Kommentar

Wegwerfgesellschaft? Das war gestern!

Warum die Givebox eine großartige Erfindung ist. Ein Kommentar.

Als ich im Mai aus meiner alten Wohnung ausgezogen bin, stand ich vor einem Problem: zu viel Kram, den ich nicht mehr mitnehmen, aber auch nicht entsorgen wollte. Wenn mir eines gewaltig gegen den Strich geht, dann brauchbare Dinge wegzuwerfen. Da stand ich nun, vor meinen vielen Gegenständen und fragte mich: „Wohin damit?“

Meine Rettung war mein großer E-Mail-Verteiler. Ich habe festgestellt, dass Schreibtische nicht mehr so gut gehen wie zu Beginn meiner Studienzeit, aber Waschmaschinen, selbst solche mit kaputter Klappe, sind heißbegehrt. Aber was hätte ich gemacht, wenn ich nicht über eine studentisch große Mailing-List verfügt hätte und dort meine Sachen hätte anbieten können?

Die Lösung ist so einfach

Gegen den Trend, aussortierte Dinge einfach in den Müll zu geben, steht auch das neue Konzept der Givebox („Tauschbox“). Jederzeit geöffnet, kann der Tauschende seine alten Artikel einfach abgeben und anderes dafür mitnehmen.

Entstanden ist die Givebox ist in Berlin. Zwei Studenten haben nach dem Zusammenziehen viele Teile doppelt besessen. Wegwerfen wollten sie diese nicht, einfach auf die Straße stellen auch nicht. Also bauten sie kurzerhand eine telefonzellengroße Holzbox, stellten einige Regale und einen Kleiderständer hinein und bestückten sie mit ihren überflüssigen Sachen. Diese Idee gefiel den Berlinern so gut, dass sie das Konzept verbreiteten – erst in anderen Stadtteilen, schließlich über Facebook auch in anderen Städten. Toll, oder? Offenbar geht es nicht nur mir so, dass ich meine alten Sachen nicht einmal unbedingt mit Profit verkaufen will, sondern nur nicht entsorgen möchte. Vielleicht war es eine Idee, die unsere Wohlstandsgesellschaft brauchte.

Bürger, die aus der ehemaligen DDR kommen, kennen diese Mentalität vielleicht noch: Da wurde nichts einfach in den Müll geworfen. Denn man wusste nie, wann man es wieder ersetzen konnte. Zwar bin ich viel zu spät geboren, um die DDR noch mehr als nur ansatzweise miterlebt zu haben, aber dieser Umgang meiner Eltern mit Waren hat mich geprägt. Deshalb finde ich es richtig gut, wenn ich die Möglichkeit habe, Sachen konstruktiv weiter zu verwerten.

Wie funktioniert eine Givebox? Mitnehmen kann man, was man möchte, reinstellen auch. Was nach zwei Wochen keiner haben wollte, soll der Besitzer aber wieder entfernen. Gästebücher zeugen von dem bunten Treiben der Schenkenden und Beschenkten. Verwüstungen und Vermüllung lassen sich aber auch hier nicht vermeiden. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass sich die Anwohner einer Givebox meist annehmen – ohne Lohn, ganz und gar freiwillig.

Ist doch nicht mehr „in“

Aber wie wäre es, wenn man gleich von vorneherein nicht mehr so viel kauft? Immerhin sind unsere Ressourcen nicht unendlich, wie wir es gerne hätten.

Ich gebe es zu, ich liebe es, shoppen zu gehen: hier etwas Brandneues, nie Dagewesenes, da fällt mir etwas ins Auge, das ich schon immer haben wollte. Das hat zur Folge, dass mein Zimmerchen immer voller wird. Schneller als wir beim Kauf ahnen, verschwinden die ach-so-trendigen Kleidungsstücke erst in den hintersten Tiefen des Schrankes und anschließend im Müllbeutel. Wie viele Kleidungsstücke, Bücher, Haushaltsgeräte besitzen wir, die wir kaum oder nie benutzen? Wenn man da nicht zum sogenannten „Messi“ werden will, muss man also entweder weniger kaufen oder ausmisten. Aber zumindest mir fällt das aus oben genannten Gründen schwer. Warum also nicht an der anderen Seite ansetzen und Dinge nach Art der Tauschbox verschenken?

Diese Frage stellt sich sicher der eine oder andere: wer will denn diesen alten Kram? Hier liegt die Chance, dass die Givebox unser Verständnis vom Wert unserer Sachen zurechtrückt. Wir halten sie für wertlosen Plunder. Andere könnten gerade diesen Pullover gut gebrauchen oder freuen sich über den kitschigen Kerzenständer, den ich nie wollte. Geschmäcker sind verschieden und Bedürfnisse auch. Meine schwarze Lieblingsvase habe ich beispielsweise vor dem Tod auf dem Polterabend gerettet. Ich konnte und kann bis heute nicht verstehen, wieso meine Tante das schöne Stück einfach zerschmettern wollte!

Was die Givebox noch kann

Zwei schöne Nebeneffekte hat die Givebox übrigens auch: Zum einen entspricht sie einem urchristlichen Gedanken, dem des Teilens. Was die einen zu viel haben, sollen sie anderen zugutekommen lassen, die zu wenig haben. Die Givebox ist ein Projekt für Jedermann und man muss nicht an der Armutsgrenze leben, um sich etwas daraus nehmen zu dürfen. Dennoch wird es in der Realität wohl vor allem von denjenigen genutzt werden, die damit ihren Geldbeutel entlasten können.

Zum anderen entwickelt sich eine Givebox oft zum Nachbarschaftsprojekt. Anwohner räumen auf, wenn doch einmal etwas verwüstet worden ist, sie kommen miteinander ins Gespräch, mitunter das erste Mal in den vielen Jahren, die sie nun schon nebeneinander wohnen. So verbreitet die Givebox ebenfalls ganz kostenlos Lächeln in ihrem Umfeld.

Vor allem für meinen nächsten Umzug hoffe ich, dass sich die Givebox weiter durchsetzt. Dann kann ich meine alten Sachen verschenken, Menschen eine Freude machen und vielleicht sogar helfen. Perfekt!


Kommentare

Von Peter am .

In Kiel soll eine Givebox entstehen, daher suchen die Initiatoren noch tatkräftige Unterstützung
http://www.psyflex.de/kiel-plant-bau-einer-givebox/

Von Frauke S am .

Ihr Lieben, in Stuttgart gibt es eine Plattform. Geschenkemarkt
dort kannst du kostenlos inserieren und es wird gelesen.
dort hab ich schon einiges weiter gegeben.

Von Christian am .

Ja die Idee von der Tauschbox ist eine feine Sache, aber warum muß alles in englisch geschrieben sein " Givebox" ???
Wenn man schon diese Englismen nicht vermeiden kann , warum auch immer , dann sollte man noch dazu schreiben Tauschbox, damit auch ein Nichtengländer das lesen kann, wir hatten in der DDR nur russisch lernen müssen.
Aber ansonsten eine gute Sache diese Tauschbox.

Von T, Johannes am .

Wir haben unsere Sachen dem Johannesstift in Berlin-Spandau zur weiteren Verwertung überlassen,
Ausserdem gibt es im Internet eine Liste von Organisationen, die gebrauchte Sachen gerne annehmen,

Von isolde b am .

E n d l ic h!! Etwas Vernünftiges;Ich räume ab sofort auf!! Isolde Braun

Von Martin A am .

Sehr geehrte Frau Lepski,
vielen Dank für Ihren Artikel, der Mut auf Teilen macht.
Etwas weniger englisch gibt es hier in der Region Stuttgart einige gemeinnützige Organisationen, die mit Mitarbeitern sogar die Gegenstände bei Bedarf aufarbeiten und für günstiges Geld wieder verfügbar machen.
Damit ist gleich zwei Mal geholfen: Menschen ohne Arbeit finden vielleicht wieder in einen Job zurück und Menschen mit wenig Geld können sich gut erhaltene Dinge leisten.
Seien Sie gesegnet ... und ... bleiben Sie ein Segen!
Ihr Martin A

Von Pauls Tochter am .

Finde ich eine schöne Idee. Mir gefällt, dass man in der Nähe Dinge loswerden kann. Wie initiert man so etwas? Man braucht doch bestimmt eine offizielle Genhemigung?
Eine gute Alternative sind auch Second-Hand-Shops, wo man Sachen abgeben kann, ohne etwas dafür zu bekommen und für wenig Geld Dinge kaufen kann, woran dann Menschen vom zweiten Arbeitsmarkt verdienen.

Von Sprachliebhaberin am .

Das ist ein richtig tolles Gefühl, wenn man gut erhaltene Gegenstände nochmals einem brauchbaren Zweck zuführen kann. Leider ist da bei mir auch ein heftiger Drang zu vieles aufheben zu wollen oder womöglich aus anderen Haushalten zu "retten". Über so unnötige Sprach Verunstaltungen wie Givebox bin ich dagegen nicht so glücklich. Bei allem Fremdgesteuertsein muss man meiner Meinung nach nicht auch noch die Sprache in den Mülleimer werfen (oder muss ich Wastebox sagen)??

Von Harry-Puschel am .

Ja gerade Christen Sollten nicht rumgeizen.
Der Herr sagt : Umsonst habt ihr es Empfangen,umsonst gebt es auch.Das Geheimnis der Zunahme ist,ja was?
Freudiges geben.Der Herr lässt sich nicht lumpen.Die Bibel macht da genug aussagen.Also frisch ans Werk.
der Her Segne Euch alle

Von Ute H am .

Danke für den Artikel.Super Idee.
Unsere Müllabfuhr -so konnte ich es lesen -hat diesen Gedanken aufgegriffen und bietet diese Idee auch an.
Aber danke für diesen Artikel mit dem Hinweis,nicht mehr so viel zu kaufen.Das mache ich schon lange und ich trage auch gebrauchte Klamotten.
In Jesu Liebe verbunden
Ute H


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