25 Jahre Mauerfall

„Rückkehr unerwünscht“

Die SED wollte Karin Bulland in der Psychiatrie sterben lassen

Heute bereist Karin Bulland die ganze Welt. In die Wiege gelegt ist ihr die Reisefreiheit nicht. Denn bis zum Fall der Mauer wird ihre Reisefreiheit von der DDR-Regierung eingeschränkt. Aber sie will auch gar nicht raus. Sie lebt im Paradies – so sieht sie das zumindest viele Jahre lang.

1954 im thüringischen Altenburg geboren, hört Karin Bulland schon in der Grundschule, was sie für wahr zu halten hat. Und sie glaubt es. „Meine Götter waren Marx, Engels, Lenin. Und ich habe ja auch ein Buch gehabt, das hieß ,Das Manifest der kommunistischen Partei‘ – da stand drin: ,Die Lehre des Karl Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist‘“, erzählt sie.

Die Ideologie ist ihr heilig

Seit sie 14 ist, will sie ihr Leben für Frieden und Gerechtigkeit einsetzen. Der Weg dahin ist – natürlich – der Kommunismus. Mit 18 tritt Karin Bulland in die „Sozialistische Einheitspartei“ (SED) ein. Ab da begeistert sie die Jugend der DDR für die Politik des Regimes. Mit der gleichen Überzeugung macht sie aber auch den Mund auf, wenn sie Ungerechtigkeiten sieht. Und da fällt ihr so einiges auf. Sie weiß von Menschen, die nicht studieren dürfen oder keine Sozialleistungen bekommen, nur weil sie kein Parteimitglied sind oder an Gott glauben. Diese Missstände kritisiert sie  deutlich und klar. Doch dabei beschränkt sie sich immer auf das Verhalten einzelner Funktionäre. Die Ideologie an sich ist ihr heilig.

 

 

Doch das Regime reagiert empfindlich. Immer häufiger sagt man ihr, was mit ihr falsch ist. „Das ist ja das Diktatorische: ,Wir diktieren Dir, was Du denkst und fühlst und sagst.‘ Es war gang und gäbe zu sagen: ,Genossin, Deine Meinung ist falsch.‘ Man muss sich das vorstellen: Wenn ich meine Meinung sage, sage ich, was ich erfahren habe; ob ich etwas gut oder schlecht finde und was ich für Gefühle habe. Das zusammen macht meine Meinung. Und wenn man mir dann sagt, das ist falsch – meine Meinung – dann sagt man mir: ‚Du denkst falsch, du fühlst falsch‘“, beschreibt sie ihre Gefühle und Gedanken.

Der Staat schlägt mit aller Härte zurück/Rückkehr unerwünscht

Karin Bulland nach ihrem Aufenthalt in der Psychiatrie (Bild: privat)

Eines Tages hat die Parteiführung genug. Sie macht Karin Bulland deutlich, was sie von ihren kritischen Nachfragen hält. Ein Unbekannter kommt in ihr Büro. Es folgen Zwangsjacke, Betäubungsspritze und Abtransport in die Psychiatrie. Ein medizinischer Befund liegt nicht vor. Sie ist ab jetzt ein „politischer Patient“.

Vom Ehemann wird sie zwangsweise geschieden. Ihrem Kind sagt man: „Deine Eltern wollen dich nicht mehr“ und steckt es ins Heim. In der Psychiatrie wird Karin Bulland mit Elektroschocks „behandelt“, bis ihr Körper kollabiert. Die Schmerzen sind höllisch. Dazu bekommt sie Medikamente gegen Epilepsie, obwohl sie nie Epilepsie hatte.

Diese Tortur dauert viele Monate. Jahre später wird sie erfahren, dass ihr Tod geplant war. „Rückkehr unerwünscht“ – so der Stempel auf ihrer Akte. 1988 wird Karin Bulland aus der Psychiatrie entlassen. Körperlich und psychisch ist sie ein Wrack. Sie sitzt im Rollstuhl, hat einen gelähmten Arm und kann nicht mehr lesen und schreiben. Umso verblüffender: Sie ist noch immer überzeugt, dass der Kommunismus der Weg zu Gerechtigkeit und Frieden ist. Nur die Menschen müssten andere sein, so denkt sie. Deswegen ist Karin Bulland am 9. November 1989, als in Berlin die Mauer fällt, alles andere als glücklich. Stattdessen hat sie Angst.

 

„Die persönliche Mauer war die Hirnwäsche“

Im Dezember 1989 steht die Frage im Raum, ob sich die SED auflösen soll oder einfach nur umbenennt. Als ein Genosse Karin Bulland fragt, ob sie Parteisekretärin werden will, ist ihre Antwort: „Ich komme nach Berlin, aber nur unter einer Bedingung: Dass diese SED sich auflöst und als kleine, ehrliche Partei neu beginnt“. Die SED benennt sich einfach um, Karin Bulland geht nicht nach Berlin. Noch vor dem 3. Oktober 1990, dem Tag der Wiedervereinigung, erklärt sie ihren Austritt aus der Partei. Später verbrennt die ehemalige Kaderfrau ihr Parteidokument.

Es wird allerdings noch etwa ein Jahr dauern, bis sie sagt, dass auch ihre ganz persönliche Mauer gefallen ist: „Die persönliche Mauer war eigentlich diese Hirnwäsche: dieses Nicht-Verstehen-Können, das tatsächlich Lüge sein könnte, was ich als Kind so geglaubt hab“.

Ein Pastor betet 39 Jahre für Karin Bulland/“Wer betet, der siegt“

Die politische Welle ist ein knappes Jahr her, da erfolgt ihre persönliche Wende.  In der Nacht zum 25. März 1991 geht Karin Bulland zum ersten Mal im Leben auf die Knie, um zu beten. Als die Atheistin in der Nacht aufwacht, hat sie eine Gotteserfahrung und ist anschließend überzeugt: Es gibt eine höhere Macht, die ihr wohl gesonnen ist. Viele Monate lang redet sie täglich mit dieser höheren Macht. Doch erst zwei Jahre nach ihrem nächtlichen Erlebnis erfährt sie: Diese gute Macht ist Jesus Christus.

Ganz bewusst entscheidet sie sich, ab jetzt nur noch mit Jesus zu leben. Sie erinnert sich an einen Pastor, der jahrelang ihr Nachbar im Plattenbau war. Was sie nie wusste: Dieser Mann hat 39 Jahre lang für sie gebetet. Als sie ihm erzählt, dass sie nun an den Gott der Bibel glaubt, sagt der alte Mann weinend: „Das ist der schönste Tag in meinem Leben. Bitte sag jedem: Wer betet, der siegt.“

„Die Wiedervereinigung ist ein Wunder biblischen Ausmaßes“

Eine zentrale Rolle bei der Wiedervereinigung hat nach Ansicht der ehemaligen Kommunistin die Friedfertigkeit der Christen gespielt. „Wir Kommunisten haben alle gehasst, die den Kommunismus nicht liebten. Aber die Christen haben ihre Feinde gesegnet. Nur dadurch hab ich überlebt und konnte Christ werden‘“, so Karin Bulland im Gespräch.

Karin Bulland in Indien (Bild: privat)

Heute reist sie durch die ganze Welt und erzählt – besonders in kommunistischen Ländern – von der friedlichen Wiedervereinigung Deutschlands, die von gewaltlos betenden Menschen angestoßen und getragen wurde. „Wir haben keine Kriege oder Krisen erlebt. Wir sind einfach zu einem der reichsten Land der Welt geworden. Das ist ein Wunder biblischen Ausmaßes. Die Welt staunt und bewundert und beneidet uns darum“, erzählt sie.

Zwei zentrale Faktoren haben für Karin Bulland zum Zusammenwachsen der Deutschen und auch zu ihrer persönlichen Heilung beigetragen: „Das eine ist die Bitte um Vergebung. Ich habe selbst erfahren dürfen, dass Menschen mir vergeben. Das Zweite ist die Versöhnung: Dass wir – die damaligen Opfer und ich – heute zusammen sitzen und Gottesdienst feiern können.“ So überwiegt bei Karin Bulland trotz all der Rückschläge Dankbarkeit und Freude.

Mehr Erfahrungen von Christen in der DDR auf unserer Projektseite "25 Jahre Mauerfall - Glaube, der frei macht".


Kommentare

Von Maria am .

Das ist ein sehr wertvolles Zeugnis.


Ihr Kommentar