Verfolgte Christen

„Wir sehen eine deutliche Verschlechterung“

Der Weltverfolgungsindex 2012 zeigt: Die Welt wird für Christen gefährlicher. Aber es gibt Grund zur Hoffnung. Ein Interview mit Markus Rode von Open Doors.

ERF ONLINE: Herr Rode, der neue Weltverfolgungsindex ist erschienen und die Türkei liegt auf Platz 31. In der detaillierten Länderübersicht des Index lese ich lediglich von Diskriminierung oder unfairer Behandlung vor Gericht. Stellt sich die Frage: Was meinen Sie mit Verfolgung?

Markus Rode: Wir fassen unter Verfolgung in der Regel auch die Diskriminierung. Verfolgung ist ein fließender Begriff, sie wird zudem von den Verfolgten subjektiv empfunden. Wenn also jemand Steine gegen die Hütte eines Christen in Nigeria wirft und sagt: „Wenn ihr noch einmal zur Kirche geht, dann bringen wir euch um“ - ist das Verfolgung oder Diskriminierung? Das ist schwer gegeneinander abzugrenzen.

Was aber die Türkei betrifft: Christen müssen tatsächlich bei einer Anzahl von Gottesdiensten von der Polizei geschützt werden. Das empfinden einige Christen als Verfolgung. Sonst wäre dieser Schutz für Leib und Leben nicht notwendig. Ohnehin hat sich das gesamte Klima in der Türkei in Richtung einer Islamisierung gewandelt. Das geht mit Desinformation über Christen in den Medien einher. Gerade hier hat sich die Lage in der Türkei deutlich verschlechtert. Damit wurden die islamistischen Kräfte aktiviert, gegen Christen vorzugehen.

ERF ONLINE: In diesem Sinne hat die Türkei Platz 31 verdient?

Markus Rode: So ist es zumindest in dem Index aufgeführt, und alle Länder werden nach einheitlichen Kriterien bewertet. Somit hat die Türkei diesen Platz verdient.

ERF ONLINE: Der Weltverfolgungsindex zeigt, dass sich die Lage für Christen in vielen Ländern verschlechtert, aber nur in wenigen verbessert hat. Ist die Welt für Christen unsicherer geworden?

Markus Rode: Das ist ein Fazit des Wertverfolgungsindex 2012. Wir haben insgesamt leider eine deutliche Verschlechterung, also eine härtere Verfolgung gegenüber Christen feststellen müssen. Zum Beispiel in Ägypten, einem Land des arabischen Frühlings, aber auch in Nigeria und im Sudan. Wir sehen leider kaum Verbesserungen.

ERF ONLINE: Einige Länder sind dennoch einige Plätze nach hinten gerückt, obwohl sich die Lage der Christen dort nur leicht verbessert hat. Beispielsweise ist der Iran von Platz 2 auf Platz 5 gerutscht. Liegt das hauptsächlich daran, dass sich in anderen Staaten die Lage entsprechend stark verschlechtert hat?

Markus Rode: Richtig, so muss man das sehen. Wir hätten gewünscht, dass sich die Lage im Iran verbessert und er deshalb weiter nach hinten gerutscht ist. Aber es ist, wie Sie es sagen: Wir haben eine Verschlechterung in anderen Ländern wie Saudi-Arabien und Somalia. Diese haben den Iran überholt.

ERF ONLINE: Besonders in Nigeria und im Sudan hat sich die Lage für Christen massiv verschlechtert. Beides Länder, in denen es Konflikte zwischen einem vorwiegend muslimischen Norden und einen christlich geprägten Süden gibt. Welche Parallelen sehen Sie hier?

Markus Rode: In beiden Ländern haben wir eine Aufteilung der Religionen. Im Norden von Nigeria leben vorwiegend Muslime, auch wenn es noch Millionen Christen gibt. Dort wurde in einigen Bundesstaaten offiziell die Scharia eingeführt. Diese Gemengelage haben wir auch im früheren Nord-Sudan. Besonders wo hier nach der Teilung des Landes die Scharia noch härter umgesetzt werden soll, geraten die Christen in beiden Ländern unter extreme Verfolgung. Das spiegelt sich in der Anzahl der Todesopfer wider.

ERF ONLINE: Neun der zehn schlimmsten Verfolgerstaaten und fast 60 Prozent des gesamten Weltverfolgungsindex 2012 sind muslimisch geprägte Länder. Woran liegt das?

Markus Rode: Wir sehen insgesamt eine fortschreitende Radikalisierung des Islam. Diese geht hauptsächlich von Gruppierungen aus, die noch keine große Breitenwirkung in der Bevölkerung gewonnen haben, beispielsweise die islamistische Sekte Boko Haram in Nigeria. Doch diese Gruppen verbreiten so viel Angst und Schrecken durch ihre Attentate auf Kirchen und christliche Wohnviertel, dass sie die Hauptauslöser einer Zuspitzung der Gewalt und des Klimas zwischen Muslimen und Christen sind. Das ist ihr Ziel. Sie möchten die Feindschaft gegen Christen schüren, um das Haus des Islam zu bauen - und zwar nicht nach der Methode des gemäßigten Islam. Sie wollen zurück in die Zeit Mohammeds.

ERF ONLINE: Auch in den Ländern des arabischen Frühlings scheint sich die Lage für Christen verschlechtert zu haben, besonders in Ägypten. Gibt es also eher ein böses Erwachen für die Kirchen vor Ort?

Markus Rode: Ich war vor Kurzem selbst in Ägypten und habe mit den Christen vor Ort gesprochen. Bis Mubarak gestürzt wurde, gab es eine Zeit der Hoffnung, der Befreiung und des Feierns. Diese Hoffnung ist jedoch eher in Angst und in einen islamischen Frühling umgeschlagen. Das wurde besonders deutlich in der Silvesternacht 2011, als bei der Explosion einer Autobombe vor einer Kirche in Alexandria einige Christen getötet wurden.

Bild: open doors

Christen einer Untergrundgemeinde in Nordkorea: Ihre Situation wird sich auch unter Kim Jong Un wohl nicht verbessern.

Man kann sagen, dass die so genannte Demokratisierung ein Trittbrett für die islamistischen Parteien ist - die tatsächlich auch bei den Wahlen die deutliche Mehrheit gewonnen haben. Seitdem gibt es eine Zunahme von Übergriffen auf Christen. Besonders durch die ultrakonservativen Salafisten, welche die Zeit Mohammeds zurück haben möchten. Sie fordern, dass Kirchen aus den einzelnen Kommunen und Städten ausgelagert werden. Zudem gibt es eine Zunahme der Entführungen koptischer Mädchen, auch Kirchen werden vermehrt niedergebrannt. Leider haben die Salafisten auch Sympathisanten in den Reihen der Armee, so dass selbst Teile der Armee gegen friedliche christliche Demonstrationen extrem hart vorgehen. Das schlimmste Beispiel ist das Massaker, das am 9. Oktober im 2011 in Kairo stattgefunden hat.

ERF ONLINE: Trotzdem gibt es Verfolgung nicht nur in muslimischen Staaten. Nordkorea liegt nun seit 10 Jahren auf Platz eins. Sehen Sie mit dem neuen Machthaber Kim Jong Un Chancen für Veränderung?

Markus Rode: Leider nein. Kim Jong Un hat sich voll eingereiht in die Familiendynastie der Diktatoren und selbsternannten Götter. Wenn man die Feierlichkeiten und Zeremonien sieht, bei denen er zum obersten Militär gekrönt wurde, bekommt man den Eindruck, dass es wieder einen gottähnlichen Personenkult geben wird. Wir sehen keine Anzeichen dafür, dass es zu einer Verbesserung der Situation für die Menschen im Land kommt, auch nicht für die Christen. Kim Jong Un hat sich als harter Christenverfolger schon einen Namen gemacht. Wir haben auch nicht den Eindruck, dass nach dem Tod von Kim Jong Il ein Machtvakuum entstanden ist. Gerade in den letzten Tagen hat sich die Position von Kim Jong Un deutlich stabilisiert.

ERF ONLINE: Weltweit werden schätzungsweise 100 Millionen Christen verfolgt. Viele deutsche Medien schweigen dazu, viele Menschen glauben immer noch, Christenverfolgung gab es nur im alten Rom. Woran liegt das – und was kann ich als Christ dagegen tun?

Markus Rode: Das Thema war einerseits jahrelang unterbelichtet, es ist kaum in die Medien gelangt. Es scheint in der Tat ein gewisses Tabuthema gewesen zu sein. Andererseits ist die Verfolgung von Christen jetzt präsenter, wo die Anzahl von Anschlägen radikaler Islamisten deutlich zugenommen hat. Selbst die Politik ist aktiv geworden. Ich schätze ganz besonders das Engagement von Volker Kauder und anderen Politikern, die sich sehr stark für verfolgte Christen einsetzen. Sie reisen in die Länder, machen sich selbst ein Bild vor Ort und reden nicht nur theoretisch darüber.

Bei den Möglichkeiten für verfolgte Christen ist immer die Frage: Was wollen diese Menschen selbst? Welche Hilfe fordern sie, wenn man sie fragt? An erster Stelle steht immer das Gebet. Zum Beispiel haben uns Überlebende eines Massakers in Nigeria gesagt: „Bitte gebt uns ein Versprechen: Sagt den Christen in der westlichen Welt, dass sie für uns beten sollen, um im Glauben stark zu bleiben.“

Über Open Doors

Open Doors ist ein überkonfessionelles christliches Hilfswerk, das seit über 50 Jahren in mehr als 50 Ländern verfolgte Christen unterstützt. Jedes Jahr veröffentlicht Open Doors den Weltverfolgungsindex, eine Rangliste von Ländern, in denen Christen am stärksten verfolgt werden. Markus Rode ist der Leiter von Open Doors Deutschland.

www.opendoors-de.org

Darüber hinaus brauchen wir bei dieser Dimension von Verfolgung dringend Unterstützung und Hilfe. Wir sind als christliches Hilfswerk in 52 Ländern aktiv, in denen die härteste Christenverfolgung stattfindet. Wir helfen, dass die Christen vor Ort Bibeln bekommen, dass Pastoren ausgebildet werden und unterstützen natürlich auch Gefangene und Hinterbliebene von ermordeten Christen. Das können wir nicht alleine tun.

ERF ONLINE: Sehen Sie auch hoffnungsvolle Entwicklungen?

Markus Rode: Ja, vor allem findet eine große Anzahl von Muslimen zum Glauben an Christus. Es gibt gewaltige Entwicklungen im Iran, in Saudi-Arabien und anderen muslimischen Ländern. Natürlich im Untergrund. Auch erleben wir trotz der Islamisierung in Ägypten, dass Christen enger zusammenrücken. Wie zum Beispiel am 11. November 2011, wo sich 70.000 ägyptische Christen in einer Gebetsnacht in der Höhlenkirche in Kairo getroffen haben und zwölf Stunden für ihr Land gebetet haben. Das sind Entwicklungen, die Hoffnung machen.

ERF ONLINE: Aber wie massiv sind diese Entwicklungen?

Markus Rode: Wir sind sehr zurückhaltend mit Zahlen, weil für einzelne Christen enorme Risiken bestehen. Aber über Satellitenfernsehen und das Internet kommen viele Menschen zum Glauben. Über drei Viertel aller Christen im Iran sind mittlerweile Christen muslimischen Hintergrunds!

ERF ONLINE: Herzlichen Dank für das Gespräch!


Kommentare

Von Abdullah am .

Die Christen sind weltweit eine Mehrheit von rund 2,26 Milliarden Menschen. Seit wann werden Mehrheiten auf der Welt verfolgt ? Diese angebliche "Christenverfolgung" ist nichts anderes als Politik und wird dramatisch dargestellt. Das einzigste auf der Welt, was die Christen wirklich verfolgt, ist die Schwerkraft. In vielen Ländern gibt es nun mal Gesetze, die mit Einschränkungen verbunden sind. In Deutschland kann man auch nicht alles machen, was man will, aber da braucht die Sachlage nicht mehr

Von Ulrich H am .

Ich bete nicht genug für verfolgte Christen !

Von Brigitte R am .

wenn ich daran denke, dass Christen sich in Erdlöchern verstecken müssen, jeden Tag mit Folter und Gefängnis rechnen müssen, weil sie ihrem Glauben treu sind, schäme ich mich für die weiche Art, wie das Evangelium hier in Deutschland und angrenzenden Ländern gepredigt wird. Die meisten Christen in den reichen Ländern folgen dem HERRN nicht nach. JESUS hat viel vom Leben-Aufgeben gesprochen. Wo wird das gelebt? Ich bete, dass der HERR mich lehrt, mein Leben für IHN und die Glaubensgeschwister mehr

Von walter am .

diesen Beitrag hat mich erschüttert.Der Herr segne die vervolgten Schwestern und Brüdern

Von Sabine am .

Herzlichen Dank für diese Informationen. Auch ich bin der Meinung, daß die Medien zu wenig und zu ungenau berichten über solche brisanten Themen.
Aber gerade die Jahreslosung 2012 ermutigt doch im Gebet und auch in Taten zu handeln.
Machen wir als Christen uns stark für unsere schwachen Brüder und Schwestern in den Islamischen Ländern zu beten und OPEN DOORS mit Spenden zu unterstützen.

Von rein.b am .

Ich könnte jedesmal wenn im Radio oder Fernsehen der Islam so verniedlich wir vor Wut platzen, es werden einfch von den Reportern die Wahrheit verschwiegen oder verdreht oder die neueste Masche nur die halbe Warheit gesagt, das betrifft auch besonders Israel. Was können wir tun, unterstützen und beten, immer wieder beten, es muss auf unserer Gebetsliste an erster Stelle stehen.
Herr schütte deine Gnade über die verfolgten Christen aus, danke.

Von Charly am .

Danke für die kostbaren Infos! Sie helfen einen Frischbekehrten doch sehr ;-) Ich wünsch Euch allen Gottes Segen!

Von harry.S. am .

Wir sollten unbedingt zusammen -
stehen.IN Wort und Tat.

Von Hansjoerg K. am .

Es ist "Endzeit"! Die dunklen Kräfte wollen noch sehr viel Schaden anrichten, denn lange haben sie nicht mehr Zeit! Aber das "Licht" ist immer stärker als die Dunkelheit! Gott segne Sie, meine Geschwister!

Von hans j. am .

Danke für diesen Beitrag. Habe wieder mit Beschämung feststellen müssen, das auf meiner Gebetsliste verfolgte Brüder und Schwestern gefehlt haben. Bin wieder neu zum gebet ermutigt worden. danke !


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