Interview mit Reinhard Holmer Lesezeit: ~ 7 min

Weihnachten in der DDR

Die SED Regierung wollte Weihnachten an den Rand der Gesellschaft drängen. Ohne Erfolg: Selbst die Genossen gingen Heilig Abend in die Kirche.

Weihnachten in der DDR gehört der Vergangenheit an. Reinhard Holmer hat dieses Stück deutsche Geschichte zuerst als Kind bei seinen Eltern und später als Pfarrer einer Kirchengemeinde miterlebt. Im Interview mit ERF Online berichtet er über seine Erfahrungen mit dem christlichen Fest im sozialistischen Umfeld.

ERF Online: Wenn man sich über „Weihnachten in der DDR“ informiert, tauchen immer wieder die so genannten Kuba-Orangen auf. Gehörten die wirklich so untrennbar zum Weihnachtsfest im Osten dazu?

Reinhard Holmer: Kuba-Orangen gab es eigentlich immer. Aber an Weihnachten gab es richtige Orangen! Die Verkäuferin im Konsum hat für jede Familie eine Tüte Apfelsinen fertig gemacht. In den 80er -Jahren gab es einmal tatsächlich zwei Mal Apfelsinen. Nachdem wir die gegessen hatten, sagte meine Frau: Dieses Jahr hatten wir schöne Weihnachten. So war das eben. Man war als DDR-Bürger ganz zufrieden, wenn man zwei Mal gute Apfelsinen bekommen hat und nicht nur Kuba-Orangen. Die waren wirklich sehr strohig. Eigentlich konnte man die nur auspressen und den Saft trinken.

ERF Online: Das kann ich mir als Westdeutsche gar nicht richtig vorstellen.

Uns hat das nicht sonderlich erschüttert. Wir waren das gewöhnt, wir sind so aufgewachsen. Ich habe mich immer gewundert, warum die Leute aus dem Westen bei uns immer alles so grau empfunden habe. Ich fand das gar nicht so grau - bis ich das erste Mal aus dem Westen wiederkam. Aber wir haben in diesem System gelebt, das war unsere Welt und ganz normal.

Weihnachtliche Emotionalität ohne religiöse Anklänge

ERF Online: Wie war es, Weihnachten in einem sozialistischen Staat zu feiern?

Die Ideologie der SED war, dass Religion Opium für das Volk ist und ein Machtinstrument der Herrschenden zur Unterdrückung der beherrschten Klassen. Aus der Sicht der Partei diente auch Weihnachten diesem Zweck. Der Staat hat aber relativ schnell gemerkt, dass er das Fest nicht abschaffen kann. Das hat man in Russland versucht, aber das hat es in der DDR nie gegeben. Stattdessen hat man versucht, Weihnachten von seinem Inhalt zu lösen. Man hat der Kirche den Freiraum gelassen, Weihnachten in ihren vier Wänden zu feiern. Aber in der Gesellschaft sollte das Fest nach und nach an den Rand gedrängt werden.

ERF Online: Wie sah das in Bezug auf Weihnachten aus?

Ich kann mich gut erinnern, wie wir als Kinder im Kindergarten und in der Schule Weihnachtsfeiern hatten. Da gab es natürlich kein Krippenspiel, sondern ein Weihnachtsspiel bei dem es zum Beispiel um den Förster im Wald ging. Es wurden auch andere Lieder gesungen. Wir sangen nicht mehr "Maria durch ein Dornwald ging“ sondern "Es ist für uns eine Zeit angekommen". Diese Lieder haben durchaus die Emotionalität des Weihnachtsfestes aufgenommen, aber alle religiösen Anklänge wurden weggenommen. Das ging so weit, dass Begriffe ausgetauscht und umgedichtet wurden. Das Christkind wurde zum Beispiel durch das Wort Weihnachten ersetzt.

ERF Online: Konnte ein Pfarrer an Heilig Abend dann überhaupt über die eigentliche Bedeutung des Festes sprechen?

Ja. Als Pastoren konnten wir in der Kirche im Grund genommen sagen, was wir wollten. Das Interessante war, dass der Staat versucht hat, die Leute davon abzubringen, zur Kirche zu gehen. Man hat ihnen die Mitgliedschaft in der Kirche madig gemacht, später auch teilweise für bestimmte Berufsgruppen verboten. Die Pastoren sollten dann nur noch vor fünf alten Omas ihre religiösen Mythen verbreiten. Das hätte den Staat im Grunde genommen nicht gestört. Kompliziert wurde es dann, wenn die Partei merkte, dass die Leute doch zur Kirche gingen. Die Heilig Abende waren die für die Kirche am besten besuchten Veranstaltungen des Jahres. Die Gottesdienste waren proppenvoll.

Ich erinnere mich an einen Weihnachtsgottesdienst Mitte der 80er, zu dem auch ein Freund von mir gekommen war. Mir war es suspekt, dass diese Menschen, die sonst nichts mit der Kirche zu tun hatten,  zum Gottesdienst gekommen waren. Deswegen wollte ich sie bei der Begrüßung nicht alle als liebe Christenmenschen anreden. Stattdessen habe ich gesagt: Liebe Gemeindemitglieder, liebe Freunde und liebe Gäste, die sie nur heute an diesem Gottesdienst teilnehmen. Mein Freund sagte mir im Anschluss an den Gottesdienst: Deine Weihnachtspredigt fand ich richtig interessant. Du hast nur eines vergessen: Die Genossen und Genossinnen gesondert zu begrüßen. Er selbst war kein Genosse aber auch kein Christ. Es wunderte ihn sehr, dass diese an Heilig Abend in den Gottesdienst gekommen waren.

ERF Online: Das ist in der Tat überraschend.

Der ganze Sozialismus ist eine Pseudoreligion. Die Leute haben aber gemerkt, dass er inhaltsleer ist und nicht wirklich funktioniert. Gerade an einem Fest wie Weihnachten suchen die Menschen aber nach Inhalten. Deswegen kamen sie. Mich hat das auch immer verwundert, weil es in gewisser Weise inkonsequent war. Ich habe mich darüber aber nicht geärgert, sondern habe sie gerne im Gottesdienst begrüßt. Ich dachte, das ist eine Chance, den Leuten noch einmal deutlich zu machen, warum sie Weihnachten feiern.  

Die Kirchen im Westen waren nicht voller

ERF Online: Wie war es dann Weihnachten 1989 – war dieses Weihnachtsfest irgendwie anders?

Die Stimmung war in der ganzen Zeit eine andere. Es war eine Aufbruchsstimmung und eine Zeit der Veränderungen. Das hat sich in gewisser Weise auch auf Weihnachten übertragen. Wenn ich in Predigten dieser Zeit blättere, merke ich, dass wir das thematisiert haben. Wir haben zum Beispiel gefragt, wer heute für uns die Hirten draußen auf dem Feld sind, mit denen keiner was zu tun haben wollte. Weihnachten 1989 waren die Ausgestoßenen die Stasileute. Erich Honecker zum Beispiel, mit dem keiner mehr etwas zu tun haben wollte. Das hat uns sehr geprägt in dieser Zeit. Es gibt einen interessanten Beitrag von Gunnar Sohn, der den ideologischen Kampf zwischen Väterchen Frost und den himmlischen Heerscharen beschrieben hat. 1989 wurde uns mit einem Mal bewusst, dass die himmlischen Heerscharen gesiegt haben.

Reinhard Homer ist seit 1983 als Pfarrer tätig. 1993 hat er die Leitung des Evanglischen Allianzhauses in Bad Blankenburg übernommen.
Bild: Privat

ERF Online: Ging das nur Ihnen als Pfarrer so oder haben das auch die Gottesdienstbesucher gemerkt?

Das kam nicht nur den Gottesdienstbesuchern sondern auch den Kommunisten so vor. Die haben gesagt: Das kann überhaupt nicht sein. Wir waren doch die Fortschrittlichen. Wir wollten doch die Zukunft bauen. Eine Direktorin sagte mir: Das sind doch drei Schritte zurück, die wir jetzt mit dem Systemwechsel machen. Sie war total verwundert darüber. Es war schade, dass die Zeit relativ kurz war, in der eine Offenheit für solche Gespräche da war. Die wurde sehr schnell vom Materialismus überdeckt.

ERF Online: Stichwort Materialismus: Eine ehemalige Bürgerin der DDR schreibt in einem Blog, dass die ersten beiden Weihnachtsfeste nach der Wende für sie ein Schock waren. Auf einmal ging nur noch um Konsum. Schadet die westliche Kommerzialisierung dem Weihnachtsfest genauso, wie es der Sozialismus getan hat?

Wenn Sie mit aufgeweckten ostdeutschen Menschen reden, werden sie genau das sagen: Wie konntet ihr diesem Irrglauben unterliegen, dass im Westen das wirklich Christentum so viel mehr war als im Osten. Waren die Kirchen im Westen den voller als im Osten? Ehrlich gesagt: Nein. Waren sie an Weihnachten voller? Auch nein. Es hat sich im Grund genommen nicht so viel geändert. Nur bei uns hier war es ein staatlich verordneter Atheismus und im Westen ein materieller Atheismus. Der religiöse Grundwasserspiegel ist im Westen höher als im Osten und die sichtbare Säkularisation ist nicht so weit fortgeschritten. Die innere Emigration weg von Kirche ist im Westen jedoch nicht viel anders gewesen als im Osten. Nur hat man den Schritt nicht getan und ist ausgetreten. Man hat weiter seine Kirchensteuer gezahlt, weil das mit dazu gehörte.

Ich wundere mich immer, wenn Leute aus dem Westen fragen, ob unsere Kirchen jetzt voller sind als zu DDR-Zeiten. Dann sage ich: Nein, aber sind bei euch die Kirchen denn voller? Ich glaube, dass die Kommerzialisierung, die wir heute haben, dem Christentum genauso wenig nützt, wie uns der Kommunismus früher geschadet hat. Damals mussten wir gegen eine Ideologie ankämpfen und heute müssen wir sagen: Der Kommerz ist nicht alles und macht  alleine nicht glücklich.

ERF Online: Haben Sie die Hoffnung, dass sich die Situation in naher Zukunft ändert und Menschen wieder mehr nach der Kirche fragen – vielleicht gerade weil sie merken, dass der Materialismus nicht glücklich macht?

Leider nein. Wenn man aufmerksam ist, stellt man fest, dass es ein unglaubliches Desinteresse in unserem Volk gibt. Die Menschen interessieren sich nicht für Politik, nicht für das, was wir als Kirche anzubieten haben. Ich beobachte in meiner Umgebung eine große Frustration. Die Leute sagen: Ach, lasst uns doch mit allem in Frieden. Ich finde diese Tendenz sehr schade. Ich habe die lieber, die Position gegen uns beziehen, so ein bisschen ein kämpferischer Atheismus. Wenn er fair ist, kann man sich damit auseinandersetzen.

ERF Online: Werden Sie dieses Jahr in der Weihnachtspredigt auf dieses Desinteresse eingehen?

Ich glaube, es macht keinen Sinn, diese gesellschaftlichen Dinge übermäßig aufzugreifen. Ich möchte dieser Haltung nicht mit einer Antithese begegnen, sondern mit Position. „Siehe ich verkündige Euch große Freude“, ist die Botschaft, die wir Weihnachten zu verkündigen haben. Das ist natürlich auch eine Antithese zu der Freudlosigkeit und dem Stumpfsinn, denen man in unserer Gesellschaft begegnet. Aber es ist vor allem eine Position. Ich möchte nicht so gerne die ansprechen, die gar nicht da sind. Ich möchte die ermutigen, die da sind, dass sie mit einer Freudenbotschaft hinausgehen in diese Gesellschaft. Da haben wir unglaublich viel einzubringen.

ERF Online: Vielen Dank für das Gespräch!


Ein Buchtipp für alle, die gerne mehr über die persönliche Erfahrung einzelner Prominente rund um die Wende wissen möchten:

"Mit dem Trabbi in die Freiheit. Deutsche Erlebnisse"
Autor: Reinhard Holmer (Hrsg.)
Hänssler Verlag
ISBN: 3775151192
Preis: 10,95 EUR

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Kommentare

Von Wolfhart am .

Vielen Dank, lieber Reinhard! Ja, und in der DDR wurde systematisch die Idee vom Weihnachtsmärchen propagiert. Die Kinder sollten die Weihnachtsgeschichte genau so einordnen. Um so intensiver habe ich damals die Kinder zu Weihnachten einbezogen. Die Weihnachts-Lieder waren eine gute Brücke zur Botschaft. Wir konnten in Altersheimen singen. Mit Jugendlichen packten wir Päckchen für Menschen, die am 24. 12. arbeiten mussten. So erlebte ich mit meiner Familie sehr intensiv das Christfest.

Von Hans-Jürgen Lieber am .

danke für das ehrliche, aber auch ermutigende Interview. Ich hing auch dem schlichten Glauben an, daß nach dem Mauerfall die Menschen wieder zum Glauben kommen. Es sind leider immer nur die naheliegenden materiellen Früchte, nach denen die Menschen greifen. Weder Christus noch Freiheit und Menschenrechte, sondern Westreisen und schicke Autos. Das war es wohl. Uns Westdeutschen steht ein Tadel nicht zu. Wir denken genau so. Ja, bis es im Leben einmal eng wird. Wenn eine tödliche Krankheit mehr

Von marijke am .

danke für das gute interview. sensibel und gut nachgefragt, offen und ehrlich geantwortet. das ergibt für mich als westdeutsche ein anschauliches und sehr interessantes bild über die zeit, die menschen und ihr leben. vielen dank.

Von Dagmar Grämer am .

Eben habe ich diesen Beitrag gelesen und es ist mir ein Herzensbedürfnis mitzuteilen, daß dieser sehr wahrheitsgemäß geschrieben wurde. Darüber freue ich mich sehr! Ich habe das alles auch so erlebt und fühle gleich.
Liebe Grüße und gesegnete Weihnachten in Ost und West und vorallem in aller Herzen! Dagmar

Von schade,rosi am .

Ich finde, dass es damals wie heute an Weihnachten nur um Äußerlichkeiten, Umsatz im Handel (Kommert) geht.
Weihnachten sind die Kirchen voll. Die Geschichte mit dem Kind in der Krippe (dem Retter) ist für viele ein Märchen - eine Geschichte, die keine Bedeutung für ihr Leben - auch nach Weihnachten - hat: schade!
Ich wünsche mir, dass viele Menschen in der Weihnachtszeit erleben, dass Jesus CHristus nicht das Kind in der Krippe geblieben ist, sondern am Kreuz die Sünden einer ganzen Welt mehr


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