Interview

„Die Ökonomie hat den Glauben ersetzt!“

Glauben und Wirtschaft haben viel gemein. Dieser Überzeugung ist Chefökonom und Buchautor Tomas Sedlacek. Ein Interview.

Tomas Sedlacek hat in seinem Buch „Die Ökonomie von Gut und Böse“ die Bibel und andere religiöse und philosophische Texte auf ihre Aussagen zur Wirtschaft untersucht. ERF Online hat mit ihm darüber gesprochen, worin christlicher Glauben und wirtschaftliches Denken einander ähneln und wieso es sich lohnt, in ökonomischen Fragen auf die Bibel zurückzugreifen.

ERF Online: Guten Tag Herr Sedlacek, in Ihrem Buch „Die Ökonomie von Gut und Böse“ untersuchen Sie religiöse und philosophische Denkmodelle auf Ihre Aussagen zur Ökonomie. Inwieweit bestimmt die religiöse Überzeugung eines Menschen sein wirtschaftliches Handeln?

Tomas Sedlacek: Unser ökonomisches System ist ein System religiöser Überzeugungen. Wir nennen es nur anders. Ökonomie und christlicher Glaube sind nicht entgegengesetzte Pole, die Ökonomie hat den Glauben vielmehr ersetzt. Wir glauben an die Macht der Märkte, an ihre göttliche Vorsehung und daran, dass sie uns Wegweisung für die Zukunft gibt. Diese Märkte sind gerissen wie die Götter des Olymps. Es gibt Menschen, die für sich beanspruchen, dass sie verstehen und deuten können, was der Markt von uns will und wie er sich fühlt. Es wird über die Märkte gesprochen als handle es sich dabei um Personen.

„Die Bücher der Bibel zeigen das praktische Leben“

ERF Online: Viele ihrer Beispiele für verantwortliches Wirtschaften entnehmen Sie der Bibel. Welche Bedeutung hat die Bibel für Sie persönlich?

Tomas Sedlacek: Ich benutze in meinem Buch viele kulturelle Denkmodelle als Reflexionspunkte. Das Problem ist, dass die Bibel oft zu spirituell gelesen wird. Wir sondern sie ab vom normalen Leben und produzieren religiösen Kitsch. Wenn wir das Spirituelle vom Praktischen oder Ökonomischen trennen, dann verlieren beide Aspekte an Sinn. Wie bei einem Körper gehören die spirituelle und praktische Ebene zusammen. Es hat nur Sinn, wenn der Geist im Körper wohnt, sprich die spirituelle oder geistliche Ebene mit den praktischen Aspekten des Lebens verbunden bleibt.

Die Bücher der Bibel zeigen das praktische Leben: In der Bibel finden sich realistische, anschauliche Schilderungen und Gleichnisse, die bis zum heutigen Tag gültig sind. Der Rat „Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet“ (Matthäus 6, 25) hat heute noch dieselbe Gültigkeit, allerdings von einem anderen Blickwinkel her. Wir haben heute zu viel zu essen, so dass wir uns darum sorgen, was genau wir essen sollen. Und obwohl wir vor einem vollen Kleiderschrank stehen, stellen wir uns die bange Frage: „Was soll ich bloß anziehen?“ Für mich persönlich ist die Bibel also ein Buch, auf das ich immer wieder zurückgreife.

Tomas Sedlacek,  Chefökonom bei der größten tschechischen Bank und Mitglied des Nationalen Wirtschaftsrats in Prag.
(Bild: Jana Hrivniakova, privat)

Die Bibel gibt Antworten auf wirtschaftliche Fragen

ERF Online: Wenn Sie es ganz kurz und knapp formulieren müssten: Was sagt die Bibel über Ökonomie?

Tomas Sedlacek: Genau genommen bezieht sich die Mehrzahl der Gleichnisse Jesu auf wirtschaftliche oder soziale Fragen. Wirtschaftliches Handeln ist das nach Götzendienst meistbehandelte Thema im Alten Testament. Sogar der Sündenfall kann ökonomisch verstanden werden. Da alles, was Gott den Menschen im Garten Eden gab, ihnen nicht genug war und sie immer noch mehr wollten, wird ihnen nun nichts mehr genug sein.

Evas Fluch ist unbändiges Verlangen: Sie kann ihre Begierden nicht mehr steuern, sondern wird von ihnen beherrscht. Dabei entsprechen diese Begierden nicht einmal ihren tatsächlichen Wünschen. Ihr Begehren ist in gewisser Weise ziellos. Adams Fluch ist der Fluch der Versorgung. Egal wie hart wir Menschen arbeiten – und sogar trotz der neuen Technologien, die wir im 21. Jahrhundert haben, reicht es nie aus, um unsere Wünsche und Begierden zu stillen.

„Wir dürfen ökonomisches Denken nicht zu einem Fetisch werden lassen“

ERF Online: Mit vielen Ihrer Kritikpunkte und Anregungen wenden Sie sich vor allem an Ökonomen und fordern von der Wirtschaft Veränderungen ein. Was kann der Otto-Normalverbraucher von Ihren Prinzipien lernen, um seine eigene, aber auch die allgemeine wirtschaftliche Lage zu verbessern?

Tomas Sedlacek: Man sollte anfangen, anders über Ökonomie zu denken. Es gilt die Wirtschaft als moralisches System zu begreifen. Denn obwohl die Ökonomie vorgibt, wertfrei zu sein, ist genau das Gegenteil der Fall. Die Wirtschaft gibt uns Werte und Preise vor. Wir dürfen ökonomisches Denken nicht zu einem Fetisch werden lassen. Obwohl wirtschaftliches Handeln eine wichtige Rolle in unserem Leben spielt, haben wir diesem Aspekt zu viel Platz eingeräumt. Wenn man sich in jemanden verliebt, muss man aufpassen, den anderen und die Beziehung nicht zu idealisieren. Aber genau das passiert in großem Maße bei der Wirtschaft: Wir idealisieren die Märkte.

Von diesem Standpunkt her ist die aktuelle Krise sogar gesund, denn am weltweiten ökonomischen Glauben, genannt ökonomisches Wachstum, gibt es nun Zweifel. Er wird nicht mehr als heilig und vollkommen wahrgenommen. Das Wort Kredit stammt ursprünglich vom lateinischen Verb „credere“, was „glauben“ bedeutet. Ein Kredit erfolgte in dem Glauben, dass der Schuldner das Geld zurückzahlen wird. Eine Kreditkrise ist dem eigentlichen Wortsinn nach also eine Glaubenskrise. Und genau das passiert gerade weltweit: Unser Glauben in die göttliche Vorsehung der unsichtbaren Hand des Marktes wurde erschüttert.

ERF Online: Vielen Dank für das Interview!


Kommentare

Von Jaques L. am .

Es gibt exakt EINE Alternative zum Markt. Und die heißt BEFEHL. Diese Tatsache hat der vor einem Jahr verstorbene Ökonom und Unternehmer Roland Baader festgestellt und in seinem Buch "Markt oder Befehl" dargelegt. Wenn wir sagen: "Das überlassen wir nicht dem Markt". Dann überlassen wir es jemand anderem, und dieser Jemand hat dann unbegrenzte Macht. Hayek hat in seinem Werk "Der Weg zur Knechtschaft" betont, die zentrale Steuerung einer Wirtschaft ist mit demokratischen oder gar freiheitlichen mehr

Von otto am .

Wirklich einleuchtend, wirklich real, ein Boden wo viele Ideen gegen unsere Schein-Wahrheit-Ansichten spriessen können:
Wir wollen ja dass alle die 3 Billionen Eva´s
gleich viel Röcke haben, jeder Junge und jedes Mädchen nicht zurücksteht imBesitz von den vielfaltigen I-Phones, Tablets usw, und wir versuchen die Arbeite der Adam's möglichst zu erleichtern oder gar auszuschalten durch die Automaten.
Die Refenz des Autors ans Paradies, die paradiesischen Wünsche nach mehr und mehr Wohlstand, finde ich ausserordentlich wichtig für die heutige Welt.
Otto.

Von FEMINA am .

Weshalb bitte schön soll Eva von Begierden beherrscht werden (worden sein), die auch noch ziellos sein sollen. Das ist schlichte Hausmannskost-Psychologie. Adam hat dagegen zielgerichtete Versorgungsbegierden. Die hat Eva auch zur Genüge, da sie ja Nachwuchspflege betreibt. Aber zuerst ist Eva`s Begierde die des Mehrwissenwollens, der Verständniserweiterung, der größeren Unabhängigkeit auch auf Beziehungsebene. Wer in bestimmten Lebensbereichen einen höheren Preis zu entrichten hat, wird mehr

Von Jaques L. am .

Bei einer Staatsquote von über 50 Prozent von einer Macht der Märkte zu sprechen, und zu behaupten, alle wüden daran glauben, ist schlicht absurd. Der Markt ist keine Person. Markt heißt (konkrete) Menschen bieten Güter/ Leistungen an bzw. fragen diese nach. Den Markt gibt es als eigenständiges Etwas gar nicht. Was wir damit bezeichnen, ist das Verhalten von Menschen. Und da es den Markt als eigenständige Kreatur (im Gegensatz zu menschlichen Individuen) gar nicht gibt, kann er weder gerissen mehr

Von Dorena am .

Endlich mal fühle ich mich ein wenig bestätigt in meiner Skepsis,was die Sprache über ökonomische Prozesse angeht. Wenn ich im TV höre,wie über Börse und Markt gesprochen wird,hört sich das immer an wie eine Art Selbstläufer. Deswegen mache ich mir in Gedanken immer klar,dass hinter den angegebenen Zahlen Menschen stehen und frage mich,nach welchen Regeln sie wohl da spielen und wie diese Zahlen zustande kommen............und ob da fairplay gespielt wird. Gruss Dorena

Von Gertrud am .

Mit dem Inhalt des Gesagten stimme ich durchaus überein - es ist längst erkanntes in einem etwas veränderten Gewand. Was ich mir jedoch nie zu eigen machen möchte ist diese alberne Formulierung etwas macht Sinn - das ist erfolgreiche Sprachverkrüppelung, dank amerikanischer Hörigkeit. Darüber hinaus ist es mir zu oberflächlich, das Sinn machen.... die Katze macht Junge, die Leichtsinnigen Unsinn,die Gelangweilten machen Liebe....es gibt tatsächlich einen Sinn, der Gott sei es gedankt nicht mehr


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