Themenwoche Gastfreundschaft Lesezeit: ~ 8 min

Welcome to my world!

Gastfreundschaft ist wie eine Oase auf der Lebensreise, egal ob man als Gast in fremden Ländern ist oder selbst in die Rolle des Gastgebers schlüpft.

Lauscht man Reiseberichten von Freunden, die für längere Zeit im Ausland gewesen sind, fällt auf, dass sie sich vor allem über die herzliche Aufnahme der Einheimischen gefreut haben. Auch deren Hilfe, um den Alltag zu meistern, war für viele Reisende von unschätzbarem Wert. Hier wird etwas vom Wesen der Gastfreundschaft deutlich, wie es auch die Definition für das lateinische Wort einladen „invitare“ auf den Punkt bringt: Es fordert auf, den fremden Gast ins Leben hineinzunehmen und ihn am normalen Alltag teilhaben zu lassen.

Ein schönes Bild, um Gastfreundschaft zu beschreiben ist das einer Oase. Sie liegt mitten in der Wüste an den Wegen der Menschen. Manche Reisende sind schon tagelang unterwegs, bevor sie sie erreichen. Die letzten Tropfen aus der Wasserflasche sind trotz sparsamster Dosierung schon längst aufgebraucht. Die Hitze ist erdrückend. Nur noch schleichend schafft der Wanderer es, einen Fuß vor den nächsten zu setzen. Wie eine Fata Morgana sieht er plötzlich etwas Grünes aufblitzen. Hoffnungsvoll reibt sich der müde Reisende die Augen. Seine Schritte werden etwas forscher: Tatsächlich! Es ist eine Oase, die dort vor ihm liegt. Einige Kinder laufen ihm schon entgegen. Sie müssen ihn schon aus der Ferne gesehen haben. Mehr Menschen kommen: Herzlich und fürsorglich wird der Fremde aufgenommen. Jemand streckt ihm schon einen Becher Wasser entgegen. Die letzten Meter laufen sie zusammen, erst vor dem Hotel machen sie wieder Halt: Diese Oase bietet mehr als nur das lebenswichtige Trinkwasser. Die Gastfreundschaft ist mit dem überlebensnotwendigem Glas Wasser nicht erschöpft. Die Bewohner laden den Reisenden ein, ein paar Tage zu rasten und sich zu stärken, bevor er wieder aufbricht. Woher er wohl kommen mag? Und was ihn hierher geführt hat? Ihre Fragen werden sie erst stellen, nachdem sich der Gast etwas erholt hat.

Das Leben auf der Wüsteninsel

Eine Oase besteht aus Menschen, die vor Ort leben und aus solchen, die dort rasten. Sie hat viele Aufgaben: Sie stärkt einkehrende Menschen, bietet einen Schlafplatz an und lädt zum Essen ein. Der Fremde bringt im Gegenzug vielleicht etwas Gutes, etwas Neues mit. Die Oase ist außerdem offen für Menschen aus allen Himmelsrichtungen. Aber die vielleicht wichtigste Aufgabe einer Oase ist, Menschen nicht festzuhalten, sondern alles dafür zu tun, dass sie ihren Weg gestärkt weiter gehen können. Die Bewohner einer Oase erkennen, welche Bedürfnisse der Gast gerade hat und bieten ihm genau dort ihre Hilfe an.

Bildlich gesprochen befinden wir uns alle mal in der Lage des fremden Wanderers, mal in der der Oasenbewohner. Das Symbol der Wüsteninsel kann uns dazu inspirieren, Gastfreundschaft zu leben. In den vergangenen paar Jahren bin ich selbst sehr viel gereist, rund um den Globus. Dabei bin ich vielen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen begegnet. Und mein Unterwegssein zwang mich dazu, Gastfreundschaft immer wieder selbst in Anspruch zu nehmen. So vielseitig wie die Menschen, denen ich dabei begegnete, sind auch meine Erfahrungen.

Wie die Bewohner eines Landes Gastfreundschaft nach außen transportieren, hängt von der Kultur ab, in der sie aufgewachsen sind und die sie geprägt hat. Für einige mag das Essen ein sehr wichtiger Ausdruck sein, für andere sind es kleine Geschenke oder Aufmerksamkeiten und für den nächsten das Mithineinnehmen in die Runde von Familie und Freunden. Meistens ist es wohl eine bunte Mischung aus all diesen Dingen.

Zusammen an den Tisch

In Südkorea ist das Gemeinschaftsgefühl sehr wichtig, das gilt auch beim Essen. Die Menschen hier lieben es, ihr Essen miteinander zu teilen. Schon beim Einpacken für die Mittagspause wird darauf geachtet, ausreichend für die anderen mitzunehmen. Ein Verhalten, dass die ganze Kultur bestimmt. Im Bild der Oase gesprochen, sorgen sich die Menschen in Südkorea sehr um das körperliche Wohlergehen des fremden Besuchers und bringen ihm ihren Respekt entgegen. Das wurde mir bei folgendem Erlebnis deutlich:

Ich bin mit meiner Gruppe mitten in einem Bürokomplex unterwegs. Aus allen Richtungen strömen kleine Menschengruppen in die umliegenden Restaurants. Der Geruch nach gegrilltem Fleisch, gebratenem Gemüse und heißen Eintöpfen steigt verführerisch in die Nase und lädt zum Einkehren ein. Die Entscheidung ist schnell getroffen, wir machen es uns im Schneidersitz auf dem Boden bequem und bestellen das Essen. Oder besser gesagt, unser Gastgeber bestellt das Essen. Denn koreanisch lesen oder gar verstehen, dafür reichen unsere Sprachkenntnisse leider noch nicht. Während wir auf das Essen warten, erfahren wir mehr über die koreanische Kultur. Gastfreundschaft sei hier ein Wert, der sehr hoch gehalten wird. Man begegne Ausländern mit Respekt und zugleich mit großem Interesse. Es gäbe immer noch viele Menschen, die noch nie selbst einen Menschen aus einer anderen Nation gesehen haben. Doch durch Fernsehsendungen aus anderen Ländern hätte man das Gefühl, die Fremden doch schon zu kennen. Deshalb könne man durchaus bei so einer persönlichen Begegnung sehr herzlich begrüßt werden, auch wenn Koreaner in der Regel Fremden gegenüber zurückhaltend sind.  

Nachdem wir das erfahren haben, wird das Gespräch kurz unterbrochen: Der Kellner bringt auf einem Tablett das Essen: Kimchi, Sojabohnen, Eierkuchen, Gurkensalat, Meeresfrüchte, Eintopf um nur einige der Speisen aufzuzählen. Lauter Schalen mit Essen, aus denen wir gemeinsam essen. Nur die Schale mit Reis wird für jeden Gast einzeln serviert.

In den eigenen Alltag einladen

Eine andere wichtige Voraussetzung, um Gastgeber zu sein, ist Offenheit. Die Bewohner einer Oase sind interessiert an Geschichten und Erfahrungen, die der Fremde mitbringt. Gleichzeitig sind sie bereit, eigene Geschichten und Erfahrungen zu teilen und den Fremden so mithineinzunehmen in die lokale Kultur. Gerade in Ländern und Kulturen, die sich gravierend vom eigenen Herkunftsland unterscheiden, ist dieses Element sehr wertvoll. Denn so wird der Reisende für das richtige Verhalten und Gefahren im fremden Land sensibilisiert. Der Fremde lernt, auf solche Dinge zu achten, weil die  Einheimischen ihn in ihren Alltag ganz ungezwungen mithinein nehmen und ihn auf bestimmte Gefahrensituationen hinweisen. Das trotzdem nicht immer alles reibungslos läuft, habe ich in Lima / Peru erlebt: 

Ganz aufgebracht stürzt eine kleine schwarzhaarige Frau ins Zimmer. Gesetzgebung und Rechtsprechung in diesem Land Südamerikas unterscheiden sich stark von europäischen Verhältnissen. Auch die soziale Situation der Einheimischen ist auf einem ganz anderem Niveau. Nicht nur als Gast ist es wichtig, sich bestimmte Verhaltensweisen anzugeignen und gewisse Regeln zu beherzigen.

Noch aufgewühlt berichtet die junge Peruanerin von dem Vorfall, der sich soeben ereignete. Was ist passiert? An der Hauptverkehrsroute steigt sie wie gewöhnlich aus dem Bus. Die restlichen Meter bis zum Büro legt sie zu Fuß zurück. In diesem Stadtteil in Lima ist es im Gegensatz zu anderen verhältnismäßig ruhig. Nur wenige Fußgänger sind unterwegs. Ein Fahrradfahrer fällt ihr durch sein unruhiges Verhalten auf. Er wirkt etwas gehetzt, immer wieder blickt er zurück. Dann fährt er an ihr vorbei, ganz dicht. Reißt ihr das Handy aus der Hand und biegt in die nächste Straße ab. Ganz empört schreit sie auf. Läuft hinter ihm her, doch sie hat keine Chance. Der Mann ist weg, und mit ihm ihr erst vor einer Woche erworbenes Handy. Dass sie in bestimmten Stadtteilen Limas keine Wertgegenstände offen zur Schau tragen sollte, weiß sie. Doch diese Gegend gilt normalerweise als sicher, deshalb hat sie auch nicht damit gerechnet. Selbst die strikteste Einhaltung von Sicherheitsregeln schützt die Einwohner des Landes nicht immer vor unliebsamen Überraschungen, so viel ist mir jetzt klar. Gut, dass die Landesbewohner ihre Erfahrungen mit den Gästen teilen. So lernen diese sich im Land richtig zu verhalten und solche unangenehmen Zwischenfälle zu minimieren.

Gespräche geben einen Einblick in die eigene Kultur

In einer Oase herrscht immer Vielfalt im Blick auf die Menschen und auf das, was sie bewegt. Gäste und Bewohner sitzen zusammen und erzählen von dem, was sie lieben. Sie tauschen Erfahrungen und Meinungen aus und diskutieren miteinander. Besonders lebhaft und spannend wird es, wenn gleich mehrere Kulturen aufeinandertreffen und auch gemeinsame Erfahrungen machen. Eine solche Erfahrung habe ich in einem kleinen Ort im Süden Spaniens gemacht:

Es ist 12.30 Uhr und das Thermometer schon auf 36°C gestiegen. Vor dem Eingang einer Jugendherberge hält ein Bus. Nach und nach steigen vielleicht zwanzig Leute aus. Einige haben die typisch blonden Haare und blauen Augen der Nordeuropäer, andere dunkle Haare und braune Augen, wie sie kennzeichnend für Südländer sind. Offensichtlich handelt es sich hier um eine internationale Jugendgruppe. Zielstrebig gehen sie in die Herberge, durch die offenen Fenster hört man noch das Plätschern von Wasser. Nur wenige Minuten verstreichen, bevor zwei italienische Jugendliche wieder herauskommen: Lachend breiten sie ihre Handtücher auf den Stühlen in der Sonne aus. Es dauert nicht lange, bis die anderen Jugendlichen eintrudeln und sich in kleinen Gruppen zusammensetzen, um die Zeit bis zum Mittagessen für anregende Gespräche zu nutzen. Fröhliches Lachen und laute Stimmen füllen jetzt die Luft. Zusammen in einer zu Runde sitzen, eigene Erfahrungen und persönliche Meinungen austauschen: So lerne ich nicht nur den Menschen besser kennen, der vor mir sitzt, sondern auch die Kultur, aus der er kommt.

Gegenseitig Rast geben auf dem Weg nach dem ewigen Zuhause

Sich um das Wohlergehen anderer Menschen kümmern, sie in die Gebräuche des Landes einführen oder sich diesbezüglich helfen zu lassen und im gegenseitigen Austausch zu lernen - das sind Dinge, die Einheimische und Fremde weltweit verbinden. Gäste oder Immigranten erleben so eine kleine Oase auf ihrer persönlichen Lebensreise. Gastgeber öffnen ihre Wohnungstür und Herzenstür und nehmen ihnen zuvor fremde Menschen für einen Moment mit hinein in das eigene Leben. Es ist spannend, welche Begegnungen, Geschichten und Erlebnisse dadurch entstehen.

Die Bewohner der Oase und die einkehrenden Menschen brauchen sich gegenseitig um zu leben. Ohne Menschen, die regelmäßig einkehren, um Geschäfte zu machen oder eine Rast einzulegen, würde die Oase veröden und eingehen. Umgekehrt sind die Reisenden angewiesen auf Schutz, Hilfe und Versorgung durch die Bevölkerung der Oase.

Gott fordert die Menschen immer wieder auf, gastfreundlich zu sein und fremde Menschen aufzunehmen. Auf diese Art und Weise hat schon lange im Voraus die Menschen dafür vorbereitet, eine offene Wohnungs- und Herzenstür für seinen Sohn und damit sich selbst zu haben. Gastfreundschaft ist darüber hinaus eine zutiefst göttliche Eigenschaft und bedeutet ganz einfach, den fremden Menschen wertzuachten und ihn aufzunehmen.  Diese geistliche Wahrheit für uns Menschen umgesetzt drückt Romano Guardini  in einem schönen Zitat aus: „Das ist aller Gastfreundschaft tiefster Sinn: dass einer dem anderen Rast gebe auf dem Weg nach dem ewigen Zuhause.“


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