Themenwoche Pornographie

„Ich habe mich schmutzig gefühlt!“

Jahrelang kämpfte Philip Pöschl gegen das Verlangen. Erst als er am Ende war, fand er die Kraft aufzuhören. Ein Interview zum Thema Pornosucht.

Philip Pöschl betreibt die Internetseite nacktetatsachen.at und lovesimore.de. Seine eigenen Erfahrungen haben ihn dazu gebracht, anderen zu helfen, aus ihrer Pornosucht loszukommen. Im Interview mit ERF.de spricht über seine Geschichte, Gottes Sehnsucht für die Menschen und die Frage, wie er persönlich aus der Sucht herausgekommen ist

Das Interview bildet den Auftakt zu unserer Themenwoche Pornographie.

ERF.de: Herr Pöschl, Sie sind verantwortlich für die Internetangebote nacktetatsachen.at und blazingrace.de. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein Internet-Angebot zum Thema Pornosucht auf die Beine zu stellen?

Philip Pöschl: Ich war selbst Betroffener. Das Ganze hat bei mir mit zwölf oder dreizehn Jahren angefangen. Der Einstieg waren ein paar Pornohefte, die ich auf einer Mülldeponie gefunden habe. Das ist übrigens typisch für ganze viele Männer, bei denen das ähnlich war. Man findet irgendwo als Kind oder Jugendlicher so ein Heft – sei es im Müll oder auf dem Dachboden der Eltern. Mit vierzehn bin ich dann Christ geworden, die Befreiung aus der Porno-Abhängigkeit gab es bei mir aber damit nicht. Ich habe über vierzehn Jahre lang auch als Christ in dieser Abhängigkeit gelebt. Ich habe dagegen angekämpft, habe mich schmutzig gefühlt und bin immer wieder auf die Knie und habe Gott um Vergebung gebeten. Ich war sogar selbst Jugendleiter und immer gedacht: „Du führst doch ein Doppelleben!“. Und doch habe ich es nie geschafft, da raus zu kommen.

Wie kam es bei Ihnen dann zur Wende?

Einmal stand ich in einem Elektronikmarkt bei den DVDs und schaute mir das Erotikangebot an. Plötzlich kam der Jugendleiter, mit dem ich gemeinsam einen Jugendkreis leitete, zusammen mit seiner Frau um die Ecke. Ich habe mich so schnell verdrückt, wie ich konnte. Ich weiß nicht, ob er mich gesehen hat, aber mir war das Ganze so peinlich. Danach war ich für lange Zeit „clean“. Der letztendliche Durchbruch aber kam erst, nachdem mich meine damalige Verlobte, die trotzdem meine Frau geworden ist, erwischt hatte. Sie kam unerwartet in meine Wohnung und hatte bemerkt, was ich mir da so am Rechner angeschaut habe und meinte dann: „Du, ich glaube wir müssen reden!“ Mir war das so unendlich peinlich und ich hab mich in Grund und Boden geschämt. Und erst als ich da so exponiert war und am Boden lag und es eigentlich nicht mehr weiter ging, hatte ich die Kraft aufzuhören. Dieses Erlebnis hat mir auch die Augen geöffnet, so dass ich erkannt habe: Es geht hier nicht nur um mich. Ich verletzt den Menschen, den mir am wichtigsten ist und den ich am meisten liebe.

Wie kamen Sie von der persönlichen Betroffenheit dazu, ein Internetangebot für Hilfesuchende aufzubauen?

Ich kann es nicht anders sagen, als dass Gott hat mir das aufs Herz gelegt hat. Es fing ganz konkret damit an, dass ich spürte, dass mir Gott sagt, dass ich all meinen männlichen Freunden und Bekannten eine E-Mail schreiben soll und ihn von meiner Geschichte erzählen soll, ein „Coming-Out“ sozusagen. Ich habe zwei Wochen mit mir gerungen, denn es war so, dass ich mittlerweile im Jugendbereich viele Kontakte hatte – und das fiel mir unendlich schwer, es dieser großen Runde zu sagen. Ich habe es dann aber letztlich getan. Als Konsequenz wurde ich eine Zeitlang ganz oft zu Jugendgruppen und Jugendkonferenzen eingeladen, um über dieses Problem zu sprechen.

Aber es sind doch nicht nur Jugendliche, die mit diesem Problem zu kämpfen haben?

Das ist eine der großen Lügen. Wenn man amerikanischen Studien glauben darf, dann sind bis zu 50 Prozent der Männer einer Gemeinde betroffen. Die Hemmschwelle, sich zu outen, ist unheimlich hoch. Wenn ich Seminare zu dem Thema anbiete, dann sind es oft Leiter, die diese Workshops besuchen. Für sie ist es leichter zu kommen, weil sie erst mal nur in „offizieller“ Funktion kommen können. Für ganz „normale“ Gemeindemitglieder kostet es eine unheimliche Überwindung, mit so einem Seminarbesuch den ersten Schritt aus der Abhängigkeit heraus zu gehen. Das Ganze wird aber immer mehr ein Thema, auch in der säkularen Presse wird immer mehr darüber berichtet.

Was empfehlen Sie Betroffenen, die mit Pornographie und Internet-Sexsucht kämpfen und da raus wollen?

Das Wichtigste ist: Dreh das Licht an, auch wenn es schmerzt. Es muss nicht unbedingt ein Seelsorger oder ein Therapeut sein. Such dir am besten einen Freund, dem du vertraust. Das kann dann ein sogenannter „Rechenschaftspartner“ werden. Man braucht da auch keine Angst zu haben. Die Wahrscheinlichkeit, dass der andere auch mit dem Problem kämpft oder zumindest mal damit zu kämpfen hatte, ist sehr hoch.

Was hält Christen davon ab, den Ausweg aus der Porno-Sucht zu suchen?

Das größte Hindernis ist die Angst. Die Angst schon wieder zu fallen, schon wieder zu versagen. Diese Angst bindet einen und nimmt einem den Mut, sich dagegen zu entscheiden. Was hier hilft, ist sich neu der Liebe Gottes zu öffnen und sein Herz mit der Vaterliebe Gottes füllen zu lassen. Und ich möchte jedem Mut machen, die Hoffnung nicht aufzugeben, dass ein Ausweg möglich ist. Eine der größten Lügen ist: „Ich komme da nie raus!“. Es ist leichter als man glaubt!

Wie geht man als Frau damit um, wenn man auf einmal erfährt, dass der eigene Mann heimlich Pornos schaut?

Für Frauen ist es ganz wichtig, sich selbst Hilfe zu suchen. Denn das ist eine unheimliche Verletzung, die man da erfährt. Viele Frauen fühlen sich minderwertig und fragen sich: „Bin ich meinem Partner nicht genug?“. Wenn Frauen ihren Mann unterstützen wollen, dann ist es erstmal wichtig, ihn zu ermutigen, sich einen andern männlichen Gesprächspartner zu suchen.

Wir bieten verschiedene Selbsthilfegruppen „SHG Pornographieabhängigkeit - für Männer, die einen Ausweg suchen“ zu dem Thema an. Im zweiten Schritt ist es dann auch wichtig zu schauen: Wie kann man sich gegenseitig in der Ehe im eigenen Frau- und Mannsein unterstützen. Muss man vielleicht darauf achten, als Ehepaar nicht nur auf die Kinder fixiert zu sein? Ganz wichtig ist es auch, dass Frauen Verständnis dafür haben, dass Männer in diesem Bereich massiven Versuchungen ausgesetzt sind. Und ganz wichtig ist auch für den Mann zu wissen: Es gibt da einen sicheren Hafen, wo ich hingehen kann. Meine Frau verurteilt mich nicht, wenn ich zugebe, dass ich im Bereich der Sexualität diesen Versuchungen ausgesetzt bin. Das bedeutet aber nicht, den Porno-Konsum des Mannes einfach hinzunehmen. Hier gilt: Nicht akzeptieren, sondern konfrontieren.

Was wünschen Sie sich im Hinblick auf Gemeinden?

Einer meiner tiefsten Wünsche ist, dass Gemeinden ein sicherer Hafen werden, ein Ort, wo ich offen mit meinem Versagen umgehen kann, wo ich Hilfe und keine Verurteilung erfahre. Das Schlimmste an der ganzen Geschichte ist doch, dass es auch geistliche Veränderung bremst. Die Pornographie ist eine Sünde wie jede andere auch, sie hat nur ganz andere Auswirkungen. Sie trifft mich im tiefsten Kern meiner Identität. Wenn ich glaube, Gott kann mich nicht gebrauchen, weil ich so sündig bin, dann kann ich meine Berufung nicht leben. Und das geht über den Bereich der Sexualität hinaus. Ich glaube, Gott möchte in Europa einen Aufbruch schenken, aber wenn Christen mit einem Klotz am Bein nur voller Scham den Blick auf ihr Versagen und ihr Gebundenheit richten, dann hindert es sie daran, vorwärts zu gehen.


Erste Schritte aus der Pornosucht: http://www.porno-ausweg.de/
Infos zum Thema: www.nacktetatsachen.at und www.loveismore.de


Kommentare

Von gerdschi am .

Ich danke euch dafür, dass dieses Thema in der ganzen Tiefe auch oder gerade auch bei ERF aufgenommen wurde. Ich habe nicht schlecht gestaunt, als ich auf der ERF-Website auf das Thema Sexsucht gestoßen bin. Ganz, ganz super, dass dieses Thema da behandelt wird. Ich bin seit (unendlich) vielen Jahren sexsüchtig, wollte immer wieder hinaus aber bin immer wieder gescheitert. Jetzt möchte ich endlich damit Schluss machen. Vielleicht geht's ja diesmal. Ich möchts ja so gerne!!!!!!!!!!!!!!
Vielen Dank für all die Kommentare und Berichte und an Phil!!!

Von Phil am .

Ja, das Thema ist auch ein Thema für Frauen, mehr und mehr, da die Pornoindustrie auch sie erreichen möchte.
Bin übrigens der Phil, vom Artikel oben ... sind gerade dabei einen Videokurs für betroffene Frauen zu erstellen. Für Männer, Partner und Eltern haben wir bereits einen Kurs siehe www.loveismore.de
War nicht leicht zu erstellen ...
Bin jetzt seit gut 16 Jahren raus aus dem Pornomist und das tut gut : )
mfG
Phil

Von Gottfried Pendl am .

Die Pornosucht ist nicht nur bei Männern so,auch Frauen haben diese aber nur diese Arten viel mehr aus als bei den Männern.Bei Männern ist es so das sie sich mit dem ansehen der Pornosnetseiten zufrieden geben,aber Frauen wagen dann sehr oft den Seitensprung um das umzusetzten was sie im sich angesehen haben.Aber schlimm ist es für beide Seiten,wie beim Mann so auch bei der Frau,aber man sollte die ganze Pornosucht nicht alles auf die Männer schieben,denn auch Frauen haben diese Triebe.Aber wie mehr

Von Patrizia am .

Dann Angst weg! Licht ausdrehen!

Von laura am .

Sehr gut, daß das Thema mehr öffentlich wird, auch für männer, die es nicht wahr haen möchten und es als normal empfinden

Von Steffen am .

Sehr wichtiges Thema gerade auch für christliche Männer, in dem Artikel werden klare Hilfen zum Austeigen gegeben. Oft wird nur die Sünde benannt und keine Hilfe gegeben.

Von charly am .

Es freut mich sehr, dass ihr dass Thema aufgreift und gleich eine Kampagne daraus macht.


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