Krise in Griechenland Lesezeit: ~ 5 min

„Solidarität sollte das Stichwort sein!“

Wie beurteilen griechische Christen die Lage im eigenen Land? Ein Interview mit Theodore Kalogeropoulos, Leiter von TWR Griechenland.

ERF.de: Wie würden Sie die Stimmung in diesen Tagen in Griechenland beschreiben?

Kalogeropoulos: Die Menschen sind durch verschiedene Phasen gegangen. In den ersten Tagen dachten sie, dass die Massenmedien etwas veranstaltet haben, um wieder ein größeres Publikum zu bekommen. Später, als die Medien beim Gespräch über Griechenland die europäischen Regierungschefs zeigten, merkten sie, dass es ernst ist. Nun haben die Menschen die erste Reaktion überwunden und versuchen, dort wo es nötig ist, noch etwas abzuändern.

Sie glauben allerdings, dass die Menschen, die diese Probleme verursacht haben oder die Finanzmittel für ihre eigenen Zwecke benutzt haben, diese zurückgeben sollten.

Auf der anderen Seite sind die Griechen nicht das erste Mal in so einer Situation. Die meiste Zeit ihres Lebens haben sie finanzielle Probleme. Sie sind Skeptiker und gleichmütig in ihrer Verhaltensweise und größtenteils auch ohne Vertrauen zum politischen System und den Politikern. Für sie geht das Leben weiter und sie haben ihre täglichen Probleme, die sie beschäftigen.

Einige Links- oder Rechtsradikale und Anarchisten stiften Unruhe, versperren Straßen, zerbrechen Schaufenster, zünden Feuer auf den Straßen an und liefern sich Straßenschlachten mit der Polizei, um auf die Probleme mit Protesten gegen die Regierung aufmerksam zu machen.

Ernst der Lage

Sind Sie durch die wirtschaftliche Krise persönlich betroffen?

Ja, ich bin persönlich betroffen, aber nicht so wie die Menschen, die im öffentlichen Sektor arbeiten, junge Menschen oder Niedrig-Lohnarbeiter. Unser Einkommen ist auch gesunken. Auf der anderen Seite sind die Produkte und Dienstleistungen sehr teuer und werden mit der Zeit immer teurer. Eingeschlossen die steigende Umsatzsteuer, die steigenden Benzinpreise und all die extra Steuern, die uns die Regierung im Sparprogramm vorgestellt hat.

Was bedeutet die Situation für TWR Griechenland? Empfinden Sie sie als Bedrohung oder als neue Möglichkeit, um Menschen zu erreichen, die ärgerlich oder besorgt sind?

Eigentlich ist nur ein kleiner Prozentsatz bis jetzt verärgert oder besorgt. Die Mehrheit ist überhaupt nicht zufrieden, aber sie versucht in dieser ernsten Lage, mit ihren Nöten klarzukommen.

Viele Griechen diskutieren nun darüber, welche Werte wir in den letzten Jahrzehnten dadurch verloren haben, dass wir dem Geld hinterher jagen. Menschen fangen wieder an, über echtes Leben und gesunde Beziehungen zu sprechen. In Situationen wie diesen, glaube ich, werden Griechen offener und bereiter, wieder über Gott nachzudenken und anderen Werten als dem Materialismus Raum zu geben. Aus dieser Sicht gibt es nun eine Chance für uns, über ewig-gültige Tatsachen zu reden.

Wie sollte die Internationale Gemeinschaft, insbesondere die EU, Griechenland aus der Klemme helfen?

Die Griechen sind über manche europäischen und internationalen Regierungsspitzen sehr enttäuscht, weil es ihnen so vorkommt, als ob ihnen die finanzielle Lage, mit der Griechenland zu kämpfen hat, ziemlich egal ist.

Ein paar deutliche Worte wären gerade am Anfang wichtig gewesen. Worte, die erst einmal kritisch auf die steigenden Gewinne der Finanzinstitute hingewiesen hätten und Worte der Solidarität, die den unfairen Artikeln verschiedener Magazine etwas entgegengesetzt hätten. Diese Worte kamen nicht und die Situation wurde immer schlimmer.

Die Europäische Gemeinschaft ist immerhin ein Bündnis, eine Familie und in den ganzen Turbulenzen und der kritischen Situation kann man nicht einfach nur auf seine eigenen Interessen und seine eigenen Gewinne schauen. Solidarität sollte das Stichwort sein!

Ein neuer Anfang ist nötig

Was sind die Hintergründe für diese finanzielle Krise? Wie konnte es soweit kommen?

Die Antwort zu dieser Frage ist vielschichtig. Ich will versuchen ein paar dieser Gründe zu nennen.

Der größte und erste Grund hängt mit der Mehrheit der Politiker zusammen, die dieses Land regieren. Entweder wissen Sie nicht wirklich, was zu tun ist oder sie missbrauchen die Finanzen des Landes für ihre eigenen Absichten. Bezogen auf die Zahlen der letzten fünf Jahre, haben sie genauso viel ausgegeben, wie in den früheren Jahren seit 1975 zusammen.

Die Politiker haben, um ihren Wählern alle möglichen Gefallen zu tun, Steuergelder ausgegeben: Wenn ein Wähler im öffentlichen Sektor arbeiten wollte, haben sie ihn im gewünschten Bereich angestellt, auch wenn diese Dienstleitung bereits überfüllt ist. Das Geld wurde einfach aus einem anderen Bereich des Haushaltsplans zur Verfügung gestellt.

Die Steuerhinterziehung ist ein anderer Grund. Zu nennen ist auch der öffentliche Sektor mit all den zusätzlichen Vergünstigungen und Gehältern, die besondere Rentenregelung ab 50 Jahren.

Wir sollten auch über die Summen sprechen, die unser Land für Flugzeuge und U-Boote im Rahmen des Verteidigungshaushaltes ausgibt. Oder die hohen Summen, die bereit gestellt werden um ein ganz spezielles Fabrikat von Zügen zu kaufen, selbst wenn es das teuerste ist.

Auch die Umstellung auf den Euro hat jeden Haushalt sehr viel gekostet. Denn alles wurde teurer, um sich den anderen europäischen Staaten anzugleichen.

Ganz zu schweigen von den Kriegen, die in diesem Land in den letzten zwei Jahrhunderten stattfanden: Der Erste Weltkrieg, der Zweite Weltkrieg, der Balkankrieg, die Konflikte mit der Türkei, Zypern und Junta.

Und natürlich sind auch einige europäische Spitzenleute schuld, die sich durch den Bankrott von Griechenland bereichern wollten. Auch hohe Zinssätze und Unternehmen, die Waffen, Panzer, Systeme, Züge, Autos, Medizin etc. verkaufen spielen eine Rolle.

Was sollte sich in Griechenland ändern, damit die wirtschaftliche Zukunft und die Zukunft insgesamt wieder hell wird?

Ich denke, es braucht einen Neuanfang. Man muss die Korruption im öffentlichen Sektor bekämpfen und so gering wie möglich halten. Außerdem brauchen wir eine realistische Neubewertung unserer finanziellen Lage und eine neue Ausrichtung, weg vom Materialismus hin zu mehr Realismus und auch zu mehr Spiritualität.

Was sind Ihre Befürchtungen und Hoffnungen für die Zukunft von Griechenland?

Am Dienstag entstanden durch einige Ausschreitungen Unruhen und drei Menschen wurden dabei getötet. Es herrscht Angst, dass durch eine solche Anspannung die Gewaltbereitschaft zunimmt. Am 02.Mai las ich eine der größten Zeitungen. In ihr gab es eine Umfrage zu der jetzigen Situation: 25 Prozent gaben an, dass das politische System für diese Katastrophe verantwortlich sei und waren hoffnungslos. Aber 75 Prozent sagten, dass dies eine Chance sei, um schlechte Verhaltensweisen zu verändern und das falsche System zu verbessern. Und ich glaube, dass Gott uns helfen wird, die Situation positiv zu verändern.


Weitere Informationen zu TWR Griechenland, dem griechischen Partner von ERF Medien, finden Sie auf ERF International.


Kommentare

Von Jaques L. am .

Ich schließe mich dem Kommentar von Jöns-Peter Schmitz an. Schulden aufzunehmen, um die Schulden anderer zu zahlen, hat mit Nächstenliebe nicht das Geringste zu tun. Es ist schlicht Wahnsinn. Geschweige denn mit dem Geld anderer Bürgschaften einzugehen. Würden die Bürgschaften berücksichtigt, wozu jeder Kaufmann verpflichtet ist, wäre der Deutsche Staat höher verschuldet als Griechenland. Werden die Bürgschaften wirksam, ist der Deutschle Staat sofort bankrott. Die Bibel hat dazu eine klare Aussage: "Wer für die Schulden eines anderen bürgt, wird es bereuen". Sprüche 11, 13

Von Jöns-Peter Schmitz am .

Diesen Artikel finde ich unglaublich! Der griechische Staat hat die Europäische Union über Jahre hinweg systematisch über die Haushaltslage getäuscht. Griechenland wäre sonst nie im Euroland angekommen. Und das wäre gut so gewesen.
Mit dem Thema der politischen Unverantwortlichkeit zu Lasten der europäischen Nettozahler kann doch wohl nicht dermaßen unehrlich umgangen werden! Anderenfalls würde dieses schlechte Beispiel noch stärker Schule machen.
Nicht die Finanzmärkte sind schuld, sondern die griechische Politik der vom Volk gewählten Volksvertreter!

Von Paola Frey am .

Ich kenne das Problem seit Jahr und Tag in Griechenland habe selbst dort gelebt und musste erleben wie viele ohne Job waren und die einen hatten die halfen mir nicht auch in Arbeit zu kommen. In Griechenland bekommt man nur eine Beschäftigung wenn man jemanden von der Regierung kennt. Oder wenn jemand bei den Eltern arbeitet im Betrieb hat er keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld. Wer zum Arzt ging und das Privat oder auch Staatlich bekam nur dann wenn der Arzt ein sogenanntes Fackelaki bekam dann bekam man die gute Behandlung

Von Norbert Hanschke am .

Jesus sagte: "Gebt den Kaiser was dem Kaiser gehört! Wenn keine Steuern gezahlt werden bzw. zuwenig, geht der beste Staat in die Pleite. 98% der Griechen sind griechisch-ortodox!
Was tun die Priester in diesem Land?

Von bianca Roth-Helmenstein am .

Ja,laßt uns bitte für Griechenland beten!Bin selber Halbgriechin und hoffe so auf eine neue Chance für dieses Land!

Von Thorsten am .

Vielen Dank für diese First-hand-Information vom ERF Partner vor Ort. Ich hoffe und bete, dass die Radiosendungen von ERF/TWR konkrete Hoffnung und neue Perspektiven in diese schwierige Situation in Griechenland bringen. Ich würde es den Griechen von Herzen gönnen.


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