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Raus aus dem Bordell-Alltag

Warum es kaum eine Frau ohne Drogen im Rotlichtmilieu aushält.


  • Viele Prostituierte verlassen nur selten ihr Bordell. Sie sind 24 Stunden im „Bereitschaftsdienst“.
  • Hohe Kosten für Kost und Logis führen zur finanziellen Abhängigkeit. Ihre Situation ähnelt moderner Sklaverei.
  • Um das zu ertragen, konsumieren viele von ihnen Zigaretten, Medikamente, Alkohol oder andere Drogen.
  • Das Audiodrama „Hidden Treasures“ ermutigt diese Frauen, ihren eigenen Wert neu zu entdecken und den Ausstieg zu wagen.


Es ist dunkel in dem langen Flur, durch den wir uns einen Weg bahnen. Eine im kurzen Bademantel bekleidete Polin schiebt schwere Vorhänge beiseite, während sie uns den Weg weist. Wieder einmal sind wir ehrenamtlich unterwegs, um Frauen zu besuchen. Es sind Damen in einem typischen Kleinstadtbordell. Wir bieten Gespräche und Gebet an, aber auch praktische Hilfe für Behördengänge, Arztbesuche oder für einen Ausstieg aus der Prostitution. Fast immer werden wir mit einem Lächeln empfangen. Auf die Frage, wie es ihnen geht, versichern die Frauen uns, dass alles in bester Ordnung sei.

24 Stunden „Bereitschaftsdienst“

Am Ende des spärlich beleuchteten Flurs werden wir in ein dunkles Wohnzimmer mit verschlossenen Rollläden gelotst. Ich bin entsetzt! Es ist später Nachmittag und draußen ist noch herrliches Wetter - eine wunderbare Stimmung kurz vor Sonnenuntergang. Doch die Frauen hier bekommen nichts davon mit. Jemand betätigt einen Lichtschalter. Ich sehe drei Frauen in Decken gewickelt auf Sofas liegen. Sie mussten bis spät in der Nacht arbeiten und haben den sonnigen Tag verschlafen. Durch unseren Besuch wachen sie langsam auf. „Ihr stört nicht“, versichern sie uns. „Bald kommen sowieso schon wieder die nächsten Kunden.“

Es ist nicht das erste Mal, dass ich erlebe, wie Frauen in der Prostitution 24 Stunden im Bereitschaftsdienst sind – meist wochenlang von Montag bis Sonntag. Nur ein gelegentlicher Heimaturlaub – meist in Osteuropa – verschafft ihnen eine kleine Erholung. Stundenlanges Warten auf Kunden, Dösen auf dem Sofa, Zeitvertreib am Handy oder vor dem Fernseher bestimmen den Tagesablauf. Das Haus verlassen die Frauen nur mit Erlaubnis der Chefin. Die sogenannte Hausdame kann auch schon mal den Ausgang oder einen Arztbesuch verweigern, wenn zu dem Zeitpunkt viele Kunden zu erwarten sind. Wenn es darauf ankommt, haben die meisten Prostituierten keine Rechte, denn sie arbeiten als Selbstständige statt im Angestelltenverhältnis. Wenn eine Mitarbeiterin den Boss verärgert, kann er sie problemlos von heute auf morgen vor die Tür setzen.

Finanz- und Seelennot

Doch kaum eine Frau aus diesem Milieu kann es sich leisten, ihren Arbeitgeber zu verlieren. Die Sexarbeiterinnen sind auf Kunden und deren Bezahlung angewiesen. Täglich müssen diese Frauen für ihren Platz im Bordell eine ordentliche Summe bezahlen. Danach brauchen sie Geld für ihren eigenen Lebensunterhalt und oft zusätzlich für ihre hilfsbedürftige Familie, die meist gar nicht weiß, aus welcher Tätigkeit das Geld fließt. Manche haben kleine Kinder, die im Ausland von der Oma versorgt werden. Andere unterstützen erwachsene Kinder, zum Beispiel beim Studium. Oft sitzt ihnen auch ein kurzzeitiger Lebensgefährte im Nacken, der Geld fordert. Kaum eine der Frauen schafft es, Geld zur Seite zu legen. Wie in einem Laufrad beginnen sie täglich neu den Wettlauf um die Versorgung.

Die Arbeitszeiten sind unregelmäßig, oft bis spät nachts. Wenn ein Kunde vor der Tür steht, müssen die Frauen sofort bereit sein. Wer ausgewählt wird, muss befürchten, wie Ware behandelt zu werden oder rohe Gewalt zu erfahren. Das hinterlässt tiefe Verletzungen. Jede Zurückweisung durch einen Freier kann ebenfalls eine seelische Wunde bedeuten. So reiht sich zu den finanziellen Sorgen eine psychische Last an die andere - Tag für Tag.

Moderne Sklaverei

Um den seelischen Zustand zu ertragen und die finanzielle Ausweglosigkeit zu vergessen, konsumieren die meisten Frauen Zigaretten, Medikamente, Alkohol oder andere Drogen. Anders halten sie das Leben nicht aus. Sogar manchen Männern, die im Bordell arbeiten, ergeht es so – wie ein ehemaliger Security Bordell-Mitarbeiter auf ERF Plus berichtet. Doch wer Drogen benötigt, macht sich noch abhängiger. Denn diese kosten zusätzlich Geld. So beginnt ein regelrechter Teufelskreis.

Durch die Abhängigkeit gleicht das Leben vieler Frauen in der Prostitution einem Sklavendasein. Das betrifft letztlich sowohl Frauen, die sich freiwillig ins Rotlichtmilieu begeben haben, als auch diejenigen, die dazu gezwungen wurden. Organisationen wie International Justice Mission oder Mission Freedom weisen immer wieder auf Sklaverei und Menschenhandel im 21. Jahrhundert hin.

Darunter fällt auch die Zwangsprostitution, die zum Teil direkt vor unserer Haustür stattfindet. Die Betroffenen sind häufig junge Frauen aus Osteuropa, die mit falschen Versprechungen nach Deutschland gelockt, schlimmstenfalls sogar entführt wurden. Manche werden zur Prostitution gezwungen, andere sind aus finanziellen Gründen so verzweifelt, dass sie nach jedem Strohhalm greifen, einige sind einfach blauäugig. Doch am Ende haben die die meisten dieser Frauen eines gemeinsam: Ein Ausstieg aus dem Rotlichtmilieu erscheint ihnen fast unmöglich.

„Bald steige ich aus“

Das gilt umso mehr, weil viele Frauen keine Ausbildung, kein festes Zuhause und oft niemanden haben, der sie wirklich liebt. Es scheint, als würden sie nur im Bordell gebraucht werden und etwas wert sein. Viele nehmen sich vor: „Nur noch kurze Zeit will ich Geld verdienen und dann, wenn ich genug gespart habe, steige ich endlich aus!“ Sie träumen täglich vom Ausstieg, aber er gelingt ihnen nicht. Diejenigen, die von der Arbeit der Prostituierten profitieren, schaffen absichtlich weitere Abhängigkeiten und nutzen die Schwächen der Betroffenen aus. So wird der Ausstieg immer schwerer.

Zusammen mit seinem internationalen Partner TWR unterstützt ERF Medien die Verteilung der Audioreihe „Hidden Treasures“ an Prostituierte. Wenn Sie für Frauen wie Natalie beten möchten, bestellen Sie den monatlichen „Women of Hope“ Gebetskalender. Werden Sie Teil der Gebetsbewegung und unterstützen Sie Projekte wie „Hidden Treasures“, damit noch mehr Frauen Heilung erfahren und neue Hoffnung finden.

Jede dieser Frauen hat ihre eigene, ganz individuelle Lebensgeschichte und Gründe, warum sie in der Prostitution arbeitet. Manche Frauen verbergen hinter ihrem Lächeln unglaublich viel Leid. Wenn man sie näher kennenlernt, öffnen sie ihr Herz und die Tränen beginnen zu fließen. Wie bei Natalie, die ich einige Male besucht habe. Sie hat die christliche Hörspielreihe „Hidden Treasures“ („Verborgene Schätze“) für Frauen in der Prostitution gehört. Darin erzählen ehemalige Prostituierte, wie sie Jesus Christus kennengelernt haben und den Ausstieg aus dem Rotlichtmilieu geschafft haben. Natalie schreibt uns:

„Hallo! Mir geht's gut. Nur ein bisschen erkältet, aber sonst alles gut.  Ich habe mir die Sendungen angehört. Sie sind einfach  phänomenal! Es sind so traurige Sachen dabei. Ich musste oft weinen. Ich habe bei den Frauen, die ihre Geschichten erzählen, ganz oft an mich selbst denken müssen. Alles das, was diese Frauen und Mädchen erzählt haben, ist leider so wahr - jedes einzelne Wort. Nirgendwo sind alle so happy, wie sie behaupten. Hier in unserem Haus auch nicht. Ich habe oft Selbstmordversuche unternommen, aber ich habe jedes Mal überlebt. Dieses Leben ist der Horror. Ich bin schon wieder hier im Bordell – leider unglücklich.“

Die Radiosendereihe war ein Anstoß zum Aufbruch. Natalie hat sich fest vorgenommen, das Leben im Bordell bald hinter sich zu lassen. Viele Beter und das kleine Team haben nicht aufgegeben, Natalie beizustehen. So durften wir dankbar erleben, wie Veränderung und ein neues Leben möglich wurden. Immer wieder geschehen solche Wunder: Frauen, deren Menschenwürde mit Füßen getreten wird, lernen den lebendigen Gott kennen. Sie erfahren von einem Gott, der sie unendlich und bedingungslos liebt. Das ist jedoch nur möglich, wenn mitfühlende Menschen vom harten Bordellalltag wissen, für diese Frauen beten und sich ihnen liebevoll zuwenden.

 

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