Gedenktag

Er scheute vor dem Bruch mit der Kirche

Vor 475 starb Erasmus von Rotterdam, der wohl bedeutendste Gelehrte der Reformationszeit.

Eigentlich hätte er nicht einmal ein Handwerk erlernen dürfen. Denn die in Zünften organisierten Handwerker der spätmittelalterlichen Gesellschaft achteten streng auf die Ehrbarkeit ihrer Lehrlinge – und dazu zählte ganz obenan die eheliche Geburt.

Erasmus Desiderius jedoch war der uneheliche Sohn des holländischen Priesters Rotger Gerard und seiner Haushälterin – nicht der einzige übrigens, er hatte noch einen älteren Bruder. Die findigen Eltern geben ihre Söhne als angebliche Waisen in die Obhut eines Onkels. Der ist Lehrer an einer Lateinschule und gibt ihnen eine höhere Schulbildung. Und wäre diese Geschichte anders verlaufen, dann wäre Erasmus von Rotterdam nicht als Leuchte des Humanismus, als geistiger Miturheber der Reformation, als Berater von Fürsten und Kaisern, als berühmtester Gelehrter seiner Zeit in die Geschichte eingegangen, sondern als Abdeckers- oder Henkersgehilfe. Denn das waren damals die einzigen Zünfte, die uneheliche Kinder aufnahmen.
 

Erzieher des Kaisers


So aber führt der Weg des jungen Erasmus in den Augustinerorden. Der Orden ermöglicht ihm ein Studium an den renommierten Universitäten von Paris und Turin. Der Kaiser erhebt den frisch promovierten Theologen 1509 in den Stand eines Reichsfreiherrn. Seither darf er sich „von Rotterdam“ nennen und ist Mitglied des europäischen Hochadels. Der Titel öffnet ihm Türen an allen Höfen des Kontinents.

Nach umfangreichen Reisen, bei denen der brillante Intellektuelle Kontakte zu den führenden Gelehrten seiner Epoche knüpft, lässt er sich 1514 in Basel nieder. Zeitweise ist er sogar Erzieher des späteren Kaisers Karl V. Nahezu schicksalhaft aber wird seine Begegnung mit dem Baseler Buchdrucker Johann Frobenius. Frobenius sorgt dafür, dass die mehr als 150 Bücher und Disputationsschriften des Erasmus in ganz Europa Verbreitung finden. Vor allem mit seinen Thesen zu einer Kirchenreform findet Erasmus lebhaften Widerhall im jungen Klerus.

Im Gegensatz zu Luther hingegen vollzieht er nicht den Bruch mit der alten Kirche. Bis an sein Lebensende wird er daran festhalten, dass die Kirche aus sich selbst heraus fähig sei zur Reform. Luther und seine Parteigänger gehen einen anderen Weg, den Erasmus missbilligt. Er, der heute als einer der Anstifter der Reformation gilt, gerät in Konflikt mit Luther. Die beiden haben sich zwar nie persönlich gesehen, aber es gibt einen lebhaften Briefwechsel, der im Streit endet.
 

Erasmus, du Feigling!


Und Luther, immer gut für eine Derbheit, sagt nach Erasmus‘ Kritik am Übereifer der Reformatoren: „Wer den Erasmus zerdrückt, der würget eine Wanze.“ In einem Brief Luthers an Erasmus findet sich der Vorwurf: „Da wir sehen, dass Dir der Herr weder Mut noch Gesinnung verliehen hat, jene Ungeheuer gemeinsam mit uns anzugreifen, wagen wir von Dir nicht zu fordern, was über Dein Maß und Deine Kräfte hinausgeht.“ Das heißt auf gut deutsch: „Du Feigling.“

Schnell ist der Umstand vergessen, dass die religionswissenschaftlichen Forschungen des Erasmus, seine Bibelexegese und andere theologische Schriften der geistige Nährboden der jungen Reformatoren waren. Erasmus stellt sich mit seinen Vorstellungen von Toleranz und Religionsfreiheit zwischen die katholischen und die lutherischen Dogmatiker – und gerät zwischen zwei Mühlsteine. Scharfsichtig sieht er voraus, dass der Religionskonflikt letztlich in einem fürchterlichen Krieg enden wird.
 

Ahnherr der Aufklärung


Als er merkt, dass seine Mahnungen kein Gehör finden, zieht er sich weitgehend aus der Debatte zurück. Er korrespondiert mit Königen, Kaisern und Päpsten. Mehr als 1000 Briefe sind überliefert. Seinem Freund, dem einflussreichen protestantischen Nürnberger Ratsherren Willibald Pirckheimer, schreibt er gegen Ende seines Lebens: „Meine Lebensleistung bestand darin, dass ich die Theologen von ihren philosophischen Haarspaltereien zur Kenntnis des Neuen Testamentes zurückgeführt habe.“ Dass er mit seinem Toleranzbegriff und seinem Bildungsideal der Ahnherr der Aufklärung des 18. Jh. in Europa werden würde, konnte er nicht einmal ahnen.

Erasmus von Rotterdam, von dem wir weder den Tag noch das Jahr der Geburt genau kennen, stirbt am 12. Juli 1546, vor 475 Jahren, in Basel. Er wurde 60, nach anderen Quellen nur 56 Jahre alt. Beigesetzt ist er, der Zeit seines Lebens katholischer Priester blieb, im protestantischen Basler Münster. Die Reformatoren legten Wert darauf, ihn als einen der Ihren zu wissen.


Kommentare

Von Dietrich W. am .

"es müssen auch Parteiungen unter euch sein, damit die Bewährten unter euch offenbar werden." 1 Kor 11,19. Vergessen wir nicht, dass Erasmus mit Aristoteles dem 'verdammten Heiden' die Freiheit des menschlichen Willens bejaht hat, was für Luther eine grundsätzliche Abkehr vom Evangelium bedeutet hat. Eine Versöhnung zwischen diesen wäre äusserst oberflächlich gewesen, und hätte nichts zur Ehre des echten Christus beigetragen.

Von phoenix am .

.....und wieviel schlimmer ist es, dass es in der HEUTIGEN Zeit nicht moeglich scheint, die Kirchen wieder zusammenzufuehren.

Von FranzX am .

Hätte es mehr wie ihn gegeben - vielleicht wäre das schlimme Übel der abendländischen Kirchenspaltung nicht notwendig gewesen.
Welch ein Reichtum hätte es sein können, wenn sich die Fronten nicht so unversöhnlich aufgetan hätten und die noch einige Kirche zu einer gesunden inneren Reformation gefunden hätte? Es ist kaum auszudenken. Viel Elend wäre wohl der Christenheit erspart geblieben...


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