierenden kommunistischen Länder ist Laos ein brisantes Gebiet für Christen. Offiziell erlaubt die Regierung die Religionsausübung von vier Religionen, darunter das Christentum. In Wirklichkeit werden Christen jedoch gefoltert, schikaniert, gewaltsam aus Häusern und Dörfern vertrieben.

Die konfiszierte Bibel bekommt Bounchan freilich nicht zurück - aber er hat noch ein weiteres Exemplar derart gut in der Füllung seiner Matratze verborgen, dass sie bei der Zellen-Razzia nicht entdeckt wurde. „Ich las jeden Tag darin“, erzählt der Christ. „Und mit meinem kleinen Radio hörte ich auch christliche Sendungen, mit einem kleinen Kopfhörer im Ohr.“

Die Bibel und die Radiosendungen tragen dazu bei, dass Bounchans Glaube gestärkt wird. Eines Tages aber wird seine Zelle besonders gründlich durchsucht und man stößt auf seine Bibel und auch auf das Radiogerät. Doch Bounchan weiß sich abermals zu helfen. Er schmuggelt beim nächsten „Feuerholz-Ausflug“ eine weitere Bibel ins Gefängnis. Insgesamt sechs Bibeln besitzt Bounchan während seiner Haft. Die schlimmsten Jahre, sagt er, waren jene ohne Bibel.

Während Bounchan hinter Gittern sitzt, führt seine Frau die Missionsarbeit weiter. „Eine sehr starke Frau“, sagt bewundernd Peter*, ein Partner der Hilfsaktion Märtyrerkirche e.V., der sie kürzlich besuchte. „Sie ermutigte Gläubige, fest zu ihrem Glauben zu stehen und sie überzeugte auch viele Ungläubige, der Botschaft Gottes zu folgen.“  In all den schweren Jahren wurde die Familie von Bounchan vom HMK-Partner unterstützt. Die Schar der Gläubigen in Laos wuchs auf über 3900 Christen an.

„Schwöre ab und du bist frei“

Im Januar 2012 beordert der Gefängnischef Bounchan zu sich. „Deine Familie strahlt einen derart starken Glauben aus, dass sich die Botschaft deines Christus im ganzen Land verbreitet. Deshalb wirst du hier gefangen gehalten. Wir lassen dich nicht gehen, weil deine Familie christliches Gedankengut predigt. Wenn du freikommen willst, dann geh´ nach Hause und werde Mitglied der kommunistischen Partei. Schwöre deinem Glauben ab und du kannst gehen.“

Bounchan antwortete ihm: „Sie werden nicht damit aufhören ihren kommunistischen Idolen zu huldigen. Warum also wollen Sie mich zu etwas zwingen, wozu Sie selbst nicht bereit sind?“

Einen Monat später wird Bounchan freigelassen. Es ist der 2. Februar 2012; zwei Jahre bevor seine 15-jährige Haftstrafe beendet gewesen wäre. Als der Gefängnischef Bounchan die Entlassungspapiere aushändigt, ermahnt er ihn, nicht zu predigen oder die christliche Literatur unters Volk zu bringen. Am besten wäre es, wenn er überhaupt nicht mehr mit Christen sprechen würde.

Der 64-jährige Bounchan hat sich nicht daran gehalten – und hat eine Untergrund-Bibelschule gegründet. „Ich habe keine Angst. Und ich bereue auch nichts. Ich bin dem Herrn dankbar, dass ich einen Teil seines Schmerzes mit ihm teilen durfte. Auch im Gefängnis wusste ich, dass Gott mit mir war. Was er am Kreuz für mich getan hat, ist viel größer als das, was ich im Gefängnis durchmachen musste“.

Appell an Christen in Freiheit

An die Christen im Westen gerichtet, sagt Bounchan: „Ich danke all meinen Brüdern und Schwestern in den verschiedensten Ländern, dass sie für mich gebetet haben. Ich habe überlebt, weil meine Glaubensgeschwister mich mit ihren Gebeten so treu unterstützten. Der Kraft dieser Gebete ist es zu verdanken, dass ich Zeugnis davon ablegen kann von dem, was ich erlebt habe.“

Bounchan bittet inständig darum für sein Land zu beten. „Betet dafür, dass jeder in Laos zu Gott findet. Ich weiß, dass nichts anderes im Leben zählt, als Jesus Christus nachzufolgen“.


 *Name aus Sicherheitsgründen verändert


Kommentare

Von Bernhard S. am .

Dieser Artikel hat mich tief berührt .Ich lebe im Nachbar Land Von Laos.Was kann ich tun um mit diesem Mann und seiner Gemeinde in Kontakt zu treten.Kenne die Politische Situation .Begleitete Hmongs bei Ihrer Deportation aus Thailand bis an die Grenze in Nongkai und lebte mit einer Hmong Familie 8 Jahre lang zusammen.Es ist wichtig für alle hier die Gemeinden zu stärken und für sie zu beten auch wenn man die Namen und Adressen nicht kennt.Gott kennt jede einzelne und jeden der ihm dient. Werde mehr

Von Brigitte am .

Was für ein Zeugnis eines Christen. Man muss sich nur schämen, wenn man in einem Land wie Deutschland lebt und nicht mit aller Konsequenz das Wort Gottes weitergibt. Gott helfe mir, dass ich Gottes Willen tue.

Von Uschi am .

Berührend, ermutigend und gleichzeitig beschämend für uns, die wir so oft das Evangelium verschweigen. Der HERR segne diesen Bruder und alle Christen in Laos.

Von Wilhelm P. am .

Diese Geschichte, hat mich sehr berührt und
ermutigt. Es Lohnt sich wirklich, Gott sein Leben zu Opfern.
Amen!

Von Rosi Sch. am .

WENN ICH DAS ZEUGNIS MEINES BRUDERS AUS LAOS LESE, DANN SEHE ICH ICH MICH IN DER VERANTWORTUNG DIE ZEIT BESSER AUSZUKAUFEN UND VIEL MEHR FÜR DIE VERFOLGTEN CHRISTEN ZU BETEN.
DAS SIND WAHRE HELDEN!
WIR KÖNNEN EINE MENGE VON IHNEN LERNEN: HINGABE, AUSDAUER UND EINE TIEFE LIEBE ZU JESUS UND SEINEM WORT.

Von detlev g. am .

welch ein Zeugnis für die Kraft des Heiligen Geistes, die Kindern Gottes zur Verfügung steht und in ihnen Verblüffendes bewirken kann! Viele verfolgte Geschwister haben durch ihre Treue eine Vorbildfunktion. Ihr Verhalten führt zum Nachdenken. Mein Dank auch an die HMK, die uns solche mut- machenden Berichte zur Verfügung stellt.

Von Gertrud am .

Unfassbar! Und doch wahr!! Da entdecke ich meine eigene "Jammerlappenmentalität" Und natürlich komme ich ins Grübeln...der Westen und die Wohlstands-Prägung, samt Zeitgeist leiten uns auf den gemäßigten, tolerant verwässerten Weg. Wie groß sind Bereitschaft und Verwandlungskraft, um einen unauffälligen Christen in einen leuchtenden Herzenschristen umzuprägen??


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