Interview Lesezeit: ~ 6 min

Sklaverei ist abgeschafft – oder doch nicht?

Etwa 27 Millionen Menschen leben heute in sklavenähnlichen Bedingungen. Mit einem Flashmob sensibilisierte die Evangelische Allianz für diese Missstände.

Menschen werden zur Ware. Man zwingt sie zum Arbeiten oder zum Betteln, man nutzt sie aus und missbraucht sie. Um auf den Menschenhandel weltweit aufmerksam zu machen, initiierte die Evangelische Allianz Darmstadt eine ungewöhnliche Aktion: Einen Flashmob. ERF Online hat mit Samuel Diekmann, dem Mitorganisator der Aktion, gesprochen.

ERF Online: Sie haben zusammen mit Herrn Marcel Redling und der Evangelischen Allianz Darmstadt einen Flashmob organisiert, der unter dem Motto „Sklaverei im 21. Jahrhundert“ stand. Warum ein Flashmob?


Samuel Diekmann: Wir haben die Veranstaltung im Rahmen der Allianzgebetswoche durchgeführt. Doch wir wollten nicht zurückgezogen in unseren Räumen bleiben, sondern auch hinaus gehen und politisch ein Statement setzen. Martin Luther sagte einmal, man solle so viel arbeiten, als wenn alles beten nichts nütze, und so viel beten, als wenn alles arbeiten nichts nütze. Das wollten wir umsetzen.

Wir haben dabei eine Doppelstrategie angewandt: Einerseits wollten wir die einzelnen Teilnehmer herausfordern, sich ganz auf das Thema einzulassen. Jeder sollte sich selbst Gedanken darüber machen, wo Sklaverei stattfindet, und sich ein entsprechendes Pappschild zum Mitnehmen basteln. Auf der anderen Seite wollten wir auf dem Luisenplatz in Darmstadt, der hoch frequentiert ist, ein politisches Statement setzen.

ERF Online: Wie haben die Passanten auf den Flashmob reagiert? 

Samuel Diekmann: Normalerweise herrscht auf dem Platz immer ein großes Gedränge. Doch als unsere Teilnehmer angefangen haben, dort eingefroren stehenzubleiben, war es wirklich von einem Moment auf den anderen ruhig. Leute, die aus der Einkaufspassage kamen oder aus der S-Bahn stiegen, blieben wie angewurzelt stehen. Sie waren teilweise verwundert, aber auch ergriffen und gingen andächtig durch das Labyrinth von Menschen. Auch unser Infotisch in der Mitte wurde von sehr vielen Leuten besucht.

Nach dem Flashmob haben wir einen „Marsch der Freiheit“ durch die Fußgängerzone gemacht, wir trugen ein riesiges Schild mit der Aufschrift "Stoppt die Sklaverei - Schaut nicht weg". Wir gingen an Läden vorbei, in denen zumindest teilweise Produkte angeboten werden, die erst durch Ausbeutung so kostengünstig sind. Wir hoffen, hier etwas angestoßen zu haben. Insgesamt haben wir viel positives Feedback auf diese Aktion bekommen.

„Gemeinde sollte größte Menschenrechtsorganisation sein“

ERF Online: Was hat Sie innerlich bewegt, zu dieser ungewöhnlichen Kundgebung aufzurufen?

Samuel Diekmann: Ich bin der Überzeugung, dass die Gemeinde Christi die größte Menschenrechtsorganisation sein sollte. Gott liebt Menschen und möchte sie in die Freiheit führen. Als seine Kinder sollten wir genau das gleiche tun. 2010 habe ich zusammen mit Marcel Redling die Aktion "Eine Schale Reis" initiiert und wir merken, dass diese Sensibilisierung für die Nöte anderer in der Öffentlichkeit weitergehen muss. Als Gemeinde sollten wir ständig neu reflektieren: Tragen wir noch das Herzensanliegen Gottes in unsere Umgebung? Oder haben wir andere Themen, von denen wir uns so berieseln lassen, so dass wir nicht merken, dass wir Teil des Problems sind? In unseren Gemeinden wollen wir oft alles möglichst billig haben, doch damit nehmen wir in Kauf, dass an anderen Orten Menschen ausgenutzt werden.

Der Prophet Amos beschwert sich an einigen Stellen, dass im Tempel Gottes die gepfändeten Kleider der Armen liegen und mit dem von den armen Menschen erpressten Geld Wein für den Tempelgottesdienst gekauft wird. Dies lässt sich auf die Situation heute übertragen: Wo haben wir in unseren Gemeinden Konsumgüter, die wir den Armen abgepresst haben? Wir haben das sicherlich nicht direkt oder unmittelbar, aber indirekt gemacht. Es sollte für jeden wichtig sein, auch in diesem Punkt eine Art von Tempelreinigung vorzunehmen – sie fängt bei uns ganz persönlich an.

„Sklaverei fängt dort an, wo Ausbeutung stattfindet“

ERF Online: Sklaverei ist offiziell seit 1981 weltweit abgeschafft. Was meinen Sie, wenn Sie von Sklaverei sprechen?

Samuel Diekmann: Dass es keine Sklaverei mehr gibt, ist eine Illusion in der viele Menschen heute leben. Tatsache ist: Wir haben keine farbigen Sklaven mehr, die in unseren Ländern für uns arbeiten. Doch genau das lassen wir sie in ihren Ländern tun: Auf Kaffee-, Kakao- oder Bananenplantagen. Nicht allen ist dies bewusst, für diese Missstände muss man die Öffentlichkeit sensibilisieren. Ich denke, wir als Gemeinde haben den Auftrag, diese Themen immer wieder in unsere Gesellschaft zu transportieren.

Sklaverei fängt dort an, wo Ausbeutung stattfindet. Genau dies ist das Problem. In der Hochphase des Kolonialismus hatte man noch einen Kaufvertrag für einen Sklaven. Die Menschen damals hatten einen klar definierten Wert. Der Sklave war eine Investition, die sich wieder auszahlen sollte. Deshalb musste man den Sklaven auch vernünftig versorgen. Heute hat man keinen Kaufvertrag mehr. Aber die Abhängigkeiten sind so geschaffen, dass die Leute unter sklavenähnlichen Bedingungen arbeiten. Eine angemessene Versorgung findet überhaupt nicht mehr statt.

ERF Online: Die Zahl von „Sklaven“ im 21. Jahrhundert wird heute auf 27 Millionen geschätzt, die Dunkelziffer liegt vermutlich sogar noch höher. Wie setzt sich diese hohe Zahl zusammen?

Samuel Diekmann: Ein riesiger Bereich ist die Zwangsprostitution. Ein anderer Bereich sind Formen von wirtschaftlicher Ausbeutung. Auch in Deutschland gibt es Arbeitsverhältnisse, die sklavenähnliche Bedingungen aufweisen - wir denken jetzt vielleicht an den Amazon-Skandal. Aber in anderen Ländern ist es meist noch offensichtlicher. Ein Beispiel sind die Textilindustrien in asiatischen Ländern, wo Frauen massenweise auf einem eingezäunten Gelände vierzehn Stunden lang arbeiten. Auch der gesamte Bereich an Kinderarbeit fällt in diese Kategorie.

ERF Online: Menschenhandel ist ein Thema mit sehr unterschiedlichen Facetten. In welchen Formen tritt es in Deutschland auf?

Samuel Diekmann: In Europa ist die deutlichste Form von Menschenhandel die Zwangsprostitution. Junge Frauen oder Männer werden belogen, mit falschen Versprechen geködert oder unter Druck gesetzt und landen so in Deutschland. Das ist das offensichtlichste Gesicht von Sklaverei. Aber es geht noch weiter: Da gibt es Formen von wirtschaftlicher Ausbeutung in unserem Land. Leiharbeit ist so ein Thema, wenngleich es hier auch gute Verträge geben kann. Doch es treten zu viele kriminelle Fälle auf, die trotzdem legal sind.

Samuel Diekmann
Samuel Diekmann ist Mitorganisator der Aktion. (Bild: Samuel Diekmann)

„Wann ist genug genug?“

ERF Online: Zwangsprostitution wird in der Öffentlichkeit von Medien und Politik wahrgenommen, Ausbeutung von Arbeitskraft dagegen eher ignoriert. Dabei hat sich allein die Zahl von Leiharbeitnehmern in Deutschland in den letzten zehn Jahren fast verdreifacht. Gibt es eine Erklärung dafür, warum diese Problematik weniger wahrgenommen wird? 

Samuel Diekmann: Vielleicht kann man an dieser Stelle bei beiden Gesetzen einhaken. Sie wurden beide von der rot-grünen Regierung gemacht: Die Legalisierung von Prostitution und die Öffnung des Arbeitsmarktes. Die Instrumente an sich waren beide gut. Der Ursprungsgedanke bei dem Prostitutionsgesetz war, diese zu entkriminalisieren und den Zuhältern das Mittel zu nehmen, Menschen auszubeuten. Prostituierte sollten sozialversichert werden und in vernünftigen Arbeitsverhältnissen stehen. Das ist aber gescheitert. Einer Studie zufolge sind heute weniger als zwei Prozent der Prostituierten in Deutschland unter solchen Bedingungen angestellt. Doch warum sieht man nicht ein, dass dieses Programm gescheitert ist?


Ähnliches gilt für die Liberalisierung des Arbeitsmarktes: Das Instrument Leiharbeit wurde erschaffen, um flexibel auf Schwankungen reagieren zu können. In vielen Fällen ist das sicherlich gut gewesen, wie beispielsweise auch die 400-Euro-Jobs, mit denen man einen Wiedereinstieg in das normale Berufsleben schaffen wollte. Ein guter Gedanke, der aber fehlschlug. Dieses Instrument wurde von der Wirtschaft total missbraucht und ausgebeutet. Beispielsweise hat man aus einem festen Arbeitsplatz zwei oder drei 400-Euro-Jobs gemacht und sparte sich auf diese Weise die Sozialabgaben. Damit hat man normale Arbeitsplätze abgebaut. Es gibt Unternehmensketten, die ihre Arbeitsplätze in vollem Umfang so geschaffen haben. Und genau hier muss ansetzen und Arbeitgeber sanktionieren, die aus normalen Arbeitsverträgen mehrere Minijobs oder Zeitarbeitsverträge machen.


Im Ansatz gut gedacht – aber eben nicht zu Ende. Da sollte man kritisch sein, Dinge immer wieder hinterfragen und nachjustieren. In der Praxis findet dies aber zu wenig statt. Sowohl bei der Zwangsprostitution als auch bei der Leiharbeit.

ERF Online: Wenn man sich als Christ die Probleme des Menschenhandels anschaut: Wie kann man aktiv werden und etwas bewegen?

Samuel Diekmann: Wir können sehr viel tun: Jeder kann immer beten. Wir können mit offenen Augen durch unsere Stadt gehen und Brücken zu Menschen bauen: Sie nicht verurteilen, sie ansprechen und annehmen. Zwangsprostitution kann auch in unserer Nachbarschaft stattfinden. Eine andere Möglichkeit ist politischen Druck zu machen. Man kann immer als Gemeinde oder als Einzelner für diese Themen sensibilisieren. Ein anderer Ansatz ist, seinen eigenen Konsum zu überprüfen und so zu gestalten, dass er keine Ausbeutung von Arbeitskräften begünstigt. Mal innehalten und sich fragen: Wann ist genug genug? Dieser alte Wert von Bescheidenheit fehlt unserer Gesellschaft mittlerweile fast vollständig. Auch hier kann man bei sich selbst anfangen, genau hinsehen und hinterfragen, ob man nicht einem anderen Gott dient, wie es Jesus gesagt hat.

ERF Online: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Diekmann.

 

 

Weiterführende Links:

Materialen und Gottesdienstkonzept als Download zum Thema Menschenhandel

Weniger ist leer – Ein Interview zur Aktion: Eine Schale Reis


Kommentare

Von Ganz oder gar nicht am .

Da kann ich nur noch entsetzt sein, dass selbst Menschen mit Ansprüchen wie Lebensgestaltung in Christusnachfolge davon reden, dass Prostituierte sozialversichert sein sollten. Ich verstehe den grundsätzlichen Gedanken. Möchten wir denn einem Christus-Anspruch gerecht werden, oder nur weltliche Flickschusterei betreiben. Ganz ekelhaft finde ich die Meinung von "vernünftig" denkenden Menschen, dass Prostitution einen Schutz für die Allgemeinheit darstellt. D.h. dann dass die "Sexualtiere in mehr


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