Christen in Kirgisien

Die Leute sind so depressiv - könnt ihr helfen?

Jakob Ens ist Pastor in der kirgisischen Hauptstadt Bischkek. Mit seiner Gemeinde erlebt er, wie Gott sie während der politischen Unruhen gebraucht.

Jakob Ens lebt zusammen mit seiner Familie in Bischkek. Der deutschstämmige Pastor leitet die Evangeliums-Christen-Baptisten Gemeinde "Swet Istinij" (Licht der Wahrheit), zu der etwa 250 Mitglieder gehören. ERF.de hat mit dem 49-Jährigen über die Lebensbedingungen der Menschen und die Situation der Christen in der kirgisischen Hauptstadt gesprochen. 

Herr Ens, wie haben Sie die Unruhen in den letzten Wochen in Bischkek erlebt?

Jakob Ens: Das ist alles so schnell passiert. Wir haben viel mit geweint und mit erlebt: Den Wechsel in der Regierung, dass es über 80 Tote und 1500 Verletzte gegeben hat und all das, was verbrannt und kaputt gemacht wurde.

An einem Ort haben sie die Häuser kaputt gemacht und dann wollten sie in die Straße, wo wir wohnen. Da Beamte neben uns wohnen, wollten sie alles kaputt machen. Man hat uns gesagt: Etwa 3000 Leute kommen mit Waffen, nehmt das Wichtigste aus dem Haus und fahrt weg. Ich habe meine Frau genommen und wir haben alles Notwendige zusammengepackt und in zehn Minuten waren wir reisefertig. Die ganze Zeit über haben wir gebetet. Und in dem Moment wurden das Militär und die Polizei der neuen Regierung unterstellt und die Unruhen haben aufgehört. Gott hat uns bewahrt. Das haben wir persönlich erlebt.

Insgesamt haben wir die Situation so erlebt, wie die Zeit vor fünf Jahren, als es keine Regierung und keine Polizei gab und die Leute mit einem Gewehr alles gemacht haben, was sie wollten. Das ist so eine bedrückte Atmosphäre, man fühlt das richtig.

Wie sieht die Lage im Moment aus?

In den ersten beiden Tagen während der Unruhen war alles außer Kontrolle und es wurde geschossen. Dann ist der Präsident in den Süden geflohen und sagte, dass es einen Krieg gibt. Er hat viel Geld und viele bewaffnete Leute. Das war eine sehr instabile Situation. Jetzt wurde er nach Kasachstan geschickt. Er ist nicht im Land und ich denke, dass es jetzt friedlicher wird. Die neue Regierung vereint jetzt die Macht des Präsidenten und der Verfassung unter sich. Eigentlich ist das nicht legal, aber wir hoffen, dass es besser wird.

Gebet und praktische Hilfe

Sie sind Pastor einer Gemeinde in der kirgisischen Hauptstadt. Wie haben die Unruhen die Arbeit und das Leben in der Gemeinde beeinflusst?

Die Hauskreise und Gebetsstunden haben an diesen Tagen nicht stattgefunden, weil es einfach zu gefährlich war, abends rauszugehen. Aber wir konnten ganz aktiv sein und wir haben schnell reagiert. Am siebten April ist alles passiert und am achten April hatte einer von unseren Gläubigen eine Idee. Wir haben viele Ärzte in der Gemeinde. Als dann die verletzten Leute kamen und es nicht genügend Medikamente gab, haben wir sofort einen Rundruf gemacht oder per SMS gefragt, wer die Möglichkeit hat, Geld zu bringen. Dann haben wir das Geld genommen, Medikamente gekauft und den Krankenhäusern geholfen.

Dann haben wir ein Seelsorgetelefon, das arbeitet 24 Stunden am Tag. Die neue Regierung sagte: Die Leute sind so depressiv - könnt ihr mithelfen. So viel wir konnten, haben wir das gemacht. Wir haben auch spontan zum Gebet aufgerufen. Wir haben gesehen, wie Gott die Probleme gestoppt hat.

Glauben Sie, dass sich für die Christen im Land durch die neue Regierung etwas verändern wird?

Wir haben etliche Perioden durchgemacht. Wir waren in der Sowjetunion und als sie zerfiel, gab es größere Möglichkeiten zum Evangelisieren. Die Gemeinden in Kirgisien haben das gesehen und schnell reagiert. In den letzten Jahren sind diese Möglichkeiten weniger geworden. Viele Gemeinden haben geklagt und gesagt, wir haben nicht mehr die Freiheit. Sie haben auch der Regierung geschrieben und gesagt: Ihr macht das nicht so, wie es sein müsste. Aber jetzt gibt es neue Möglichkeiten und wir müssen sie einfach sehen. Die Regierung hat noch ihre eigenen Probleme zu regeln. Wir können noch nicht genau abschätzen, ob das zum Guten oder Schlechten werden wird. Wir denken, dass die neue Regierung besser sein wird und wir hoffen, dass die Korruption nicht so stark sein wird.

Helfer verpacken Medikamente (oben)
Jakob Ens im Gespräch mit Ärzten

Bilder: privat

Wir als Christen müssen reagieren und helfen, wenn die Regierung uns darum bittet oder wir müssen unsere Hilfe anbieten. Wir haben eine Theatergruppe, die ein Stück mit dem Titel „Es gibt einen Ausweg“ vorführt. Wir haben das in Gemeinden gemacht und viele ungläubige Menschen sind zum Theater gekommen. Und jetzt müssen wir sofort bereit sein, um auf die zuzugehen, die neu kommen. Die Leute sind bedrückt, sie wissen nicht weiter, auch die wirtschaftliche Situation ist nicht einfach. Ich glaube, wir müssen einfach bereit sein, damit wir schnell reagieren können, weil noch offen ist, wie es weitergeht. Ich wünsche mir von den Gläubigen, dass sie positiv im Land wirken und nicht nur über die Probleme klagen.

Was wünschen Sie sich von der neuen Regierung?

Von der Regierung erhoffe ich, dass sie ihre Versprechen einhalten. Dass zum Beispiel die Regierungsform in eine parlamentarische Republik umgeändert wird. Bis jetzt war es so, dass eine Familie das Land regiert hat. Sie hatten alle Macht und wenn jemand da nicht mitwollte, gab es Probleme. Sie haben das Geld genommen, das dem Staat gehört. Ich denke, dass das anders werden wird.

Kirgisien ist ein gutes Land

Wir können Christen in Deutschland im Blick auf die Situation in Kirgisien beten oder helfen?

Beten ist ganz wichtig. Wir wünschen uns und beten dafür, dass Gott Frieden schenkt. Wir beten, dass es zu einer Regierung kommt, die für die Menschen auch wirklich sorgt. Wir beten, dass wir als Christen richtig auf die Situation reagieren. Das, was wir vor zwanzig Jahren gemacht haben, ist heute nicht mehr aktuell. Ich wünsche mir, dass wir eine neue missionarische Sicht entwickeln.

Das Dritte wäre, dass wir zum Beispiel in Deutschland Partner bräuchten, die uns dabei unterstützen, praktisch zu helfen. So wie wir das mit den Medikamenten zum Beispiel gemacht haben - aber wir können nicht alles machen. Oder wir brauchen mehr Menschen für das Seelsorgetelefon, die die Leute einfach trösten und für sie beten. Die Leute gehen nicht in die Gemeinde, aber sie rufen an und sprechen offen über ihre Probleme. Wir brauchen Hilfe, damit wir nach dem Gespräch praktisch und persönlich helfen können, wenn die Anrufer fast nichts zu essen haben oder Medikamente fehlen. Es ist ganz wichtig, dass die Projekte, die jetzt laufen, unterstützt werden.

Was wünschen Sie sich für Land, wenn Sie an die Zukunft denken?

Ich hoffe, dass Gott uns segnet. Kirgisien ist ein Land mit gastfreundlichen Menschen, es ist ein gutes Land mit vielen Bergen und viel Sonne. Viele Kirgisen sind offen für das Evangelium. Ich denke, Gott segnet das. Das Evangelium ist schon gesät in vielen Herzen. Natürlich gibt es noch viele Probleme. Aber wir leben die Hoffnung. Wir wollen das Positive, das in unserem Land ist, sehen. Und wir wollen mithelfen, auch praktisch, dass das geistliche Leben in Kirgisien wächst.

Vielen Dank für das Gespräch!


Trauer über die Opfer der Unruhen.

Bild: privat

ERF Medien strahlt zusammen mit der Partnerorganisation TWR täglich Radiosendungen in Kirgisien aus. Diese konnten auch während der politischen Unruhen weiter gesendet werden. Wenn Sie es möchten, können Sie diese Arbeit im Gebet und finanziell unterstützen. Wir erstellen einmal im Monat eine aktuelle Liste mit Gebetsanliegen, die Sie per Post oder E-Mail erhalten können. Daneben besteht die Möglichkeit, sich mit einer Patenschaft an den Kosten für die Produktion und Ausstrahlung einer Sendung zu beteiligen. Nähere Informationen erhalten Sie unter [email protected] oder Telefon 06441-9571900. Für Fragen stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung.

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