Themenwoche Ehe und Partnerschaft

"Du bist immer noch schön für mich!"

60 Jahre verheiratet und immer noch verliebt. Wie das klappen kann? Kim Rosta fragt zwei, die es wissen müssen.

Was braucht ein Paar, um dauerhaft glücklich zu sein? Gleiche Interessen, Toleranz und Treue, genug Geld, das die Sorgen fernhält? Ich möchte genau das wissen und frage ein Paar, das es definitiv wissen muss: Meine Großeltern Emmi(85) und Bernhard Weitzel(83). Sie haben es nämlich geschafft: Satte 60 Jahre sind sie verheiratet und immer noch verliebt! Ich lade mich also kurzerhand selbst ein und starte meine Mission. Vielleicht bekomme ich es ja raus, das Geheimrezept der ewigen Liebe, möglichst mit allen Zutaten, den exakten Mengenangaben und der richtigen Verarbeitung.

Die Freude ist groß, als ich den Hof betrete, in dem ich schon als kleines Kind gespielt habe. Mein Opa steht in der Hofeinfahrt, mit beiden Händen am dunklen Holztor abgestützt. Seit einigen Jahren hat er neue Kniegelenke. Der Krieg hat seine Spuren hinterlassen. Er drückt mich fest und führt mich ins vertraute Heim. Ich drücke meine Oma, wir lachen und plaudern ein wenig und setzen uns an den Esszimmertisch.

Besser als Hollywood

„Es war uns von Anfang an wichtig, dass wir den Weg mit Gott gehen“, erklärt mir meine Oma, als sie Revue passieren lässt, wie alles begann. Es war ein verschneiter Sonntagabend im Jahr 1949 nach einer Evangelisation, als sie sich zum ersten Mal trafen. Ein kurzer fester Händedruck und einer tiefer Blick in die Augen war alles. „Wir konnten ja nichts sagen, die Eltern waren dabei“, erklärt sie weiter. „Dann verloren wir uns aus den Augen.“ Keine einfache Situation, denn in Zeiten ohne Smartphone und Facebook war es recht unwahrscheinlich, dass man sich noch mal traf. Schließlich kannten sie nicht mal ihre Namen. Doch sie sahen sich wieder. Zwei Monate später in der Stadt, beide in Eile. Doch die Chance wollten sie nicht ungenutzt lassen. Schnell klärten sie das Wichtigste: wie sie hießen, ob es für ihn ein Problem ist, dass sie älter ist und ob beide gläubig sind. „Dann stand uns nichts mehr im Wege“, erklärt sie, „damit fing’s an“. Obwohl sich ihre Geschichte anhört wie eine Hollywood-Schnulze, ist sich Oma sicher, dass Gott hier seine Finger im Spiel hatte: „Das war kein Zufall, das war Gottes Fügung.“

Ich kenne aber auch viele Christen, die sich scheiden ließen. Was ist es also noch, das eine Ehe gelingen lässt, möchte ich von meinen Großeltern wissen. Ist es ein möglichst sorgenfreies Leben, das die Harmonie auf Dauer bestehen lässt? Geld macht bekanntlich nicht glücklich, doch trägt es vielleicht dazu bei, weniger Sorgen zu haben und so unbeschwerter die Ehe zu genießen, sich Träume zu verwirklichen und vieles mehr? Meine Großeltern belehren mich schnell des Gegenteils, als ich sie danach frage.

Der harte Alltag in der Nachkriegszeit

„Nach dem Krieg hatten wir nicht viel. Das war eine harte Zeit, vor allem mit vier Kindern.“, erklärt Oma. Die Familie war mittlerweile gewachsen und alle Kinder zu ernähren war eine tägliche Herausforderung. Sieben Jahre lang hatte mein Opa zwei Jobs. Und dennoch mussten sie jeden Pfennig zweimal umdrehen. „Man hat nicht viel verdient“, erklärt Opa und schaut Gedankenverloren vor sich hin, „es gab noch gar nicht viel. Die Wirtschaft war nach dem verlorenen Krieg noch gar nicht richtig angekurbelt. Erst Adenauer brachte die Wirtschaft wieder vorwärts, der war ein guter Bundeskanzler.“

Auch die tägliche Hausarbeit war kein Zuckerschlecken. Als mein Opa mir berichtet, dass er nachts um zwei Uhr aufstand, um das Feuer für den Waschkessel anzumachen, stimme ich in Gedanken ein Loblied auf den Erfinder der Waschmaschine an. „Wenn die Kinder wach wurden, hatte ich die Wäsche schon gemacht“, ergänzt Oma. Ich bin gewohnt, meine Waschmaschine anzustellen, während sie läuft zu kochen und später die Klamotten schnell aufzuhängen. In Omas Fall heißt es jedoch: Jedes Teil einzeln und von Hand waschen. Eine mühselige Arbeit. Dass die meisten Frauen zu dieser Zeit kein Interesse an einer Arbeitsstelle hatten, ist nur allzu verständlich. Haushalt und Kindererziehung waren mehr als ein Fulltime-Job.

Finanzielle Sorgen haben sie gekonnt gemeistert. Was gefährdet eine Ehe noch und birgt Streitpotenzial? Ist es die Kindererziehung? Das frage ich meine Großeltern. „Dadurch, dass Bernhard den ganzen Tag auf der Arbeit war, hing die ganze Last auf mir“, erklärt Oma. Dadurch gab es auch keinen Streit bei der Erziehung. Zum einen war die Rollenverteilung geklärt. Zum anderen war man sich über die wichtigsten Erziehungsfragen einig. Das klingt simpel und unmodern, aber vielleicht ist es gar nicht so falsch.

Wenn die Ehe auf die Probe gestellt wird

Weder Geldsorgen, Hausarbeit noch Erziehung konnten meine Großeltern auseinanderbringen. Auch wenn es natürlich auch mal Reibereien gab. Aber ihr Glaube hielt auch in Krisenzeiten stand. Auch Krankheit und der Tod des ältesten Sohnes konnten sie trennen. Im Gegenteil: Es schweißte sie mehr und mehr zusammen. „Durch Gebete haben wir viele Erfahrungen mit dem Herrn gemacht. Gemeinsam haben wir das alles geschafft.“ Die beiden lächeln sich an.

Ob sie sich nicht auf den Wecker gehen, möchte ich wissen. Nein, bestätigen sie mir meinen Eindruck. „Wir sind so miteinander verwachsen. Wir machen alles zusammen. Das ist bei uns immer so.“, erzählt Opa stolz. Und Oma erklärt mir danach, dass sie immer noch reichlich Komplimente bekommt: „Er sagt oft zu mir: Du bist immer noch so schön für mich.“ Sie lächelt verschmitzt. Mein Opa nickt zustimmend. Sie sind es wirklich – immer noch glücklich.

Drei Punkte für eine gelingende Ehe

Es ist nun an der Zeit, meine alles entscheidende Frage zu stellen: Wenn es nicht das Geld oder das sorgenfreie Leben ist, was ist es dann, das eine Ehe auf Dauer zusammenhält? Es sind drei Dinge, die mir meine Großeltern mit auf den Heimweg geben:

„Das Wichtigste ist, dass man alles, was man plant, zusammen durchspricht und dann für die Entscheidung betet“, erklärt mein Opa, „und wenn man sich nicht sicher ist, einfach eine Nacht drüber schläft. Dann sieht man manches von einer ganz anderen Seite.“

„Zum anderen sollte man immer ehrlich zueinander sein“, fährt sie fort. „Wenn einem etwas nicht gefällt, muss man es dem Partner sagen – aber in Liebe. Und wenn mal ein bisschen Zwiespalt gewesen ist, dann muss man das bekennen.“ „Vor dem Schlafengehen!“, fügt Opa energisch hinzu. „Und man muss bereit sein, sich zu vergeben. Wenn man etwas falsch gemacht hat, dann sollte man das bekennen, auch vor Gott. Dann vergibt man sich und betet dafür. Danach ist das Verhältnis dann umso schöner“, schließt meine Oma den letzten Punkt und lächelt ihren Ehemann an.

Wenn man meine Großeltern so sieht und erlebt, scheint es so leicht zu sein: Entscheidungen gemeinsam treffen und dafür beten, ehrlich sein und vergeben. Das klingt so einfach. Zu einfach. Ich kenne diese Punkte, sie sind eigentlich logisch. Vermutlich scheitern die meisten Ehen nicht am Wissen darum, sondern an der praktischen Umsetzung.

Wahres Glück ohne Hokuspokus

Mein Fazit fällt daher positiv und doch nüchtern aus: Es gibt kein Geheimrezept! Nach Geheimrezepten fragen nur faule und naive Leute, die glauben oder vielmehr hoffen, dass eine Ehe mit irgendeinem einem magischen Trick glücklich zu erhalten ist und vergessen: Es ist und bleibt Arbeit – vor allem an sich selbst. Denn vergebungsbereit zu sein, kostet Überwindung und Kraft. Es ist nicht einfach, Dinge nicht beim nächsten Streit wieder aus der Tasche zu zaubern. Es ist schwer, immer ehrlich zu sein. Es ist Arbeit, alle Entscheidungen gemeinsam zu treffen, weil die Entscheidung nicht immer nach meinen Vorlieben ausfällt.

Es ist leichter zu meckern über das wenige Geld oder das, was ich so gerne einmal machen würde und nicht kann. Und es ist umso schwerer, von Herzen dankbar und zufrieden zu sein. Und was vermutlich am schwierigsten ist: Gemeinsam mit dem Partner die Beziehung zu Gott zu pflegen, sich gegenseitig im Glauben zu helfen, sich auszutauschen und zu ermutigen, gemeinsam Bibel zu lesen und zu beten. Ehe ist und bleibt harte Arbeit, auch nach vielen, vielen Jahren. Doch meine Großeltern beweisen mir: Es lohnt sich! Das, was man reinsteckt, bekommt man hundertfach zurück. Aus einem Rohdiamanten einen kostbaren funkelnden Stein zu machen, kostet eben viel Mühe. Doch genau das macht ihn nachher so wertvoll.
 


Kommentare

Von Yuee huang am .

Das ist ein Gottes Geschenk! Toll.

Von Veronika am .

Vergelt's Gott für dieses Beispiel einer sehr guten Ehe. Ich wünsche Emmi und Bernhard Gottes reichen Segen und noch viele schöne Jahre! Gott hat sie zusammengeführt und hält sie fest in seinen Händen!

Von Dorothea V. am .

Was für eine Gnade, hat Gott den Beiden geschenkt , das sie 60 Jahre ihres Leben gemeinsam gehen dürfen und sie immer noch für ein ander da sind. Auch wenn sie wohl in ihrem Leben durch Höhen un tiefen der Kriege gegagen sind , so hat Gott sie immer wieder an die hand genommen . Ja es ist Gnade, das zwei Menschen sich heute noch so lieben wie vor 60 Jahren . Sie haben sich das Ja Wort gegeben in guten wie in schlechten Zeiten. Sie habe zusammen gehalten weil eine große tiefe Liebe sie immer mehr

Von Idda am .

Nach fast 25 Jahren Ehe, gemeinsamem Einsatz als Missionare, viele Jahre als einzige Weisse (zusammen mit unsern Kindern) in einem afrikanischen Dorf und midestens so verliebt wie am Anfang, möchte ich zu diesem Artikel noch was hinzufügen: ja, Ehrlichkeit, gemeinsames Arbeiten und Vergebung sind wichtig, aber am wichtigsten scheint mir, dass beide das biblische Prinzip, die Interessen des andern höher zu stellen als seine eigenen (Phil.2:3-4), wirklich in die Tat umsetzen; oder auch wie es im mehr

Von Bernd Isenberg am .

Danke für das schöne Beispiel einer einer langjährig gelungenen Ehe. Es macht Mut. Auch ich möchte auch einmal nach 60 Jahren noch für meine Frau schwärmen. Nun bin ich 29 Jahre glücklich verheiratet, und ich weiß, wenn ich diese 60 Jahre auch erreichen will, und Gott sie uns schenkt, daß sie jeden Tag mit "Ehearbeit" verbunden ist. Sie hört nie auf, aber es lohnt sich, sie zu investieren.
Danke auch für die anderen mutmachenden Beiträge zum Thema Ehe auf ERF-online.

Von Friedlinde B. am .

Ja, so ähnlich war es bei meinen Eltern, die nun durch den Tod der Mutter getrennt sind. Aber mein Vater profitiert noch immer von der gelebten guten Beziehung. Und da wo Ehe oft schwierig ist, einer der Partner ein "Stinkstiefel" ist, gibt es auch Hoffnung. Gerade in den letzten Wochen habe ich es erlebt, das auch nach 60 Jahren eine Entschuldigung möglich wird. Solche Engelsgeduld zahlt sich aus. Möglich wurde sie in den zwei mir bekannten Fällen durch das tief Verwurzeltsein im Glauben. Das mehr

Von Ludwig R. am .

Da kann man nur sagen: Herzlichen Glückwunsch und Halleluja gelobt sei der Herr. :-) Gottes Segen auch weiterhin.

Von Brandenburger am .

Ein wunderbarer Lebensbericht, der Hoffnung macht voller schöner Bilder. Danke dafür! :-)
Ich werde heute Abend an der Umsetzung arbeiten und versuchen, in Liebe ehrlich zu meiner Partnerin zu sein. Mit Gottes Hilfe gelingt das hoffentlich! ;-)


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