Arabischer Frühling

Viele wissen nicht, wie Demokratie geht

Ist die Hoffnung auf mehr Demokratie im Nahen Osten und Nordafrika realistisch? Und wie ist die Lage der Christen vor Ort? Ein Interview.

Bild: Markus Rode

Markus Rode, Leiter von Open Doors Deutschland

Seit über 50 Jahren unterstützt Open Doors e.V. Christen, die aufgrund ihres Glaubens verfolgt werden, viele davon in muslimischen Ländern. ERF Online hat Open Doors- Leiter Markus Rode zu den aktuellen Entwicklungen in der arabischen Welt befragt.

ERF Online: Beobachtet man den Arabischen Frühling von Deutschland aus, weiß man nicht, ob man sich über die Entwicklungen freuen soll oder ob Radikalisierungen zu befürchten sind. Wie geht es Ihnen mit dieser Spannung zwischen Hoffnung und Ungewissheit?

Markus Rode: Ganz offen gesagt, hatte ich nicht wirklich die Hoffnung, dass diese Revolution den Christen nützen würde. Natürlich hat es viele Menschen auch in Deutschland bewegt, als sie im Fernsehen sehen konnten, wie sich Hunderttausende friedlich für mehr Freiheit in ihren Ländern einsetzten. Doch wie befürchtet, haben auch die radikalen islamischen Kräfte diese Revolution als große Chance für ihren Machtzuwachs gesehen, und nutzen den Arabischen Frühling als Trittbrettfahrer für ihre eigenen Ziele.

Demokratische Kräfte brauchen mehr Zeit für die Wahlvorbereitung

ERF Online: Worin äußert sich das konkret?

Markus Rode: Die radikalen islamischen Kräfte in den einzelnen Ländern waren zwar verboten und wurden unterdrückt. Aber das heißt nicht, dass sie verschwunden waren, zumal sie sich bei Teilen der Bevölkerung einer recht breiten Unterstützung erfreuen konnten. Inwieweit sich das in Wählerstimmen niederschlagen wird, muss man sehen. Aber eines ist klar: Wenn, wie in Ägypten, gerade einmal ein gutes halbes Jahr nach dem Rücktritt des alten Regimes Neuwahlen stattfinden sollen, werden es demokratische Bewegungen schwer haben. Denn sie müssen zunächst einmal Parteien gründen, Programme verabschieden, Kandidaten aufstellen und Wahlkampf betreiben.

Da haben es die Islamisten leichter: Ihr Programm ist weitgehend bekannt, ihre Kandidaten sind, auch durch die Medien, gut sichtbar. Die Salafisten haben angekündigt, bis zu fünf Parteien zu gründen, ihre Nour-Partei wurde als erste am 12. Juni registriert. Und man darf nicht vergessen, dass bereits bisher etwa 20 Prozent Muslimbrüder im Parlament saßen, nur eben nicht unter diesem Namen, sondern als Unabhängige.

Die Salafisten sind auch schon wieder so weit, sich gezielt gegen die christliche Minderheit zu wenden. So wurden Kirchen angegriffen, Reparaturen verboten, Christen eingeschüchtert, in drei Fällen sogar gemäß der Scharia die Todesstrafe verhängt. Ganz generell wird ein Klima der Einschüchterung gegenüber den Christen erzeugt, zumal der Staat gegen diese zunehmenden Übergriffe nicht oder erst sehr verspätet eingreift.

ERF Online: Zu Beginn des Arabischen Frühlings waren viele zuversichtlich, dass es in den betreffenden Ländern wirklich zu mehr Demokratie kommen könnte. Sie waren diesbezüglich eher skeptisch und begründeten Ihre zurückhaltende Einstellung damit, dass Sie die Situation zu sehr an den Irak oder Afghanistan erinnerte. Wie kommen Sie zu diesem Vergleich?

Markus Rode: Ich war während des letzten Golfkrieges Mitte 2003, als die Plünderungen begannen, in Bagdad. In vielen Gesprächen, die ich von Bagdad bis Kirkuk mit Christen, aber auch Muslimen führen konnte, kam große Dankbarkeit über die Befreiung vom Diktator zum Ausdruck. Andererseits sagte mir ein Kirchenleiter, dass die Bevölkerung gar nicht wüsste, was Demokratie eigentlich sei.

Obwohl es so viel Unterstützung von vielen Ländern für den Aufbau einer demokratischen Regierung im Irak gab, ist das Land leider zum Inbegriff einer massiven Christenvertreibung geworden. Islamische Extremisten haben schon vor Jahren begonnen, das Land regelrecht von Christen säubern zu wollen. Allein in diesem Jahr wurden mehrere Bombenanschläge auf Kirchen verübt. Zuletzt in Kirkuk. Dasselbe Bild spiegelt Afghanistan wider. Christen sitzen dort in Todeszellen, weil sie den Islam verlassen haben, und das, obwohl die westlichen Regierungen das Land gegen die Taliban schützen und den Aufbau finanzieren.

Angst vor einem zweiten Irak haben derzeit vor allem die Menschen in Syrien. Unter dem Assad-Regime fühlten sie sich relativ sicher. Die unterschiedlichen religiösen Gruppen lebten weitgehend friedlich miteinander. Doch übernehmen Islamisten die Macht, sind diese Zeiten vorbei. Dies gilt auch für Libyen.

ERF Online: Besteht die Hoffnung, dass die junge und gebildete Generation, die speziell in Ägypten einen laizistischen Staat fordert, sich gegen islamistische Strömungen durchzusetzen kann?

Markus Rode: Es gibt vor allem in den Städten durchaus eine demokratisch gesinnte Schicht, die sich wirklich nach Freiheit sehnt. Aber diese Stimmung findet sich nicht im ganzen Land. Die Bewegung ist außerdem nicht einheitlich, sondern in viele kleine Gruppen zersplittert, sodass momentan nicht zu sehen ist, wie sie sich gegen die islamistischen Gruppen durchsetzen soll. Ein möglicher Hoffnungsschimmer liegt in der Tatsache, dass die Extremisten verschiedene Parteien gründen. Aber auch wenn es durch Rivalitäten zwischen extremeren und gemäßigteren Kräften innerhalb der Muslimbrüder zu Streitigkeiten und Zersplitterung kommt, wird das wohl nicht die gesamte Bewegung gefährden.

Daher: Große Hoffnung, dass eine junge, demokratisch gesinnte Generation sich durchsetzt, habe ich derzeit nicht. Hinzu kommt, dass auch die junge, intellektuelle Generation größtenteils dem Islam als Mehrheitsreligion zugewandt ist.

Der Druck auf einheimische Christen nimmt zu

ERF Online: Wie schätzen Sie die Situation diesbezüglich im Jemen und Tunesien ein?

Markus Rode: Im Jemen befürchten Einheimische zu Recht, dass Extremisten etwa der Al Kaida das Chaos nutzen könnten, um in diesen Ländern weiteren Einfluss zu gewinnen. In Bezug auf die Christen vor Ort lässt sich sagen, dass die Gemeinde im Jemen sehr klein ist. Aufgrund der Proteste dort waren auch viele ausländische Christen gezwungen, das Land zu verlassen. Die einheimischen Christen werden dadurch herausgefordert, noch enger zusammenzurücken.

In Tunesien zeigen sich die Spannungen daran, dass die eigentlich für Juli geplanten Parlamentswahlen auf den Oktober verschoben wurden. Dabei zeigt sich ein ähnliches Bild wie in Ägypten: Bisher wurden 91 Parteien gegründet, die dominierende Kraft aber sind die Islamisten. Einige ihrer führenden Köpfe konnten aus dem europäischen Exil ins Land zurückkehren und gewinnen nahezu täglich an Einfluss. Auch hier lebt die kleine einheimische Gemeinde nach der Ermordung eines katholischen Priesters im Februar in Tunis in Angst. Allerdings hat es die Gemeinde ermutigt, dass ein fehlgeschlagener Brandanschlag auf eine Kirche in Sousse dazu geführt hat, dass die Polizei Ermittlungen aufnahm. Eins ist deutlich: Der Druck auf die Christen nimmt weiter zu.

ERF Online: Erhoffen sich die Menschen von den Protesten denn verständlicherweise vor allem eine Verbesserung ihrer Lebensumstände oder sehnen sie sich nach Demokratie, wie wir sie verstehen?

Markus Rode: Das ist sicherlich gemischt. Die junge Generation wünscht sich vor allem eine Zukunftsperspektive. Denken Sie an Tunesien: In diesem Lang leben viele gut ausgebildete junge Leute, die einfach keine Chance bekommen. Und viele wissen gar nicht wirklich, was Demokratie ist und wie Demokratie geht.

Christen haben es in muslimischen Ländern nicht leicht.
Auf opendoors.de-org erhalten Sie dazu mehr Informationenen und erfahren, wie Sie als Einzelperson oder als Gemeinde mit konkreten Projekten helfen können.

ERF Online: Als Leiter von Open Doors haben Sie insbesondere die Situation der Christen im Blick. Wie Sie schon gesagt haben, hat sich ihre Lage nicht verbessert, obwohl sie sich an den Demonstrationen beteiligt haben. Stattdessen stehen sie heute mehr unter Druck als davor. Wie kann das sein?

Markus Rode: Gerade aus Ägypten haben wir bewegende und begeisternde Berichte bekommen, wie in den 18 Tagen auf dem Tahrir-Platz alle nur noch „Ägypter“ waren und es egal war, ob einer Christ, Muslim oder Atheist war. Aber diese Zeit ist leider vorbei. Die Proteste dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Gesellschaft nicht nur zutiefst islamisch ist, sondern auch konservativ. Minderheiten werden unterdrückt und man ist rasch bereit, die Christen als mit dem Westen verbundene Agenten zu erklären. Zudem ist die gesamte Struktur in diesen Ländern eher ländlich-dörflich geprägt, die demokratisch gesinnte Schicht ist klein.

Die bisherige Entwicklung zeigt, dass der Koran und die Hadithen als Autorität des Islam sehr klar sind: Christen muslimischen Hintergrunds haben als vom Glauben Abgefallene mit Verfolgung und Todesstrafe zu rechnen. Und dass dies stattfindet, erleben wir leider weltweit in islamischen Ländern. Der Islam solle wieder rein werden und unverfälscht herrschen, wie in den ersten Jahrzehnten seiner Ausbreitung. Das fordern nahezu alle radikalen islamischen Gruppen. Und diese Kräfte haben Zulauf – vielleicht auch, weil sie in all den Wirren dieser Zeit einfache Antworten bieten.

Mut in schwierigen Zeiten

ERF Online: Wie reagieren die Christen vor Ort auf diese spannungsgeladene und politisch ungewisse Situation?

Markus Rode: Vor allem mit Gebet. Sie wissen, dass sie in dieser Situation politisch so gut wie nichts ausrichten können. Darum wenden sie sich an den, der wirklich helfen kann: Jesus Christus. Und natürlich sagen uns die Christen, dass wir sie in ihrer Lage nicht vergessen sollen.

Ihr Alltag ist durch die Umbrüche nicht leichter geworden. Trotzdem sind viele unserer Geschwister durch die Umbrüche bereit, mehr zu wagen, indem sie das Evangelium mutiger weitersagen. Es sind noch nie so viele Muslime zum Glauben an Christus gekommen wie in den letzten Jahren. In einigen Ländern, wie im Iran, ist die Anzahl der Christen muslimischen Hintergrunds schon größer, als die der Christen aus der traditionellen Kirche.

ERF Online: Was raten Sie Politikern und Christen in Deutschland, die Sie um Rat fragen und überlegen, wie sie helfen können?

Markus Rode: Zunächst einmal danke ich den christlichen Politikern, die mit Open Doors zusammenarbeiten, um verfolgten Christen zu helfen. Zudem ermutige ich sie, weiterhin die Demokratiebewegungen zu fördern, dabei aber keine Kompromisse beim Schutz der Christen einzugehen. Und es darf nicht sein, dass nur bei großen Anschlägen oder vielen Toten die Betroffenheit der Politik und der Kirchen zum Ausdruck kommt. Vielmehr sollten Politiker aller Parteien und aus allen Verantwortungsbereichen dieses Thema ganz oben auf der Agenda haben.

Christen aller Konfessionen möchte ich aufrufen, sich aktiv für ihre verfolgten Glaubensgeschwister einzusetzen. Für die Frage des Überlebens der christlichen Gemeinden wird zukünftig sehr viel davon abhängen, wie sehr wir als Christen der freien Welt unseren verfolgten Glaubensgeschwistern beistehen. Und dabei geht es nicht vorrangig um existenzielle Belange, sondern um die Ermutigung, im Glauben an Christus standhaft zu bleiben. Auch ein schriftliches Lob an Politiker, die sich für verfolgte Christen einsetzen, ist eine sehr wichtige Unterstützung.

ERF Online: Vielen Dank für das Gespräch!


Kommentare

Von Matthias L. am .

Vielen Dank für diese umfassende Einschätzung der momentanen Situation für die Christen in den arab. Ländern! Solche Infos bekomme ich leider nicht über die säkularen Medien. Vielleicht sollten Sie als erf mehr Präsenz in Zeitungen/ Fernsehsendungen mit polit. Talkshows zu diesem Thema zeigen, damit die breite Bevölkerung mehr informiert ist.

Von Waltraud am .

Danke für den Bericht. Er zeigt wie wichtig es ist, sich für die Brüder und Schwester in aller Welt einzusetzen.

Von beobachter am .

danke für den objektiven bericht
islam + freiheit ==> iran


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