Buchvorstellung

Ein Leben für Protestantismus und Politik

Wolfgang Huber ist einer der prominentesten Protestanten in Deutschland. Philipp Gessler zeichnet die Biografie eines evangelischen Denkers am Puls der Zeit.

Wenn eben möglich frühstückt Wolfgang Huber morgens gemeinsam mit seiner Frau Kara. Zuvor lesen sie die Losung und den Lehrtext der Herrnhuter Brüder-Unität. Wolfgang Huber liest die Bibeltexte in ihren Grundsprachen Hebräisch und Griechisch, um sie anschließend zu übersetzen. Sein Sohn Ansgar sagt: „Meine Mutter sitzt dann daneben und grinst wie ein Honigkuchenpferd, weil sie die deutsche Ausgabe der Herrnhuter Losungen in der Hand hält.“

Im Frühsommer dieses Jahres erschien die Biografie dieses „prominentesten Protestanten“, wie es in einigen Werbetexten des Buches heißt. Sogar als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten war Huber im Gespräch. Wer ist dieser Mann, von dem gesagt wird, er sei außerordentlich klug, aber auch kühl und distanziert? Seine Freunde erzählen schmunzelnd folgende (erfundene) Geschichte: Wolfgang Huber soll als zufälliger Zeuge eines Verkehrsunfalls eine Aussage vor Gericht machen. Der Richter meint, in dieser kleinen Sache müsse er keinen Eid auf Gott ablegen, doch Huber besteht darauf. So schwört er also auf Gott. Daraufhin bittet ihn der Richter pro forma um die Nennung seines Namens: „Wolfgang Huber.“ „Und ihr Beruf?“ „Größter EKD-Ratsvorsitzender aller Zeiten.“ Alle Beteiligten sind etwas peinlich berührt, aber die Verhandlung geht ohne Probleme weiter. Nach dem Prozess sagt Kara Huber zu ihrem Mann: „Wolfgang, das hast du gutgemacht. Aber musste das denn sein mit dem größten EKD-Vorsitzenden aller Zeiten?“ Darauf Wolfgang Huber: „Aber ich stand doch unter Eid.“ Im Ernst: Brillanter Verstand, geschliffene Formulierungen, gesundes Selbstbewusstsein, vielleicht auch ein wenig Arroganz, das sind die Eigenschaften, mit denen Huber beschrieben wird.

Von Haus aus war dieser Weg nicht vorgezeichnet

Wolfgang Huber wuchs im Schwarzwald auf. Er war 7, als die Familie nach Freiburg im Breisgau zog. Dort besuchte er das Humanistische Gymnasium und begann bereits als 18 jähriger mit dem Theologiestudium in Heidelberg. Seine Eltern waren Juristen. Der Vater, Ernst Rudolf Huber, hatte eine Professur in Leipzig, später in Straßburg. Vermutlich hätte auch sein Sohn Wolfgang diesen Weg eingeschlagen, wäre da nicht die Berührung mit Christen und dem christlichen Glauben gewesen. Wolfgang findet Kontakt zu christlichen Pfadfindern und hat schließlich als Gruppenleiter auch Andachten vorzubereiten. Entscheidend für ihn ist aber vor allem ein junger Vikar, zu dem er in den Konfirmandenunterricht geht. Von Haus aus war dieser Weg nicht vorgezeichnet, die Familie lebte eher einen distanzierten Protestantismus. Nicht einmal Weihnachten wurde der Gottesdienst besucht. So reagieren die Eltern auch einigermaßen überrascht, als Wolfgang sagt, er wolle Theologie studieren. Sie akzeptierten es zwar, finden es aber nicht richtig.

Für Wolfgang Huber beginnt nun eine beeindruckende Laufbahn. Mit 23 Jahren beendet er sein Studium und hatbereits seine Promotion in der Tasche. Inzwischen hat er Kara Kaldrack, eine  angehende Lehrerin, kennengelernt. Das Paar heiratet 1966, und Wolfgang Huber bekommt eine Anstellung als Vikar und Pfarrverweser in Nürtingen und Reutlingen. Zwei Jahre später ist er Mitarbeiter und stellvertretender Leiter der FEST, der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft in Heidelberg. 1980 beginnt er als Professor für Sozialethik in Marburg. Vier Jahre danach ist er Professor für Systematische Theologie in Heidelberg. 1994 bewirbt sich Wolfgang Huber als Bischof der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg. Bis zu seiner Pensionierung 2009 bleibt er in diesem Amt. Zugleich ist er ab 2003 der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Ein klares Bekenntnis: "Christus ist unser Friede"

Hubers großes politisches Thema bildet sich während seiner 12 jährigen Tätigkeit bei der FEST heraus, sie ist die Denkfabrik (Thinktank) der Evangelischen Kirche. Huber koordiniert dort zwei Forschungsgruppen: „Friede, Gewalt, Sozialismus“ und „Kirche zwischen Krieg und Frieden“. Auch die Menschenrechte beschäftigen ihn. Viele Artikel und auch einige Bücher veröffentlicht er zu diesen Themen. Er entwickelt Grundbegriffe und Modelle der Friedensforschung und wird damit prägend für eine starke Strömung innerhalb der EKD. In der Rückschau ist ihm wichtig, nicht Mitläufer einer politischen Zeiterscheinung gewesen zu sein: „Das Bekenntnis zu Christus als unserem Frieden und die Zusammengehörigkeit von Gerechtigkeit und Frieden blieben die bestimmenden biblischen Bezugspunkte für mein Bemühen um Beiträge von Theologie und Kirche zum Frieden.“ Hubers Einfluss wächst, als er 1980 ins Präsidium des Kirchentags gerufen wird. Von 1983 bis 1985 ist er sogar Präsident dieses großen Treffens von weit über 100 000 meist junger Leute. Es ist die große Zeit der Friedensbewegung, besonders die Kirchentage 1981 (Hamburg) 1883 (Hannover) sind davon geprägt. Huber fordert, dass die Rüstungsspirale durch „einseitige Vorleistungen“ gegenüber dem Osten nach unten gedreht werden müsse. Bonner CDU-Politikern, aber auch Helmut Schmidt, der am NATO-Doppelbeschluss festhält, schlagen Wogen der Ablehnung entgegen. Zwar gehörte Wolfgang Huber nie zu denen, die sich bei Demos von der Polizei wegtragen ließen (wie Heinrich Böll, Petra Kelly, Walter Jens u.a.), aber sein Engagement ist eindeutig. So war es für ihn nur  konsequent, sich schon in den Heidelberger Jahren der SPD anzuschließen. Dort glaubte er sein soziales Engagement am ehesten leben zu können.

Als Bischof und Ratsvorsitzender ist  das große Projekt Hubers der von ihm eingeleitete Reformprozess. Er steht unter der Überschrift: „Kirche der Freiheit“. Schon 1998 schrieb er ein Buch mit dem Titel: „Kirche in der Zeitenwende. Gesellschaftlicher Wandel und Erneuerung der Kirche.“ Im Juli 2006 legt die dafür eingesetzte Kommission ein über 100 Seiten umfassendes Impulspapier vor, in dessen Vorwort Wolfgang Huber vier Punkte nennt, die m.E. auch in evangelischen Freikirchen Aufmerksamkeit verdienen: 1. Geistliche Profilierung statt undeutlicher Aktivität. 2. Schwerpunktsetzung statt Vollständigkeit. 3. Beweglichkeit in den Formen statt Klammern an Strukturen. 4. Außenorientierung  statt Selbstgenügsamkeit. Es ist ein schonungsloses Papier. Wie zu erwarten bekommt es sehr viel Gegenwind. 2007 folgt der Zukunftskongress der EKD in Wittenberg. Huber hält dort seine vielleicht wichtigste Rede als Ratsvorsitzender. Allerdings ist die Reaktion darauf eher verhalten. Margot Käßmann meint, die Rede sei „sehr klug“ gewesen, aber: „ein bisschen emotionaler hätte sie sein können.“ Trotzdem, Ende Juni 2009 zieht Wolfgang Huber eine erste positive Bilanz: „Das Impulspapier hat insofern seinem Namen alle Ehre gemacht, als es auf vielen Ebenen unserer Kirche vorhandene Impulse verstärkte, neue Impulse vermittelte und Reformaktivitäten auslöste.“ Es ist spannend, sich daraufhin einmal die dazugehörende Homepage anzusehen:  www.kirche-im-aufbruch.ekd.de  .

„Evangelikale und Fundamentalisten gleichzusetzen widerspricht meiner Erfahrung.“

Ein ganzes Kapitel widmet Gessler dem Thema „Frömmigkeit und Fundamentalismus: Die Evangelikalen und der Kirchenmann.“ Es geht um die Zeit in Hubers Leben, von der seine Kritiker sagen, er sei „nachgedunkelt“. Huber meint - auf die Evangelikalen angesprochen - fast wohlwollend: „ Ich schätze jede Form, in der das Evangelium ins Zentrum gestellt wird. Wir haben einen großen Bedarf an Bibelfrömmigkeit.“ Persönlich ist mir eindrücklich geblieben, wie er sich 2005 am Auftakt und der Präsentation von Prochrist im Berliner Dom beteiligte. Engagiert antwortete Huber auf die Fragen der Journalisten (Als Freikirchler hat mich allerdings ein wenig genervt, dass er in diesem Zusammenhang begeistert für eingerichtete Wiedereintrittsstellen der EKD warb). Auch bei der Verabschiedung eines langjährigen Mitarbeiters traf ich ihn in Berlin und war erstaunt, wie gut er über die Evangelische Allianz und die Evangelikale Bewegung informiert war. 2006 berief er sogar Ulrich Parzany, den Hauptredner von ProChrist, zu regelmäßigen Predigten in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Und als das Christival 2008 in die Schusslinie einiger Medien geriet, sagte Huber öffentlich: „Evangelikale und Fundamentalisten gleichzusetzen widerspricht meiner Erfahrung.“ Er freue sich, dass die Frontstellung zwischen den Landes- und Freikirchen in den vergangenen Jahren mit vereinten Kräften weithin überwunden sei.

Manch einer hat gerätselt, wie es zu diesem offensichtlichen Meinungswandel bei Wolfgang Huber kam. Vermutlich hängt es mit der wachsenden Herausforderung innerhalb einer säkularen Gesellschaft zusammen,  sie macht ja auch vor der Evangelischen Kirche nicht halt. Selbstkritisch sprach Huber in einem Interview mit der FAZ sogar von der „Selbstsäkularisierung der Evangelischen Kirche“, an der er selbst beteiligt gewesen sei. „Aber,“ so fügte er hinzu, „wir befinden uns jetzt  an einem wichtigen Wendepunkt. Wir wollen nichts von dem zurücknehmen, was wir an notwendiger Zuwendung zu gesellschaftlichen Aufgaben gelernt haben. Aber wir erkennen, dass die Konzentration auf den christlichen Glauben in seiner geistlichen Bedeutung ein weit größeres Gewicht hat.“ Diese Gewichtung wird m.E. auch daran deutlich, wie Huber den Unterschied zwischen dem Islam und seiner Kirche beschreibt: „Christen bekennen sich zu dem Gott, der sich in Jesus Christus offenbart, während der Islam die Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus ablehnt.“ Das sind Töne, wie sie bisher im interreligiösen Dialog nicht üblich waren. Nein, Wolfgang Huber verweigert sich nicht. Im Gegenteil, er stellt sich den Herausforderungen. Aber er positioniert sich auch und ermöglicht gerade dadurch einen ehrlichen Dialog.


Kommentare

Von Dieter M. am .

Ein mutiger Nachfolger mit Brückenbauer-Nebenwirkungen zwischen den Kirchen des einen Herrn !

Von Uwe am .

Schreibfehler, der Kirchentag in Hannover war 1983, und ich war dabei:-)

Von bIRGIT am .

mir gefällt, das die Selbstsäkularisierung angesprochen wird


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