erfahrungsreich

Gläubige gehen nicht in Rente

Den Eintritt ins Alter bewusst gestalten - dazu kann z.B. die goldene Konfirmation dienen.

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Gläubige gehen nicht in Rente. Im Gegenteil: Die Glaubens-Intensität nimmt im Alter zu. Sie schlägt sich auch in vielerlei helfenden, bezeugenden und beispiel-gebenden Aufgaben älterer Christen im kirchlichen und weltlichen Umfeld nieder. Das Evangelische Seniorenwerk (ESW) leistet auf diesem Gebiet Schrittmacherdienste, indem es über Ansatzpunkte für die Aktivität Älterer in Kirche und Gesellschaft nachdenkt. Zu einem zeitlichen Merkposten für den Eintritt in die altersintegrierte Kirchengemeinde und die  generationsübergreifende Kirche kann die Feier der Goldenen Konfirmation werden.

Den Eintritt ins Alter bewusst gestalten

Eine Pionierin für die Feier der Goldenen Konfirmation 50 Jahre nach der Grünen Konfirmation ist Pfarrerin Dr. Heiderose Gärtner-Schultz geworden, die lange als Fortbildungsreferentin im Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche der Pfalz in Speyer arbeitete und derzeit als Gemeindepfarrerin in Altdorf / Pfalz tätig ist. Frau Dr. Gärtner-Schultz stellt uns hier ihre Überlegungen zur Goldenen Konfirmation vor.

Das Ende der Berufstätigkeit kann als Möglichkeit verstanden werden, den Eintritt ins Altern bewusst anzunehmen und zu gestalten. Aus Sicht der Evangelischen Kirche bietet sich die Feier der Goldenen Konfirmation an. Die Grüne Konfirmation wird bis heute als Initiation ins Erwachsenendasein verstanden, analog dazu wird im folgenden die Goldene Konfirmation, 50 Jahre nach der Konfirmation mit 14 Jahren, also im Alter von rund 64 Jahren, als Initiation ins Altern gesehen.

Zur Situation des alternden Menschen

Die Auseinandersetzung mit der spezifischen Situation dieser Zielgruppe erfordert eine intensive Beschäftigung mit den lebensgeschichtlichen und biographischen Gegebenheiten des Menschen an der Schwelle zum Alter. Das bedeutet zum Beispiel, die Pensionierung, den Weggang der Kinder, das Verlassen des gewohnten Hauses oder die Erfahrung, Großeltern zu werden, aus Sicht der Humanwissenschaften und im Lichte des Evangeliums zu bedenken. Die daraus resultierenden Überlegungen fließen in die Gestaltung der Goldenen Konfirmation ein.

Wesentlich ist in den Vorüberlegungen auch, ob die Goldenen Konfirmanden lange ortsansässig in der Kirchengemeinde gelebt haben und gemeinsam dort alt geworden sind. Dann wird man stärker auf frühere Vorkommnisse zurückgreifen, etwa auch bereits Verstorbener besonders gedenken. Bei vielen Zugezogenen, Übersiedlern aus Osteuropa etwa, kann man auf einstige, auch konfessionelle Bräuche an den Orten ihrer Grünen Konfirmation zu sprechen kommen. In den ostdeutschen Ländern wird man die Konfliktsituation zwischen Jugendweihe und Konfirmation und wie dieser Widerstreit gelöst wurde zur Sprache bringen.

Der Gottesdienst zur Goldenen Konfirmation

Aufgabe der Kirche ist es, die Goldene Konfirmation als einen bewussten Eintritt ins Altern zu gestalten. Dieses Fest unterbricht den Alltag und bietet damit die Chance, die eigene Existenz zu reflektieren. Im Gottesdienst wird die Befindlichkeit des Menschen, der die Goldene Konfirmation feiern will, fokussiert, seine Situation wird beispielhaft beleuchtet. Konkret heißt dies: Der Gottesdienst soll möglich machen, die eigene Lebenssituation aus Anlass der Goldenen Konfirmation bewusst wahrzunehmen, falsche Leit- und Hoffnungsbilder, etwa auf ständige Gesundheit und unverlierbare Jugendlichkeit hin zu arbeiten, abzulegen, und das Leben als Geschenk Gottes zu verstehen.

Es wird Unterstützung zur Annahme der Veränderungsprozesse im Alter gegeben, Persönlichkeitswachstum wird gefördert. Ziel der Goldenen Konfirmation ist bei diesem Verständnis, die Akzeptanz der eigenen Lebensgeschichte, so wie sie gewesen ist, zu erreichen. Auch das aus persönlicher Sicht Misslungene gilt es, in die eigene Lebenssicht als etwas Unausweichliches und Nötiges zu integrieren. In der Begehung der Alterskasualie (Kasualie = kirchliche Zeremonie, Handlung oder Veranstaltung, die von einem Pfarrer für bestimmte Einzelpersonen oder Gruppen durchgeführt wird) können diese Aspekte im persönlichen Schuldbekenntnis zur Sprache kommen; in der Gnadenzusage kann die Erfahrung gemacht werden, dass auch das Missglückte aufgehoben ist bei Gott.

Nicht alles zerfließt

In diesen Lebensabschnitt tritt der Einzelne nicht isoliert. Zur Kontextualität des Lebens der Goldenen Konfirmanden und Goldenen Konfirmandinnen gehört, dass die Gemeinschaft der Gemeinde und des Konfirmandenjahrgangs erfahrbar wird. So soll bereits in der Vorbesprechung, dann aber auch im gemeinsamen Feiern, die Solidarität der Gemeinschaft erfahren werden. Die Bewusstmachung der spezifischen Lebenssituation heißt also auch Bewusstmachung von Gemeinschaftserleben. Es wird der Erfahrung von Bewahrung Raum gegeben inmitten aller Unsicherheit. Gott hat dem Menschen trotz der ständigen Bedrohung durch das „Chaos“ versprochen, diese Welt zu erhalten. Dieses Versprechen (Gen 9, 8-17) Gottes wird den Erfahrungen der Menschen, dass ihnen in ihrem Leben vieles zerfließt, entgegen gestellt.

Die Zusage der Gottesebenbildlichkeit im Gottesdienst trotz aller Erfahrungen von Gebrochenheit findet in der Gestaltung des Gottesdienstes ihren Niederschlag. Der Gottesdienst ist ein Ort, an dem der Zuspruch erfolgen kann, die Fähigkeit zu Kreativität und Vision als Chance gerade dieser Lebensphase zu begreifen. In ihm erfolgt Lebensvergewisserung angesichts der Gebrochenheit des menschlichen Lebens. Der Goldene Konfirmand und die Goldene Konfirmandin erfahren sich im Gottesdienst eingebunden in die Gemeinschaft derer, die so alt sind wie er und sie selbst, die dieselben globalgeschichtlichen Ereignisse erlebt haben, die sich, eingebettet in den gleichen Kulturkreis, ähnlichen soziologischen, psychologischen und biologisch-medizinischen Herausforderungen dieses Lebensabschnitts stellen müssen. Diese vorgebenden Gemeinsamkeiten in der Gemeinschaft können Solidarität und Geschwisterlichkeit freisetzen, gemeinsam Erlebtes im realen oder im übertragenen Sinn kann gemeinsam bearbeitet werden.

In die Geborgenheit heimkommen

Die Bedeutung des Ortes, an dem die Goldene Konfirmation stattfindet, darf nicht unterschätzt werden. Der Ort der ehemaligen Konfirmation ist oft der Ort, in dem ein Mensch aufgewachsen ist, er bedeutet Heimat. Assoziiert wird Heimkommen, Zuhause-Sein und Jugend können sich einstellen. Ähnliche Gefühle sind mit dem Kirchengebäude verbunden. Die Rückkehr an den Heimatort korrespondiert mit dieser Suche nach Heimkommen, Zuhause-Sein und Geborgenheit, die sich aber nicht nur auf diese Lokalität bezieht. Es ist vielmehr eine Grundbefindlichkeit des Menschen, hinter der sich oft das Verlangen nach Gott verbirgt. Die den Gottesdienst vorbereitenden Geistlichen werden die Suche nach Heimat als Symbol für die Suche nach Gott verstehen und aufnehmen. Der Mensch ist in der Welt beheimatet und doch nicht von dieser Welt, er ist auf der Suche nach der eigentlichen Heimat.

Die Teilnahme am Gottesdienst zur Goldenen Konfirmation bedeutet für viele eine Wiederbegegnung mit Kirche. Gottesdienst kann anders erfahren werden als in den Jahren zuvor und als Kirchenjahres-bedingte Gottesdienstfeiern. Er kann als Ort erlebt werden, an dem die eigenen Fragen und Bedürfnisse aufgegriffen werden. Da wird die religiöse Sprachlosigkeit stellvertretend durchbrochen.

Meines Erachtens sollte für die Goldenen Konfirmanden und Goldenen Konfirmandinnen durch die Predigt Lebensdeutung im Lichte des Evangeliums hör- und spürbar werden.

Neue Aufgaben stellen sich

Ermutigend kann in die Gestaltung der Goldenen Konfirmation eingehen, dass nach der Berufs- oder Familienphase neue Aufgaben für das alternde Leben bereit stehen. Es wird den Goldenen Konfirmanden und Goldenen Konfirmandinnen vermittelt, dass sie „gebraucht werden“ in anderen Funktionen und Aufgaben. Die Bibel spricht von speziellen Aufgaben des Alters. Wir können aus der Fülle der möglichen Funktionen im Alter, nämlich Zeuge, Helfer, Betender und Vorbild zu sein, in unserer Feier den Schwerpunkt wahlweise auf eine der vier folgenden Aufgaben legen, wobei hierfür zugleich Zeugnisse aus der Bibel angegeben sind:

- Zeugnis ablegen, vgl. Lukas 2, 22ff; dies ist der prophetische Auftrag.
- Hilfe zu geben, vgl. 1. Timotheus 5, 3; dies ist der diakonische Auftrag.
- Zukunft zu eröffnen, vgl. 5. Mose 32, 49-52; dies ist der fürbittende Auftrag.
- Loslassen vorleben, vgl. Lukas 2, 29; dies ist der pädagogische Auftrag.

1. Prophetischer Auftrag: Das Heil bezeugen

Am Anfang des Lukas-Evangeliums (Lukas 2, 22ff) wird von zwei alten Menschen – Simeon und Hanna – berichtet. Von beiden wird gesagt, dass sie sich in der Nähe des Tempels aufhalten. Simeon wird als gottesfürchtiger Mann beschrieben, auf dem der Geist Gottes ruht (Vers 25). Er deutet Jesus als Heiland der Welt, auch der Heiden und natürlich des Volkes Israel. Diese Deutung hat öffentlichen Charakter, er prophezeit, was die Aufgabe Jesu für die Welt sein wird.

Beide alte Menschen nehmen die Aufgabe wahr, den Eltern und der Öffentlichkeit im Umfeld des Tempels die Sendung und Bestimmung des neugeborenen Kindes zu bezeugen. Beide sind sie mit dem Geist Gottes gesegnet. Ihre Fähigkeiten, weiter zu sehen als andere, sind ihnen nicht zu ihrem Nutzen, sondern zur Erfüllung von Gottes Auftrag gegeben. Jesu Eltern wundern sich über die Aussage von Simeon und Hanna. Diese verstehen Jesus als den Heiland, bezeichnen ihn auch so, und Simeon prophezeit, dass sich an ihm die Geister scheiden werden (Lukas 2, 33f).

In prophetischer Geistesgabe, von Gott selbst verliehen, werden Zukunftsentwürfe, die den Rang von Zusagen haben, durch alte Menschen den jungen Menschen angesagt.

2. Diakonischer Auftrag: Hilfe empfangen und anderen Hilfe geben

Die älteren Witwen, die in den Gemeinden zu Versorgungsproblemen geworden waren, sollen „geehrt" werden, so heißt es im Timotheusbrief (1 Timotheus 5,3). Sie sollten nicht der Verelendung ausgesetzt werden, sondern man sollte sich um sie kümmern. Diese Vereinbarung schließt selbstverständlich die Fürsorge für den täglichen Lebensunterhalt mit ein. So wurde die Versorgung der Witwen durch Institutionalisierung ihres diakonischen Dienstes in der Gemeinde und für diese geregelt.

Das Amt der Witwe entsteht als eines unter anderen urchristlichen Diensten, allerdings mit eigener Struktur. Das Amt der Gemeindewitwen unterscheidet sich von den anderen dadurch, dass es nicht der Leitung, Führung und Organisation der Gemeinde dient, sondern den diakonischen Aufgaben vorbehalten ist. Das Amt, das in erster Line aus der Fürsorge für die Witwen entstanden ist, führt dazu, dass die Witwen, die von anderen Verpflichtungen frei sind, fürsorgende Dienste für andere übernehmen.

3. Segnung und Fürbitte: Zukunft eröffnen

Wohl sieht Mose das gelobte Land, in das sein Volk ziehen wird, nicht mehr (5. Mose 32,49-52), er sieht aber über die unmittelbare Zukunft hinaus. Und durch Segnung und Fürbitte des Mose partizipiert das Volk an dieser „Weitsicht“, die Gott Mose schenkt.

Die Aufgabe der Altgewordenen ist es, Gottes Segen durch Handauflegung weiterzugeben (beispielsweise Isaak und Jakob), so dass Segen vom alten Menschen in die Mitwelt ausgehen kann.

4. Pädagogischer Auftrag: Vorbild-Sein im Loslassen

Als Simeon seine Zeit gekommen sieht, ist er bereit, zu sterben. Es genügt ihm, den Heiland gesehen zu haben, so kann er Abschied von der Welt nehmen (Lukas 2,29). Auf solche Weise wird bei ihm exemplarisch deutlich, wie Abschiednehmen von der Welt in guter Weise geschehen kann. Simeon kann sterben, weil Gott ihm begegnete. Doch über seine Person hinaus bedeutet dies für die Angehörigen der älteren Generation, dass sie den Auftrag haben, den Jungen Älter-Werden, Loslassen und Sterben-Können vorzuleben. Eine Vorbereitung auf das Alter ist dann möglich, wenn Vorbilder da sind.

Quelle: Informationsbrief Nr. 64 / 2-2010 des Evangelischen Seniorenwerks (ESW)
 


Kommentare

Von HeHe am .

Interssanter Artikel, die Überschrift ist ein bisschen irreführend.
Ich finde es aber auch sehr wichtig, dass wir lernen auch den Eintritt in das Alter gut zu begleiten und zu gehen. Vor allen Dingen ist es dann ja mit dem Glauben überhaupt nicht vorbei. Im Gegenteil. Ich glaube wir alle können von den älteren Glaubenszeugen sehr viel lernen!
Jette (48)

Von Gerlinde am .

Danke für die Ratschläge fürs bessere Altern-fand ich gut und hilfreich-nur fand ich die Überschrift leider etwas provokativ und ich suchte nach praxisbezogen Tipps-z.B. bei Helfen-vielleicht für eine alleinerziehende Mutter die Näharbeiten übernehmen? Oder als Rentner bei jemand mit Schnee schippen? Einen Brief schreiben?usw.
Trotzdem DANKE!
Es grüßt Gerlinde 57 Jahre


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