Überschwemmungen in Pakistan

Die Menschen sind äußerst frustriert

Shelter Now arbeitet seit 27 Jahren in Pakistan. Udo Stolte, deutscher Leiter der Organisation, war vor Ort und berichtet über die aktuelle Lage.

Viele Pakistaner haben durch die Flut alles verloren. 

ERF.de: UN Generalsekretär Ban Ki Moon sagte zu den Überschwemmungen in Pakistan, dass er noch nie eine Naturkatastrophe solchen Ausmaßes gesehen habe. Ist die Lage in den betroffenen Gebieten wirklich so beispiellos?

Udo Stolte: Ja, sie ist beispiellos. Ich habe zwar nicht so viele Länder bereist wie der UN Generalsekretär, aber ich habe 2005 das Erdbeben in Nordpakistan selbst miterlebt. Das war verheerend, so dass ich noch monatelang davon Alpträume hatte. Aber das hier ist noch schlimmer. Es hat ein viel größeres Ausmaß: 20 Millionen Betroffene, das ist eine unvorstellbare Zahl. Ich habe vielleicht mit ein paar Hundert Betroffenen gesprochen und einige von ihnen haben mir ihre Häuser gezeigt. Diese Menschen haben außer ihrem Leben buchstäblich alles verloren.

ERF.de: Wie reagieren die Menschen emotional auf die Zustände?

Udo Stolte: Sehr durchwachsen. Sie sind natürlich geschockt und traumatisiert. Auf der anderen Seite freuen sie sich, wenn wir ihnen etwas zu essen bringen. Sie danken Gott, manche nehmen uns in den Arm und ihnen kommen die Tränen. Für den Moment reagieren sie sehr dankbar und emotional positiv. Aber auf der anderen Seite sind sie auch äußerst frustriert und viele sind auch sehr wütend, dass so wenig Hilfe geschieht. Viele nehmen auch noch gar nicht richtig wahr, was es bedeutet, dass sie alles verloren haben.

Die weitere Entwicklung in Pakistan hat Auswirkungen auf Deutschland

ERF.de: Es ist verständlich, dass die Menschen frustriert sind, aber könnten die Regierung oder Hilfsorganisationen momentan überhaupt mehr tun? Die ganze Infrastruktur ist ja zerstört.

Udo Stolte: In den Gebieten, die nicht zugänglich sind, ist die Armee tätig. Wir haben gesehen, dass sie Trinkwasser verteilen. Wie viele Betroffene sie damit erreichen, kann ich nicht beurteilen. Dass die Menschen teilweise sehr wütend sind, hat mit der Regierung zu tun und der Art und Weise, wie geholfen oder nicht geholfen wird. Das große Problem ist: Wenn die Menschen so wütend bleiben und terroristische Kräfte diese Situation ausnutzen und die Regierung noch mehr schwächen, könnte es zu einer Situation kommen, in der die Regierung gestürzt werden könnte. Dann könnten sich Menschen in dieses Machtvakuum hinein begeben, die ganz andere Ziele haben und dem Terrorismus zugeordnet werden. Man muss sich das einmal vorstellen – Pakistan hat die Atombombe. Das bedeutet, wir müssen als Weltgemeinschaft die Regierung stützen, ob wir mit ihr einverstanden sind oder nicht. Was wir hier in Deutschland für Pakistan tun oder was wir nicht tun, hat letztlich auch Aufwirkungen auf uns.

Bild: Udo Stolte privat. Udo Stolte verteilt zusammen mit den Mitarbeitern von Shelter Now Essensrationen.

ERF.de: Dann trifft die Aussage von Entwicklungsminister Dirk Niebel zu, dass die Menschen in Deutschland für Pakistan spenden sollten, damit die Leute dort nicht den Taliban in die Arme laufen?

Udo Stolte: In dieser Beziehung gebe ich Herr Niebel recht. Wo der Westen hilft, entschärft das die Notlage nicht nur direkt, sondern zeigt den Menschen auch, dass der Westen das tut, was sie eigentlich von ihren eigenen Leuten erwarten. Das wirkt der Radikalisierung auf jeden Fall entgegen. Die terroristischen Organisationen haben Pakistan aufgefordert, die westliche Hilfe - und das ist für sie gleichbedeutend mit christlicher Hilfe - völlig abzulehnen. Dann würden sie sehr große Summen zur Verfügung stellen. Das klingt vollmundig, aber sie können große Geldquellen erschließen. Sie wollen die Regierung schwächen und in ein entstehendes Vakuum hineinbrechen. Deswegen wollen sie verhindern, dass der Westen hilft. Im Umkehrschluss heißt das: Wenn der Westen hilft, schwächt man die extremistischen Kräfte.

ERF.de: Können die vielen Hilfsorganisationen bei dem Chaos, das momentan vor Ort herrscht, überhaupt sicherstellen, dass die Spenden bei den Notleidenden ankommen?

Udo Stolte: Bei Naturkatastrophen ist es normal, dass es in der ersten Zeit chaotisch und unkoordiniert zugeht. Am Anfang geht es nicht anders. Man muss dann natürlich so schnell wie möglich anfangen, die Hilfe zu koordinieren. So viele Organisationen gibt es in Pakistan aber gar nicht. Das Land ist gefährlich, viele Hilfswerke haben es in den letzten Jahren verlassen. Jetzt gehen auch die großen Organisationen wieder rein, die dann auch finanziell gut ausgestattet werden. Das heißt aber nicht, dass sie über kontinuierliche Erfahrung vor Ort verfügen. Projekte jetzt anzustoßen, ist nicht einfach. Manche haben eine hohe Expertise darin, das zu tun. Andere, die vielleicht in ihren Heimatländern groß sind, müssen sich jetzt Partner suchen, die diese Projekte durchführen. Diesen Partner ist nicht immer zu trauen. Da muss man sehr vorsichtig sein. Besser ist es, wenn man mit denen zusammen arbeitet, die vor Ort die Erfahrung haben, die permanent in Pakistan sind und die ethisch-moralisch nicht zu hinterfragen sind. Das trifft für einen Großteil der christlichen Organisationen zu. Ethisch-moralisch sind auch die Organisationen, die das Spendensiegel haben. Beim DZI kann man sich auch erkundigen, welche von diesen Organisationen langjährige Erfahrungen im Land haben. Die werden das Geld am effektivsten einsetzen können.

Weitere Informationen zur Arbeit von Shelter Now, ihrem momentanen Einsatz in Pakistan, sowie die Möglichkeit zu spenden finden Sie unter shelter.de

ERF.de: Würden Sie bei einer solchen Katastrophe dann ganz davon abraten, den großen und bekannten Spendenorganisationen Geld zu geben?

Udo Stolte: Das kann man nicht grundsätzlich sagen. Wir haben auch jahrelang Finanzen von mehreren großen europäischen Organisationen bekommen und haben damit beispielsweise Schulen gebaut. Dafür reichten unsere Mittel nicht aus. Letztendlich kann das Geld, das an große Werke geht, auch an Organisationen weitergegeben werden, die das adäquat umsetzen können. Aber das weiß man nicht immer. Sicherer ist es, man gibt es an Organisationen, die Projekte wirklich vor Ort umsetzen können.

Die sozialen Folgen der Flut sind nicht absehbar

ERF.de: Auf der Webseite von Shelter Now schreiben Sie, dass an Wiederaufbau zum jetzigen Zeitpunkt überhaupt nicht zu denken ist. Was für Auswirkungen wird die Katastrophe Ihrer Meinung nach längerfristig auf die wirtschaftliche und soziale Entwicklung Pakistans haben?

Udo Stolte: Die wirtschaftlichen Folgen spürt man jetzt schon, die Preise schießen in die Höhe. Wir würden gerne nicht nur Reisgerichte verteilen, sondern auch Gemüse dazu geben. Aber Gemüse ist teuer geworden, weil die Ernten vernichtet sind. Da müssen wir das Doppelte für eine Portion ausgeben. An Fleisch ist fast überhaupt nicht zu denken. Viele Tiere sind verendet. Den Händlern, die ihre kleinen Geschäfte oft im Erdgeschoss haben, ist durch die Flut alles zerstört worden. Sie können ihre Sachen nicht mehr verkaufen. Lastwagen stehen in den Depots und können ihre Sachen nicht ausliefern oder bekommen keine Fracht. Wirtschaftlich ist das ein riesiges Chaos.

Die sozialen Auswirkungen kann man noch gar nicht absehen. Ich hoffe nur, dass der Westen jetzt dort eintritt und dass die Menschen merken: Der Westen hilft effektiv. Das war beim Erdbeben 2005 auch so. Das hatte damals auch für die Christen positive Auswirkungen. Im Norden Pakistans kannten die Menschen gar keine Christen, aber sie hatten einen schlechten Ruf. Durch die Hilfe haben sie gemerkt, dass die Christen ganz anders sind, dass sie sich für ihr Leben, ihre Familie interessiert haben. Dass sie sich mit ihnen zusammengesetzt haben, mit ihnen geweint, sie getröstet, mit ihnen gebetet haben. Ich denke, es ist wichtig, dass der Westen und die Christen jetzt zeigen: Was auch immer über uns erzählt wird, lernt uns doch kennen. Dann wisst ihr genau, wie wir sind.

ERF.de: Wäre dann aber nicht der Vorwurf berechtigt, dass christliche Organisationen diese Situation für sich ausnutzen?

Udo Stolte: Radikale islamische Kräfte und auch die deutsche Öffentlichkeit führen diese Vorwürfe gerne an. Da wird ganz schnell gesagt, dass Christen, die in Afghanistan ums Leben kommen, selbst Schuld sind. Nach dem Motto: Warum gehen sie da hin und reden über ihren Christus. Das ist genau die Argumentationslinie der Terroristen.

Bilder: Udo Stolte privat. Kinder reagieren in extremen Situationen oft am unmittelbarsten. Ihre Gesichter spiegeln Freude über die Hilfe aber auch den Schock über das Erlebte wider.

ERF.de: Was würden Sie dem entgegen halten?

Udo Stolte: Das wir unsere Hilfsprojekte nicht mit der christlichen Botschaft verquicken. Das widerspricht unserer christlichen Ethik, denn dann würden wir die Menschen manipulieren. Als Christen glauben wir, dass der Mensch als freies Wesen geschaffen ist. Wenn wir dann irgendwie Menschen manipulieren, dann nehmen wir ihnen ein Stück Freiheit und das dürfen wir nicht. Das muss völlig unabhängig voneinander sein. Aber wenn sie uns fragen, woran wir glauben, dann werden wir unseren Glauben doch nicht verleugnen.

Wenn jemand ein überzeugter Demokrat ist und in einem Land, das vielleicht kommunistisch ist, mit Rückrat für die Demokratie einsteht, würden wir ihn auch nicht der verbotenen Missionierung verdächtigen. Er vertritt einfach seine Überzeugungen, auch wenn es schwierig ist und gefährlich wird. Wenn die Medien das nachplappern, was ihnen die Terroristen vorgeben und den Vorwurf der Missionierung benutzen, dann merken sie nicht, dass sie eigentlich denen das Wort reden, die Menschen mit einer festen Meinung das Rückrat brechen. Diese Diskussion wird in Deutschland auf einem sehr niedrigen Niveau geführt. Wo führt das hin, wenn wir uns nicht gegen den Terrorismus wenden und ihm das Feld überlassen? Die Medienvertreter in Deutschland müssen anfangen, die Situation ein bisschen tiefer zu reflektieren.

Die Menschen sind Stehaufmännchen

ERF.de: Welche Schritte müssen getan werden, wenn das Wasser wieder zurückgeht und die Menschen in ihre Dörfer und Städte zurückkehren können?

Udo Stolte: Wir müssen zusehen, dass die Menschen wieder auf ihre eigene Füße kommen. Das heißt, dass sie als nächstes Hilfe brauchen, damit sie wieder ihr eigenes Essen kochen können. Dazu müssen wir das verteilen, was sie dazu brauchen. Für den kommenden Winter müssen im Vorfeld Decken und Zelten und solche Sachen bereitgestellt werden, wie nach dem Erdbeben 2005. Das sind alles Dinge, die mit den Betroffenen besprochen werden müssen. Wir kommen nicht als die, die alles wissen. Die Betroffenen wissen selbst am besten, was sie brauchen und wir müssen gemeinsam über das ins Gespräch kommen, was als nächstes und als übernächstes geschehen soll.

ERF.de: Sie haben in den letzten Tagen viele Bilder gesehen und haben mit der Koordinierung der Hilfe von Shelter Now Germany eine große Aufgabe vor sich. Haben Sie in Pakistan auch Dinge erlebt, die Ihnen Mut machen und Sie dafür motivieren?

Udo Stolte: Wir haben damals das verheerende Erdbeben erlebt und haben dann auch entsprechend große Projekte in Gang gesetzt und zum Beispiel über 100.000 Menschen durch den Winter gebracht. Die Menschen sind dankbar, sie arbeiten mit und wollen ihre Existenz wieder aufbauen. Es sind im Grunde genommen Stehaufmännchen, die nicht verzweifeln und jetzt völlig resignieren. Sie werden auch wieder mitarbeiten, wenn es an den Wiederaufbau geht. Das macht uns Mut, ihnen so viel Unterstützung zukommenzulassen, wie es nur geht.

ERF.de: Vielen Dank für das Gespräch!


Weitere Beiträge mit Udo Stolte zur aktuellen Lage in Pakistan:

ERF Radio: Hilfe, die ankommt

ERF Fernsehen: ERF aktuell 


Kommentare

Von Marjatta Pulkkinen am .

Möglich ist auch durch Gospel for Asia zu spenden, die sind schon vor Ort.

Von Klaus Pacholik am .

Vielen Dank für die differenzierte Dastellung der Situation von Christen in Pakistan, denen vor allem der Gotteslästerungsparagraph im Gesetz zu schaffen macht und Tür und Tor für jede Diffamierung öffnet. Endlich wird in dem Artikel auch eine Hilfe in den Blick genommen, die mit den Betroffenen zusammen gesucht wird. Der Artikel macht Mut!


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