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Jesus hilf – Jetzt! Oder was mir der Glaube im Alltag bringt

Zwei Tage vor Heiligabend. Ich sitze in einem Gottesdienst. Aber es ist keine romantische Adventsfeier, kein Tag voller Atmosphäre mit Tannenduft und Gedichten. Ich sitze in einem Trauergottesdienst. Dort soll ich zur Beerdigung eines achtjährigen Mädchens Gitarre spielen, das ein paar Tage zuvor völlig überraschend gestorben ist.

Zwei Tage vor Heiligabend. Ich sitze in einem Gottesdienst. Aber es ist keine romantische Adventsfeier, kein Tag voller Atmosphäre mit Tannenduft und Gedichten. Ich sitze in einem Trauergottesdienst. Dort soll ich zur Beerdigung eines achtjährigen Mädchens Gitarre spielen, das ein paar Tage zuvor völlig überraschend gestorben ist.

Caro hatte eine ganz normale Madeloperation – eigentlich ein Standardeingriff. Zwei Nachuntersuchungen folgten. Am Abend der zweiten Untersuchung stand Caro plötzlich auf, als ihr Vater ihr eine Gutenachtgeschichte vorlas. Sie fing an, am ganzen Körper zu zittern und spuckte auf einmal Unmengen von Blut. Innerhalb weniger Minuten wich alles Leben aus dem kleinen Körper, so dass der herbeigerufene Notarzt nur noch den Tod feststellen konnte.

Ausgeträumt?

Und nun sitzen wir in der alten Dorfkirche und müssen Abschied nehmen. Es zerreißt mir fast das Herz, als mein Blick auf die Eltern fällt. Auf deren Schoß spielt der kleine Bruder Caros, als wäre nichts geschehen. Was soll ich den Eltern am Grab sagen: „Mein Beileid“? Das klingt zu abgedroschen. Und dann stehe ich am Grab vor den Eltern, und es schnürt mir die Kehle zu. Caros Vater schaut mich an und nimmt mich in den Arm: „Bete für uns“, sagt er. „Bete, dass unser Glaube so stark bleibt, wie er im Moment ist!“

Zwei Tage später, am ersten Weihnachtsfeiertag stehe ich in der alten Dorfkirche auf der Kanzel. Ich möchte von Glauben predigen, von der Freude, die mit der Geburt Jesu auf die Erde kam. Mein Blick schweift durch die Gemeinde und bleibt bei Caros Vater hängen. Ich hatte ihn vorher nicht bemerkt – und er lächelt mich an. Wie kann ich jetzt noch von Glaube und Freude predigen, von Weihnachten und von einem liebenden Gott, der seinen Sohn auf die Erde gesandt hat? Soll ich spontan eine andere Predigt halten? Nur noch eine halbe Liedstrophe...

Ein Wunder der Stärke

Ich predige meine Predigt, fühle mich unsicher, schaue immer wieder zu Caros Vater, der mich so liebevoll ansieht. Selten sage ich ein „Amen“ so erleichtert, wie nach dieser Predigt. Ich bin froh, dass es vorbei ist, denn die Situation überfordert mich. Am Ausgang beim Händeschütteln ist Caros Vater einer der letzten. Er stellt sich vor mich: „Danke für Deine Predigt“, sagt er. „Es hat gut getan, auferbaut zu werden!“

Und er fängt an zu erzählen von dem Tag, an dem sie Caro verloren. Er erzählt vom Notarzt, der tief betroffen war. Von all den Menschen, die ihnen immer wieder einreden, sie sollten auf das große Loch vorbereitet sein. Er erzählt von all ihren Tränen, aber auch, dass sie einen „guten“ Heiligabend verbracht haben.

„Wie das?“ frage ich. „Wir haben gespürt, dass Gott da war. Wir spüren, wie Jesus uns trägt, wie er das Leid mit uns teilt. Und wir wissen, dass Caro jetzt bei ihm ist. Wir fühlen uns von Jesus getragen.“ Wenn Trauer käme, dann ließen sie sie heraus – aber sie werden getröstet, übernatürlich. „Und“, so erzählt Caros Vater, „ich glaube nicht, dass wir noch in ein Loch fallen werden. Seine Tochter zu verlieren ist das grausamste, was wir je erlebt haben, aber wir wissen, wir können nicht tiefer fallen als in Gottes Arme! Wir wissen, dass Gottes Trost größer ist, als aller menschlicher Kummer...“

Jesus hilf jetzt!

Jesus hat versprochen, dass er bei uns ist, bis ans Ende der Welt – und er zeigt an Schicksalen, wie dem der Familie, die ihr Kind verlor, dass er sein Versprechen einhält und dass das kein Traum ist, der schnell zerplatzt.

Trotzdem bleiben viele Fragen offen: Warum gerade sie? Warum so jung? Warum half Jesus ihr nicht?

Ich werde nicht versuchen, billige Antworten zu finden. Aber ich möchte mich ermutigen lassen, Jesu Nähe zu suchen, ohne, dass ich durch eine solche Katastrophe muss. Ich möchte es auch immer wieder erleben, wie Jesus in meinen Alltag eingreift und ihn positiv verändert. Ich möchte erleben, dass Jesus – der kein Wunschautomat ist – mich trägt: Durch Freud und Leid, durch Sorgen und durch Gewissheiten, durch Siege und durch Niederlagen.

Jesus im Alltag heißt, den lebendigen Gott an meiner Seite zu haben, der mich kennt, der mich liebt und der weiß, was gut für mich ist. Jesus im Alltag, das heißt, dass ich es zulasse, dass er aus meinem Leben etwas Aufregendes machen darf, dass er mein Leben gestalten darf. Das ist millionenfach weltweit erprobt, und das funktioniert auch hier und heute.

Wie?

Indem ich mit offenem Herzen mit Jesus rede, mit ihm diskutiere, auch um Positionen ringe, denn, wenn ich das tue, dann habe ich eines bereits erreicht: Dann ist Jesus in meinem Alltag.


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