Kapstadt 2010

„Ich fühle mich in Ägypten sicher.“

Ramez Atallah ist der Direktor der ägyptischen Bibelgesellschaft – und überrascht mit seinen Ansichten zur Lage der Christen in seinem Land.

ERF Online: Herr Atallah, was genau sind die Aufgaben der ägyptischen Bibelgesellschaft?

Ramez Atallah: Wir versuchen, die Bibel in Formaten zu den Menschen zu bringen, die zu ihnen passen. Unsere Produkte müssen also verständlich und leicht erschwinglich sein.

ERF Online: Wer ist dabei Ihre Zielgruppe? Christen oder Nichtchristen?

Ramez Atallah: Es gibt 10 bis 15 Millionen Christen in Ägypten. Die sind unsere Hauptzielgruppe. Darüber hinaus machen wir die Bibel denen zugänglich, die sich eine kaufen wollen. Wir machen Werbung, schalten also beispielsweise Anzeigen in Zeitungen. Zudem kann jeder in unsere Buchläden kommen oder eine Bibel nach Hause bestellen. Die Bibel ist für jeden Ägypter erhältlich.

ERF Online: Wie versuchen Sie, die restliche, vornehmlich muslimische Bevölkerung zu erreichen?

Ramez Atallah: Wir können in Ägypten nicht öffentlich missionieren. Aber wir können einem Muslim, der zu einem unserer Buchläden kommt, eine Bibel verkaufen – so lange er das bewusst macht und er ein christliches Produkt kauft, das klar als solches erkennbar ist und er dafür bezahlt. All das wird nicht als Mission angesehen. Wir missionieren also nicht, machen aber viele Veröffentlichungen und Originaldokumente für gebildete Muslime überhaupt erst verfügbar.

ERF Online: Was ist das Besondere an den Christen in Ägypten?

Ramez Atallah: Die Koptische Kirche ist die Wichtigste in Ägypten, eine sehr alte Denomination, die sich bis auf den Evangelisten Markus zurückverfolgen lässt. Die Koptische Kirche hat also eine 2000 Jahre alte Geschichte. Außerdem hat sich diese Kirche in den letzten 100 Jahren sehr auf die Bibel konzentriert. Es gibt Sonntagsschulen, Kinder lernen die Bibel auswendig, es gibt viele Bibelkurse, und die meisten Bischöfe und Priester bieten wöchentliche Bibelkreise an.

Die Orthodoxe Kirche ist also um einiges bibelorientierter als die protestantischen Kirchen – weil die Menschen die Bibel lieben, sie auswendig lernen und viel davon Gebrauch machen. Diese Menschen sind es, die unsere Arbeit so spannend machen. Denn sie wollen die Bibel. Und wir bringen die Bibel in spannenden Formaten heraus, beispielsweise zum Anhören oder für Handys. Die Leute lieben das.

ERF Online: Sie haben also keine Scheu vor neuen Wegen?

Ramez Atallah: Nein, wir gebrauchen dieselben Mittel wie der säkulare Markt, sei es wie wir werben oder wie wir unsere Produkte vertreiben. Wenn Pizza Hut eine gute Idee hat, versuchen wir sie im Hinblick auf die Bibel nachzuahmen.

 

ERF Online: Gibt es einen säkularen Markt für Ihre Produkte? Ich dachte, Ägypten sei ein stark muslimisches Land?

Ramez Atallah: Nein. Ägypten ist kein besonders muslimisches Land, es ist in weiten Teilen sogar ein säkulares Land. Hier sind alle großen Marken der Welt zuhause. Sie können sich von Kentucky Fried Chicken über Mc Donalds bis zu Ihrer Apotheke alles nach Hause liefern lassen. Oder von Ihrem Supermarkt oder Ihrer Buchhandlung. Wir haben eine Gesellschaft, die sehr auf Kundschaft ausgerichtet ist. Die Weltstadt Kairo und das Fernsehen, gerade über Satellit, haben die Menschen sehr aufmerksam werden lassen. Darüber hinaus haben 50 – 60 Millionen Ägypter ein Handy...

ERF Online: ...aber welche Freiheit haben Sie in Ihrer Arbeit mit der Bibelgesellschaft?

Ramez Atallah: Wir können in Ägypten alles machen, solange es in einer Kirche stattfindet. Sie können Ihren Glauben nicht öffentlich praktizieren, eine Evangelisationsveranstaltung außerhalb einer Kirche abhalten oder sich mit der Gemeinde draußen treffen. Aber innerhalb der Kirchengebäude sind wir völlig frei.

ERF Online: Was ein wenig abgeschottet klingt. Wie reagieren die Leute da auf Ihre Arbeit?

Ramez Atallah: Eine Umfrage des Gallup - Instituts von letztem Jahr besagt, dass die Ägypter das religiöseste Volk der Welt sind. 100 % der Ägpyter gaben an, dass Religion für sie sehr wichtig sei. Wie Muslime in den letzten Jahren religiöser geworden sind, sind es auch die Christen geworden. Die Christen wollen also mehr Bibeln und dergleichen, unser Vertrieb wächst. Ganz anders als im Westen, wo die Verbreitung von Bibeln stagniert.

ERF Online: Erleben Sie es, dass sich Muslime für die Bibel interessieren?

Ramez Atallah: Manche Muslime haben Interesse. Dafür sind wir sehr offen. Aber wir gehen nicht offensiv auf sie zu. Wir warten, dass sie zu uns kommen.

ERF Online: Was machen Sie, wenn Muslime auf Sie zukommen?

Ramez: Atallah: Ganz einfach: Wir versorgen sie mit Bibeln. Ich unterscheide da zwischen uns als Bibelgesellschaft und den Kirchen. Wir sind ein Verlagshaus. Wir wollen die Bibel so herausbringen, dass sie gut genutzt werden kann. Wir wollen kreative Produkte zur Verfügung stellen und wollen Menschen für die Bibel begeistern. Aber wir haben die letztliche Verbreitung nicht in der Hand. Wir versorgen also die Kirchen mit Produkten, die sie oder einzelne Christen für eine Evangelisation verwenden können. Sie übernehmen die Verbreitung, die wir selbst nicht übernehmen können.

ERF Online: Wie kann ich mir das vorstellen? Haben Sie zum Beispiel Bücher oder Broschüren spezielle für Muslime?

Ramez Atallah: Wir richten uns mit keinem unserer Produkte direkt an Muslime. Das ist nicht unsere Aufgabe. Unsere Aufgabe ist es, die Bibel herauszugeben. Der Westen fragt immer: Evangelisiert ihr auch die Muslime? Nein, wir bieten die Bibel an. Und wenn ein Muslim eine möchte, bieten wir sie ihm in einem Format an, das für ihn ansprechend ist. Wir rennen aber nicht hinter Muslimen her, nur damit sie unsere Produkte lesen. Wir machen unsere Produkte aber natürlich für Kirchen zugänglich, die Muslime erreichen wollen. Sie können mit unseren Materialien arbeiten, wie sie möchten.

ERF Online: In den Nachrichten war in letzter Zeit öfters von Spannungen zwischen der christlichen und der muslimischen Bevölkerung in Ägypten zu hören. Was können Sie uns dazu sagen?

Ramez Atallah: Das ist ein strittiges Thema. Natürlich gibt es Probleme, manche von ihnen sind kultureller Natur. Ganz ähnlich wie beim Rassenkonflikt zwischen Schwarzen und Weißen in den USA. Es hat also sehr viel mit Kultur, ja Rasse zu tun.

Ein muslimischer Konvertit aber wird in Ägypten auf jeden Fall stark unter Druck gesetzt – was oft als Verfolgung interpretiert wird. Christen machen aber auf der anderen Seite dasselbe. Ich kenne Mütter, die ihren Töchtern sagten, dass sie sie finanziell nicht mehr unterstützen oder nicht zur Hochzeit kommen, wenn sie Muslima werden.

Menschen im Westen verstehen nicht, warum Menschen manchmal so fanatisch werden können. Aber für diese Leute ist der Glaube sehr wichtig. Ein Familienglied, das seine Glauben wechselt, ist da sehr schmerzhaft. Leute, die über Verfolgung und Menschenrechte reden, haben oft gar nicht im Blick, wie sie reagieren würden, wenn ihnen so etwas zustoßen würde. Ich denke, wir sind an dieser Stelle als Christen oft heuchlerisch.

ERF Online: Trotzdem gab es am Anfang dieses Jahres einen Schusswechsel vor einer Kirche mit mehreren Toten. Ist das Ihrer Meinung nach aufgrund von kulturellen Problemen oder wegen des Glaubens passiert?

Ramez Atallah: Dazu kann ich nicht wirklich etwas sagen. Es gibt wirklich böse Leute, auch viele Kriminelle. Und es gibt Menschen, die die Christen hassen und sie ermorden. Können wir deshalb von einer muslimischen Verfolgung sprechen? Der normale, friedliebende Muslim – zumindest in Ägypten – verurteilt Gewalt. Deshalb haben wir nicht besonders viel Gewalt in unserem Land. Ich denke, Christen machen mehr daraus, als wirklich dran ist. Die Medien machen mehr daraus, als wirklich dran ist. Wie viele Menschen sterben täglich in einer westlichen Großstadt? Niemand denkt hier an einen religiösen Hintergrund.

ERF Online: Nichtsdestotrotz fand der Schusswechsel direkt vor einer Kirche statt...

Ramez Atallah: Wie gesagt gibt es Leute, die den Christen Böses wollen. Natürlich gibt es Muslime, die Christen töten wollen. Ich sage aber auch, dass es einfach Kriminelle gibt. Sehen Sie: meine Tochter und meine Frau praktizieren in Kairo einen westlichen Lebensstil. Meine Frau stammt aus Kanada und meine Tochter kleidet sich westlich. Die beiden können mit dem Auto fahren wohin sie wollen, können bis ein Uhr nachts ausgehen und sich dabei sicher fühlen. Das können Sie von vielen Großstädten im Westen nicht behaupten.

Wir haben also einzelne Vorfälle. Aber verglichen mit der Situation in anderen Ländern werden wir Christen in Ägypten nicht mehr ausgeraubt oder getötet. Die muslimische Kultur beschützt ihre Bürger und ich fühle mich sicher im muslimischen Ägypten, gerade was die moralischen Belange angeht. Wenn ich beispielsweise in Ägypten in ein Hotel mit einer Frau einchecken will, muss ich beweisen, dass sie meine Frau ist. Ansonsten kann ich nicht mit ihr in ein Hotel gehen. Manche hassen das, ich mag es. Die ägyptische Regierung sagt: Wir machen nicht nur Gesetze, die vor physischem Schaden bewahren, sondern wir haben auch Gesetze, die die Sittlichkeit betreffen und dich emotional schützen.

ERF Online: Herzlichen Dank!


Kommentare

Von Hans-Jürgen Lieber am .

Seit über zehn Jahren fahren ich regelmäßig mit meiner Frau nach Ägypten. Mir ist aufgefallen- selbst als Tourist- wie die Islamisierung fortschreitet. Man sieht es an der zunehmenden Zahl von Moscheen und der Kopftücher der Frauen. Um nur äußere Zeichen zu nennen. Von einer Deutschen, die ständig im Lande lebt, erfuhren wir, daß ihre ägyptische Schwiegermutter vor fünfzehn Jahren noch im Minirock durch Kairo gehen konnte. Heute muß sie sich vollständig bedecken und Kopftuch tragen. Der frühere mehr

Von Bea am .

Ich finde dieses Interview sehr unrealistisch. Entweder lebt dieser Mann unter "besonderem Schutz der äyptischen Regierung" und kann sich somit frei bewegen, oder er tut es unter Druck, damit seine Arbeit nicht angegriffen wird bzw. damit er überhaupt wieder ins Land einreisen kann, nach diesem Interview in SA.
Jedenfalls entspricht dies nicht der Realität in diesem Land, in dem ich 20 Jahre als normale Bürgerin gelebt habe, und ich weiß wohl den Unterschied zu nennen, ob ein Muslim Christ mehr

Von Ulrich Zahn am .

Eine wohltuende, realistisch klingende Einschätzung eines Menschen, der es direkt täglich erlebt und uns Christen einen gesell- schaftlichen Spiegel, der nachdenklich macht. Danke für diese Beschreibung.


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