Alternde Gesellschaft

Den Zerfall ausbremsen

Eine positive Lebenseinstellung sorgt für ein langes Leben behauptet Prof. Kurt Witterstätter

Die steigende Zahl hundertjähriger und älterer Menschen in Deutschland könnte angesichts ihrer hohen Pflegebedürftigen- und Dementen-Rate Besorgnisse nähren, ihr Leben sei nicht mehr lebenswert. Wie viele Hundertjährige gibt es und wird es bald geben? Wie sieht ihr Leben aus?

1965 gratulierte der Bundespräsident 276 Männern und Frauen zu einem dreistelligen Geburtstag. Heute gibt es rund 12.000 dieser Menschen in Deutschland. Um die Jahrhundertmitte wird es in Deutschland bereits über 100.000 Menschen geben, die hundert Jahre und älter sind. Alle zehn Jahre verdoppelt sich deren Anzahl, da sich die Sterblichkeit nach dem 80. Lebensjahr verzögert. Von allen derzeit geborenen Mädchen hat die Hälfte die Chance, den Anfang des 22. Jahrhunderts mitzuerleben.

Ursachen-Bündel

Worauf ist die Verdopplung der Höchstaltrigen alle zehn Jahre zurückzuführen? Die gerontologische Forschung nennt ein ganzes Bündel an Ursachen. Es gibt drei miteinander verwobene Forschungsstränge, die alle mit unterschiedlicher Akzentuierung drei Hauptursachen im Auge haben:

  1. Erbanlagen: Gemäß dem Motto: Will ich sehr alt werden, sollte ich vorsichtig in der Auswahl meiner Eltern sein.
     
  2. Gestaltbare Lebensumstände: Dazu gehören gesunde Lebensführung, Bewegung, förderliche Ernährung und Einschränkung der Genussmittel. Hier gilt das Motto: Von nichts kommt nichts.
     
  3. Sozialverhalten: Ein sozial interessiertes, aber versöhnliches und geduldiges Verhalten fördert gesundes Altern. Nach dem Motto: Man nimmt es, wie es kommt.

Die Erforschung der Langlebigkeit hatte und hat in Deutschland drei Hauptstandorte mit Würzburg, Heidelberg und Kiel. In Würzburg fand der Internist Hans Franke bereits in den 1960er Jahren erste Ursachenbündel für Langlebigkeit heraus. In Heidelberg geht der Psychologe Christoph Rott den verhaltens- und einstellungsbedingten Voraussetzungen für hohes Alter nach, und in Kiel erforscht der Molekularbiologe und Biogerontologe Stefan Schreiber die erb-substantiellen Genvarianten mit ihren gesundheitlich stärkenden Effekten.

Dieser Artikel stammt aus dem Informationsbrief 73/3-2012 des Evangelischen Seniorenwerkes. Wir danken für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung.

Positive Faktoren

Im Ganzen gesehen kann man sechs positive Faktoren für Hochaltrigkeit benennen, die in unterschiedlicher Kombination ihre Wirkung dafür tun können, damit man die 100 erreicht:

  • eine günstige erblich-genetische Zellausstattung
  • ein gesicherter sozio-ökonomischer Status
  • eine gesundheitsbewusste Lebensführung
  • soziale Integration
  • eine positive Stimmungslage
  • ein aktiv-unaufgeregter Lebensstil

Seelische Selbstsorge

In einem langen Leben wird kaum jemand von Schicksalsschlägen wie Unfällen, Verlust von Angehörigen oder Krankheiten verschont. Entscheidend ist die Art der Krisenbewältigung. Zerbricht der Betroffene daran, wird sein Leben früher enden. Hochaltrige hingegen mobilisieren hohe psychische Ressourcen, um dem Zerfall aus körperlichem und/oder psychischem Leid zu trotzen.

Eine hilfreiche Strategie ist, sich mit anderen zu vergleichen, denen es noch schlechter geht, oder sich auf eigenes früheres Unglück rückzubesinnen, das man bereits durchgestanden hat. Dies ist eine Selbstsorge, die oft die eigene Befindlichkeit als besser einstuft, als sie sich objektiv dem Beobachter von außen darstellt. Dreiviertel der über Hundertjährigen sehen in ihrem Leben noch einen Sinn. Der Altersforscher Paul Baltes sagt hierzu: „Das Geistige bäumt sich auf, um dem Verfall des Körpers entgegenzuwirken“.

Der tägliche Rotwein

Die Demenz-Raten indes werden höher, je älter die Menschen werden. Die Atrophie der Gehirnzellen ist noch immer grundsätzlich unheilbar. Durch Antidementiva kann nur das Fortschreiten gebremst werden. Die Erkrankungsraten sind bei über 90-Jährigen mit 35 Prozent sehr hoch, so dass bis zur Jahrhundertmitte etwa zwei Millionen demente Menschen in Deutschland leben werden. erwartet Nur 13 Prozent der Hochaltrigen behalten ihre vollen kognitiven Kompetenzen bis zum Tod.

Präventiv können körperliche Bewegung, Reduzierung fettreicher Ernährung, ausreichende Flüssigkeitsaufnahme, das Trainieren der geistigen Beweglichkeit und täglich ein Glas Rotwein am Abend  helfen.

Unter den hochaltrigen Menschen sind etwa fünfmal so viele Frauen wie Männer zu finden. Dies ist dem weniger riskantem und gesundheitsbewussterem Lebensstil der Frauen, aber auch ihren besseren immunologischen Erbanlagenzuzuschreiben. Slogan: Wenn ein alter Mann krank wird, stirbt er darüber; und wenn eine Frau erkrankt, geht sie zum Arzt.

Wie stellt sich die Gesellschaft nun auf einen wachsenden Anteil von Menschen ein, die das menschliche Höchstalter erreichen? Für diese Situation ist einiges zu beachten.

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Altersarmut bekämpfen

Da sich künftig vermehrt Menschen mit unvollkommenen Erwerbsbiografien in der Rente befinden, kommt der Grundsicherung im Alter verstärkt Bedeutung zu. Bessere Ausgleiche für erwerbsgeminderte Zeiten wie Arbeitslosigkeit, Niedriglöhne, Erziehungszeiten sollten im vorgelagerten Rentensystem geschaffen werden. Die Frage der Verlängerung der Lebensarbeitszeit über das 67. Lebensjahr hinaus - vielleicht teilzeitig - muss Thema der Politik werden.

Soziale Netzwerke

Da familiale Stützen durch Geburtenrückgang, Singularisierung und geografische Mobilität immer mehr wegfallen, wird wahlverwandtschaftlich-ehrenamtliches Engagement in Form der Mehrgenerationen- oder Nachbarschaftshilfe immer wichtiger werden. Die nicht mehr ausreichend mobilisierbare professionelle Altenhilfe könnte durch Anwerbung von Kräften aus dem Ausland ersetzt werden. Alte Menschen tun gut daran, sich beizeiten ein sie tragendes soziales Netzwerk aufzubauen.  

Informationssystem AAL hilft

Die Unterstützung der Lebensführung durch apparative und informationstechnologische Systeme muss ausgebaut werden. Dabei helfen die Ansätze des „Ambient Assisted Living“ AAL, des Ausbaus umgebungs-unterstützender Hilfen. Es handelt sich um intelligente Kombinationen von Mensch und Maschine, die nachlassende körperliche Kräfte ersetzen (Beispiel Katapult-Sessel), schwindender Erinnerung auf die Sprünge helfen (automatisches Abschalten von Energie-/Wasser-Zufuhr) und Sicherheit wird gewährleisten können (Bewegungsmelder, Alarmauslösung bei Nahestehenden und Hilfsdiensten). Mit der großflächigen Einführung solcher Assistenzsysteme ist wird zwischen 2015 und 2025 zu rechnen.

Geduld und Gelassenheit

Ein ausreichendes Einkommen, Hilfen von außen, technischer Support, Freunde - alles schön und gut… Wird denn ein hochaltriger Mensch mit seinen Einschränkungen und seiner Abhängigkeit von sporadisch helfende Zugängern und intelligenter Technik überhaupt noch bis zu seinem 112. oder 115. Lebensjahr leben wollen? Was ist sein Überlebens-Antrieb?

„Ich habe das Leben immer so genommen, wie es ist“, sagt eine 100-jährige Interviewte im Band „100 Jahre leben. Porträts und Einsichten“ von Andreas Labes und Stefan Schreiber. Die Impulse für ein sehr langes Leben sind nicht verbissener Ehrgeiz und Hochleistungs-Antrieb, es auf jeden Fall zu schaffen. Hilfreich sind vielmehr Gelassenheit, Bescheidenheit, Geduld, Versöhnungsbereitschaft und Barmherzigkeit. Im Ganzen ein sozialer und freundlicher Lebensstil.

Religiosität

Aufgeschlossen sein für andere, Umgänglichkeit vorleben, sich für vieles interessieren, aktiv und neugierig bleiben, das hält die Hochaltrigkeits-Forschung für bedeutsam. Gerade religiöse und spirituelle Menschen, die Geiz, Neid, Ehrgeiz und Unversöhnlichkeit überwunden haben, haben große Chancen, glücklich und gelassen ein sehr hohes Alter zu erreichen. Sie wissen um ihren Tod, und sie haben keine Angst vor ihm. „Wichtig ist der innere Frieden, den muss man suchen. Wenn man ihn gefunden hat, kann er das Leben verlängern“, sagte ein befragter gläubiger alter Herr und blickte voraus: „Nach dem Tod kommen all unsere Seelen zusammen. Ich freue mich auf meine Mutter und meinen Vater“.


Kommentare

Von Gertrud am .

Die Aussagen von Harry Puschel sind nachdenkenswert und und bestimmt beherzigens-wert. Ich sehe es aber nicht so, dass wir durch den Glauben hier schon bei Jesus sind - das ist erst so wenn wir hier die irdischen Zelte abgebrochen haben. Gesegnet ist bestimmt derjenige, der verinnerlicht hat: wir sind jetzt schon in Gottes Hand, egal wie die Umstände sind. Und ich kann wieder mal nur von mir ausgehen (so begrenzt ist mein Radius) weil wir in dieser Welt leben, lässt sich dieser mehr

Von Harry Puschel am .

Wenn man an Jesus glaubt,ist es egal wie alt man wird,man ist ja schon bei Gott.Wichtig ist lebe den Tag, tue gutes sei Barmherzig .Haben wir Christen uns schon zurückgezogen? Wo ist unsere Schmerzgrenze?

Von Jaques LeMouche am .

Ich stimme der stillen Rebellin ebenfalls zu. Unsere Negativ-Eliten haben unsere Altersvorsorge und unsere Ersparnisse für das "Friedensprojekt EURO" und für weitere politische Spinnereien und größenwahnsinnigen Projekte verpfändet. Sicher, man kann jederzeit durch Naturkatastrophen, Krankheit, Arbeitslosigkeit verarmen. Aber diesen Triumph, nämlich mich zu enteignen, mein Guthaben zu entwerten, gönne ich unseren Negativ-Eliten keineswegs. Darum schließe ich mich der immer größeren Bewegung an, mehr

Von D Isserstedt am .

Dem Kommentar der stillen Rebellin kann ich mich nur anschliessen. Es ist erschreckend,wie destruktiv oft über das Alter in den Medien berichtet wird. Gleichzeitig nehme ich wahr,dass mir oft durch die Blume oder nonvebal klar gemacht wird,lass mich in Ruhe,ich hab selber genug zu tragen. ....und dann weiss ich manchmal nicht weiter.Gut,dass Gott mir irgendwie immer einen "Schubs" gibt.Freundliche Grüsse D.Isserstedt

Von "stille" Rebellin am .

Endlich habe ich einen neutral/positiven Artikel über das Thema gelesen. Ansonsten bin ich oft entsetzt darüber, dass in den Medien jeden 2. Tag über Überalterung der Gesellschaft, Kosten, Armut Demenz in einer destruktiven Art geschrieben wird. Dagegen sollte aktiv angegangen werden. Sollen denn Senioren, die dort nur noch die Alten genannt werden auch noch seelisch heruntergeputzt werden, wo sie sich doch tapfer mit schwindenden Kräften umgehen müssen. Ich selbst habe schon die Konsequenz mehr

Von Ute Hörkner am .

Danke für diesen Artikel.Den "inneren Frieden",den hat man,wenn eine innige Beziehung zu Jesus Christus da ist.Dankbarkeit in kleinen Dingen,aber auch die Gewissheit,dass Jesus mich auch durchträgt im Alter ,wenn Gebrechlichkeit und Schmerzen den Alltag bestimmen und man auf die Hilfe anderer angewiesen ist.Und dennoch kann das Leben schön sein.Man kann seine Erlebnisse und sein Wissen,seine Erfahrung den Jungen in der Gemeinde weitergeben und so sind "diese Alten" ein Schatz für die mehr


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