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„Am schlimmsten ist der Erwartungsdruck“

Frauen in Indien müssen vor allem gehorchen. Auch in der Ehe unter Christen. Was Radioarbeit da bewirken kann? Fragen an H. Solomon.

Indien ist mit 1,2 Milliarden Einwohnern die größte Demokratie der Welt – mit einer Verfassung, welche die Gleichberechtigung von Mann und Frau garantiert. In den Metropolen dieses riesigen Landes werden die Frauen gebildeter, unabhängiger und selbstbewusster als je zuvor in ihrer Geschichte. Aber zeigt sich dies auch im Alltag der durchschnittlichen Bevölkerung?

Helga Solomon stammt aus Nordindien und kennt die Situation genau. Die junge Frau machte vor einigen Jahren ein Praktikum bei ERF Medien in Wetzlar. Heute lebt sie mit ihrem Mann und der gemeinsamen Tochter im Oman, wo ihr Mann aus beruflichen Gründen hingezogen ist.
 

ERF Online: Jahrtausendealte hinduistische Traditionen prägen das indische Bild der Frau, ihr Leben ist von Abhängigkeit und Einschränkung gekennzeichnet. Gibt es inzwischen einen spürbaren Wandel hin zu mehr Freiheit?

Helga Solomon: Auch heute noch muss die indische Frau vor allem eines: gehorchen. Vor der Heirat ihren Eltern und danach ihrem Ehemann. Es gibt viele Inderinnen, die von ihrer eigenen Familie unter Druck gesetzt werden. Eltern, die in Armut leben, verbieten ihren Töchtern in die Schule zu gehen, damit die Mädchen Geld verdienen. Von Frauen aus der Mittelklasse wird vor allem erwartet, eine gute Ehe- und Hausfrau zu sein. Weil dies oberste Priorität ist, bleibt zahlreichen Frauen verwehrt, Gaben und Fähigkeiten an sich zu entdecken oder Bildungschancen wahrzunehmen.

ERF Online: Ist es in Indien heute noch üblich, dass Frauen verheiratet werden?

Helga Solomon: Ja, in Indien spielt das System der arrangierten Ehe immer noch eine große Rolle. Inder sind anpassungsfähig und harte Arbeit gewohnt. Das betrifft alle Lebensbereiche – auch die Ehe! Liebesheiraten sind erlaubt und werden häufiger, aber Eltern machen sich oft Sorgen, dass ihre Kinder keinen geeigneten Partner finden könnten. Daher kontaktieren sie lieber ein Heiratsvermittlungsinstitut. Dort werden alle persönlichen Daten angegeben, von der genauen Hautfarbe bis zur Höhe des Gehalts. Bei der Auswahl des Partners spielt auch unter Christen die Kastenzugehörigkeit eine Rolle.

ERF Online: Warum achten auch Christen auf die Kastenzugehörigkeit? In der Bibel steht doch, dass vor Gott alle Menschen gleich sind und dass er ihr Herz ansieht.
 

Helga Solomon: Klar, dass alle vor Gott gleich sind. Das glauben und sagen auch die Christen in Indien. Aber Inder denken, dass sie weniger Probleme in der Ehe haben werden, wenn sie einen Lebenspartner innerhalb ihrer eigenen Kaste aussuchen Schließlich sind die Sitten und Bräuche innerhalb einer Kaste ähnlich oder gleich. Meiner Meinung nach ist das aber nicht wahr! Ich persönlich bin in Nordindien aufgewachsen und hatte daher sehr wenig Kontakt mit Menschen aus meiner Kaste in Südindien. Ich bin ganz anders erzogen worden. Ich habe gar keine Ahnung von den Sitten und Bräuchen von Menschen in meiner Kaste.

ERF Online: Deine Eltern und du, ihr seid Christen und dein Mann auch. Wurdest du verheiratet?

Helga Solomon: Ja. Ich habe es mir nicht ausgesucht, aber als ich 25 Jahre alt war, machte sich meine Mutter Sorgen, ob ich einen geeigneten Partner finden würde.

ERF Online: Hast du deinen zukünftigen Mann vor der Hochzeit kennengelernt?

Helga Solomon: Das erste Treffen fand zusammen mit unseren Eltern in einem Teehaus statt. Zusätzlich durften wir uns ausnahmsweise noch zweimal vor der offiziellen Verlobung alleine für begrenzte Zeit in einem Restaurant treffen. Das zweite Mal war allerdings, nachdem der Verlobungstermin schon feststand! Meine Schwiegereltern hatten nämlich Druck gemacht, uns schnell zu entscheiden.

In der Verlobungsphase ist es sehr schwer, fast unmöglich, „Nein“ zu sagen. Die Verlobung ist öffentlich und mit einem Mini-Hochzeitsfest verbunden. Wir hatten 300-400 Gäste dazu eingeladen. Danach hatten wir sieben Monate Zeit uns kennenzulernen.

ERF Online: Konntest du denn so schnell eine Entscheidung zur Verlobung treffen?

Helga Solomon: Nein. Das fiel mir unglaublich schwer. Weil ich mich so verwirrt und unsicher fühlte, ging meine Mutter mit mir zu unserem Pastor. Er sagte mir, die Liebe würde sich automatisch bei der Heirat entwickeln. Ich sollte mir keine Sorgen machen.

Meinem Mann dagegen, der diese Zeit mit Fasten und Beten verbrachte, war ganz klar, dass ich die Richtige für ihn sei.

ERF Online: Was hat dich letztlich zu deiner Entscheidung bewegt?

Helga Solomon: Nach dem Gespräch mit unserem Pastor habe ich beschlossen, alles in Gottes Hände zu legen und ihm zu vertrauen.

Ich hatte zahlreiche Wünsche, was die Eigenschaften meines zukünftigen Ehemannes anbelangt. Darum hatte ich Gott gebeten. Aber da ich meinen Zukünftigen kaum kannte, konnte ich nicht beurteilen, ob sich meine Erwartungen erfüllen würden. Erst im Nachhinein kann ich sagen, dass Gott meine Gebete in vielen Bereichen erhört hat!

ERF Medien unterstützt christliche indische Radioprogramme mit dem Titel „Frauen mit Hoffnung“ in der Sprache Bengali, die von etwa 80 Millionen Indern gesprochen wird. Jede Sendung besteht aus zwei Teilen: den Lektionen für das Leben mit praktischen Alltagsinfos zum Beispiel zu Gesundheit und Hygiene und den Lektionen für die Seele mit biblischen Inhalten.

Viele Frauen hören durch die Sendungen zum ersten Mal, dass sie geliebte und wertvolle Menschen in Gottes Augen sind. Dieses Wissen kann ihr Leben und das ihrer Familie verändern.

„Frauen mit Hoffnung“ ist eine Sendereihe von „Projekt Hannah“, einem internationalen Radioprojekt und gleichzeitig einer weltweiten Gebetsbewegung.

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ERF Online: Kann eine arrangierte Ehe gelingen?

Helga Solomon: Hier spielt die Anpassungsfähigkeit der Inder eine große Rolle. Es wird vor allem von der Frau erwartet, sich in der neuen Situation zurechtzufinden. Ihr wird auch die Schuld gegeben, wenn die Ehe scheitert. Vielleicht ist deshalb die Scheidungsrate so niedrig.

Aber im Prinzip sind doch Männer und Frauen überall auf der Welt gleich. Und die Ehe ist überall für ein ganzes Leben gedacht und erfordert viel Mühe und Arbeit von beiden Partnern. Eine christus-zentrierte Ehe, die auf christlichen Grundwerten basiert wie bedingungslose Liebe, Vergebung, Demut und gegenseitige Unterordnung, hat gute Chancen Bestand zu haben – egal ob in Indien oder in einem anderen Land auf der Welt.

ERF Online: Was muss passieren, damit die Frauen in Indien mehr Freiheit erleben und wertgeschätzt werden?

Helga Solomon: Eine Veränderung kann nur in den Köpfen der Menschen beginnen. Das geschieht vor allem, wenn Menschen mit anderen Kulturen in Kontakt kommen und offen für Neues sind. Jede Kultur hat ihre positiven und ihre negativen Seiten. Ich selbst habe Erfahrungen im Ausland gemacht und kenne Menschen unterschiedlicher Nationalität. Deshalb mache ich im Leben vieles anders als meine indischen Freundinnen. Ich habe nur dieses eine Leben und das will ich nicht an den gesellschaftlichen Erwartungen ausrichten. Stattdessen möchte ich mit meinem Leben und meinen Gaben Gott dienen und ehren.

ERF Online: Meinst du, dass die Radiosendungen unseres Partners TWR, z.B. „Frauen mit Hoffnung“ von Projekt Hannah, zur Verbesserung des Lebens der Frauen in Indien beitragen?

Helga Solomon: Ich glaube, dass die Radiosendungen von Projekt Hannah den Frauen in Indien viel bedeuten. Sie werden ermutigt, wenn sie merken, dass andere ihre Herausforderungen kennen und darüber sprechen. Aber Inderinnen werden sich nur dann wirklich wertvoll fühlen und selbstbewusst sein, wenn die Gesellschaft, in der sie leben, sich ändert und die Frauen so akzeptiert wie sie sind. Diese Änderung in der Gesellschaft kann meiner Meinung nach nur mit Gebet geschehen. Gott muss wirken.

ERF Online: Herzlichen Dank für das Gespräch!
 


ERF International

Projekt Hannah auf erf.de

www.projecthanna.org


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