Die Rolle des Menschen beim Klimawandel

Was ist bloß mit dem Klima los?

Ein Interview mit Friedhelm Olschewski, Atmosphärenphysiker an der Universität Wuppertal, über Katastrophen, das Klima und Apfelbäumchen.

Das Wetter war einst der Deutschen liebstes Verlegenheitsgesprächsthema. Heute steht es ganz weit oben auf der Agenda. Klimaveränderung sagen die einen, Klimawechsel die anderen und manche sprechen gar von einer drohenden Klimakatastrophe. Was ist bloß mit dem Klima los? Michael Klein, Redakteur bei ERF Radio, hat diese Frage einem Experten gestellt, der sich beruflich mit den Vorgängen in der Erdatmosphäre befasst. Also dort, wo das Klima gemacht wird. Friedhelm Olschewski ist Atmosphärenphysiker an der Universität Wuppertal.

ERF Medien: Herr Olschewski, Physiker beobachten, messen und wiegen. Das habe ich in der Schule gelernt. Was macht denn ein Atmosphärenphysiker?

Friedhelm Olschewski: Um es etwas salopp zu formulieren: Seine Neugierde befriedigen. Atmosphärenphysiker haben sich auf die Erforschung der Atmosphäre spezialisiert, doch auch dieses Feld ist so riesig, dass nicht alle Atmosphärenphysiker das Gleiche machen. Die einen untersuchen Luftproben, die anderen messen Infrarotstrahlung und zu den Letzteren gehöre auch ich.

ERF Medien: Nun ist es nicht so ganz einfach, an Daten heranzukommen. Ein Thermometer reicht dafür nicht. Wie kommen Sie an die Ergebnisse Ihrer Messungen und Beobachtungen?

Friedhelm Olschewski: Wir gewinnen unsere Daten auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Zum einen sammeln wir Luftproben, die dann im Labor analysiert werden. Zum anderen bauen wir Fernerkundungsgeräte, also Messgeräte, die aus der Ferne beobachten.

ERF Medien: Wir Deutschen neigen dazu, monokausal zu denken, das heißt jedes Ergebnis hat irgendeine Ursache. Haben wir diese Ursache, vereinfachen wir gerne und sagen: Wenn wir diese Ursache verändern, wenden sich die Dinge zum Besseren. Beim Klima scheint mir das anders zu sein. Da geht es um eine sehr komplexe Sache. Welche Hauptfaktoren beeinflussen das Klima?

Friedhelm Olschewski: Der Hauptfaktor ist die Sonne. Ohne die Sonne wäre es bitterkalt, sie ist der entscheidende Klimafaktor. Sie bestimmt sowohl Abläufe in der Atmosphäre als auch die Meeresströmungen.

Außerdem hat der Wassergehalt in der Atmosphäre eine sehr, sehr große Bedeutung für den Treibhauseffekt. Er macht 60 bis 70 Prozent davon aus. Die Wolken, die aus Wasserdampf bestehen, haben auch einen sehr großen Einfluss. Die große Frage ist immer: Kühlt eine Wolke oder wärmt sie? Die ganz einfache Antwort lautet: Im Sommer, wenn man tagsüber draußen steht, wird man durch die Wolke gekühlt, was dann ganz angenehm ist. Nachts hilft die Wolke, dass die Atmosphäre nicht so kalt wird und verhindert sozusagen die Auskühlung. Staubteilchen, zum Beispiel von Vulkanausbrüchen und natürlich auch die von Menschen in die Atmosphäre geleiteten Stoffe wie Stickoxide und das berühmte CO2 beeinflussen natürlich auch das Klima.

Wann wird's mal wieder richtig Sommer?

ERF Medien: Ich kann mich an die Sommer 1970-74 erinnern, die waren zumindest in meiner Heimat auf der anderen Rheinseite sehr nass, sehr feucht, sehr regnerisch und sehr kalt. In den Schlagzeilen der Medien tauchte damals die Frage auf: Gibt es bald eine neue Eiszeit? Im Augenblick haben wir in den Medien das umgekehrte Phänomen, da werden apokalyptische Visionen von der Wüste Deutschlands gezeichnet. Etwa von Köln, das dann einen eigenen Nordseehafen haben würde und von der ganzen norddeutschen Tieflandbucht, die dann eine Erweiterung der Nordsee wäre. Sind diese Visionen zur Klimaveränderung aus Sicht des Wissenschaftlers realistisch, sind sie überzogen oder unhaltbar?

Friedhelm Olschewski: Nicht nur die Medien, sondern auch Wissenschaftler haben Fantasien, aber auf Fantasien sollte man nicht sein Leben bauen. Natürlich kann man sich verschiedene Szenarien ausdenken. Die Frage ist dann immer nach der Wahrscheinlichkeit, dass das Szenario auch so eintritt. Ich persönlich halte dieses Szenario für etwas zweifelhaft.

ERF Medien: Naturkatastrophen, spontane Ereignisse mit denen keiner rechnet, stehen in den Medien im Vordergrund. Ich erinnere an die Ereignisse in Japan: Zunächst ein Erdbeben, dann eine Flutwelle und dann, zum Teil naturgemacht, zum Teil menschengemacht, eine Kernschmelze in einem Großreaktor. Wie wirken sich solche spontanen Ereignisse auf unser Klima aus?

Friedhelm Olschewski: Um mit den Vulkanausbrüchen anzufangen: 1991 gab es den Ausbruch des Pinatubos auf den Philippinen. Dieser Vulkanausbruch hat die Temperatur global um ca. ein halbes Grad abgesenkt. Das ist auch ungefähr die Größe von der man im Moment beim CO2-Klimaeffekt ausgeht. Wobei sich der Klimaeffekt durch den Vulkanausbruch dann nach einiger Zeit auch wieder ausgeglichen hat, weil die Ascheteilchen in der Atmosphäre vom Regen ausgewaschen wurden.

Fukushima und die Folgen

ERF Medien: Kommen wir zum jüngsten Fall: Fukushima. Wie beurteilen Sie die weltweiten Verstrahlungsrisiken im Fall einer Kernschmelze in der Größenordnung von Tschernobyl? Gibt es da möglicherweise schon Messergebnisse oder Prognosen?

Friedhelm Olschewski: Nein, das kann man überhaupt nicht beurteilen, weil man nicht weiß, wie viel in die Atmosphäre gelangt und wie sich das verteilt. Sie können sich das so vorstellen: Angenommen, Sie gestalten in Wetzlar bei ERF Medien ein großes Sommerfest und die Kinder lassen dort ganz viele Heliumluftballons mit Karten in die Atmosphäre aufsteigen. Wenn Sie dann schauen, wo die Karten überall herkommen, dann sehen Sie, wie unterschiedlich die Ballons geflogen sind. Es kommt darauf an, in welcher Höhe sie fliegen und wann sie platzen.

Genauso ist es mit den Teilchen, die aus dem Atomkraftwerk in die Atmosphäre kommen. Es hängt davon ab, in welche Höhe sie gelangen, in welche Richtung sie fliegen, ob sie durch ein Regengebiet kommen und ob der Regen diese Teilchen mit auf den Boden nimmt oder auf das Meer schüttet. Das ist so kompliziert, dass keine Vorhersagen möglich sind. Was ich allerdings sagen kann: Es gab Messungen, wo man erhöhte radioaktive Strahlung und auch Teilchen wie das Iod 131 gemessen hat. Aber das ist so minimal, dass es kaum von den Geräten nachweisbar ist.

ERF Medien: Welche Rolle spielt eigentlich der Mensch im Klimageschehen? Uns wird medial immer wieder suggeriert: Wir haben unser Klima selber in der Hand. Ist der Mensch nur ein Faktor von vielen oder ist er tatsächlich Hauptfaktor von Veränderungen im Wetter?

Friedhelm Olschewski: Erst einmal möchte ich sagen: Der Mensch ist Opfer des Klimas. Er muss sich einfach mit dem Klima abfinden. Ein Freund aus Florida war im Herbst einmal zu Besuch bei uns und fand das Wetter hier ganz schrecklich, weil es so kalt und regnerisch war. Er hat uns die Frage gestellt: Wie kann man nur freiwillig in so einem Land leben, wo es ein so schreckliches Klima gibt?

In wie weit der Mensch Möglichkeiten hat, in das Klima in negativer wie auch in positiver Hinsicht einzugreifen, ist noch offen. Natürlich gibt es Wechselwirkungen zwischen der Atmosphäre und der Biosphäre. Natürlich geht das CO2 als Produkt des Menschen in die Atmosphäre und beeinflusst das Geschehen dort. Das nun aber zu quantifizieren und zu fragen, wie groß der menschliche Anteil dessen, was das Klima ausmacht, ist, das ist die große Gretchenfrage über die bis heute sehr heftig gestritten wird.

ERF Medien: Das scheint für viele Leute fast eine Glaubensfrage zu sein.

Friedhelm Olschewski: Zuerst misst man Daten, dann interpretiert man sie. Wenn man also einen Temperaturanstieg und einen CO2-Anstieg misst, dann kann man diese Daten so interpretieren: Der Temperaturanstieg ist Folge des CO2-Anstiegs. Es gibt auch andere Wissenschaftler, die sagen, dass das völliger Quatsch ist und das Klima nicht vom CO2 bestimmt wird, sondern von der Sonne. Da die Sonnenaktivität in den letzten 50 Jahren angestiegen ist, ist auch die Temperatur angestiegen. In Folge des Temperaturanstiegs hat sich auch der CO2-Gehalt in der Atmosphäre verändert. Man kann also auch solche Schlussfolgerungen ziehen. In dem Sinne haben Sie Recht, das ist eine Glaubensfrage.

Der Mensch und das Klima

ERF Medien: Haben wir wenigen Menschen überhaupt Einfluss auf das Klima?

Friedhelm Olschewski: Das ist eine sehr wichtige Frage, die sich nicht so einfach beantworten lässt. Natürlich gibt es immer eine Wechselwirkung. Nichts bleibt ohne Folgen. Die Frage ist dann eher, wie gravierend die Folgen sind. Wenn ein kleiner Junge in den Rhein pinkelt, löst das kein Fischsterben aus, um es mal so zu sagen. Wenn die ganze Stadt Köln die Abwässer ungeklärt in den Rhein leitet, dann haben die Fische keine Chance. An diesem Beispiel können sie vielleicht sehen, wie schwierig eine Folgenabschätzung ist, wenn man darüber nachdenkt, wie viel Urin die Fische im Rhein vertragen. Aufgrund der Komplexität der ganzen Klimaproblematik ist es sehr schwierig genaue Aussagen zu treffen.

ERF Medien: Seit fast 25 Jahrenes gibt es auch eine theologische Debatte: Sollen Christen aktiv das Klima schützen oder können wir uns getrost zurücklehnen und sagen: „Na ja der liebe Gott weiß schon, wie er seine Schöpfung konstruiert hat, dem pfuschen wir lieber nicht ins Handwerk.“ Wie positionieren Sie sich als Christ in diesem Spannungsfeld?

Friedhelm Olschewski: Auf alle Fälle haben wir den Auftrag, die Schöpfung zu bewahren. Ich denke, das ist unstrittig. Die Frage, die sich dann stellt, ist: Wie machen wir das? Wie können wir positiv auf die Schöpfung einwirken? Das Stichwort ist Geo-Engineering: Wie können wir sozusagen mit unserer Ingenieurskunst das Klima steuern? Letztens habe ich einmal die Frage gehört, ob wir einen Klimaklempner brauchen, der das Klima wieder in Ordnung bringt? Ich glaube, dazu sind wir Menschen nicht in der Lage, sozusagen als Handwerker wirklich an der großen Klimaschraube zu drehen. Wenn wir meinen, das zu können, ist es ganz schön überheblich und, wie einige das auch formulieren, ein Ausdruck menschlicher Hybris.

Von Klimaschrauben und Apfelbäumchen

ERF Medien: Ich denke mir, es ist ganz gut so eingerichtet in Gottes Schöpfung, dass wir an die großen Stellschrauben überhaupt nicht herankommen. Man stelle sich vor, das Klima unterläge irgendwie gearteter politischer Einflussnahme, da müsste man wirklich um den Bestand der Menschheit fürchten.

Friedhelm Olschewski: Vor allen Dingen, wenn Sie sich dann die Frage stellen: Wer darf an der Klimaschraube drehen? Vielleicht möchte es Russland ein bisschen wärmer haben, damit Sibirien auftaut. Die Inder möchten das Klima ein bisschen kälter haben, weil es ihnen zu heiß wird und alles vertrocknet. Das gäbe ganz große politische Konflikte.

ERF Medien: Martin Luther wird das Zitat zugeschrieben: „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Auf jeden Fall habe ich vor, in ein paar Tagen in meinem Garten noch einen neuen Apfelbaum zu setzen. Hat dieses Apfelbäumchen Chancen zu einem starken Baum heranzuwachsen?

Friedhelm Olschewski: Ich denke, ja. Aber vielleicht noch einmal ein kurzer Hinweis auf ein sehr schönes Bild, das Frank Junker von Hückeswagen benutzt hat: Wenn unsere alten Menschen sterben und wir wissen, dass sie sterben werden, versuchen wir ihnen den Tod oder das Ende des Lebens sehr angenehm zu machen. Ich denke, dieses Bild passt auch gut für unsere Erde. Auch wenn wir wissen, dass unsere Erde ein Ende haben und sterben wird, sollten wir ihr den Rest des Lebens so angenehm wie möglich machen - auch noch mit einem schönen Apfelbäumchen in Ihrem Garten.

ERF Medien: Vielen Dank für das Gespräch!


Kommentare

Von Friedlinde Bollmann am .

Er sendet Tau und Regen und sonn- und Mondenschein, er wickelt seinen Segen gar zart und künstlich ein und bringt ihn dann behende in unser Feld und Brot: Es geht durch unsere Hände, kommt aber her von Gott.
Matthias Claudius hat es 1783 noch gewußt, wie alles zusammenhängt. wir sollten es wieder lernen. Ein alter Landwirt in Sachsen der selbst langjährige Wetteraufzeichnungen machte, hat aus Anlass des Erntedanksonntages festgestellt: Egal was für ein Jahr war -trocken oder nass oder noch ganz mehr

Von G Weller am .

Danke für diese fachkundigen Überlegungen. So wird Übereifer und Fanatismus im Umweltschutz verhindert, ohne unsere aufbauende Mitwirkung geringzuschätzen. Vielmehr: wenn wir wissen, Gutes zu tun, sollen wir es tun, zuerst an Glaubensgeschwistern, Priorität JESU Auftrag und schließlich dann auch in unserer Umwelt.


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