Buchrezension

Generation Wodka

Immer mehr Kinder und Jugendliche saufen, was das Zeug hält. Dieses Buch liefert erschütternde Geschichten, aber auch Lösungsansätze.

Eins ist klar nach der Lektüre dieses Buches: Deutschland leidet an einer schweren Form von Schizophrenie. 2005 hat der Bundestag mit großem Elan das Anti-Raucher-Gesetz verabschiedet. Seither ist das Rauchen in öffentlichen Verkehrsmitteln, an Schulen und an vielen anderen Orten verboten. Die Werbung für Tabakwaren in TV und Radio ist ohnehin seit 1975 tabu.

Beim Alkohol, der Volksdroge Nr. 1, sieht es anders aus. Bierhersteller werben zur besten Sendezeit in und um Tatort und Sportschau. Es stört wenige, wenn jemand seinen Schnaps in der U-Bahn trinkt. Alkohol hat eine starke Lobby und ist gesellschaftlich schlicht akzeptiert.

100 Millionen, damit der Alkohol billig bleibt
„Generation Wodka“ beschreibt die erschreckende Folgen, die diese Praxis vor allem für Jugendliche hat. Jeder zehnte 12-jährige Schüler dröhnt sich heute nach Auskunft der Autoren mindestens einmal in der Woche zu, die häufigste Todesursache bei Jugendlichen sind Verkehrsunfälle in Verbindung mit Alkoholkonsum. Zudem bilden Verhaltensstörungen durch Alkohol bei Jugendlichen die häufigste Diagnose in der Gruppe der psychischen Störungen.

Bild: adeo

Bernd Siggelkow u.a.
Generation Wodka
Wie sich unser Nachwuchs mit Alkohol die Zukunft vernebelt
adeo
ISBN 3942208458
192 S.
14,99 €

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Natürlich kann man einwenden: Sollen sich Jugendliche doch zudröhnen, sie schaden sich ja in erster Linie selbst. Das Buch arbeitet jedoch gut heraus, dass diese Gedanken zu kurz greifen. Schließlich war jeder vierte heranwachsende Straftäter schon 2007 zur Tatzeit alkoholisiert – die Opfer meist nicht. Die schädlichen Wirkungen von Alkohol und des Rauchens zusammen sind für jede zehnte Krankenhausbehandlung in Deutschland verantwortlich – die Rechnung bezahlen aber wir alle. Nicht zuletzt unterstützt Deutschland 22.000 Kleinbrennereien jährlich mit 100 Millionen Euro an Subventionen – unser Steuergeld macht billigen Alkohol erst möglich.

Ein Schuss vor den Bug
Hier muss sich etwas ändern. Dazu liefern die Autoren konkrete Ideen, sei es die Promille-Grenze im öffentlichen Nahverkehr, die strengere Kontrolle des Verkaufs in Supermärkten oder höhere Preise für Hochprozentiges. Ob sich diese Forderungen wirklich in der Praxis durchsetzen lassen, sei einmal dahingestellt. Nachdenkenswert sind sie allemal.

Das Buch beleuchtet das Thema von vielen Seiten. Vielleicht von zu vielen. Interviews mit jugendlichen Trinkern finden sich ebenso darin wie Geschichten im Reportagestil. Mal erzählt Bernd Siggelkow, wie seine Familie mit dem Thema Alkohol umgeht, mal referiert ein Facharzt für Innere Medizin darüber, was Alkohol mit jungen Menschen macht. Oft am schwächsten sind jedoch die einführenden und zusammenfassenden Beiträge der Autoren zum Thema: Die Belege sind dürftig, die Themen wechseln häufig und sind von Platitüden zum Thema durchsetzt.

Trotzdem: Gerade die Erlebnisberichte und die Interviews mit betroffenen Jugendlichen machen das Buch zu einem notwendigen Warnschuss vor den Bug dieser Gesellschaft. Lassen wir ihn ungehört verhallen, werden wir alle die Folgen tragen. Es bleibt zu hoffen, dass die Politik gewillt ist, hier etwas zu ändern – und dass jeder im persönlichen Umfeld seinen Teil dazu beiträgt, Alkohol als das wahrzunehmen, was er ist: eine Droge.


Kommentare

Von ERF - Fan am .

@Rosemarie "Interessant wäre es einmal, in sie hineinzuhorchen, weshalb mein Beitrag sie so getroffen hat."
Gähn...

Von Dorena am .

Mein Mann und ich, wir trinken auch gern Wein oder Bier. Aber in nächster Nachbarschaft wohnte ein Klassenkamerad von mir, der im Laufe von 20 Jahren zum Alkoholiker geworden und gestorben ist mit 43 Jahren. Das als Warnung vor Augen, sind wir sparsam mit alkoholischen Getränken geworden. Wenn wir Behinderte zu Besuch haben, schenken wir keinen Alkohol aus, weil wir keine unvorhergesehenen Reaktionen hervorrufen wollen. Wir wissen ja nicht, ob wer Medikamente nimmt. In Gemeindefreizeiten mit mehr

Von Rainer am .

Hier lernt man nebenbei tatsächlich noch etwas über Volkswirtschaft (habe das gerade in einem Modul mit Subventionen und Co.).
Alkohol unter Jugendlichen ist sicher ein größeres Problem. Die Gefahr bei solchen Büchern sehe ich darin, dass sie - nicht nur im christlichen Bereich - gern auch schnell ein bisschen ideologisch eingefärbt sind. "Gesellschaft unter Drogen, "Wir behandeln die Falschen", "Burnout", "Generation Porno" ist dann schnell mal so ein Rundumschlag. Man muss mit diesen Dingen, die süchtig machen können, eben umgehen lernen.

Von Rosemarie B. am .

Mit meiner Aussage wollte ich etwas ganz anderes zum Ausdruck bringen.
Es geht mir nicht darum, alle, welche Alkohol genießen, als Alkoholiker abzustempeln. Bei weitem nicht.
Ich habe mich hauptsächlich auf das Thema Generation Wodka bezogen.
Es war mir wichtig herauszustellen, weshalb mit dieser Droge soviel leichtfertiger umgegangen wird im Vergleich zu Zigaretten. Ich möchte noch einmal unterstreichen, dass Zigaretten den Charakter nicht so verändern.
Interessant wäre es einmal, in sie mehr

Von ERF - Fan am .

Angehörige von Alkoholikern oder Ex-Alkis machen den Fehler, von sich bzw. ihrem Umfeld auf alle zu schließen. Nein, liebe Frau Rosemarie, Sie treffen die Sache nicht recht: Ich bin dankbar für den Wein. In meiner Familie wurde immer Maß gehalten. Dass man in Maßen genießen kann: Das ist für viele -offenbar alkoholgeschädigte - Christen offenbar nicht mehr vorstellbar. Schade! Jesus hat jedenfalls der nicht mehr ganz nüchternen Hochzeitsgesellschaft den besten Wein zuletzt präsentiert - und offenbarte damit Seine Herrlichkeit. Das hat mit den Sauf-Exzessen nichts, aber auch GAR nichts zu tun.

Von Redaktion ERF-Online am .

Hallo Grace,
der Staat suventioniert Kleinbrennereien aufgrund des Branntweinmonopols. Darin verpflichtet er sich zur Abnahme des Alkohols gegen Zahlung eines bestimmten Monopolpreises. Weil der höher ist als der Marktpreis, handelt es sich um Subventionen. Am 30. September 2017 läuft dies allerdings endgültig aus - somit bleibt es eher ein kleiner Teil des Gesamtproblems. Das siehst du schon richtig.
Das Beispiel zeigt jedoch gut auf, dass der deutsche Staat dieses Monopol seit der mehr

Von Rosemarie B. am .

Der Mensch, welcher in einem maßvollen Stil trinken kann, hat auch wirklich allen Grund dankbar zu sein und zwar dankbar dafür, noch nicht an dieser Volksdroge erkrankt zu sein.
Denn ist einer erst einmal von dieser Krankheit ergriffen, hat nicht mehr er den Alkohol im Griff, sondern der Alkohol ihn.
Aber dann dies als Krankheit zu erkennen, kann noch ein weiter Weg sein. Diese Krankheit hat sicherlich viele unangenehme oder sogar fürchterliche Auswirkungen bis hin zum Tode.
Aber nicht nur mehr

Von Grace am .

Ist das wirklich so, dass der Staat Kleinbrennereien so massiv subventioniert? Ich habe selbst einen Kleinbrenner in der Familie und bekomme nur mit, dass er massig Steuern zahlen muss. Ich müsste nachfragen, ob er von öffentlicher Hand Unterstützung bekommt. Bekannt ist mir davon nichts.
Aber selbst wenn, stellt sich mir die Frage, ob hier ein Weg zur Veränderung liegt. Denn a) ist der gebrannte Schnaps nicht billig und b) kaufen in der Kleinbrennerei kaum Jugendliche ein.
Das Problem ist mehr

Von ERF - Fan am .

Immer wieder wird in christlichen Kreisen das Trinken alkoholischer Getränke unter Verdikt gestellt, als gäbe es nur Komsaufen oder Blaues Kreuz (d.h. Abstinenz). Ich trinke gern maßvoll Wein oder Bier und tue es mit Dankbarkeit Gott gegenüber, genauso, wie Kaffeetrinken kein Drogenkonsum, sondern Genuss sein kann. Kommen Sie doch einmal ins Rheingau, da kann man schön Wein trinken ohne saufen zu müssen am Rhein.


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