KCF 2013

Arbeitslosigkeit – eine Herausforderung an Christen und Gemeinden

Arbeitslos zu sein bedeutet nicht immer dasselbe. Manchmal ist einer nur kurzzeitig ohne eine bezahlte Beschäftigung. Andere finden jahrelang keine Stelle. Für den einen ist es der problemlose Übergang von einem Beschäftigungsverhältnis in ein anderes. Andere leiden darunter, mit ihren Fähigkeiten und Kenntnissen nicht gebraucht zu werden.

Arbeitslos zu sein bedeutet nicht immer dasselbe. Manchmal ist einer nur wenige Wochen oder Monate ohne eine bezahlte Beschäftigung. Andere finden jahrelang keine Stelle. Für den einen ist Arbeitslosigkeit der problemlose Übergang von einem Beschäftigungsverhältnis in ein anderes. Andere leiden unter der wiederholten Erfahrung, mit ihren Fähigkeiten und Kenntnissen nicht gebraucht zu werden. Die persönlichen Erfahrungen Arbeitsloser können also sehr unterschiedlich sein. Ebenso verschieden werden auch die Wege zur Überwindung der Arbeitslosigkeit sein müssen. Darüber kann man nur sachgemäß sprechen, wenn man zunächst einen Blick auf die allgemeinen Ursachen des Problems wirft.

Technologische Entwicklungen sind eine erste Ursache, und zwar die wichtigste. Verbesserungen an Kapitalgütern und ein geradezu revolutionärer Wandel in der Informationstechnologie haben dazu geführt, dass bei vielen Produktionsvorgängen der Einsatz von Geräten und Maschinen kostengünstiger geworden ist als der unmittelbare Einsatz von Arbeitskräften. Davon ist insbesondere einfache, unqualifizierte Arbeit betroffen. Dagegen hat man mit einer guten Ausbildung immer noch die besten Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Es müssen neue Arbeitsplätze geschaffen werden

Technische Neuerungen sind es auch, die die Dynamik der Globalisierung ausgelöst haben. Das ist eine zweite Ursache der Arbeitslosigkeit, wenn auch eine sehr viel unwichtigere, als es in der Öffentlichkeit häufig behauptet wird. Ein Ingenieurbüro in Tschechien kann unschwer in die Planung eines Neubaus in der Bundesrepublik einbezogen werden. Die Kommunikationsmedien machen einen Ortswechsel unnötig. Auch der Industriearbeiter in Mexiko gibt seinen Wohnort nicht auf, wenn er Waren für den deutschen Markt produziert. Weil die Arbeitsproduktivität in Tschechien und Mexiko nicht wesentlich niedriger ist als bei uns, das Lohn- und Preisniveau aber deutlich unter dem unsrigen liegt, haben diese Länder bei vielen Waren und Dienstleistungen Preisvorteile. Davon profitieren wir als Verbraucher.

Technische Entwicklungen und die zunehmende Vernetzung der Märkte im Globalisierungsprozess machen bestimmte Anpassungen bei uns notwendig. Für Arbeitsplätze, die nicht mehr zu halten sind, müssen neue geschaffen werden. Dieser Strukturwandel stößt auf viele Hindernisse, und das ist eine dritte Ursache unserer Massenarbeitslosigkeit. Wir werden den technischen Fortschritt nicht unterbinden können, und auch die Globalisierung, die vielen Ländern Vorteile gebracht hat, lässt sich kaum rückgängig machen. Wir müssen uns also anpassen, und zwar besser als bisher.

Die Mehrheit der Wirtschaftsexperten ist sich ziemlich einig darüber, wie das aussehen muss: Die Gründung neuer Unternehmen muss erleichtert werden; die Regulierung der privatwirtschaftlichen Tätigkeit ist zu lockern; die steuerliche Belastung von Unternehmen ist zu senken; damit der Staat seine erlässlichen Aufgaben wahrnehmen kann, sind alle Subventionen zu streichen, die lediglich der Erhaltung überkommener Produktionsstrukturen dienen usw. Ob die Mehrheit der Wählerinnen und Wähler eine solche Politik will, ist fraglich. Es fehlt aber auch an überzeugenden Alternativen dazu, die politisch durchsetzbar wären.

Wie auch immer die politischen Lösungsvorschläge aussehen mögen, eines ist jedenfalls klar: Nur dasjenige Programm wird erfolgreich sein, das von der Bevölkerung durch ihr praktisches Verhalten unterstützt wird. Was nützen beispielsweise die besten Ausbildungsangebote, wenn sie nicht wahrgenommen werden? Was bewirken staatliche Beschäftigungsprogramme, wenn „Schwarzarbeit“ vorgezogen wird? Wie soll der Staat seine Aufgaben erfüllen, wenn man der Steuerpflicht entgeht, wo immer das möglich ist? Es gibt bei uns ein Missverhältnis zwischen den Anforderungen an den Staat einerseits und dem Willen zur Selbsthilfe und der Bereitschaft, dem Staat die nötigen Mittel zu geben, andererseits. Was wir deshalb brauchen, ist mehr Wahrhaftigkeit im Verhältnis der Bürger und Bürgerinnen zu ihrem Staat.

Die menschliche Würde

Daraus ergibt sich eine erste Herausforderung für Christen und Gemeinden: Wahrhaftig sein. Steuern und Abgaben sind pflichtgemäß zu entrichten, so lange diese Pflichten nicht in einem demokratischen Verfahren geändert worden sind. Wo eine Eigenvorsorge möglich ist, darf sie nicht zu Lasten der Allgemeinheit zurückgehalten werden. Alle Möglichkeiten der Aus- und Weiterbildung sind zu nutzen, damit die staatlichen Ausbildungsprogramme nicht ins Leere laufen.

Eine zweite Herausforderung lautet: Selbstständigkeit lernen. Wir können uns nicht mehr darauf beschränken, als Arbeitnehmer nur diejenigen Tätigkeiten auszuüben, die andere uns zuweisen. Ob, wie lange und woran wir arbeiten, wird in zunehmendem Maße von unseren eigenen Entscheidungen abhängen. Das muss nicht zu einer größeren Skrupellosigkeit führen, wenn die Prioritäten stimmen. Daraus ergibt sich HerHerausforderung Her

Drittens: Wir müssen die Verabsolutierung der Erwerbsarbeit überwinden. Unsere menschliche Würde ist nicht in unserer Arbeitsleistung begründet, sondern im Zuspruch, den wir von Gott erfahren. Insofern ist es für das Selbstverständnis eines Christen zweitrangig, wie die Gesellschaft seine Tätigkeit einschätzt, ob er beispielsweise eine feste, sozialversicherungspflichtige Anstellung hat oder ob er arbeitslos ist.

Familien stärken lautet eine vierte Herausforderung. Eine gute Ausbildung ist der Schlüssel zur Vermeidung einer lang anhaltenden Arbeitslosigkeit. Das Schulsystem hat dafür geeignete Möglichkeiten zu bieten, und in dieser Hinsicht gibt es in Deutschland einen großen Handlungsbedarf. Doch entscheidend für den schulischen Erfolg ist die Erziehung im Kindheitsalter. Die Familie bietet dafür immer noch die besten Möglichkeiten. Hier können die Kinder lernen, sich selbst zu bejahen, ihre Talente zu entfalten, Aufgaben zu lösen und in die Verantwortung für sich und andere hineinzuwachsen.

Fünftens sind wir dazu herausgefordert, solidarisch zu helfen. Das menschliche Problem der Arbeitslosigkeit ist vielschichtig. Zum Verlust der Erwerbsarbeit und dem damit verbundenen Einkommen treten sehr häufig der Verlust an Selbstachtung und an gesellschaftlicher Anerkennung sowie der Zweifel am Sinn des eigenen Lebens. Die wirtschaftlichen Folgen der Arbeitslosigkeit lassen sich in der Regel nicht auf privater Ebene ausgleichen; die seelischen Folgen schon. Für einen Arbeitslosen ist es von unschätzbarem Wert, wenn er in eine menschliche Gemeinschaft integriert ist, in der er seine Probleme offen aussprechen kann, in der er Verständnis und Rat findet und die ihm seine Selbstzweifel überwinden hilft. Dies zu bieten ist eine große Herausforderung für christliche Gemeinden.

Zusammen gefasst: Christliche Gemeinden können zur Wahrhaftigkeit motivieren (und damit das Missverhältnis zwischen hohen Anforderungen an den Staat und dem geringen staatlichen Handlungsspielraum überwinden helfen), sie können zur Selbstständigkeit ermutigen, der Erwerbsarbeit einen vernünftigen Stellenwert im persönlichen Leben geben, und Arbeitslose davor bewahren, ihre Selbstachtung zu verlieren. Sie können ferner zur Solidarität von Erwerbstätigen mit fester Anstellung, „prekär“ Beschäftigten und Arbeitslosen beitragen, denn die Gemeinschaft des Glaubens ist tiefer begründet als die Zugehörigkeit zur Erwerbsgesellschaft.


Prof. a. D. Dr. Hermann Sautter, Göttingen,
Vorsitzender der Studentenmission in Deutschland, SMD

Prof. Dr. Sautter wird zum Thema „Arbeitslosigkeit - eine Herausforderung für Christen und Gemeinden“ auch bei ERF Radio zu hören sein. Die zweiteilige Sendung kommt am 26. und 27. Juni jeweils um 21.30 Uhr. Wiederholung am Folgetag um 3.00 und 11.45 Uhr.

Stellungnahme zur Arbeitslosigkeit
Unter dem Titel „Arbeitslosigkeit - Eine Herausforderung für Christen und Gemeinden“ ist im vergangenen Jahr eine 28-seitige Stellungnahme der Deutschen Evangelischen Allianz erschienen, die Prof. Dr. Sautter erarbeitet hat. Diese Stellungnahme kann kostenlos im Internet unter www.ead.de heruntergeladen werden.

 

Quelle: ANTENNE