Wenn Menschen nicht mehr glauben können

Fünf Leitfragen für Kirchen und Gemeinden

Was können Kirchen und Gemeinden tun, damit Menschen in ihnen auf Dauer ein Zuhause finden?

Nach vielen Gesprächen mit Menschen, die sich vom Glauben abgewendet haben und zahlreichen Informationen, die ich mir angeschaut habe, ist es nun Zeit, ein Fazit zu ziehen: Was sind die Hauptgründe, weshalb sich Menschen vom Glauben abwenden? Und vor allem: Was können Kirchen und Gemeinden tun, damit Menschen auf Dauern in ihnen ein Zuhause finden?

Ich möchte fünf Leitfragen stellen. Sie sollen helfen, im Hinblick auf die eigene Gemeinde oder die eigene Kirche, kritischen Bereichen auf die Spur zu kommen. Bereiche, die dazu führen können, dass sich Menschen vom Glauben verabschieden.

1. Ehrlich glauben: Wie offen ist meine Gemeinde?

Einer der Hauptgründe, warum sich Christen vom Glauben abwenden, hat mit Christen zu tun. Sicher, keine Gemeinde ist perfekt und überall werden Fehler gemacht. Aber wo der Anspruch hoch gehalten wird, muss man auch kritisch hinterfragen dürfen. Wie offen wird mit Fehlern umgegangen? Hat man es gelernt, konstruktiv miteinander zu streiten? Kann man unterschiedliche Positionen stehen lassen? Oder geht man strittigen Fragen um des lieben Friedens willen aus dem Weg?

„Lasst die Sonne nicht untergehen über eurem Zorn“ könnte ein guter Leitvers für Kirchen sein, die sich schwer mit offener Auseinandersetzung tun: Ja, es gibt Zorn, das kann und muss man zugeben. Aber es gibt auch das Ziel der Versöhnung, für das man arbeiten kann. Nicht durch Totschweigen, sondern durch das gezielte Ansprechen der Gründe für Streit und Uneinigkeit.

2. Mit Zweifeln glauben lernen:  Wie offen können Menschen in meiner Gemeinde über ihre Zweifel reden?

Wir geben uns solche Mühe, Menschen zum Glauben einzuladen und ihnen zu helfen, ihre Glaubenszweifel zu überwinden. Doch wenn Christen, die – aus welchen Gründen auch immer – einmal Zweifel äußern, werden sie mit einfachen Bibelversen abgespeist. Ich glaube, wir brauchen eine ganz neue Kultur in unseren Gemeinden, die es ermöglicht, offen über Zweifel zu sprechen. Denn nur Glauben, der durch Zweifel hindurch gegangen ist, kann zu einem tragfähigen Glauben werden.

Es muss möglich sein, sich – auch immer wieder neu – intellektuell mit dem Thema Glauben und Zweifeln auseinanderzusetzen. Wenn ich meine Zweifel unterdrücke und sie nur runterschlucke, kommen sie vielleicht dann wieder hoch, wenn ich eigentlich einen starken Glauben bräuchte. Um zum Beispiel eine Lebenskrise zu überwinden. Nur, wenn ich ehrlich mit anderen über meine Zweifel spreche, kann man gemeinsam Antworten finden oder gemeinsam lernen, mit Zweifeln zu leben und zu glauben.

3. Glauben erfahren: Wie sehr hilft meine Gemeinde Menschen, die eine tiefe, spirituelle Sehnsucht haben?

Der Glaube an Gott darf nicht von meinen Erfahrungen abhängig sein. Aber er darf auch nicht losgelöst sein von meinen Erfahrungen. „Das Wort wurde Mensch und wohnte unter uns“ (Joh 1,14). Mit der Menschwerdung Gottes hat sich Gott selbst erfahrbar gemacht. Die Geschichte Israels ist eine Geschichte von Erfahrungen, die Gottes ausgewähltes Volk mit seinem Gott gemacht hat. Schöne Erfahrungen, leidvolle Erfahrungen, gewaltige Erfahrungen und natürlich auch Erfahrungen des Schweigens, der Gottesferne.

Zu einem lebendigen Glauben an einen lebendigen Gott gehören auf Dauer lebendige Erfahrungen. Das können leise Erfahrungen sein, Erfahrungen, für die mir die Worte fehlen. Erfahrungen, die mich letztlich auf die Bibel zurückwerfen, weil ich dort Menschen begegne, die auch mit diesem Gott Erfahrungen gemacht haben. Dort finde ich auch die Sprache, um diese Erfahrungen in Worte zu fassen. Und meine Erfahrungen werfen mich auch immer wieder auf die Gemeinde zurück. Denn sie ist der Ort, wo ich Menschen begegne, die ebenfalls mit Gott Erfahrungen gemacht haben. Im Gespräch lerne ich meine Erfahrungen besser zu verstehen, sie einzuordnen.

Weil wir evangelische Christen gut reformatorisch auf dem Wort stehen, bedeutet das nicht, dass Spiritualität keinen Raum haben darf. Wenn in der Gesellschaft eine neue Sehnsucht nach Spiritualität herrscht und unsere Kirchen und Gemeinden aber der letzte Ort sind, wo Menschen danach suchen, dann sollte uns das nachdenklich stimmen. Die spirituelle Sehnsucht zeigt letztlich, dass der Mensch als Ebenbild Gottes geschaffen wurde. Und nur mit ihm als reales Gegenüber wird diese Sehnsucht gestillt. Gott hat dem Menschen die Ewigkeit ins Herz gelegt (Prediger 3,11). Die Sehnsucht nach Spiritualität macht genau dies deutlich.

4. Glauben, der die Welt verändert: Wie hilft meine Gemeinde Menschen, das Abenteuer der Nachfolge zu entdecken?

Ich habe den Eindruck, dass sich Christen immer wieder vom Glauben abwenden, weil in Gemeinden ein einseitiges Verständnis von Bekehrung vorherrscht. Sicher, es ist wichtig, dass Menschen wissen, wo sie die Ewigkeit verbringen. Aber Gemeinde muss mehr sein als ein Ticketbüro, das Reisen in den Himmel organisiert und sicherstellt, dass auch alle heil dort ankommen. Christsein heißt, unterwegs zu sein. In der Nachfolge Jesu. Jeden Tag neu. Das ist keine Last, das ist kein Zwang, das ist die Einladung Jesu zu etwas Größerem als das eigene Ich. Es geht nicht nur um mein eigenes, ganz persönliches Seelenheil. Es geht darum, Nachfolge als zentralen Ruf Jesu zu verstehen, der eng mit dem Reich Gottes verknüpft ist.

Die Frage „Was hat Gott mit meinem Leben vor?“ ist deshalb keine Frage, die nur besonders frommen Menschen gilt. Wer erfährt, dass sein Leben dazu beiträgt, Gottes Reich zu bauen, kann auch schwierige Phasen in seinem Leben durchstehen. Denn es geht nicht nur um mich. Es geht darum, dass Gottes Willen geschieht, „im Himmel wie auf Erden“. Und wo das Reich Gottes anbricht, da werden Menschen heil, Heimatlose finden ein Zuhause und Gefangene werden frei. Da wird das Engagement für Gerechtigkeit in der Welt zu seinem Abenteuer und zu einer Liebesgeschichte, weil ich dadurch Gottes Herzen auf der Spur bin.

5. Gemeinsam glauben: Wie stehen die Chancen, dass Menschen in meiner Gemeinde wenigstens einen anderen Menschen finden, der sie im Glauben begleitet und für sie da ist?

Ob ein Mensch am Glauben festhält, kann sich unter Umständen daran entscheiden, dass er einen Mensch hat, dem er vertraut und der ihn auf seiner Glaubensreise begleitet. Das kann bedeuten, dass jemand Menschen in Zweifeln begleitet oder Ansprechpartner ist für kritische Fragen. Er muss nicht alles wissen, aber zuhören und sich gemeinsam mit anderen auf Antworten machen. Aber auch in Lebenskrisen kann ein guter Freund oder Begleiter den entscheidenden Anstoß liefern, dass ein Mensch seinen Glauben nicht an den Nagel hängt.

Vielleicht hat eine Gemeinde nicht das Gespür für die Bedürfnisse eines Menschen, der eine tiefe Lebenskrise durchmacht. Wenn es aber nur einen einzigen Freund oder geistlichen Mentor gibt, der diesem Menschen zur Seite steht, kann das der entscheidende Unterschied sein. Auch wenn das Leid monate- oder jahrelang andauern sollte. Ein Freund kann helfen, bei Gott zu bleiben. Das ist nicht nur eine Frage an eine Gemeinde oder Kirche als Ganzes, sondern vor allem an jeden Einzelnen. Vielleicht bin ich derjenige, der einen Freund tragen kann, wenn dessen Glauben nicht mehr trägt.


Was ist Ihre Erfahrung? Was hat Ihnen geholfen, am Glauben dran zu bleiben?  


Kommentare

Von costea am .

es ist sehr praktis und relevand, danke samy

Von maite am .

das was renate geschrieben hat, möchte ich voll unterstützen. menschen, die mittragen, sind absolut wichtig. aber wenn es keine gibt oder wenn sie keine kraft mehr haben, weil man lange durch ein tal durchmuss, dann ist es bei mir auch immer Gott gewesen, der mich zu Seinen zeiten und mit Seiner versorgung durchgebracht hat. dass Er dabei nicht meist nicht gemäß meiner erwartungen gehandelt hat, war im nachhinein eine wichtige erkenntnis.

Von Simon am .

Lieber Bruder Michael. Danke für deinen Beitrag. Besonders wichtig für mich ist, dass die Gemeinde sich als Gemeinschaft der Geschwister in Christus weiss. Auch mit meiner Familie kann ich streiten, aber ich lasse es nie so weit kommen, dass ich nicht mehr mit ihnen reden kann. Glaube ist nicht mein Werk, sondern ein Geschenk Gottes. Aber dieses Geschenk muss man dann leben und zur Entfaltung kommen lassen, mithilfe der Bibel, der Gemeinde und dem Bewusstsein, dass Gott mich weiter tragen wird und mich niemals fallen lässt.

Von www.Monika-Scherbaum.de am .

Ihr Artikel hat mich sehr berührt. Er benennt die wichtigen Dinge. Ich denke, es geht in Gemeinde sehr um dieses Grundgefühl "Du bist willkommen" und "Du bist eine gute Gabe Gottes an die Welt".
Michael Herbst nennt es eine "Kultur der Wertschätzung" schaffen. Natürlich kann jeder Einzelne jederzeit damit anfangen, doch prägend wird stets das Vorbild der Gemeindeleitung sein.

Von Renate am .

Als ich mich vor einigen Jahren in einer ernsten Glaubenskrise befand, wo sogar die Verkündigung des Wortes in der Gemeinde einen Widerwillen in mir auslöste, überfiel mich ein großes Erschrecken. Daraufhin habe ich begonnen, ganz systematisch für mich in der Bibel zu lesen und sie zu studieren, denn sie ist GOTTES Wort. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis es im wahrsten Sinne des Wortes zu mir "gesprochen" hat und ich klar sehen konnte. Zudem habe ich viele christliche Bücher gelesen, die mehr


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