Kommentar

Fußball – eine Religion?

Was Christen von der schönsten Nebensache der Welt lernen können

„Du sollst Gott deinen Herrn lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinem Verstand,“ heißt es in der Bibel. Bei uns ist das alles sorgsam getrennt. Herz und Kraft auf dem Fußballplatz, Verstand in der Kirche und die Seele hängt irgendwo dazwischen. Das kann gar nicht gut gehen, schon gar nicht für Männerseelen. Die brauchen nämlich alles davon. Und zwar gleichzeitig. Doch was bekommen sie geboten:

Zum Fußball kannst du kommen wie du bist. In der Kirche dreht man sich pikiert nach dir um.

Im Stadion freut man sich einfach, wenn du dabei bist. Deinen Emotionen kannst du freien Lauf lassen, du kannst heulen, jubeln, klatschen, ja, und du kannst auch beten, so wie dir der Schnabel gewachsen ist.

In den meisten Kirchen geht das nicht. Da musst du mindestens Abitur haben, um die Predigt zu verstehen und beim Gemeindekaffee ist korrektes Auftreten Pflicht.

Natürlich ist König Fußball kein Gott. Aber es ist kein Wunder, wenn sich viele bei ihm besser aufgehoben fühlen als in der Institution Kirche, wo die Leidenschaft längst vor Langeweile unter die Bank gerutscht ist.

Was das Gebot der Stunde ist
Dabei bräuchten die Christen nur von Jesus zu lernen. Bei ihm gab es keine Gesichtskontrolle. Bei ihm durften die Menschen mit ihren größten Nöten kommen. Sie durften bei ihm weinen, sie durften bei ihm verzweifelt sein, sie durften sich seltsam benehmen, sie durften an seinem Gewand zerren oder seine Füße salben. Mitten auf dem Marktplatz hat er Menschen geheilt, gesegnet und ihnen, wenn es sein musste, die Wahrheit gesagt. Außerdem konnte er feiern und hat Wasser zu Wein gemacht.

Hier gilt es anzuknüpfen. Mäkelnd am Spielfeldrand stehen, das kann jeder. Es bringt aber niemanden weiter. Leidenschaft entfachen, die Türen weit aufreißen, komischen Typen reinlassen, statt auf sie herabzuschauen, das ist das Gebot der Stunde für alle Kritikaster in der Kirche. Und dann wird Fußball endlich wieder das, was wer sein soll:

Kein Gott – aber für den, der’s mag, die schönste Nebensache der Welt.


Kommentare

Von Carsten am .

Vielen Dank, das ihr mir die Welt erklärt...
Ich packe nachher meine Deutschlandflagge ein, fahre in die Kirche, besuche den Fussballgottesdienst, und gucke anschließend auch in der Kirche, wie Dänemark verliert. Und sollte ein Däne in der Kirche sein werd ich ihn auf ein Bier einladen. Auch in der Kirche. Schlaaaaand!

Von sister am .

Ich sehe es ähnlich wie Jaques. Brot und Spiele für die Massen wie im Alten Rom, damit sie sich bloß nicht um die Politik kümmern brauchen..
Die Art der Kommerzialisierung, die Unsummen von €, die dort hinein investiert werden, das Wir-Gefühl und National-Stolz-Gefühl, das hier gewünscht und gefördert wird, gehen soweit, dass nicht nur in der Werbung jeden Tag ein "Gott Fussball" auf seine Herrschaft pocht, sondern auch von Wettbüros Voodoo-Puppen im holländischen Trikot verschenkt werden, mit mehr

Von Jaques LeM: am .

Hier handelt es sich weniger um eine Religion, als vielmehr um einen von vielen Göttern der postmodernen Zivilreligion. Der Fußballgott gehört zur Kategorie Brot und Spiele - die lachende Menge, und ist damit gar nicht so neu. Der loadizäische Wohlfahrtststaat mit seinem Leben auf Pump, der kurz vor dem Zusammenbruch steht, braucht solche Götter. Vor allem dann, wenn die Politik weitreichende Entscheidungen trifft, über die sich die Untertanen keine zu großen Gedanken machen sollen. Man mag es mehr


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