Themenwoche "Was mach ich nach dem Abi?" Lesezeit: ~ 6 min

Auf der Flucht vor mir selbst

Nichts wie weg, denkt sich Ben Oesch und entscheidet sich für ein FSJ in Montenegro. Er kommt verändert zurück. Ein Buchausschnitt aus "Mein Jahr mit Gott".

Von meinem Naturell her bin ich eher introvertiert, zurückhaltend und brauche viel Zeit, um Menschen kennenzulernen oder in Gruppen reinzuwachsen. Ich hatte lange mit dieser Zurückhaltung zu kämpfen. Denn eigentlich wollte ich gerne anders sein. Im Alter zwischen zwölf und fünfzehn Jahren hatte ich in der Schule eine schlimme Zeit. Weil ich war, wie ich war, hatte ich sehr unter meinen Mitschülern und ihren Gemeinheiten zu leiden. Ich fing an, mich selbst zu hassen. Ich isolierte mich immer mehr von meiner Umgebung und lebte in meiner eigenen Welt. Ich hatte kaum Freunde und fühlte mich sehr unsicher. In meinen Augen war ich ein langweiliger, introvertierter, schüchterner und vor allem unerwünschter Zeitgenosse. Dabei wollte ich lieber so sein, wie die anderen Jungs: witzig, kommunikativ, selbstbewusst, cool. Und vor allem beliebt. In der achten Klasse ging’s dann einfach nicht mehr und ich wechselte die Schule.

Auf der neuen Schule ging es mir viel besser, aber meine Erfahrungen aus der Zeit, in der ich gemobbt wurde, hatten mich immer noch sehr im Griff. Es fiel mir so unglaublich schwer, einfach ich selbst zu sein und nicht ständig zu versuchen, die anderen zu beeindrucken. Ich wollte doch nur, dass sie mich mögen. Mit sechzehn habe ich dann etwas Erstaunliches erlebt. Ich lernte Jesus auf eine ganz neue und konkrete Weise kennen und begriff, dass die Botschaft des Evangeliums für mich persönlich ganz besondere Bedeutung hat. Die Freundlichkeit Gottes machte mir Mut, mich nicht länger mit meinen eigenen Augen zu sehen, sondern mit seinen. Nach und nach konnte ich das, was ich über mich selbst dachte, als Lügen identifizieren, und anfangen, mich ganz neu zu entdecken. Nach meinem Abi hatte ich noch keine Ahnung, was ich machen wollte. Da eine echte Begeisterung für Mission in mir erwacht war und ich zugleich große Lust hatte, in die Welt rauszugehen und Abenteuer zu erleben, entschied ich mich für ein Freiwilliges Soziales Jahr.

Laufe ich von zuhause weg?

Die ganze Vorbereitungszeit hindurch habe ich mich sehr darauf gefreut, dass es endlich losgeht. Der Tag, an dem ich abflog, war für mich ein absolutes Highlight. Erst nachdem ich schon eine Weile weg war, ist mir klar geworden, dass ich auch ein bisschen von daheim weggelaufen bin – vor meiner Rolle, in der ich mich immer noch gefangen fühlte, und vor meiner Unsicherheit allem Fremden gegenüber. Ich spürte immer noch den Druck, bestimmte Dinge können zu müssen und ein bestimmtes Bild von mir abgeben zu wollen, um dazuzugehören, und stand mir dabei mit meiner zurückhaltenden Art immer noch selbst im Weg. Ich beneidete Menschen, die souverän und locker im Umgang mit anderen waren und wollte so sein wie sie.

Wenn ich so darüber nachdenke, was das Jahr in Montenegro mit mir gemacht hat, bin ich total begeistert. Dieses Jahr mit und für Gott hat alle meine Erwartungen übertroffen. Ich wollte verändert werden. Wollte weniger abhängig von dem werden, was Menschen über mich sagen oder vielleicht denken. Wollte ihnen liebevoll, offen und interessiert begegnen können. Jesus ist in dieser Sache das spannendste Vorbild für mich. Der Prozess der Veränderung ist während meiner Zeit in Montenegro so richtig in Gang gekommen.

Meine neue Sicht auf Familie und Freunde

Als ich dort war, habe ich zuerst einmal angefangen, meine Familie in einem anderen Licht zu sehen. Ich hatte sie nun ja nicht mehr ständig um mich und musste mir nicht mehr dauernd Streitigkeiten anhören, von denen ich die Nase voll hatte. Der Abstand ermöglichte es mir zu erkennen, wie wunderbar und einzigartig jeder Einzelne aus meiner Familie ist. Früher war ich oft unzufrieden und wollte, dass sich etwas ändert. Heute möchte ich das nicht mehr. Weil ich mich selbst verändert habe. Vielmehr möchte ich Zeit und Kraft investieren, um dazu beizutragen, dass meine wunderbare Familie immer die liebende Gemeinschaft bleibt, die sie ist.

Mir wurde auch bewusst, dass sich auch mein Blick auf meine Freunde immer mehr veränderte. Ich wollte weniger ein wichtiger Teil der Gruppe, angesehen und beliebt sein, sondern vielmehr jedem Einzelnen von ihnen helfen, sich wertvoll zu fühlen. Ich wollte nicht mehr unbedingt beachtet werden, sondern anderen helfen zu entdecken, wie wunderbar sie gemacht sind und mit welch liebevollen Augen Gott sie betrachtet. Das war es auch, was mich letzten Endes aus meinem Loch herausgeholt hat: dass ich erkannt habe, wie wertvoll ich bin und wie wertvoll jeder Mensch ist.

In seinen Augen sind wir kostbar, einfach weil wir von Gott unbeschreiblich geliebte Geschöpfe sind. Mein Denken änderte sich total, und damit auch der Blick auf andere. So sah ich die Menschen um mich herum plötzlich so, wie ich selber immer war: als Menschen, die die Sehnsucht im Herzen haben, geliebt und geachtet zu werden. Mir wurde auch klar, dass ja eigentlich alle Menschen Erfüllung suchen. Aber ganz viele wissen nicht, dass nur Jesus diese Erfüllung geben kann. So betrachte ich es nun als meine persönliche Aufgabe, dabei zu helfen, dass andere ein positives Bild von Jesus bekommen. Und dass das Bild von Gott, welches in den Medien oft gezeichnet wird, korrigiert wird. Ich möchte anderen helfen, indem ich die Liebe, die ich selber für mich entdeckt habe, vorlebe, so gut ich es schaffe. Damit auch andere erkennen, dass Gott die Erfüllung all unserer Sehnsüchte ist, und nicht etwa die Dinge, mit denen die Welt uns lockt.

Ben treibt gerne Sport, macht gern mit anderen zusammen entspannt Musik und liebt es, gute Gespräche mit Freunden zu führen. Er erlebt ein Jahr mit Gott in Montenegro.
Ben treibt gerne Sport, macht gern mit anderen zusammen entspannt Musik und liebt es, gute Gespräche mit Freunden zu führen. Sein FSJ in Montenegro hat ihn verändert. (Bild: privat)

Mein FSJ forderte mich stark heraus

Die Veränderungen meines Denkens wurden dadurch ausgelöst, dass ich in einer komplett neuen Umgebung war. Gleichzeitig trugen auch die vielen guten Ratschläge und Ermutigungen der Leute aus meinem Team dazu bei. Und nicht zu vergessen ist der Umstand, dass ich Aufgaben bekommen hatte, die meinen Gaben entsprachen, Aufgaben, die mir gefielen, mich aber auch herausforderten. Ich spiele zum Beispiel gerne Gitarre und habe etwa vor drei Jahren damit angefangen. In Montenegro hatte ich nun die Gelegenheit, für unser Team die Lobpreiszeiten zu leiten. Ich freute mich, dass ich das tun konnte. Allerdings war ich anfangs sehr unsicher. Vor allem mit dem Singen. Aber mein Team hat mich ermutigt, weiterzumachen. Durch die Unterstützung wurde ich stark und fand Spaß daran, meine musikalische Gabe für andere einzusetzen. Es machte mir immer weniger etwas aus, wenn mir Fehler passierten. Dafür machte es mir immer mehr Freude, den Spaß am Musizieren zu genießen. Ich bekam sogar Gesangsunterricht von einem Teammitglied! Dadurch wurde meine Stimme fester und ich mutiger beim Singen. Nun fiel es mir auch leichter, eine Band zu leiten und die Gemeinschaft im Lobpreis zu führen.

Die offenen und liebevollen Gespräche mit meinen Teamkollegen haben mir gezeigt, dass ich nicht mehr vor mir weglaufen muss. Das Problem mit meinem Selbstwert wurde kleiner, je mehr ich glaubte, dass die anderen mich wirklich mögen und schätzen. Ich dachte mir: Wenn ich der Einzige bin, der mich nicht leiden kann, dann kann ich genauso gut anfangen, mich selbst gern zu haben.

Was hat sich durch mein FSJ geändert?

All die Veränderungen, die in meinem Herzen stattgefunden haben, wirken sich jetzt auch ganz praktisch auf mein Denken und Handeln aus. Ich fühle mich sehr viel wohler dabei, mit Menschen umzugehen und mich in Gruppen zu bewegen. Und es hilft mir unheimlich, Menschen nicht zu verurteilen, wenn sie schlechte oder unangebrachte Dinge tun oder mich verletzen. Stattdessen will ich die Verletzungen sehen, die sie selbst im Herzen tragen. Denn die sind es ja, die sie dazu bringen, auf andere herabzusehen. Ich weiß aber auch, dass das Leben nicht schwarzweiß ist. Vorher war nicht alles schlecht und jetzt ist nicht plötzlich alles gut. Ich kämpfe immer noch darum zu glauben, dass ich so, wie ich nun mal bin, absolut liebenswürdig bin. Ich fühle mich manchmal immer noch unwohl, wenn ich mich in neuen Gruppen einleben muss, und bin immer noch menschenscheu. Aber es ist besser geworden, es hat sich verändert. Ich habe mich verändert. Und dafür bin ich Jesus sehr, sehr dankbar.


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Kommentare

Von Florencia C. am .

Vielen Dank. Dieser Erfahrung ist ein Geschenk Gottes für alle. Ich habe genau das gleiche erlebt, Mobbing in der Schule, in der Arbeit, bis ich letztes Jahr krank wurde und Gott hat mein Herz geändert. Die Krankheitsphase hat von mir ein besserer Mensch gemacht. Gottes Segen. Florencia


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