In eigener Sache

Fernsehen: Der ERF stellt sich neu auf

Ein Interview mit Jürgen Werth und Jörg Dechert über die neue Fernsehstrategie

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Ab 1984 – also seit 30 Jahren – macht ERF Medien Fernsehen. Vor fünf Jahren haben wir den Sender ERF 1 ins Leben gerufen. Nun stellt der ERF seine TV-Strategie neu auf. Dies ist eine Konsequenz aus der neuen ERF Vision, die den Wunsch, dass „Menschen Gott kennenlernen und er ihr Leben verändert“ mit der Suche nach den „besten medialen Möglichkeiten“ verbindet. Mit dem bisherigen Fernsehkanal ERF 1 haben wir nicht die erhoffte Reichweite für die eigenen Inhalte gewonnen und werden ihn daher zum 30. Juni beenden.

Mit der neuen TV-Strategie wollen wir als Produzent qualitativer TV-Sendungen unser Engagement zukünftig auf drei Bereiche konzentrieren:

1. Sendeplätze auf säkularen Sendern

2. Ausbau von Mediathek und Social Media

3. Eine neue Partnerschaft mit dem christlichen Fernsehsender Bibel TV

Der ERF nimmt damit die Herausforderung an, sich inmitten massiver Veränderungen bei Bewegtbild-Inhalten strategisch neu aufzustellen. Parallel dazu entwickelt der ERF auch seine beiden Radiokanäle ERF Plus und ERF Pop sowie die bestehenden Internetangebote weiter. Dazu ein Gespräch mit dem Vorstandsvorsitzenden Jürgen Werth und dem Bereichsleiter Content, Dr. Jörg Dechert.

 

ERF Online: Der ERF gibt den Kanal ERF 1 auf, aber nicht die Fernseharbeit. Jürgen, welche Argumente haben den Vorstand zu dieser Entscheidung bewogen?

Jürgen Werth: Wir haben uns ja eine neue Vision aufs Herz legen lassen. Diese Vision heißt: „Wir möchten nichts lieber, als dass Menschen Gott kennenlernen und er ihr Leben verändert. Dafür suchen wir die besten medialen Möglichkeiten.“ Diese Vision hat dazu geführt, dass wir alle Bereiche unserer Arbeit auf den Prüfstand stellen: ob wir die Ziele, die diese Vision beschreibt, mit den medialen Möglichkeiten, die wir haben, tatsächlich erreichen.

Bei unserem Fernsehkanal ERF 1 haben wir festgestellt, dass das nur sehr eingeschränkt der Fall ist. Die Zahl der Zuschauerinnen und Zuschauer ist sehr überschaubar. Wir möchten aber gerne, dass viele Menschen diese  Sendungen sehen, um damit das Evangelium kennenzulernen. ERF 1, das ist nach manchen Gesprächen und Gebeten unsere gemeinsame Überzeugung gewesen, ist nicht die beste mediale Möglichkeit für die Zukunft. Also haben wir nach Alternativen Ausschau gehalten.

"On-Demand-Kultur" machte Änderungen erforderlich

ERF Online: Jörg, wie kann der ERF zukünftig einem neuen Konsumverhalten mit seinen Beiträgen gerecht werden?

Jörg Dechert: Der ERF macht gute Sendungen. Wir haben festgestellt, dass die Plattform des „linearen eigenen Fernsehkanals“ vom Aufwand-Nutzen-Verhältnis her nicht der beste Weg ist, um das an den Mann und an die Frau zu bringen. Deswegen sind wir jetzt mit einer neuen Strategie unterwegs und lösen den Kanal ab durch drei neue Wege in die Zukunft. Das eine ist, dass wir ganz neu den Versuch starten wollen, mit einzelnen Formaten auch auf säkularen Sendeplätzen Eingang zu finden. Wir wollen, dass das, was wir tun, Leben verändert, dass Menschen dadurch Jesus kennenlernen - und das kann nicht isoliert in einer christlichen Nische passieren. Wir brauchen einen Arm, der möglichst weit hinaus reicht in unsere Gesellschaft.

Das zweite ist das Nutzungsverhalten bei einer jüngeren Generation unter 30, manchmal auch unter 40, je nach  Lebenssituation. Das verschiebt sich immer mehr in Richtung einer „On-Demand-Kultur“. Das heißt, ich schaue fern, dann wann ich will, was ich will, wo ich will. Fernsehen läuft immer mehr im Internet. Stichworte dazu: Mediathek und  YouTube. Für Leute, die heute als Kinder, als Teenies oder Jugendliche in die Fernsehnutzung hineinwachsen, ist völlig klar: Lineares Fernsehen bietet mir nur etwas, wenn Sport kommt oder Nachrichten. Also ist das der zweite Arm unserer Strategie, uns stärker auf diese On-Demand-Kultur zu konzentrieren.

Und der dritte Arm der Strategie ist eine neue Partnerschaft mit Bibel TV. Da wollen wir zwei Dinge zusammenbringen: Auf der einen Seite das, was uns auszeichnet, nämlich richtig gute Sendungen zu machen mit einem geistlichen hohen Anspruch und der Sehnsucht danach, dass Gott dadurch Leben verändert. Und auf der anderen Seite ein richtig gutes Vertriebsnetz, das Bibel TV hat.

Kräfte bündeln in neuer Partnerschaft mit Bibel TV

ERF Online: 2009 haben wir die Partnerschaft mit Bibel TV in der Weise aufgegeben, dass wir dort nicht mehr senden. Jürgen, was sind jetzt die Argumente, wieder stärker auf Bibel TV zuzugehen?

Jürgen Werth: In diesen letzten Jahren hat sich vieles bewegt, vieles verändert. Wir haben ganz neu entdeckt, dass wir gut zusammenpassen könnten. Bibel TV möchte sich stärker darauf beschränken, eine Plattform zu sein, auf der christliche Programme von anderen Anbietern gesendet werden. Der ERF ist, von seiner inneren Passform her betrachtet, vor allem ein Produzent von Fernsehprogrammen und nicht so sehr ein Sender. Das passt gut zusammen. Wir haben in vielen Gesprächen in den letzten Monaten festgestellt, dass wir geistlich dieselben Ziele verfolgen, dass wir auch zum Teil dieselben Zuschauer erreichen und ansprechen. Und manche Freunde haben uns in der Vergangenheit geraten, doch zu überlegen, ob es nicht sinnvoll sein könnte, die Kräfte zu bündeln. Wir wollen das unter neuen Bedingungen neu versuchen, und wir sind auf beiden Seiten guter Dinge, dass das gelingen kann.

ERF Online: Wenn ich mich zurück erinnere, bis 2009 gab es einen Block „Unser Feierabend“ bei Bibel TV. Wird das so ähnlich sein, Jörg?

Jörg Dechert: In einer Zeit, wo Sender immer unwichtiger werden und das einzelne Programm in der Nutzung oder im Marketing  immer mehr in den Vordergrund rückt, brauchen wir keine abgekapselte Zone im Programm. Wir werden die Erstausstrahlung unserer Sendungen bei Bibel TV am Sonntag haben, dazu kommen Wiederholungen im weiteren Bibel TV-Programm. Wir streben danach, für unsere guten Programme mit dem geistlichen Anspruch, den wir in sie hinein legen, eine maximale Verbreitung zu bekommen. Darauf zielt unsere Gesamtstrategie und als Teil davon auch die Ausstrahlung bei Bibel TV.

"Wir wollen Brücken hin zu den Menschen bauen"

ERF Online: Wie spürt der ERF diesen neuen medialen Möglichkeiten nach? Jürgen, wo wird es in den nächsten Jahren hingehen?

Jürgen Werth: Wir werden die Situation, die Landschaft, in der wir uns bewegen, weiterhin sehr intensiv beobachten müssen. Das gilt für die medialen Möglichkeiten und das Nutzungsverhalten der Menschen genauso wie ihre Lebenssituation, ihre Fragestellungen oder die geistliche Situation in unserem Land. Wir werden hellwach sein müssen, und werden das auch bleiben.

Fest scheint mir aber zu stehen, dass die Richtung sehr stark zu einer mobilen Nutzung hingeht. Manche Experten sagen: Alles, was nicht mobil empfangbar ist, wird auf die Dauer nicht stattfinden. Das heißt, Smartphones und Tablets und alles, was noch entwickelt wird, spielt in der Zukunft eine immer größere Rolle. Der Fernseher, der irgendwo einen festen Platz im Wohnzimmer hat, wird sicherlich verschmelzen zu einem multimedialen Werkzeug. Wir müssen uns auf diese sich verändernde Situation einstellen.

ERF Online: Nun hat sich der ERF ja vorgenommen, Menschen zu erreichen, die bisher noch nicht mit dem Evangelium erreicht sind. Wie kann das gelingen auch über diese neuen Möglichkeiten, Jörg?

Jörg Dechert: Wir sind sehr dankbar für eine lange ERF Geschichte, die ja auch eine Segensgeschichte ist. Unglaublich viele Menschen sind mit uns und unserem Programm verbunden, wertschätzen es, empfehlen es weiter, beten und spenden dafür. Wir kommen jetzt in eine Phase, in der wir diesen Kreis erweitern wollen, in der wir neu relevant sein wollen für Menschen, die an Lebensfragen und auch an geistlicher Lebenshilfe interessiert sind. Wir wollen eine neue Wachstumsphase anschieben, vermehrt Menschen ansprechen, die uns bisher nicht kennen. Das wirkt sich nicht nur auf die technischen Möglichkeiten, sondern auch auf unser Programm aus.

Von der Vision her ist uns wichtig, auch für Menschen andockfähig zu sein, die wenig kirchliche Bindung haben oder gar keine. Das ist die zunehmende Mehrheit in unserer Gesellschaft, da läuft die gesellschaftliche Entwicklung hin. Wir wollen das aber nicht beklagen und uns nicht in einer Wagenburg verstecken, sondern wir wollen Brücken hin zu diesen Menschen bauen. Das heißt auf der einen Seite, wie Jürgen es gerade gesagt hat, die technischen Möglichkeiten neu zu suchen und zu nutzen. Und das heißt auf der anderen Seite, im Programm so verständlich wie möglich zu reden und immer wieder Brücken zu bauen von unserem theologischen Kern her zu allen Menschen, die Jesus brauchen.

ERF Online: Vielen Dank für das Gespräch.


Weitere Infos unter www.erf.de/tv-strategie

Redaktion