Interview

„Im Himmel sitzen wir nebeneinander.“

Warum Christen sich nicht wegen Meinungsverschiedenheiten voneinander abgrenzen sollten. Ein Interview mit Andreas Boppart

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Haarspaltereien unter Christen gab und gibt es immer wieder. Im Laufe der Kirchengeschichte haben sich dadurch immer wieder neue Denominationen gebildet. Trotz unterschiedlicher Ansichten fordert Jesus, dass Christen sich lieben und nicht gegenseitig bekriegen. Andreas Boppart setzt sich für diesen Auftrag ein und verrät im Interview, wie Einheit zwischen Christen entstehen kann.

ERF Online: Herr Boppart, Sie sehen sich als Vernetzer der verschiedenen christlichen Denominationen. Warum ist Ihnen Einheit in der Kirche wichtig?   

Andreas Boppart: In der Einheit zeigt sich die Liebe von Gott. Deswegen kann man an ihr auch am besten erkennen, dass wir Jesus nachfolgen. Ich habe mal einen Freund gefragt, warum er nicht an Gott glauben will. Er sagte dann zu mir sinngemäß: „Bring erst einmal deine Kirchen zusammen und dann überlege ich es mir.“ In Johannes 13,35 sagt Jesus: „Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.“ Wenn wir in Einheit unterwegs sind, dann heißt das nicht, dass wir alles gleich glauben. Vielmehr heißt es, dass wir eine Einheit der Herzen und des Geistes haben. Deshalb begeistert es mich immer wieder, wenn Christen ihre Ängste und theologische Skepsis zur Seite legen und sich einander annähern.

"Meine Erkenntnis von Gott erfasst nur einen Bruchteil von seiner Göttlichkeit."

ERF Online: Was muss in dem einzelnen Gläubigen passieren, damit er diese Einheit ausleben will?

Andreas Boppart: In den unterschiedlichen Denominationen stelle ich eine unglaubliche Angst vor dem Unbekannten fest. Deswegen entstehen diese Schützengräben untereinander. Wenn man jedoch das Licht von Jesus hereinlässt, dann vertreibt es alle Ängste. Dann können wir aufeinander zugehen, ohne Angst haben zu müssen, den eigenen Glauben oder die Glaubensidentität zu verlieren. Außerdem vermitteln wir Christen uns gegenseitig manchmal, dass zwar schon alle auf dem richtigen Weg sind, aber wir selbst den etwas „richtigeren“ Weg gewählt haben.

Es ist wichtig, als Christ demütig zu bleiben. Immer zu wissen, dass meine Erkenntnis von Gott nur einen Bruchteil von seiner Göttlichkeit erfasst und ich erst gemeinsam mit anderen Christen Gott wirklich in seiner Größe erkennen kann. Gesunde Demut ist, zu wissen, dass man Gott nicht vollends ergriffen hat. Das Zusammensein mit anderen Christen erweitert meine Sicht auf Gott. Wenn man diese Haltung hat und keine Angst anderen Glaubensweisen gegenüber, dann wird Einheit faszinierend und spannend. 

ERF Online: Darf ich also andere Glaubensrichtungen nicht kritisch hinterfragen?

Andreas Boppart: Oh doch, auf jeden Fall. Das sollte man tun und das darf man auch tun, schließlich muss man bei Gott seinen Verstand nicht an der Garderobe abgeben. Eine Familie ist ja auch dann eine Einheit, wenn die Meinungen zwischen Mann und Frau oder Eltern und Kindern auseinandergehen. Ziel darf nicht sein, dass man alles gleich sehen muss. Das ist weder in einer Familie noch in der Kirche, der göttlichen Familie, möglich. Man muss nicht theologisch auf einen Nenner kommen, um eine Einheit zu sein. Aber wenn wir uns um das Kreuz formieren, ist es möglich, sich als Geschwister zu sehen. Häufig werden dem anderen lieblos Kritikpunkte um die Ohren gehauen. Doch das höchste Gebot fordert, dass wir Gott lieben, den anderen lieben und uns selbst lieben.

ERF Online: Wie kann Einheit zwischen den unterschiedlichen Kirchen und Gemeinden sichtbar werden?

Andreas Boppart: Ich glaube, es sind die kleinen Dinge. Es beginnt da, wo ich nicht mehr negativ über andere Kirchen und Werke rede. Das ist etwas Kleines, dennoch löst es schon viel aus. Es ist wichtig, dass wir einander den Rücken stärken und miteinander unterwegs sind. Wir arbeiten nicht in erster Linie für unsere Kirche oder unser Werk sondern miteinander im Reich Gottes. Diese Reich-Gottes-Perspektive verändert die persönliche Sicht auf den eigenen Arbeitsbereich und erweitert den Horizont.

Papst Johannes Paul sagte einmal: „Wenn es die Christen ungeachtet ihrer Spaltungen fertigbringen, sich immer mehr im gemeinsamen Gebet um Christus zu vereinen, wird ihr Bewusstsein dafür wachsen, daß das, was sie trennt, im Vergleich zu dem, was sie verbindet, gering ist.“ Wir können ständig das Trennende suchen und werden es auch überall schnell finden, ganz egal ob in Kirchen oder der eigenen Familie. Dann könnte man das Trennende anschauen und sich trennen, doch darum geht es nicht. Letztlich geht es darum, dass ich meinem Nächsten gegenüber aufgeschlossen bin, das Verbindende aktiv suche und mich auf ihn einlasse.

ERF Online: Kann Toleranz dazu führen, dass der Glaube beliebig wird?

Andreas Boppart: Nein überhaupt nicht. Für mich hat Toleranz damit zu tun, wie ich dem Andersdenkenden begegne. Häufig stimmen wir gerne gegen etwas oder grenzen uns ab. Das tun wir nicht immer aus dem Grund, dass die andere Meinung schlecht ist, sondern weil wir uns über unsere eigene Identität nicht im Klaren sind. Wenn mein Glaube ein starkes Fundament hat, dann erträgt er auch viel Andersartigkeit. Es ist nötig, mit der eigenen Kirche die Nähe Gottes zu suchen, um auch Andersglaubenden tolerant begegnen zu können. Toleranz endet dort, wo Gott selber nicht mehr tolerant ist – wenn es zum Beispiel um Jesus geht, der von sich selber sagt, dass er der einzige Weg zum Vater ist.

ERF Online: Der Glaube wird auch durch Vorträge und Bücher geprägt, die wiederum persönliche Meinungen hinterfragen können. Was kann mir helfen, eine starke Identität in Christus zu bekommen?

Andreas Boppart: Meistens wählt man eher Input, der die eigene Meinung unterstreicht. Die wenigsten Menschen setzen sich mit Themen auseinander, die die persönliche Meinung hinterfragen. Anderen Themen begegnet man eher mit Argwohn und distanziert sich lieber von ihnen. Im theologischen Studium wird man gezwungen vielfältige Literatur zu lesen und dabei sind die augenöffnenden Momente immer sehr spannend. Es tut uns Christen gut, wenn wir immer wieder unterschiedliche Literatur lesen. Dadurch wird unser Herz erweitert und wir werden barmherziger anderen Gläubigen gegenüber. Außerdem ist es wichtig, persönlich Zeit mit Gott zu verbringen, den Austausch mit ihm zu pflegen, die Bibel selbst zu lesen und Gott reden zu lassen. Nichts ersetzt meine persönliche Zeit mit Gott und meine persönliche Beziehung zu ihm.

Miteinander - ohne eigene Standpunkte über Bord zu werfen

ERF Online: Theologische Differenzen haben Menschen schon viel Kopfzerbrechen bereitet und in der Vergangenheit für viele Konflikte gesorgt. Warum fällt es gerade in Glaubensfragen Christen schwer, Andersglaubende stehen zu lassen?

Andreas Boppart: Die Fragen rund um den Glauben treffen den Kern des Menschen. Außerdem hat der Glaube die missionierende Komponente. Jesus beauftragt: „Geht hin in alle Welt“, und das wollen Christen auch tun. Sie möchten von ihrem Glauben erzählen und ihn weitergeben. Das kann man auf sehr unterschiedliche Art und Weise machen. Wenn man jemanden stark mit den eigenen Überzeugungen konfrontiert, dann entstehen möglicherweise auch destruktive Diskussionen. Immer wieder wird der Fehler gemacht, dass man enthusiastisch andere für eigene Glaubensüberzeugungen gewinnen will - ohne selber interessiert daran zu sein, was das Gegenüber denkt und fühlt.

Ich persönlich möchte das auf eine sehr einladende Art und Weise machen. Ich möchte Menschen in die Nachfolge Jesu einladen und ihnen dafür von meiner Gottesbeziehung erzählen. Und dann schmerzt es mich persönlich nicht, wenn jemand sich nicht darauf einlässt. Jeder hat die Freiheit sich so zu entscheiden, wie er es will. Gerade in der Postmoderne ist die „Hauptsache, es stimmt für dich“-Mentalität das höchste Gut. Christlicher Glaube ist aber nun einmal untrennbar mit Mission verknüpft. Und das Weitergeben dieser wunderbaren Versöhnungsbotschaft von Jesus erzeugt unweigerlich Reibungsfläche. Denn nicht immer ist das, was für mich stimmt, auch wirklich richtig. Es gibt Dinge, sie sich richtig anfühlen, doch bei denen Gott definiert, das sie nicht gut für mich sind.

Andreas "Boppi" Boppart leitet das überkonfessionelle Missions- und Schulungswerk Campus für Christus Schweiz. Er sich sich als Vernetzer der verschiedenen christlichen Denominationen.

ERF Online: Wie können die einzelnen Denominationen einen Blick über den Tellerrand werfen und Brücken zu anderen Gemeinden und Kirchen schlagen - anstatt sich immer stärker abzugrenzen?

Andreas Boppart: Viele Gemeinden und Kirchen jammern, dass sie keinen Kontakt zu den Menschen in ihrem Umfeld haben. Aus diesem Grund habe ich im Jahr 2009 die Aktion Gratishilfe gestartet, an der sieben Kirchen unserer Region teilgenommen haben. Wir haben in der Zeitung und im Radio ganz simpel inseriert, dass wir in den nächsten Wochen gratis helfen. Die Menschen sollten uns einfach anrufen und dann würden wir vorbeikommen. Über 100 Personen haben sich dann bei uns mit rund 130 Aufträgen gemeldet, die wir auf unsere 100 Mitarbeiter aus den verschiedenen Kirchen verteilt haben.

Und dann war da plötzlich der Teenager mit einem älteren Mann unterwegs, weil der Teenager sich gut mit dem Computer auskennt und der ältere Mann dafür prima das Fahrrad flicken kann. Sie kamen aus verschiedenen Gemeinden und lernten sich kennen. Auf diese Weise können Vorurteile abgebaut werden und ein Miteinander entstehen. Um Gemeinschaft zu schaffen ist es hilfreich, wenn man Projekte forciert. Dabei bieten sich soziale Projekte gut an, weil die meisten Kirchen sich für den Nächsten einsetzen wollen. Bei gemeinsamen Veranstaltungen ist der Fokus auf Jesus hilfreich, weil sich bei Jesus die Kirchen begegnen. So haben wir bereits mehrfach erfolgreich große Evangelisationen mit bis zu 22 verschiedenen Kirchen in einer Region durchgeführt.

ERF Online: Wie wirkt sich das Streben nach Einheit auf den einzelnen Gläubigen aus?

Andreas Boppart: Es öffnet die Herzen des Gläubigen, sodass man die große Dimension im Reich Gottes sieht. Es ist eine Freude, wenn man sieht, dass auch viele andere Menschen im Reich Gottes unterwegs sind. Wenn man die Einheit nicht im Blick hat, besteht die Gefahr, dass man mit Scheuklappen nur seine eigene kleine Welt sieht und borniert für die eigene Sache lebt. Doch Gott hat eine viel größere Sicht. Ihm scheint die unterschiedliche Art der Christen nichts auszumachen. Besser wäre es für uns, wenn wir uns jetzt schon damit anfreunden und aufeinander zugehen. Sonst kriegen wir Probleme, wenn wir im Himmel dann nebeneinander sitzen müssen. (*lacht*)

ERF Online: Herzlichen Dank für das Interview.

Das Interview führte Nelli Löwen.

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Von Claudia K. am .

Ich kann es nur bestätigen. Es gehört Demut dazu, sich einzugestehen, dass die eigene Erkenntnis einer Ergänzung bedarf und dass ich, trotz Unterschiedlichkeit der Lehre, IMMER vom anderen etwas lernen kann. Diese Haltung führt in die Freiheit. Der geist weht, wo er will. Er kann überall wirken. So wie es überall Irrlehren geben kann, die den hl. Geist jedoch nicht aufhalten können. Wenn man das große Ganze des Leibes Christi ehrt, führt es in die Freiheit. Und wo der Geist Gottes ist, ist Freiheit. Ich bin sehr froh, dass ich dies erkennen durfte und leben kann.

Von Brigitte am .

hoert sich schoen an, aber es funktioniert nur bedingt, wenn die Lehre so unterschiedlich ist und zum Teil nicht einmal biblisch ist, wie z. B. Maria anbeten und Homosexuelle segnen, wie soll da eine biblische Einheit stattfinden, wenn man sich auf die Bibel beruft. Geht doch gar nicht, oder man muss so grundlegende Sachen eben uebersehen, aber ich glaube nicht, dass Gott damit einverstanden ist