Interview Lesezeit: ~ 6 min

Weite Steppen und reichlich Kohle

Angela Merkel hat die Mongolei besucht. Warum dem Land eine steile Karriere bevorsteht und wie die Christen dort leben – ein Interview.

Dr. Markus Dubach ist Leiter der ÜMG Schweiz und ehemaliger Leiter der Schweizer Entwicklungszusammenarbeit in der Mongolei. Er spricht neben Deutsch auch Mongolisch und wurde 2009 mit dem „Polarstern“, der höchsten Auszeichnung der mongolischen Regierung für ausländische Bürger, geehrt. ERF Online hat mit ihm über den Besuch von Angela Merkel und die Lage der Christen vor Ort gesprochen.


ERF Online: Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel besucht heute die Mongolei, ein Land das Unmengen wertvoller Rohstoffe birgt. Die deutsche Bergbauindustrie erhofft sich einen Milliardendeal. Warum braucht die Mongolei Unterstützung aus Deutschland?


Markus Dubach: Das hat größtenteils mit der Geschichte zu tun. Die Mongolei war seit 1921 das zweite sozialistische Land unter russischer Schirmherrschaft. Hinzu kam die DDR, die innerhalb des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe das Mandat bekam, in der Mongolei die Entwicklungszusammenarbeit zu fördern. Das hat auch sehr gut funktioniert. Die DDR hat in der Mongolei Gewaltiges geleistet.

Viele Mongolen sind in der DDR ausgebildet worden. Als wir 1993 in die Mongolei kamen, sagte man uns, dass etwa 30.000 Mongolen gut Deutsch können! Dieses Erbe wurde nach der deutschen Wiedervereinigung weitergeführt. Seither hat Deutschland immer die Entwicklung der Mongolei bestärkt, mitgeprägt und sehr stark auf eine nachhaltige Nutzung der ökologischen Ressourcen gedrängt.

ERF Online: Im 13. Jahrhundert herrschten die Mongolen unter Dschingis Khan schon einmal über ein Weltreich. Wird die Mongolei bald eine bedeutende Rolle am globalen Marktplatz einnehmen?

Markus Dubach: Die Mongolei wird wieder so einen wichtigen Platz einnehmen. Einerseits schon wegen ihrer strategischen Position zwischen den Großmächten China und Russland. Die Mongolei hat sich zudem über Jahrhunderte, sogar Jahrtausende zwischen diesen großen Blöcken bewährt und hat überdauert. Sie wird auch weiter fortbestehen.

Die Mongolei verfolgt zudem eine so genannte Politik des Dritten Nachbarn. Das heißt, es gibt neben den beiden unmittelbaren Nachbarn Russland und China Staaten, die mit der Mongolei freundschaftliche Beziehungen unterhält. Dazu gehören Deutschland, die Schweiz und andere Länder. Die Mongolei fördert ganz bewusst diese Beziehungen, um ihre Abhängigkeit von den beiden Supermächten auszugleichen. Wegen der strategischen Lage ist natürlich auch das Interesse von anderen Ländern wie Deutschland, Amerika und Japan an der Mongolei groß. Diese Länder tun alles, damit die Mongolei weltweit eine wichtige Rolle einnimmt.

ERF Online: Trotzdem lebt rund ein Drittel der Mongolen unterhalb der Armutsgrenze. Was haben diese Menschen von möglichen Wirtschaftsabkommen mit Deutschland?

 

 

Markus Dubach: Jedes rohstoffreiche Land hat die Herausforderung, die Gewinne von Rohstoffen fair zu verteilen. Unter dem Kommunismus war das recht gut organisiert: Es gab ein freies Gesundheitswesen und freie Ausbildung für Kinder. Der größte Teil der Staatseinnahmen kam von der Kupfermine in Erdenet [drittgrößte Stadt der Mongolei; Anm. d. Red.].

Heute gibt es einen Entwicklungsfonds, der die Menschen im Land an den Einnahmen aus dem Bergbau beteiligt. Das Geld soll also nicht einfach ins Staatsbudget einfließen oder sonst irgendwo versickern, sondern bewusst für die Weiterentwicklung des Landes eingesetzt werden. Die Mongolen überlegen sich also, wo sie die Einnahmen jetzt investieren, um dann zu profitieren, wenn die Rohstoffe zur Neige gehen. Angedacht sind zum Beispiel die Bereiche Handel, Banken, Software, und Informatik.

ERF Online: US-Präsident Obama hat Frau Merkel als „Stimme für Menschenrechte weltweit“ mit der Freiheitsmedaille der Vereinigten Staaten ausgezeichnet. Hätte sie etwas an der Mongolei auszusetzen?

Markus Dubach: Sie hätte nicht unbedingt etwas auszusetzen, würde die Mongolei aber ermutigen, den Weg, den sie eingeschlagen hat, weiter zu verfolgen. Die Mongolei hat eine sehr starke bürgerliche Gesellschaft, es gibt sehr viele Nichtregierungs-Organisationen und andere zivilgesellschaftliche Organisationen. Gerade was Menschenrechte betrifft. Religionsfreiheit wird zum Beispiel hoch geachtet. Die Mongolen diskutieren auch oft über das harmonische Zusammenleben zwischen Buddhisten, Christen und Moslems in der Mongolei. Trotzdem: Weil jetzt wirtschaftliche Entwicklungen von großer Tragweite stattfinden, ist es wichtig, Menschenrechte und Korruption zum Thema zu machen. Aber diese Dinge sollten ohnehin nicht nur von Frau Merkel angesprochen werden, sondern von jedem verantwortlichen Staatschef.

ERF Online: Laut Wikipedia hat die Mongolei zwischen ein und sieben Prozent Christen. Wie viele sind es denn nun?

Markus Dubach: Es gab letztes Jahr eine Volkszählung. Die Leute konnten ankreuzen, zu welcher Religion sie sich hingezogen fühlen. Und die offiziellen Resultate sprechen von etwa vier bis fünf Prozent.

ERF Online: Nicht besonders viele…

Markus Dubach: Das war aber schon anders! Das Christentum war vom siebten bis zum vierzehnten Jahrhundert sehr stark vertreten in der Mongolei, teilweise auch die vorherrschende Religion. Viele von den einflussreichen Leuten am Hof von Dschingis Khan, wie auch die Mutter von Kublai Khan [Enkel Dschingis Khans und bedeutender mongolischer Herrscher; Anm. d. Red.], und andere waren Christen. Dann ist das Christentum verschwunden und bis 1991 gab es nur sehr, sehr wenige oder gar keine Christen. Seit 1991 hat das Christentum wiederum stark zugenommen. Von einer Handvoll Leute damals auf 50.000 bis 90.000 laut Statistik heute. Das ist doch ein schönes Wachstum! Die Evangelische Allianz in der Mongolei hat das Ziel, dass im Jahre 2020 zehn Prozent der Bevölkerung Christen sind.

ERF Online: Eine Menge! Wie aber werden die Menschenrechte in Bezug auf Christen heute eingehalten?

Markus Dubach: Ich denke, sie werden sehr gut eingehalten. Es herrscht Religionsfreiheit im Land, die Kirchen müssen sich jedoch staatlich registrieren lassen. Dabei gibt es Probleme. An manchen Orten wird die Bewilligung des Antrags hinausgezögert. Oft mit der Begründung, dass es in einem Dorf nicht fünf christliche Kirchen neben nur einer buddhistischen Glaubensgemeinschaft geben darf.

Die Mongolei ist rund viereinhalbmal so groß wie Deutschland, hat aber nur etwa drei Millionen Einwohner. Sie gilt als eines der wenigen noch nicht erschlossenen Rohstoffreservoirs. Wichtige Ressourcen sind Kohle, Kupfer und Gold.

Der Grund dafür ist, dass die Mongolei sehr stark vom Harmoniegedanken geprägt ist. Harmonie heißt für Mongolen, dass für einen Ort jeweils nur eine christliche, buddhistische oder moslemische Gemeinschaft registriert ist. Unverständlich ist für viele Regierungsvertreter also, warum sich jede Kirche einzeln registrieren lassen will. Die Christen sagen doch, sie glauben an denselben Jesus und haben dieselbe Bibel – warum können sie sich dann nicht als eine Gruppe registrieren lassen? In manchen Aimags [Verwaltungseinheiten, „Bundesländer“ der Mongolei; Anm. d. Red.] ist das auch so geschehen. Christen haben sich lokal zusammengeschlossen und sich als Verband christlicher Kirchen registriert. Das funktioniert gut und das Christentum wächst in diesen Gebieten.

ERF Online: Das klingt alles nicht schlecht. Gibt es dennoch besondere Herausforderungen für die Christen in der Mongolei?

Markus Dubach: Zu den besonderen Herausforderungen gehört vor allem die Alkoholsucht. Wodka ist immer noch die Volksdroge Nummer eins. Die Christen haben in diesem Bereich sehr viele Angebote geschaffen, die Alkoholikern helfen, frei zu werden. Da sind zum Beispiel die Selbsthilfegruppen der Anonymen Alkoholiker, die von JCS International gegründet wurden, einer Vereinigung christlicher Organisationen in der Mongolei. Diese Gruppen gibt es seit 18 Jahren, inzwischen haben sie sich über das ganze Land ausgebreitet.

Andere Herausforderungen sind die große Anzahl von Straßenkindern und Waisen, auch die Sterbebegleitung alter Menschen. Denn durch den wirtschaftlichen Aufschwung haben viele Familien weniger Kinder. Viele der Jungen Generation gehen zudem ins Ausland. Es gibt also alte Leute in der Mongolei, die keine unmittelbare Familie mehr vor Ort haben. Christen haben nun begonnen, diese Menschen zu pflegen, sie zu begleiten und ihnen mit Liebe zu begegnen, auch in diesen letzten Monaten, Tagen oder Stunden.

ERF Online: Aufgrund der großen Vorkommen an Rohstoffen sieht die Mongolei also möglicherweise einer viel versprechenden Zukunft entgegen. Gilt das auch für die Christen?

Markus Dubach: Ja. Christen sind, wenn man die Leute fragt, sehr geachtet. Mir haben Mongolen immer wieder gesagt: „Markus, ich selber bin zwar kein Christ. Aber meine Kinder sollen in die Kirche gehen, weil sie dort gute Prinzipien lernen, nicht trinken und nicht rauchen. Das wünschen wir uns für unsere Kinder.“ Christen haben in der Gesellschaft hohes Ansehen.

Natürlich gibt es weitere Hürden. Der Umgang mit anderen Religionen zum Beispiel, vor allem auch dem Schamanismus, der in den letzten Jahren stark zugenommen hat. Hier müssen die Christen lernen, wie sie mit Menschen umgehen, die von anderen Mächten stark beeinflusst oder sogar an sie gebunden sind. Da wird es noch einiges an Herausforderungen geben. Aber im großen Ganzen werden die Christen sich weiter aktiv am Aufbau der Gesellschaft beteiligen.

ERF Online: Herzlichen Dank!


Podcast der Kanzlerin zur Asienreise


Kommentare

Von jjk am .

wir -mein mann und ich- waren 2001 auf der durchreise in der mongolei. es ist ein wunderbares land, damals waren viele angefangene bauten zu bestaunen -jugoslawien ist zerfallen- die chinesen wollten das land für sich uw usw
uns hat überrascht wie viel menschen deutsch sprechen - die hatten in (ost)berlin studiert!! leider war ich zu der zeit kein bekennender christ und habe mich für religion nicht engagiert.

Von Alfred A. am .

Danke für den Bericht. Die Mongolei ist für mich sehr weit entfernt, auch weiss ich bisher nur sehr wenig über die Menschen dort, über deren Wirtschaft, deren Kultur und Glauben. Wenn wir demnächst wirtschaftlich zusammen arbeiten können zum Wohle beider Seiten, würde ich das sehr begrüßen.
Leben möchte ich dort nicht.

Von Grace am .

Danke für dieses informative Interview zu einem Land, über das man doch recht wenig weiß!

Von thomas am .

Ich habe mir unlängst bei Phoenix alle 5 Folgen von Immer ostwärts angeschaut und muss sagen, dass mir die dortige Landschaft am wenigsten zusagt: Keine Bäume, meistens flach, nur Gras, eintönige, monotone, zum Teil sehr trockene Landschaft - eine kleine Ausnahme sind die sehr seltenen, verstreuten Seen. Ob man darin wohl baden kann? Aber das Klima mit -40 Grad im Winter! Unvergleichbar mit der sehr abwechslungsreichen, hügelig bewaldeten Umgebung Innermährens mit dem ziemlich milden Klima. Es mehr


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