Erfahrungsbericht: Leben mit behinderten Kindern

"Wer nur auf die Löcher starrt, verpasst den Käse"

Sabine Zinkernagel schreibt über ihr ganz normales Leben mit ihren beiden außergewöhnlichen Söhnen. Eine Buchvorstellung.

„Manchmal genügen fünf Worte, um einem für Monate, wenn nicht für Jahre, den Boden unter den Füßen wegzuziehen.“ Mit diesem Satz beginnt Sabine Zinkernagel ihr Buch. Sie hört die betreffenden Worte, als der Frauenarzt ihr eröffnet, dass auch ihr zweites Kind mit einer Behinderung zur Welt kommen wird. Wie verkraftet eine werdende Mutter eine solche Nachricht? Noch dazu, wenn sie selbst Multiple Sklerose hat und mit dem ersten Kind schon völlig ausgelastet ist?

Abzutreiben kommt für die Eltern nicht in Frage, also bleibt ihnen nur der Weg mitten durch alle Zukunftsängste, Selbstzweifel und Glaubenskrisen hindurch. In „Wer nur auf die Löcher starrt, verpasst den Käse“ beschreibt die zweifache Mutter ehrlich und authentisch diesen Prozess, gewürzt mit einer Prise Humor und einem Schuss Ironie. Sie enthält dabei dem Leser ihr Hadern mit Gott nicht vor, von dem sie anfänglich nicht sicher ist, ob sie überhaupt noch einmal „ganz normal“ an ihn glauben will. Aber sie sieht auch das Gute, das sie in Form von Nachbarschaftshilfe, einem tollen Kindergarten oder den Fortschritten von ihren beiden Söhnen Jacob und Cornelius erlebt.

Liebenswert – authentisch - herb

Ehepaar Zinkernagel mit Cornelius (links) und Jacob (rechts).
Eine Leseprobe aus "Wer nur auf die Löcher starrt..." finden Sie auf Neufeld-Verlag.de. (Bild: privat)

So entsteht ein Erfahrungsbericht, der zeitlich im Mai 1997 mit der Diagnose „Das gibt wieder einen Hydrozephalus“ („Wasserkopf“) beginnt und im April 2012 mit einem offenen Brief an Gott endet. Dazwischen erzählt Zinkernagel, wie Jacob es einerseits schafft, die Kindersicherung im Auto zu knacken, andererseits aber völlig überfordert ist, morgens pünktlich für den Schulbus fertig zu werden. Oder dass Cornelius zwar erst zur Einschulung verständlich sprechen kann, danach aber die Fähigkeit entwickelt, ganze Sätze in Zahlenkombinationen zu verschlüsseln. Die Pfarrfrau berichtet, welche Erziehungstipps und Lebensweisheiten ihrer Eltern sie mit Erfolg auch bei ihren „zwei besonderen Kindern“ anwendet und wo sie umgekehrt das Gefühl hat, als Mutter zu versagen. Auf rund 150 Seiten entfaltet sich so eine bunte Palette mit 40 Geschichten und insgesamt fünf offenen Briefen an Gott. Letztere lassen erahnen, dass die Christin trotz mancher offener Fragen auch im Glauben wieder Boden unter die Füße bekommt.    

Wer bereits ähnliche Bücher wie etwa „Bin Knüller“ von Doro Zachmann gelesen hat, dem wird manches vertraut vorkommen, auch wenn Jacob und Cornelius nicht mit dem Down-, sondern dem CRASH-Syndrom auf die Welt gekommen sind. Trotzdem hat das Buch seine eigene, lesenswerte Note. Nicht zuletzt wegen der abwechslungsreichen und manchmal etwas herben Art, mit der die Autorin ihr Erleben und das Heranwachsen ihrer beiden Jungs schildert.

All das macht „Wer nur auf die Löcher starrt, verpasst den Käse“ zu einem Mut-Mach-Buch in dreifacher Hinsicht: Es zeigt, wie aus Zweifeln an Gottes Liebe wieder Glauben werden kann, wie ein bewusstes Ja zu einem Leben mit zwei behinderten Kindern nicht leicht aber möglich ist, und wie ein bisschen Gelassenheit Erziehung einfacher macht. Kurz, ein Buch, das unserer oft resignierten und zugleich sehr perfektionistisch veranlagten Gesellschaft einfach gut tut.

Am Donnerstag, den 8.November 2012 um 16 Uhr und am Freitag, den 9.Novmeber 2012 um 12 Uhr liest Sabine Zinkernagel im ERF Plus Magazin Calando aus "Wer nur auf die Löcher starrt, verpasst den Käse."


Kommentare

Von Tanja K am .

Vielen Dank für diesen Tipp! Ich bin selber Mama von 2 kleinen Jungs, der Jüngere mit Down-Syndrom. Aus Erfahrungen mit meiner Elterngruppe von Eltern mit Kindern mit Behinderung kann ich nur sagen: Man kann betroffene Eltern nie genug stärken und jeder Austausch tut gut und macht Mut!
Weiter so!
Liebe Grüße,
Tanja K

Von Ute H am .

Danke für diese Buchvorstellung.Gott liebt alle seine Kinder,egal ,ob behindert oder nicht.
Professor Dr. Theodor Hellbrügge Kinderarzt der Uni München-jetzt emertiert-war ein fanatischer Kinderfreund und hat sich stark gemacht,dass gesunde und behinderte Kinder zusammen aufwachsen - Stiftung Aktion Sonnenschein gegründet-sie lernen voneinander und die Scheu wird genommen.Hellbrügge hat seine Thesen auch in der "Zeit "verteten in den 70iger Jahren.
Ich bin selber behindert-durch schweren mehr


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