Gedenktag

Scheinwerfer auf den Schmelztiegel

Der Dichter Thomas Lanier "Tennessee" Williams warf ein neues Licht auf die Südstaaten der USA. Heute wäre 100 Jahre alt geworden.

New Orleans und der Golf von Mexiko waren in letzter Zeit wegen Naturkatastrophen häufig in aller Munde. Doch diese alte Südstaatenregion der Vereinigten Staaten lebte in Europa und der Welt zuvor schon durch das dichterische Werk Tennessee Williams. Der vor hundert Jahren am 26. März 1911 in Columbus im US-Bundesstaat Mississippi geborene Schriftsteller ist zum Dichter des Mississippi-Deltas schlechthin geworden. Seine Themen waren der Niedergang der alten Südstaaten-Aristokratie, die Selbsttäuschung der Menschen und die Eigenwelt, die sich die Enttäuschten psychologisch zurecht zimmerten.

Tennesse Williams richtete den Scheinwerfer auf die gemischte Bevölkerung dieses Schmelztiegels der aus Europa und Afrika Eingewanderten. Nicht grell, sondern mit der psychologischen Behutsamkeit des großen Erzählers. Vieles, was den Personen seiner Erzählungen und Theaterstücke widerfuhr, hat Williams in seinem Leben selbst erfahren. Vom harten Los seines Vaters, der seine Familie als Schuh-Vertreter durchbringen musste, bis zur eigenen Homosexualität. 

Der mit seiner „Glasmenagerie“ („The Glass Menagerie“) 1944 berühmt gewordene Schriftsteller ging als Thomas Lanier Williams zur Schule und Universität. Seinen Vornamen „Tennessee“ erhielt er von College-Freunden an der University of Missouri, weil er dort durch seinen Akzent auffiel, der im gleichnamigen Bundestaat gesprochen wurde. Tennessees Großeltern, die er oft besuchte, blieben dort ansässig, wodurch er den Akzent behielt, obwohl er mit seinen Eltern bereits 1918 nach St. Louis im US-Bundesstaat Missouri ziehen musste. Dort lebte er mit seiner aus einer ehedem wohlhabenden Familie stammenden Mutter Edwina Dakin und seinem als Handelsvertreter viel abwesenden Vater Cornelius Coffin Williams in beengten Verhältnissen, die ihn prägten. 

Dem an der Columbia-Universität von Missouri 1932 abgebrochenen Studium der Publizistik und Theaterwissenschaft folgte eine Zeit als Gelegenheitsarbeiter. In New York besuchte der angehende Autor die Kurse von Erwin Piscator für junge Dramatiker. Bevor Williams 1944 mit seiner „Glasmenagerie“ seinen ersten Bühnenerfolg feiern konnte, war das Manuskript zu „The Glass Menagerie“ während eines kurzen, erfolglosen Aufenthalts bei der Filmwirtschaft in Hollywood abgelehnt worden.

In der „Glasmenagerie“ thematisierte Williams mit der sich zu ihren kleinen Glas-Figuren zurück ziehenden Laura Wingfield erstmals die Selbsttäuschung seiner Hauptfiguren. Das Thema Lebenslüge sollte auch in weiteren seiner berühmt gewordenen Werke beherrschend werden. So träumt seine Heldin Blanche DuBois in „Endstation Sehnsucht“ („A Streetcar named Desire“, 1947) noch ihrer glücklichen Zeit im begüterten Familiensitz „Belle Rêve“ hinter her, als sie bereits in der Absteige „Flamingo“ logiert. Die Sizilianerin Serafina delle Rose glaubt in „Die tätowierte Rose“ („The Rose Tattoo“, 1951) an die Treue ihres Ehemannes Rosario, obwohl alle um das Verhältnis Rosarios zu Estelle Hohengarten wussten. Und als „Katze auf dem heißen Blechdach“ („Cat on a hot tin-roof“, 1954) fantasiert Ehefrau Margaret „Maggie“ des homosexuellen Brick, von diesem zur Stabilisierung des Familienglücks ein Kind gezeugt zu bekommen; die innere Stärke, die Williams seinen Figuren vermittelt, liest sich in diesem Fall so:


„Oh, ihr schwachen, schönen Menschen, die ihr mit soviel Anmut aufzugeben versteht. Was ihr braucht, ist jemand, der sich euer annimmt, sanft, mit Liebe, und euch euer Leben zurückgibt, wie etwas Kostbares, das ihr Euch entgleiten ließet, und ich kann es! Ich bin entschlossen, es zu tun, und gibt es etwas Entschlosseneres, als eine Katze auf dem heißen Blechdach? Gibt es das, Baby?“


An diesen Schlussworten aus „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ werden auch die Kraft und der Symbolgehalt von Tennessee Williams Sprache deutlich, der am 25. Februar 1983 in New York starb. Zugleich lässt Williams in der Figur von Brick seine eigene Homosexualität aufscheinen. Williams’ wichtigste homosexuelle Beziehung war die zu seinem Sekretär Frank Merlo. Sie begann 1947 und endete im Jahre 1961, Merlos Krebstod im Jahr 1963 stürzte Williams in eine sieben Jahre andauernde Depression. Während der Zeit ihrer Beziehung gab Merlo Williams emotionale Stabilität, und die damals entstandenen Werke gelten als seine besten.

Williams schöpfte aus den bunten Lebensbildern der Südstaaten-Atmosphäre. Seine Szenen sind oft von unverblümter Deutlichkeit, was ihm zuweilen den Vorwurf der „Südstaatengotik“ eintrug, andererseits aber auch für Lebensfülle und Vitalität steht. Die Seelenbilder, die Williams entwirft, sind von psychologischer Feinfühligkeit, innerer Folgerichtigkeit und Stimmigkeit. Die Symbolik des Dichters ist griffig. So steht die Rose für Mutterschaft, die Gewitterschwüle bringt menschliche Spannungen mit sich, das weiße Kleid manifestiert Unschuld, und der höfliche Mitmensch wird als aufrichtiger Liebhaber fantasiert. 

Williams Werk erfreut sich ungebrochener Beliebtheit und Aktualität. Die meisten seiner Bühnenwerke wurden verfilmt. So „Endstation Sehnsucht“ 1951 mit Vivien Leigh und Marlon Brando, „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ 1958 mit Elizabeth Taylor und Paul Newman sowie „Das Glasperlenspiel“ 1973 mit Katharine Hepburn.


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