Themenwoche Unterordnung Teil 1

Verlockung zum Tanz des Lebens

Unsere Freiheit und unser Recht auf Selbstbestimmung sind uns heilig. Wie passt das zum biblischen Konzept der Unterordnung?

Wie schreibt man positiv über etwas, bei dem jeder Deutsche intuitiv zusammenzuckt? Das durch preußischen Drill, Hitler-Regime, DDR-Regierung und autoritäre Erziehung tausend negative Assoziationen heraufbeschwört. Ich wage es, weil ich glaube, dass wir der Sache Unrecht tun, wenn wir sie per se verteufeln. Ja mehr noch, wir bringen uns um ein Stück geistliche Lebensqualität, wenn wir nicht ihre guten Seiten sehen.

Es geht um Unterordnung. So, jetzt ist es raus. Vielleicht spüren Sie innerlich schon ersten Widerwillen. Ich kann das nachvollziehen: Ich verbinde mit dem Begriff die Angst, mein Leben nicht mehr selbst bestimmen zu dürfen. Angst, unterwürfig und fügsam „Ja“ sagen zu müssen, wenn alles in mir drin „Nein“ schreit.1 Angst, als Individuum zu verkümmern.

Aber geht es bei Unterordnung wirklich darum - und vor allem nur darum? Ich möchte diese negativen Aspekte nicht beiseiteschieben. Menschen sind anfällig für Machtmissbrauch oder auch dafür, den eigenen Wert durch Unterwürfigkeit aufpolieren zu wollen. Und so gibt es in der Geschichte genügend Beispiele, in denen die Forderung nach Unterordnung und ihre Durchsetzung gravierende Folgen hatte. Aber ich glaube auch, dass zwischenmenschliche Beziehungen entspannter und angenehmer werden, wo Unterordnung im positiven – und biblischen – Sinne gelebt wird. Das fällt leider nur nicht im gleichen Maße auf, wie das negative Zerrbild. Deswegen lohnt es sich, die positiven Aspekte der Thematik einmal anzuschauen - und dazu lädt Sie dieser Artikel ein.

Bevor ich tiefer einsteige, will ich grob umreißen, was Unterordnung bedeutet. Wer sich unterordnet, stellt seine eigenen Interessen zugunsten einer anderen Person oder Sache zurück. Er fügt sich in eine Ordnung ein und richtet sich „nach dem Willen, den Anweisungen eines anderen oder den Erfordernissen“.2 Es geht darum, zum Wohle aller einen bestimmten Platz in einem Gefüge einzunehmen. Einen Platz, der nicht statisch festgelegt ist und der nichts über meinen Wert aussagt. Das heißt auch: Unterordnung ist richtig verstanden ein aktives Verhalten. Sie kann mir nicht aufgedrückt oder abverlangt werden. Nur ich kann mich entscheiden, mich entsprechend in eine Gruppe oder ein System einzuordnen. Unter Zwang werde ich mich entweder hineinpressen lassen oder mich querstellen.

Paso Doble des Lebens

Das klingt zwar schon entspannter, schafft es aber trotzdem noch nicht, Unterordnung positiv zu belegen. Vielleicht gelingt das mit folgendem Vergleich eher. Wenn Sie gerne tanzen, dann wissen Sie, dass es leichte und schwere Tänze gibt. Wer einen Tanzkurs gemacht hat, bekommt den Cha-Cha-Cha oder Disco-Fox meistens irgendwie noch hin. Beim Tango wird es schon schwieriger und beim Slow Fox oder Wiener Walzer braucht es Übung, damit es gut aussieht. Andere Tänze, wie der Paso Doble3 sind nicht nur sehr herausfordernd, sie werden auch selten getanzt. Allen Tänzen gemeinsam ist, dass es Grundschritte und Variationen gibt und dass nach einem bestimmten Rhythmus getanzt wird. Außerdem müssen sich die beiden Tanzpartner aufeinander abstimmen, sonst sieht das Ganze weder harmonisch noch schön aus.

Ohne das Bild auf die Spitze zu treiben, lassen sich die verschiedenen Tänze mit geistlichen Disziplinen vergleichen. Manche davon fallen uns leichter, andere schwerer. Das Gebet dürfte zum Beispiel einem Disco-Fox gleichen, das Bibellesen dem Tango und die Unterordnung dem Paso Doble – herausfordernd und schwierig und dennoch ausdrucksstark und schön.

Gott hat als Choreograph diese Tänze entworfen, damit das Zusammenleben zwischen uns Menschen und auch die Beziehung zu ihm nicht kollabieren oder kaputt gehen, sondern sich entfalten können. Auch das Prinzip der Unterordnung hat dieses Ziel. Liest man verschiedene Bibelstellen zum Thema, fällt auf, dass es in ihnen nie darum geht, Menschen zu unterdrücken oder mundtot zu machen. Das Gegenteil ist der Fall: Wo Menschen sich ihrem Gott oder ihren Mitmenschen im positiven Sinn unterordnen, ist das Ergebnis ein ganzheitliches Leben und Frieden. Diese Perspektive reicht soweit, dass die Schöpfung eines Tages völlig wiederhergestellt sein wird – und zwar zu dem Zeitpunkt, zu dem sie wieder ganz unter Gottes Führung steht. Umgekehrt kann man sagen: Die Spannungen, die wir heute in Beziehungen erleben, die Konflikte, die es zwischen Völkern gibt und die Zerstörung der Natur hängen alle eng damit zusammen, dass Menschen sich Gott nicht unterordnen.

Weil wir heute oft ein durch und durch negatives Verständnis von Unterordnung haben, fällt es uns schwer, diesen Aspekt zu verstehen4. Wo wir als Tänzer jedoch anfangen, den Paso Doble zu tanzen, werden wir auch die Dynamik dieses Tanzes entdecken. Wo wir uns die Mühe machen, Unterordnung zu lernen, wird etwas von der ursprünglichen Schönheit und Harmonie der Schöpfung sichtbar. Shalom – das hebräische Wort für einen ganzheitlichen Frieden – ist die Folge. Wo wir den Paso Doble vernachlässigen, fehlt er nicht nur in der Palette der geistlichen Tänze, sondern wir bringen uns auch um die damit verbunden positiven Erfahrungen.

Bibelstellen zum Vertiefen: Römer 8,1-21; Römer 13,1-7; Epheser 1,15-22; Philipper 3,21

Grundschritte für Anfänger und Fortgeschrittene

Wie sehen die Grundschritte dieses Tanzes aus? Meines Erachtens lassen sich drei Schrittfolgen ausmachen, die eng miteinander verbunden sind. Grundschritt Nr. 1 ist die Grundlage für alle weiteren Schritte. Erst wenn ich ihn einigermaßen verinnerlicht habe, kann ich damit beginnen, die anderen Schritte zu tanzen. Dieser Grundschritt ist meine Beziehung zu Gott, dem Choreographen. Bin ich bereit, auf das zu hören, was er mir sagt? Kann ich ihm meinen Willen unterordnen? Vertraue ich ihm, weil ich glaube, dass er mein Vertrauen nicht missbraucht? Wer meint, dass Unterordnung damit anfängt, dass man sich der Regierung oder dem Ehemann unterstellt, irrt. Wenn der erste Grundschritt fehlt, gerät der ganze Tanz aus den Fugen. Wem der Gedanke an Unterordnung prinzipiell schwer fällt, rate ich deswegen, sich diese erste Schrittfolge genauer anzuschauen und zu überlegen, warum man dabei immer wieder stolpert. Erst dann macht es Sinn, Grundschritt Nr. 2 und 3 zu üben – und nebenbei bemerkt, dann fallen sie oft auch leichter.

Grundschritt Nr. 2 betrifft die Beziehung zu meinen unmittelbaren Mittänzern: Meinem Ehepartner, meinen Eltern oder Kindern. Mit ihnen stehe ich in enger Verbindung. Wenn die Atmosphäre in der Familie stimmt, lebt sich das ganze restliche Leben leichter. Grundschritt Nr. 3 umfasst alle, die mit mir zusammen im weiteren oder näheren Umkreis tanzen: Die Kirchengemeinde, die Arbeitsstelle, die Gesellschaft, in der ich lebe. Gott hat für beide Bereiche Maßstäbe und Orientierungshilfen gegeben, damit wir diese Lebensräume positiv gestalten. Wenn ich merke, dass ich bei diesen Schrittkombinationen ständig aus dem Takt gerate, lohnt es sich ebenfalls, die einzelnen Elemente näher zu betrachten: Verstehe ich die Absicht hinter Gottes Choreographie für diese Bereiche oder habe ich sie einfach übernommen, weil ein guter Christ das einfach so macht? Haben andere versagt und mir dadurch die Lust am Paso Doble verleidet? Habe ich umgekehrt schon einmal Tänzer gesehen, bei denen der Tanz wirklich schön und harmonisch aussah? Wie kann ich selbst dazu beitragen, dass Unterordnung wirklich das hervorbringt, wozu Gott sie eingesetzt hat: Leben und Frieden?

Bibelstellen zum Vertiefen: Jakobus 4,6-7; Epheser 5; 1. Petrus 2,1-13

Kein Tanz der Marionetten

Wer selbst tanzt, weiß, dass man neue Schritte am besten lernt, wenn sie ein erfahrener Tänzer vormacht. Das gilt auch für die Unterordnungstanzschritte. Wo Menschen dieses Prinzip positiv vorleben, kann ich mir für mein eigenes Leben abschauen, wie ich sie umsetzen kann. Dietrich Bonhoeffer hat sich als prominenter Theologe und Christ dazu in einigen seiner Bücher und gesammelten Briefe Gedanken gemacht.5 Durchbuchstabiert hat er seine Überzeugung mit seiner Bereitschaft, auch im Gefängnis für sie einzustehen. Die US-amerikanische Missionarin und Autorin Elisabeth Elliot ist weniger bekannt, hat sich aber ebenfalls mit dem Thema auseinander gesetzt.6

Weder Bonhoeffer noch Elliot waren labile, mausgraue Persönlichkeiten. Sie wussten, was sie wollten und sie hatten klare Positionen. Beide wagten es, sich mit den Großen ihrer Zeit oder mit der vorherrschenden Meinung anzulegen. Bonhoeffer kritisierte eine Kirche, die sich dem Naziregime anbiederte und zu Unrecht unterordnete. Elliot weigert sich, dem gängigen und einseitigen Frauenbild der Moderne und Postmoderne zu huldigen. Im Neuen Testament wird deutlich, dass auch Jesus kein Blatt vor dem Mund nahm, wenn er einem Heuchler begegnete. Offen prangerte er die Scheinheiligkeit der religiösen Elite an. Als seine Mutter ihm sein Benehmen als Messias vorschreiben will, weist er sie als erwachsener Mann in ihre Grenzen.

Unterordnung hat also nichts damit zu tun, alles zu dulden oder immer schön brav den Mund zu halten. Wer sich unterordnen möchte, ist nicht dazu verdonnert, sich von seinem Tanzpartner ständig auf die Füße treten zu lassen. Es geht darum, die Grundschritte menschlichen Zusammenlebens zu akzeptieren und sie positiv mitzugestalten. Das schließt da Protest mit ein, wo der Tanz so entartet wird, dass einzelne Tänzer gedemütigt oder von der Tanzfläche verbannt werden.

Das Ziel des Protestes ist dabei aber nie die grundsätzliche Abschaffung der Choreographie, sondern ihre Wiederherstellung. Wer sich gegen falsch verstandene Unterordnung in diesem Sinne wehrt, dem geht es nicht darum, den Gegner fertig zu machen oder sich auf seine Kosten zu profilieren. Stattdessen hat er die gesamte Tanzschöpfung im Blick und arbeitet darauf hin, dass alle ihre Schritte lernen und sich dabei entfalten können. Die eigene Individualität muss dafür nicht geopfert werden. Aber manchmal ist es dran, sie zugunsten des großen Ganzen zurückzustellen.

Bibelstellen zum Vertiefen: Micha 6,8; Jeremia 22,3; Apostelgeschichte 4,1-22; Apostelgeschichte 5,17-39; Galater 1,10

Im zweiten Teil des Artikels (Tanz des Königs) lesen Sie morgen, was die innere Voraussetzung ist, um sich unterordnen zu können und wie Jesus das gemacht hat.


1 Duden Online nennt als Synonyme für Unterordnung u.a. Ergebenheit, Folgsamkeit, Fügsamkeit, Gefügigkeit, Gehorsam[keit]; (abwertend) Unterwürfigkeit; (veraltend) Gefügsamkeit; vgl. http://www.duden.de/rechtschreibung/Unterordnung; Stand: 26.05.2011; 15:18 Uhr.

2 Vgl. hierzu die Definition zu unterordnen in: Duden, Bedeutungswörterbuch, Dudenverlag Mannheim, 2002.

3 Der Paso Doble ist ein spanischer Ausdruckstanz und stellt Elemente des Stierkampfes dar. Dieser Aspekt wird für den folgenden Vergleich außer Acht gelassen.

4 In diesem Zusammenhang spielt unsere Vorstellung von Gott eine wichtige Rolle: Je negativer mein Bild von ihm ist, desto schwerer wird es mir fallen, mich ihm unterzuordnen. Das trifft z.B. dann zu, wenn ich Gott als Despoten, strengen Richter oder Polizisten sehe. Habe ich jedoch ein positives Gottesbild und verbinde mit ihm die Vorstellung eines liebenden Vaters und weisen Königs, verliert Unterordnung den negativen Beigeschmack. Mehr zu diesem Thema finden Sie unter der Themenwoche "Gottesbilder" (Gott im Kopf) und im Online Workshop "Gottesbilder: Polaroids vom Himmel".  

 


Kommentare

Von Angelika P. am .

boah wie wunderbar :) ich wünschte ich könnte mich auch so toll mitteilen... seufz... Herr, du hast es gehört :-)

Von Margott D. am .

Den Artikel finde ich super. Die ositiven Aspekte der Unterordnung kommen in diesem im allgemeinen viel zu kurz. Vielen Dank, das Sie das so verständlich auseinander gepflückt haben, liebe hanna Wilhelm<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<1
Mit herzlichem Gruss, Margott D.

Von Elke A. am .

Gute Idee, dieser Vergleich!
Ich habe vor längerer Zeit hier auf ERF mal einen Text geschrieben zu "Wut - Sport statt Mord?" ;-))
Bin schon gespannt auf morgen.
Liebe Grüße
Elke


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