Großelterndienst

Wunschgroßeltern gesucht

Wie ein generationenübergreifendes Miteinander aktiv gestaltet werden kann, zeigt das Projekt „Großelterndienst“ aus Hannover.

Alt zu werden heißt für viele Bürger Deutschlands in Bedeutungslosigkeit zu versinken. „Warum fragt mich eigentlich keiner um Rat, wo ich doch so einen großen Erfahrungsschatz mitbringe?“ ist eine Frage, die sich viele Menschen stellen, die aus dem Beruf ausgeschieden sind. Auch wenn berufliches Wissen heute schneller veraltet als noch vor fünf oder zehn Jahren, menschliches Erfahrungswissen hat immer Konjunktur. Doch wer profitiert davon?

Auf der anderen Seite lässt sich eine steigende Zahl junger Familien und Alleinerziehender beobachten, denen die Großeltern fehlen. Sie kämpfen mit einer Vielzahl von Problemen: Häufig stimmen Arbeitszeiten nicht mit den Betreuungszeiten durch Kindergarten überein oder das Geld reicht nicht für Tagesmütter. Das macht sich bemerkbar: In den letzten acht Jahren haben Erschöpfung, Depressionen und Schlafstörungen bei Müttern um rund ein Drittel zugenommen.1 Außerdem ist es ganz abgesehen von diesen praktischen Fragen einfach schön, Großeltern in der Familie zu haben, die den Alltag mitgestalten und einfach nur da sind. 

Um gegen diese Probleme anzukämpfen, gründete Sozialpädagogin Angelika Becker das Projekt: „Großelterndienst“. Es gehört zur Abteilung „Offene Altenarbeit“ des Diakonischen Werks in Hannover und wurde im August 2012 zum „Projekt des Monats“ von der evangelischen Kirche Deutschland gewählt, passend zum Motto dieses Jahres: "Europäisches Jahr für aktives Altern und Solidarität zwischen den Generationen".

Über 100 „Wunschgroßeltern“ engagieren sich mittlerweile in dieser Arbeit. Die Motivation der Mitarbeiter ist sehr unterschiedlich. Einige kommen gerne, weil sie für sich Kontakte suchen. Dann gibt es Ehrenamtliche, die einmal in der Woche etwas mit einem Kind unternehmen möchten, weil sie sich persönlich bereichert fühlen dadurch. Andere haben zwar Enkelkinder in der Nähe leben, aber diese sind schon 16 oder 18 Jahre alt. Doch die meisten „Wunschgroßeltern“ haben entweder keine eigenen Enkelkinder oder diese leben einfach zu weit entfernt, um sie regelmäßig zu sehen.

Eine Teilnehmerin schreibt über ihre Erfahrungen: „Es ist für mich eine Bereicherung meines Alltags, wenn ich einen Teil meiner Freizeit mit diesen Kindern verbringe. Und wenn es dann nach einigen Spielstunden beim Abschied heißt: ‚Du sollst noch nicht gehen.‘ Oder: ‚Komm bitte morgen wieder‘, ist das für mich die schönste Belohnung.“2

Wie kommen die Kinder zu ihren Wunschgroßeltern?

Wunschgroßeltern und Familien müssen natürlich auch zueinanderfinden. Doch wie funktioniert die Vermittlung? Zunächst wertet Angelika Becker Fragebögen aus. Hobbys, Vorstellungen und Wünsche ergeben ein grobes Bild: Was wünschen sich die „Bewerber“? Sucht die Familie wirklich eine Oma, oder braucht eine alleinerziehende Mutter vielleicht nur donnerstags von drei bis sechs Uhr eine Betreuung für ihr Kind? Hat die Oma tatsächlich Zeit für einen Leihenkel, oder versucht sie das Kind irgendwie in ihren ohnehin schon vollen Terminkalender einzubringen?

Und dann heißt es für die Projektleiterin: Was könnte passen? Gar nicht so einfach, wenn die Chemie gleich zwischen drei Generationen stimmen soll. Wenn die Auswahl getroffen ist, kann das erste Kennenlernen stattfinden. „Manchmal komme ich mir dann vor wie jemand, der versucht ein Blind – Date zwischen drei Generationen zu moderieren.“, sagt die Sozialpädagogin. 60 bis 90 Minuten dauert das Treffen, das in den Räumen des Diakonischen Werks stattfindet. Erst wenn alle nach dem Gespräch den Eindruck haben, dass es miteinander funktionieren könnte, kann das Kennenlernen in Ruhe fortgesetzt werden. Das passiert zu Hause, bei Ausflügen in den Zoo oder in die Stadt. So haben die Eltern die Möglichkeit, die Person einzuschätzen und aufkommende Fragen für sich zu klären. Natürlich kommt es auch vor, dass man merkt: Das passt überhaupt nicht. Dann wird neu vermittelt.

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Das Diakonische Werk: erste Anlaufstelle und Ansprechpartner

Das Diakonische Werk ist aber nicht nur die erste Anlaufstelle bei der Vermittlung zwischen Wunschgroßeltern und Eltern. Gerade dann, wenn die Vermittlung funktioniert hat und eine Beziehung tatsächlich im Entstehen ist, brauchen die Erwachsenen immer wieder einen Ansprechpartner. Für die „Wunschgroßeltern“ bietet das Werk etwa alle zwei Monate Treffen und Schulungen an zu Themen wie Kinderbücher, erste Hilfe oder einfach eine Märchenstunde mit Erwachsenen und Kindern. Regelmäßig findet auch ein Austausch über persönliche Erfahrungen statt, in denen jeder über Probleme sprechen kann. Aber auch die Eltern finden immer ein offenes Ohr bei Angelika Becker, wenn es Probleme gibt.

Nicht mehr als 20 Stunden im Monat sollen die Wunschgroßeltern investieren. Das wird schon gleich zu Projektbeginn so festgelegt, um das Amt als Großeltern abzugrenzen von Tagesmutterjobs und anderen Betreuungstätigkeiten. Denn natürlich besteht auch die Gefahr, eine solche Beziehung überzustrapazieren. Wenn sich im Laufe der Jahre dann zwischen den Eltern und den Wunschgroßeltern eine Freundschaft entwickelt hat, ist das schon wieder eine andere Basis. Sie sind dann füreinander da, wenn es Probleme gibt. Häufig ist es dann auch umgekehrt so, dass die jungen Eltern sich um die Wunschgroßeltern kümmern.

„Das sind Höhepunkte im Jahr, auf die keiner von uns verzichten möchte.“

Und dann gibt es auch die „richtigen“ Großeltern. Wie sehen diese das Projekt? Großeltern, die weiter weg wohnen, finden diese Beziehung meistens bereichernd und toll, so Angelika Becker. Häufig lernen sie die Wunschgroßeltern sogar selbst bei Familienbesuchen kennen und finden sie sympathisch. Falls die richtigen Großeltern in der Nähe leben, sollte man sein Mitmachen aber zuerst mit ihnen absprechen, damit sie sich nicht benachteiligt fühlen. Andersrum kann dieses Projekt auch richtige Großeltern, die vielleicht wenig Zeit und Lust hatten sich zu engagieren, dazu anregen mehr mit ihren Enkeln machen.

Es gibt auch Großeltern, die ihre „Leihenkel“ in die eigene Familie integrieren. Eine Großmutter berichtet über ihre Erlebnisse: „Da wir uns alle sehr gut verstehen, treffen wir uns zweimal im Jahr zu einem großen Familientag. Laut und lustig geht es dann zu zwischen meinen eigenen Kindern und Enkelkindern und meinen „geliehenen“ Familien. An diesen Tagen wird viel gelacht und gespielt und es gibt für jeden eine originelle Überraschung. Das sind Höhepunkte im Jahr, auf die keiner von uns verzichten möchte.“ 3

Dass das Projekt Erfolg hat, zeigt die Warteliste von Angelika Becker: 60 bis 80 Familien warten zurzeit auf ihre „Wunschgroßeltern“. Einen der Hauptgründe, warum sich weniger Ältere als Familien für das Projekt anmelden, sieht Angelika Becker in der Regelmäßigkeit, die von den Betreuern erwartet wird. Nur spontan bei schönem Wetter und für einen Ausflug ins Grüne für das Kind da zu sein, reiche da nicht. Ein weiterer Grund ist die Verantwortung, die man bei diesem Projekt für das Kind übernimmt. Dafür müssen sich die Betreuer natürlich auch körperlich noch fit genug fühlen.

Das Projekt macht Schule

Auch andere Kommunen lassen sich zwischenzeitlich von dieser Projektidee anstecken, wie die steigende Zahl der Anfragen nach Ratschlägen bei der Sozialpädagogin zeigt. Deshalb hier noch einen Tipp von der Fachfrau an alle, die selbst ein solches Projekt starten wollen: „Das wichtigste ist, einen Ansprechpartner zu haben. Jemand, der sowohl für Wunschgroßeltern als auch für Eltern die erste Anlaufstelle ist. Eine neue Beziehung wird hier angefangen, das macht die Menschen natürlich vorsichtig. Und wie in einer richtigen Familie auch werden Dinge irgendwann als selbstverständlich betrachtet, sobald die Beziehung etwas länger besteht. Doch Respekt und Anerkennung sollten nie fehlen.“

Außerdem hat Angelika Becker beobachtet, dass es selten an dem Verhältnis „Kind – Oma/ Opa“ liegt, wenn die Beziehung irgendwann nicht mehr klappt. Meistens scheitert diese an der mangelnden Kommunikation unter den Erwachsenen. In solchen Fällen ist es wichtig, einen Ansprechpartner zu haben. Fehlt ein Verantwortlicher, ist die Gefahr größer, dass die Leute die Beziehung ganz abbrechen, wenn sie nicht so gut läuft.

 


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