Würde Jesus fairtrade kaufen?

Schöner shoppen oder gerecht einkaufen?

Wie viel Gewissen kann und will ich mir leisten? Eine kritische Selbstreflektion über Fairtrade, mein Gewissen und den schnöden Mammon.

1,18 Euro am Tag. So viel verdient eine Näherin aus Bangladesch, die für H&M T-Shirts herstellt. Hinzu kommen unerträgliche Arbeitsbedingungen: Schimmel am Arbeitsplatz, sie muss 250 Shirts pro Stunde produzieren und hat sicher keinen Urlaub. Solche Zustände finden wir überall auf der Welt. Sie betreffen nicht nur die Mode-Herstellung, sondern besonders Lebensmittel wie Kaffee, Kakao, Orangensaft, Bananen, Honig. All das, was wir täglich konsumieren.

Dennoch gebe ich zu: Ich habe bisher kaum Fairtrade-Produkte gekauft. Erst ein ausführlicher Artikel in einer Zeitschrift brachte mich zum Nachdenken: Wenn schon ein Autor, der allem Anschein nach kein Christ ist, das Thema für wichtig hält, wie kann es mir als Christ so gleichgültig sein? Habe ich nicht erst recht eine Verantwortung gegenüber meinen Mitmenschen, mich für Gerechtigkeit einzusetzen? Doch was mich am meisten über mich selbst wundert: Warum habe ich kein schlechtes Gewissen, wenn ich bei H&M einkaufe?

Ist Fairtrade wirklich fair?

Vielleicht liegt es daran, dass ich mir unsicher bin, ob Fairtrade überhaupt etwas nützt. Ist es nur eine Masche, mich als Käufer dazu zu bringen, teurere Produkte zu kaufen und im Endeffekt verschwindet es in dunklen Kanälen, nur landet es nicht bei dem armen Bauern oder Orangenpflücker? Ist der Verbraucher hinterher nicht wieder der Dumme?

Meine Recherchen belehren mich eines Besseren. Das Unternehmen TransFair e.V. verkauft nämlich gar keine Produkte. Es vergibt lediglich ein Siegel an die Firmen, die sich verpflichten, klare Vorgaben einzuhalten. Das heißt: Die Arbeiter bekommen einen festen Mindestlohn, werden kranken-, renten- und arbeitslosenversichert. Zusätzlich erhält die Firma eine Sozialprämie, mit der sie zum Beispiel bessere Arbeitsgeräte oder einen Speisesaal für die Angestellten anschaffen können. Durch diese besseren Bedingungen wird nicht nur die Armut in Ländern wie Kenia, Mexiko oder China bekämpft, sondern auch der Teufelskreis, der daraus folgt: Kinderarbeit, Prostitution, die Flucht in Elendsviertel von Großstädten.

Fairtrade ist anscheinend sinnvoll. Es ist ein Mittel, die Armut zu bekämpfen. Warum kaufen dann nicht alle Christen fairtrade? Die einen vielleicht, weil sie sich noch nicht mit dem Thema beschäftigt haben. So ging es mir schließlich auch. Bei den anderen ist es vielleicht das, was ich erschrocken bei mir selbst feststellen musste: mein abgestumpftes Gewissen.

Gesellschaft ohne Gewissen

Ich bin von klein auf in einer Gesellschaft aufgewachsen, in der Shoppen ein Hobby ist und friedliche Bürger zu Tieren mutieren, wenn es darum geht, sich im Discountern den letzten Flachbildschirm aus dem Angebot zu sichern. Ich glaube, dass hier das Gewissen ganz unbemerkt abstumpft. Schließlich war das erste Argument, das mir gegen Fairtrade-Produkte einfiel: Ich kann es mir nicht leisten. Die Sachen sind viel zu teuer. Vor allem die Kleidung. Wer kann sich schon einen Pullover für 100 Euro kaufen?

Doch wenn ich ganz ehrlich bin: Ich könnte es. Ich könnte es, wenn ich mir statt drei eben nur noch einen Pullover im Jahr kaufen würde. Wenn ich auf Luxusartikel verzichten würde, wie die Spiegelreflexkamera, die ich mir schon so lange wünsche, den nächsten Urlaub oder Kleinigkeiten wie das dritte Parfum. Oder den Besuch beim Fastfood-Restaurant. Dinge, die nicht lebensnotwendig sind, sondern einfach nur Spaß machen. Doch darauf möchte ich nicht verzichten. Ich gestehe es: Ich hänge am schnöden Mammon. Meine Nächstenliebe geht nur so weit, wie ich mich nicht selbst einschränken muss. Das ist vor allem eins: erschreckend!

Würde Jesus fairtrade kaufen?

Ich frage mich, was Jesus an meiner Stelle tun würde. Die Bibel ist zum einen ganz klar, was den Lohn eines Arbeiters angeht: „Der Arbeiter ist seines Lohnes wert“, sagt Jesus in Lukas 10,7. Und Jeremia warnt: „Weh dem, der sein Haus mit Sünden baut und seine Gemächer mit Unrecht, der seinen Nächsten umsonst arbeiten lässt und gibt ihm seinen Lohn nicht“ (Jeremia 22,13). Ausbeutung wird von der Bibel in jeder Form verurteilt. Zwar beute ich niemanden direkt aus und ich trage auch keine Schuld an den schlechten Arbeitsbedingungen der Dritte-Welt-Länder. Doch bin ich – jedenfalls mittlerweile – Mitwisser. Und damit frei in meiner Entscheidung, faire Produkte zu kaufen, oder diese Hilfe zu verweigern. Ich kann damit etwas bewirken, auch wenn es H&M nicht juckt, wenn ich ein T-Shirt weniger bei ihnen kaufe.

Eine andere Bibelstelle macht besonders deutlich, welche Rolle der Konsum für mich als Christen spielen sollte. Matthäus erzählt von einem reichen Mann, der zu Jesus kommt und fragt, was er tun soll, um ins Reich Gottes zu kommen. Jesus antwortet ihm ganz schlicht: Halte die Gebote. Das tut er bereits, macht der Reiche Jesus klar und fragt, was er sonst noch machen muss:

„Jesus sprach zu ihm: ‚Wenn du vollkommen sein willst, so geh hin, verkaufe deine Habe und gib den Erlös den Armen! Und du wirst einen Schatz im Himmel haben. Und komm, folge mir nach!‘ Als aber der junge Mann das Wort hörte, ging er betrübt weg, denn er hatte viele Güter.“ (Matthäus 19,21f)

Jesus oder der Mammon

Die Geschichte macht mir zwei Dinge bewusst. Erstens, dass ich selbst reich bin. Früher dachte ich bei der Bibelstelle immer an Firmenchefs, Stars, die nur Gucci und Prada tragen oder Politiker, die sich in die Taschen wirtschaften. Aber eigentlich bin ich der Reiche. Denn ich gehöre zu dem geringen Teil der Weltbevölkerung, die einen Fernseher, eine warme Wohnung und einen vollen Kühlschrank besitzen.

Zweitens macht die Geschichte klar, dass ich ein Problem habe. Ich hänge an meinem Besitz wie der Reiche aus dem Beispiel. Es ist ja nicht so, dass ich nicht gerne Geschenke mache oder spende. Das macht mir sogar Spaß. Aber meinen vollständigen Besitz aufgeben? Könnte ich das? Wäre ich dazu in der Lage, wenn es mich schon Überwindung kostet, ein paar Euro mehr für ein Fairtrade-Produkt zu bezahlen?

Ein Fazit

„Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon“, sagt Jesus in Matthäus 6,24. Beides geht nicht. Doch sein Herz an nichts anderes als an Gott zu hängen, bleibt in unserer Konsumgesellschaft eine lebenslange Herausforderung. Ich möchte mich ihr stellen, auch wenn es schwer ist. Vielleicht fange ich damit an, mein Einkaufverhalten zu verändern. Das geht sicher nicht immer, gerade dann, wenn jemand Kinder hat und jeden Cent zweimal umdrehen muss. Dann sollte die Verantwortung für die Familie natürlich an erster Stelle stehen. Dennoch kann man bei kleinen Dingen anfangen. Bei fair gehandeltem Kaffee oder Tee, oder einem Fairtrade-Kleidungsstück im Jahr. Und das nicht, um mein Gewissen zu beruhigen oder mich besser zu fühlen. Sondern weil Jesus es auch tun würde. Weil er nicht auf sein Portmonee schauen würde, sondern auf den Menschen, der für genau dieses Produkt gearbeitet hat. Und weil ihm dieser Mensch seinen Lohn wert ist.


Mehr Infos zum Thema Fairtrade: www.fairtrade-deutschland.de

Eine Übersicht über Anbieter von fair gehandelter Mode gibt es hier: http://www.modeaffaire.de


Kommentare

Von Stefan am .

Und wieder eine neue Möglichkeit unser Gewissen rein zu waschen – ähh greenwashen natürlich. Viele schöne Bibelstellen, alle irgendwie richtig, alle wahr. Viele gute Gedanken, alle irgendwie richtig, teilweise auch wahr.
Und doch: Reingefallen! Mein Gewissen wird nicht reiner wegen Fairtrade, sondern weil Jesus mich frei gemacht hat. Aber klar; Fairtrade ist cool und easy, ne seichte praktikabel Möglichkeit sich „rein zu waschen“. So kommen und gehen die Ideologien. So kamen und verschwanden mehr

Von Hanna Kellner am .

Es sollten die Menschen die bei H&M einkaufen echt mal richtig Nachdenken ob sie wirklich bei H&M einkaufen müssen weil die Näherinnen in Bangladesch werden so ausgenutzt. Wir werden gezwungen, Überstunden zu machen, manchmal tagelang. Wenn die Arbeit bis 3 Uhr morgens nicht fertig ist, wird man gezwungen bis 5 Uhr zu arbeiten. Wenn man dann nicht fertig wird, muss man bis 12 Uhr am nächsten Tag arbeiten, so dass man manchmal gezwungen ist 3 Tage durchzuarbeiten. un des Finde ich unter aller Kanone. Deshalb kaufe ich nie wieder bei H&M ein.

Von Imanuel am .

Ganz herzlichen Dank für diesen Beitrag!

Von Birgit E. am .

Liebe Kim Rosta,
es tut gut zu wissen, dass immer mehr Menschen über Fairtrade nachdenken. Und man kann als Christ auch noch mehr tun. Wir verkaufen z.B. nach dem gottesdienst in unserer Gemeinde faire Produkte (holen sie aus dem Welt-Laden selbst - geht auch über Kommission) und schenken fairen Kaffee aus. Ich wünsche Ihnen mehr Mitstreiter um sich herum und mit Gottes Hilfe Mut zum Nachmachen! eine gesegnete Adventszeit wünscht Birgit eggert

Von RealDeal am .

Nachtrag: Simons Seitenhieb auf die typisch Deutsche Fernstenliebe á la EKD ist ebenfalls beizupflichten.

Von RealDeal am .

Ich kann dem Beitrag von Simon nur beipflichten. Es sind vor allem vom öffentlichen Dienst gut versorgte Angestellte und Beamte, die sich den Wohlfühl-Luxus des sozial gerechten Einkaufens leisten können. Dies vor allem - von Simon richtig erkannt - auf Kosten des ständig schrumpfenden und immer weiter ausgepressten Mittelstandes. Der Philosoph Rahim Taghizadegan stellte einmal fest, dass gerade diejenigen, die niedrige Löhne anprangern, die niedrigsten Löhne zahlen, nämlich gar keine Löhne.

Von maite am .

danke für den praktischen beitrag plus weiterführende links. trotz seiner länge find ich den text gut und informativ geschrieben, hat mich ganz schön zum nachdenken angeregt und den "sorglosen" konsum mit mehreren fragezeichen versehen. leider vermisst habe ich die berichterstattung über gepa, die initiave der evangelischen kirche für menschenwürdigen handel, die das ganze modell auch ins leben gerufen hat. fair trade ist für mich persönlich immer ein bisschen undurchsichtig. welche mehr

Von Sonja am .

Ein super Artikel zu einem wichtigen Thema, vielen Dank!
Mein Mann und ich leben beide schon seit Jahren auf Hartz-IV-Niveau, haben aber trotzdem vor ca. 2 Jahren unseren Konsum auf FairTrade umgestellt. Heute kaufen wir nahezu alle unsere Lebensmittel nur noch aus fairem Handel. Überraschung: Das geht! Klar muss man ein bisschen genauer aufs Geld schauen, aber Fairtrade ist nicht sooo viel teurer wie unfair produzierte "normale" Produkte. Deshalb meine Ermutigung an alle: Probiert es mal aus!

Von Simon am .

Ich kaufe nicht Fairtrade, weil ich mir es einfach nicht leisten kann!
Also ist es nicht unbedingt ein Einstellungsproblem gegenüber fairem Handel, sondern auch hier ein Sozialproblem. Auch wenn ich im Vergleich zu einer Näherin in Kambodscha ein Vermögen verdiene, so reicht es mir in unserer Gesellschaft nur zum Nötigsten.
Der Mittelstand in Deutschland ist mittlerweile nicht (bzw. war es noch nie) in der Lage FAIRE Produkte zu bezahlen.
Wenn ich mir also einmal im Jahr 20,- EUR im Monat von mehr

Von Adele am .

Es ist schon schade, wie wenig sich Menschen für fairen Handel interesieren, besonders auch Christen. Es gibt in vielen Orten (auch in sehr kleinen) "Weltläden", wo man einen Teil seiner Lebensmittel fair kaufen kann. Aber das Angebot bei ...mit 2,99 Euro für 500g Kaffee ist doch zu verlockend, da muß man doch kaufen, oder? Es ist doch so leicht mit einer Spende für "Brot für die Welt" sein Gewissen zu beruhigen - man hat ja was für die Armen getan. Durch den fairen Handel wird sicherlich kein mehr

Von Eva am .

Danke für die Kombi aus Bibelstellen, Sachinfos, Selbstkritik, und Handlungsvorschlägen! Den Artikel werde ich fleißig weiterempfehlen. :-)

Von Sabine am .

Danke für den Beitrag. Wir wissen einfach viel zu wenig über diese Dinge, denken nicht nach und schauen auf billige Preise. Ich werde in Zukunft mit mehr Aufmerksamkeit einkaufen, zumal es ja auch schon Handelsketten gibt, die diesen Markt unterstützen. Was ich dabei nicht gut finde, daß jede Supermarktkette ein eigenes Logo entwickelt hat. Das irritiert meiner Meinung sehr, denn ein einheitliches Logo würde schneller bekannt werden.Aber das ist Sache der Firmen.Schade eigentlich :-(

Von Anne am .

Wer auf der Suche nach fair gehandelter Kleidung ist, wird auch bei www.utopia.de - Gute Adressen fündig.

Von Grace am .

Eine Möglichkeit, sich für fairen Handel einzuseten, ist Firmen direkt anzuschreiben und nachzufragen, unter welchen Bedingungen sie ihre Arbeiter produzieren lassen. Daneben kann man deutlich machen, dass man faire Bedingungen erwartet. Ich denke mir immer, dass das gerade bei Markenklamotten, die ein Schweinegeld kosten, für die Firmen kein Problem sein dürfte. Ich muss also nicht zwangsläufig nur noch fair gehandelte Kleidung etc. kaufen, kann aber durch mein Nachfragen die Firmen zu mehr

Von Cornelia K. am .

Auch von mir danke für den Artikel - und den Link, den kannte ich noch nicht.
Dieses Thema beschäftigt mich auch immer mal wieder. Und dann schiebe ich es wieder zur Seite. Nicht so sehr bzgl. Lebensmitteln, die gibt es inzwischen ja wirklich in großer Auswahl im Discounter um die Ecke (und man fühlt sich schon auch gut, wenn man wenigstens hier halbwegs "fair" kauft ;-)).
Bei mir ist es oft einfach eine Frage der Bequemlichkeit. Wo bekommt man schon faire Kleidung/Schuhe? Und der Auswahl. mehr

Von Eva F. am .

Danke für den Artikel. Wie schnell sind wir dabei Sünde beim Namen zu nennen. Z.b. Ehebruch, und der damit verbundene Blick unter die Bettdecke des Nächsten. Und die eigene Ausbeutung der Armen? Die Sünde ist nicht so bemerkenswert? Christen tragen Verantwortung. Auch für den Armen, den wir nicht sehen.


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