Warum wir Weihnachten brauchen Lesezeit: ~ 6 min

Herbei, o ihr Gläubigen

Alle Jahre wieder feiern wir Weihnachten. Das ist gut so. Denn gäbe es das Fest nicht, hätte Gott es vermutlich selbst erfunden.

Vielleicht fragen Sie sich, wie ich auf die Idee komme, dass Gott Weihnachten will. Schließlich ist in unserem Kulturkreis von einer stillen und heiligen Christnacht nicht viel übrig. Stattdessen klingeln die Glocken an den Ladentüren und bescheren den Verkäufern ein süßes Weihnachtsgeschäft. Oder wie der Kabarettist Dieter Nuhr sagt: „Weihnachten ist der Höhepunkt des Christenjahres, denn an Weinachten hat der Heiland den Einzelhandel gerettet.“ Sollten wir als Christen da nicht einen Gegenpol setzen? Überhaupt: Kann es Gott gefallen, wenn an Weihnachten neben dem Kind in der Krippe auch Weihnachtsmann und Tannenbaum eine wichtige Rolle spielen? Ist das der eigentlichen Bedeutung des Festes noch angemessen?

Die Feste feiern, wie Gott sie bestimmt

Es ist ausgerechnet ein Textabschnitt aus dem Alten Testament, der mich glauben lässt, dass es mit der fröhlichen und seligen Weihnachtszeit doch seine Ordnung hat:

„Zu Ehren des Herrn, eures Gottes, sollt ihr stets im Monat Abib das Passahfest feiern. Denn in diesem Monat hat euch der Herr, euer Gott, in der Nacht aus Ägypten geführt. Sieben Tage lang sollt ihr nur ungesäuertes Brot essen - das Brot der Not -, weil ihr eilig aus Ägypten aufgebrochen seid. Dieses Brot soll euch Zeit eures Lebens an den Tag erinnern, an dem ihr aus Ägypten fortgezogen seid. Auch das Laubhüttenfest soll am Ende der Erntezeit gefeiert werden. Es soll ein reines Freudenfest sein! Dreimal im Jahr soll jeder Mann in Israel vor dem Herrn, eurem Gott, an dem Ort erscheinen, den er dafür bestimmt: zum Fest der ungesäuerten Brote, zum Fest der Ernte und zum Laubhüttenfest. Doch ihr sollt nicht mit leeren Händen vor ihm erscheinen. Jeder soll so viel geben, wie er kann, je nachdem wie reich der Herr, euer Gott, euch gesegnet hat.“ (aus 5. Mose 16)

Dieser Text präsentiert uns Gott als den Erfinder der drei großen Feste des Judentums – neben Passafest und Laubhüttenfest erhält das Volk auch Anweisungen für das Erntefest. Das geschieht zu einem Zeitpunkt, zu dem das Volk selbst noch gar nicht so weit ist, eigene religiöse Feiertage zu entwickeln. Die Männer und Frauen befinden sich noch in der Wüste und sind vermutlich froh, wenn sie abends in ihr Zelt sinken und den Wüstenstaub draußen lassen können. Ägypten steckt noch in den Knochen und das gelobte Land gehört noch lange nicht ihnen. Aber Gott denkt voraus. Er sieht schon den prächtigen Tempel von König Salomo, der einmal die Stiftshütte ablösen wird. Vor seinen Augen steht Jerusalem als pulsierende Hauptstadt, voll von religiösem und kulturellem Leben. In diesem Umfeld sollen die drei Gedenktage ihren festen Platz haben. Partymuffel und Partylöwen sollen beide daran teilnehmen. Schlechte Straßenverhältnisse oder ein mieses Geschäftsjahr sind keine Ausrede, das Fest zu stornieren. Alle erwachsenen Männer sind verpflichtet, daran teilzunehmen. Frauen und Kindern erspart Gott die anstrengende Reise. Aber ich bin mir sicher, dass sie zuhause gefeiert haben und von ihren Männern ein schönes Mitbringsel bekommen haben (1. Samuel 1).

Warum tut Gott das? Der Bibeltext nennt vier Gründe: Er möchte geehrt werden, er möchte, dass die Israeliten sich an seine Hilfe erinnern, dass sie sich über seinen Segen freuen und ihm etwas davon zurückgeben. Für mich spiegelt sich in diesen Vorschriften etwas von der Menschenkenntnis Gottes wieder: Er weiß, wie schnell das Volk dazu tendiert, sein Eingreifen in ihre Geschichte zu vergessen. Das Gemurre über das ungenießbare Wasser bei Mara ist dafür nur ein Beispiel aus vierzig Jahren Wüstenwanderung (2.Mose 15,22-25a). Wer Gutes aber vergisst, wird leicht gleichgültig, undankbar, verbittert und dreht sich nur noch um sich selbst. Alles in allem eine ungenießbare Kombination, die auch für das Zusammenleben in einer Gesellschaft nicht förderlich ist. Das möchte Gott nicht.

Religiöse Grundbildung und günstige Passahschnäppchen

Deswegen fordert er die Juden dazu auf, sich jedes Jahr zu erinnern und zu feiern. Fröhlich soll es dabei zugehen - mit gutem Grund: Wer einen solchen Gott hat, der kann seine Sorgen auch einmal vergessen. Schließlich hat Gott in der Vergangenheit alles gut gemacht, warum sollte er das nicht wieder tun? Und Geschenke soll es geben. Wer Gottes Segen im vergangenen Jahr erlebt hat, kann davon etwas abgeben. Die Menge ist dabei nebensächlich. Hauptsache, es kommt von Herzen und bewahrt den Geber vor Habgier und dem Tanz um das goldene Kalb. Wo das geschieht, wird Gott geehrt. Und die nachwachsende Generation lernt ganz nebenbei, wie genial der Gott ihrer Eltern ist und warum es ein Privileg ist, zu seinem Volk dazuzugehören. Selbst Juden, denen ihr Gott und ihre Geschichte eigentlich egal ist, bekommen so bis heute ein Stück religiöse Grundbildung ab.

Wenn ich mir die Geschichte des Judentums anschaue, dann wurden diese Anweisungen nicht immer befolgt. Zeitweise waren sie total verschüttet und mussten erst von einem Reformator wieder ausgegraben werden (2. Könige 23,21-23). Auf der anderen Seite wurde das Passahfest selbst in den dunkelsten Zeiten der Geschichte gefeiert, zum Beispiel im Warschauer Ghetto während des 3. Reiches. Ob es nicht gerade auch diese Feste waren, die den jüdischen Männern und Frauen über die Jahrhunderte hinweg geholfen haben, an ihrem Glauben festzuhalten? Ob sie nicht ein Grund dafür sind, dass sich trotz der leidvollen Geschichte ein jüdischer Humor entwickelt hat, der im wahrsten Sinne des Wortes unschlagbar ist?   

Und der ganze Kommerz? Es sage mir niemand, dass die Händler in Jerusalem nicht von Anfang an von diesen Festen profitiert haben. Sicherlich haben sie ihr Warenlager jedes Jahr kurz vor dem Ansturm der Pilger gut aufgestockt. Schließlich sollte auch wirklich jeder das besonders günstige Passahschnäppchen in Form eines neuen Gebetsschals mit nach Hause nehmen. Aber auch das scheint Gott in Kauf zu nehmen, so lange der Ort der Anbetung nicht selbst zweckentfremdet wird (Matthäus 21,12-13).

Ein riesiges Fest als kleine Gedächtnisstütze

Aber zurück zu uns Christen und dem Weihnachtsfest. Ich behaupte, dass wir genauso vergesslich sind wie Abrahams Nachkommen. An die fehlende Fröhlichkeit in westlichen Kulturkreisen möchte ich gar nicht denken. Sartre trifft es leider allzu gut, wenn er sagt: „Weihnachten - Ein Fest der Freude. Leider wird dabei zu wenig gelacht.“ Die Sorge um das liebe Geld treibt uns ebenfalls um. Da lassen sich die vier Prinzipien für die jüdischen Feste prima auf das Christfest übertragen. Es tut gut, sich einmal im Jahr zu erinnern, welchen Exodus Gott an Weihnachten erlebt hat. Er verlässt den Himmel, um uns zu befreien. Freude ist sowieso ein zentrales Weihnachtsthema. Davon war schon Gabriel überzeugt, als er den Hirten persönlich Jesu` Geburtsanzeige vorbeibrachte. Geschenke helfen nicht nur dabei, diese Freude für andere konkret werden zu lassen sondern auch, nicht zu sehr am eigenen Geld zu kleben. Wo das geschieht, wird Gott geehrt und an einigen Tagen im Jahr dreht sich tatsächlich alles um ihn. So sollte es an seinem Geburtstag ja auch sein. 

Sicher, im vorweihnachtlichen Trubel und der Jingle Bells-Dauerberieselung im Einkaufszentrum gehen diese Prinzipien leicht unter. Aber wenn es Ihnen wie mir geht, dann werden Sie auch alle Jahre wieder versuchen, sich wenigstens ein bisschen auf die wahre Weihnacht zu besinnen. Alleine diese Tatsache ist den ganzen Festtagstrubel wert. Gäbe es Heilig Abend nicht, würden Pfarrer und Pastoren Christi Geburt wahrscheinlich selten zum Predigtthema machen. Selbst mancher sonst eher gleichgültige Zeitgenosse erinnert sich in diesen Tagen an die gute Mär, die der Engel vom Himmel gebracht hat. Und auch wenn der Einzelhandel über den Weihnachtsumsatz fröhlich lacht, hat er es bislang nicht geschafft, den trauten Knaben im lockigen Haar ganz daraus zu verdrängen.

Deswegen glaube ich, dass das Fest trotz Kommerz und Säkularisierung seine Berechtigung hat. Ob Gott nicht selbst die Hände im Spiel hatte, als der Geburtstag seines Sohnes vor vielen Jahrhunderten zu einem Feiertag wurde? Auch wenn er dieses Mal kein Gebot daraus gemacht hat. Herbei, o ihr Gläubigen – das galt den Israeliten zur Zeit des Alten Testamentes für ihre drei Hauptfeste. Und es gilt uns Christen heute für die Feste des Kirchenjahres. In diesem Sinne: Fröhliche Weihnachten überall!
 


Kommentare

Von Han-s-Jürgen Lieber am .

Liebe Hanna Wilhelm, endlich mal jemand, der im Weihnachtstrubel nicht gleich den Gottseibeiuns sieht. Danke für diese gelassene Predigt. Die wenigsten haben Ihren Humor. Sogar die FAZ schrieb bitterböse am 22.12.2010 in ihrem Feuilleton S.29 "Zur Not könnten die Deutschen Weihnachten auch ohne Weihnachten feiern...Fünf Prozent würden am liebsten die Familientreffen streichen, sechsunddreißig das Festessen, siebenunddreißig den Weihnachtsbaum,dreiundfünfzig den mehr

Von Joachim Knoll am .

Liebe Frau Willhelm,
Sie haben ja ungewöhnliche Beiträge im erf-Rundbrief. Finde ich schön und aufbauend, den erwas anderen Blickwinkel. Danke und Frohes Fest!


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