Interview Lesezeit: ~ 8 min

"Etwas existenziell Bedrohliches für die jüdische Gesellschaft"

Die jüdische Lehrerin T. Guggenheim über die Bedeutung der Beschneidung, das Kölner Urteil und seine Folgen für die Religionsfreiheit in Deutschland.

Tamara Guggenheim, 52, ist jüdische Religionslehrerin und Mutter von fünf Kindern, darunter drei Jungen. Als sie von dem Kölner Urteil zur Beschneidung erfährt, ist sie „schockiert, wütend und verletzt“. Gemeinsam mit Gleichgesinnten gründet sie die Facebookgruppe „Für Elternrecht und Religionsfreiheit“. Die Pädagogin möchte so zu einer Versachlichung der Debatte beitragen. Im Gespräch mit ERF Online erklärt sie, was ein Beschneidungsverbot für die jüdische Gemeinde bedeuten würde und warum diese alte Tradition so wichtig ist.

Tamara Guggenheim vertieft in Fachliteratur für die Unterrichtsvorbereitung. (Bild: privat)

ERF Online: Der israelische Präsident Schimon Peres hat Bundespräsidenten Joachim Gauck gebeten, sich für die Beschneidungen in Deutschland einzusetzen, weil sie zentral für die jüdische Identität sei. Warum ist dieser kleine Eingriff so wichtig für die jüdische Glaubensgemeinschaft?

Tamara Guggenheim: Zum einen ist es ein göttliches Gebot, das in der Thora steht und damit ein Gesetz für uns Juden ist. Wir beschneiden aus religiösen Gründen, auch wenn die medizinischen positiv verstärkend hinzukommen. Selbst viele Juden, die nicht religiös leben, lassen ihre Söhne beschneiden, weil das eine ganz zentrale religiöse Sache ist. Die Beschneidung ist Ausdruck des Bundes mit Gott, den Gott Abraham aufgetragen hat. Sie ist der erste jüdische Lebensbaustein und elementar für die jüdische Identität.

ERF Online: Warum ist diese Tradition denn selbst säkularen Juden wichtig?

Tamara Guggenheim: Die Beschneidung ist das letzte ultimative Bindeglied zum Judentum, ähnlich wie wenn ein sehr säkularer Christ Weihnachten feiert. Auch wenn ein Jude an nichts glaubt, ist die Beschneidung das Bindeglied zur eigenen Geschichte, Tradition, Kultur und Religion. Damit bietet sie auch immer die Möglichkeit, sich wieder darauf zu beziehen.

Je früher die Beschneidung stattfindet, desto weniger belastend ist sie.

ERF Online: Bei der Taufe wünschen sich viele Eltern den Segen Gottes für ihr Kind, selbst wenn sie sonst nicht religiös sind. Ist das bei der Beschneidung ähnlich?

Tamara Guggenheim: Ja. Außerdem ist man zwar unabhängig von der Beschneidung jüdisch, wenn man jüdisch geboren wurde. Aber die Beschneidung ist ähnlich wie bei der Taufe Ausdruck dafür, dass das Kind Teil dieser Gemeinschaft geworden ist. Die Brit Milah [Beschneidung] bewirkte bei meinen Kindern oder auch bei mir das Gefühl einer tiefen Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft. Dazu kommt: Wenn ich meinem Sohn die Option geben will, sein Leben mit einer bestimmten jüdischen Identität frei zu gestalten, dann ist die Beschneidung eine Grundvoraussetzung.

ERF Online: Als Kompromiss im aktuellen Konflikt wird immer wieder vorgeschlagen, mit der Beschneidung zu warten, bis das Kind 8 Jahre alt und damit religionsmündig ist. Ich hatte den Eindruck, dass das für die jüdische Gemeinschaft kein gangbarer Weg ist.

Tamara Guggenheim: Das ist korrekt. Das ist kein gangbarer Weg.

ERF Online: Warum nicht? Das wäre doch eine sehr einfache und bequeme Lösung.

Tamara Guggenheim: Die Frage ist: Für wen wäre diese Lösung bequem? Die Beschneidung wird bei uns am achten Tag gemacht. Es sei denn medizinische Gründe verhindern das, denn das Leben ist immer wichtiger als die Erfüllung des Gebots. Mein mittlerer Sohn wurde mit knapp 1 Jahr beschnitten, weil er zur Zeit seiner Geburt krank war. Dabei musste er mit einer Spritze betäubt werden. Das fand ich viel, viel schlimmer für das Kind und auch für mich war es eine größere Belastung. Je früher ein Junge beschnitten wird, desto weniger belastend ist das, sowohl für das Kind als auch für die Erwachsenen.

Ich habe viele Beschneidungen erlebt. Das Unangenehmste für das Kind war immer, wenn der Mohel [Beschneider] den Bereich zwischen Vorhaut und Eichel gereinigt hat, weil das kalt war. Die Beschneidung selbst war eine Sache von vielleicht 30 oder 60 Sekunden. Die Jungen haben manchmal geweint, manchmal auch nicht, und damit war der Eingriff erledigt. Dass es irgendwelche Komplikationen oder Schwellungen und Entzündungen gab, habe ich nicht erlebt. Die jüdischen Beschneider haben auch eine dezidierte medizinische Ausbildung für den Eingriff.

ERF Online: Trotzdem wird von den Gegnern der Beschneidung immer wieder argumentiert, dass die Persönlichkeitsrechte des Jungen verletzt werden, weil etwas mit seinem Körper passiert, worauf er keinen Einfluss hat.

Tamara Guggenheim: Von einem säkularen Standpunkt aus gesprochen, sind diese Argumente einleuchtend. Aber ein säkularer Mensch hat doch einen ganz anderen Zugang zur Religion als jemand, der religiös ist. Es hat jeder das Recht zu sagen: "Ich bin gegen eine Brit Milah. Ich finde das nicht gut." Aber es ist eine andere Sache, wenn der Prostest dagegen solche Ausmaße annimmt, dass ich mir indirekt als jüdische Mutter vorhalten lassen muss, meinem Kind sexuelle Gewalt und Körperverletzung anzutun.

„Die Beschneidung hat im Laufe seines Lebens keine physischen Auswirkungen auf das Kind“

ERF Online: Gerade in diesem Zusammenhang wird immer wieder gesagt, die Unversehrtheit des Kindes wiege schwerer als das Recht der Eltern auf Religionsfreiheit.

Tamara Guggenheim: Das ist ein Argument, bei dem ich immer überlege, was die Leute damit meinen. Der Körper des Kindes bleibt bei einer Beschneidung zwar nicht unversehrt im juristischen Terminus. Die Vorhaut wird entfernt, das ist richtig. Aber das hat im Laufe seines Lebens keine physischen Auswirkungen auf das Kind.

ERF Online: Kennen Sie jüdische Männer, die sich vom Judentum distanziert haben und sagen: "Ich wünschte meine Eltern hätten mich nicht beschnitten."?

Tamara Guggenheim: Das habe ich in meinen 52 Lebensjahren nicht einmal gehört. Es gibt Juden, die nicht religiös oder atheistisch sind. Das ist auch in Ordnung. Aber ich habe nie erlebt, dass jemand vor Gericht gegangen ist, weil ihm die Vorhaut fehlt.

"Die Beschneidung selbst war eine Sache von vielleicht 30 oder 60 Sekunden. Die Jungen haben manchmal geweint, manchmal auch nicht, und damit war der Eingriff erledigt." (Bild: Cheskel Dovid[CC-BY-SA-3.0-de])

ERF Online: Ist diese ganze Debatte dann ein Stück weit ein deutsches Konstrukt?

Tamara Guggenheim: Ja. Unter den Beschneidungsgegnern wird oft von Zwangsbeschneidung gesprochen. Es wird viel davon erzählt, dass die Beschneidung eine Kastration sei und dass die Männer dann nicht mehr masturbieren können oder keine sexuellen Gefühle mehr haben. Die jüdischen Männer, die ich kenne, schütteln darüber nur fassungslos den Kopf.

Mich erschreckt allerdings am meisten, dass keine ernsthafte Auseinandersetzung um die Sache stattfindet und der Respekt für die Position des anderen fehlt. Dieser Respekt ist nicht nur abhanden gekommen, sondern die Radikalisierung der Diskussion ist so stark geworden, dass viele in jüdischen Kreisen von einer Pogromstimmung sprechen. Diese ganze Sache hat etwas existenziell Bedrohliches für die jüdische Gesellschaft.

ERF Online: Der Ethikrat hat vorgeschlagen, dass Beschneidung aus religiösen Gründen erlaubt werden sollen, allerdings eben unter Betäubung und fachgerechter medizinischer Durchführung. Wäre das eine Lösung für die jüdische Gemeinschaft?

Tamara Guggenheim: Ich bin mir noch nicht im Klaren, was damit gemeint ist. Es wird eine Salbe propagiert, dieses "MDA". Wenn man die verwenden würde, hätte das keinen Einfluss auf den religiösen Akt an sich. Aber viele Urologen sagen, dass diese Salbe alleine nicht hilft, und es trotzdem eine Betäubung bräuchte. Und bei einem 8-tägigen Jungen ist das Risiko einer Betäubung und möglicher daraus folgender Komplikationen sehr viel größer, als der Akt der Beschneidung an sich. Aber wenn alle damit zufrieden sind, wenn man Salbe nimmt, dann ist das für mich in Ordnung.

Eine vernünftige Aufklärung über die Fakten ist momentan kaum möglich

ERF Online: Und wenn der Gesetzgeber im Herbst wirklich festlegt, dass Kinder unter 8 Jahren aus religiösen Gründen nicht beschnitten werden dürfen?

Tamara Guggenheim: Ich glaube, dann würden viele Juden hier religiös keine Lebensperspektive mehr sehen. Klar ist, dass es dann eine Art Beschneidungstourismus geben würde. Die jüdische Gemeinde in Polen hat der jüdischen Gemeinde in Berlin zum Beispiel angeboten, dass sie für eine Brit Milah nach Polen kommen dürfen. Aber das ist keine Lösung. Es kann nicht sein, dass man sich damit in eine Art Kriminalität begibt oder dass man einer Mutter, die frisch entbunden hat, zumutet mit einem Säugling lange unterwegs zu sein. Das finde ich eine unglaubliche Zumutung.

ERF Online: Hätten Sie das Gefühl Gott ungehorsam zu sein, wenn Sie Ihre Kinder nicht beschneiden würden?

Tamara Guggenheim: Ja, ich hätte das Gefühl, die Gesetze nicht zu befolgen. Für mich persönlich ist das nicht vorstellbar. Die Beschneidung gehört ganz zentral zu meinem Leben und meinem Glauben. Ich kann das nicht voneinander trennen und sagen: Hier bin ich der Mensch und da bin ich der religiöse Mensch.

ERF Online: Als Jüdin und als Deutsche - was wünschen Sie sich, dass wir alle in Deutschland aus dieser Debatte lernen?

Tamara Guggenheim: Ich wünsche mir, dass wir uns in unserem Anderssein respektieren. Es gibt im Moment so viele „Spezialisten“ für Beschneidungen und für deren negative Folgen und so viele Menschen, die sich herausnehmen zu sagen, wie Juden oder Muslime leben sollen. Es ist das erste Mal, dass ich diese Respektlosigkeit erlebe und dass ich einen massiven Antisemitismus fast schon fühle.

ERF Online: Was wird denn von jüdischer Seite aus unternommen, z.B. vom Zentralrat der Juden, um dieser polarisierten Debatte entgegen zu wirken?

Tamara Guggenheim: Wir haben im Moment wenige Möglichkeiten zu agieren und reagieren immer nur auf das Nächste. Eine vernünftige Aufklärungsarbeit ist unter diesen Hagel von Angriffen kaum möglich. Es gibt war einen offenen Brief, den eine Gruppe von Juristen und jüdischen Aktivisten geschrieben hat. Aber alle größeren und kleineren Zeitschriften haben bisher die Veröffentlichung verweigert. Momentan organisieren wir für Sonntag, den 9. September 2012 eine Demonstration in Berlin. Ich lade dazu offensiv ein, weil es bei der ganzen Debatte nicht nur um die Beschneidung geht, sondern auch um die Erhaltung von Freiheitsrechten. Um die Möglichkeit, sein Leben in einem religiösen Kontext zu gestalten. Das betrifft nicht nur Juden und Muslime.

ERF Online: Wünschen Sie sich von Christen mehr Unterstützung bei dieser ganzen Frage?

Tamara Guggenheim: Derzeit unterstützen uns die christlichen Gemeinden sehr deutlich. Das finde ich sehr schön! Die Kirche hat auch sofort für sich verstanden, dass das ein Angriff nicht nur auf die jüdische Religion, sondern generell auf die Religionsfreiheit ist.

ERF Online: Vielen Dank für das Gespräch!


Kommentare

Von Brigitte H am .

Was mich an dieser Diskussion am meisten aufbringt ist die Tatsache, dass so gut wie nie erwähnt wird, dass Beschneidung in Nordamerika - damit meine ich Kanada und USA auch gang und gebe ist unabhängig von der Religion und mit Hygiene zu tun hat.
Diese Diskussion erscheint mir eine der vielen subtilen Hetzkampanien in erster Linie gegen den ISLAM zu sein.


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