Buchrezension Lesezeit: ~ 5 min

Hölle light

Gibt es eine Hölle? Francis Chan geht dieser Frage in seinem neuen Buch nach und nimmt dabei auch Rob Bells Standpunkt unter die Lupe.

Können Sie sich an die letzte Predigt erinnern, in der das Wort „Hölle“ gefallen ist? Wissen Sie noch, wie Sie reagiert haben? Der Begriff muss nur erwähnt werden, um bei den Zuhörern Unbehagen auszulösen. Im Allgemeinen schweigen Christen, zumindest in den USA und Europa, über die mögliche Existenz eines solchen Ortes lieber – abgesehen von einigen Hardlinern, die die Leute mittels einer Höllenangst zum Glauben bewegen wollen.

Es überrascht, dass Gerth Medien in diese Totenstille hinein ein Buch mit dem Titel „Hölle light“ auflegt. Schließlich hat das Mitglied der Random House Gruppe nicht gerade den Ruf eines Haudegens unter den evangelikalen Verlagen. Doch schon der erste Satz der Einführung macht klar, dass es hier nicht darum geht, einer lau gewordenen Christenheit endlich einmal den Marsch zu blasen: „Wenn Sie sich auf dieses Buch gefreut haben, haben Sie jetzt ein Problem. Verstehen Sie, was für ein gewichtiges Thema wir hier behandeln? Wir spüren der Möglichkeit nach, dass Sie oder ich die ewigen Qualen der Hölle erleiden müssen. ‚Sich freuen‘ ist in diesem Zusammenhang daher wohl nicht der richtige Begriff. Eher müsste man sagen, dass dieses Buch notwendig ist.“

Aufbau des Buches

In diesem Sinne geht Autor Francis Chan vorsichtig und mit einem genauen Blick auf die entsprechenden Bibelstellen an die Frage heran, ob es tatsächlich einen solchen Ort der Qual gibt und ob Menschen ewig darin gefangen sein werden. Zuerst setzt er sich dafür mit der Position der sogenannten Allversöhner auseinander und geht hier insbesondere auf Rob Bell ein. Der amerikanische Pastor hat 2011 mit seinem Buch „Das letzte Wort hat die Liebe“ für Diskussionen gesorgt, weil er darin die Möglichkeit offen lässt, dass Gott letztlich alle Menschen retten wird. Obwohl Chan sich wünscht, dass die Vertreter dieser Theologie Recht behielten, zeigt er, dass der biblische Sachverhalt diese Annahme nicht stützt.

Danach geht er auf zentrale Aussagen von Jesus und den Aposteln zum Thema ein und erklärt sie – u.a. auch vor dem Hintergrund zeitgenössischer jüdischer Literatur. Nachdem diese Grundlagen gelegt sind, wird Chan persönlicher: Er stellt den Leser vor die Frage, was das Ganze mit ihm selbst und seiner Vorstellung von Gott zu tun hat. Einige Seiten mit häufig gestellten Fragen (FAQs) zur Hölle, eine ausführliche Bibliographie und vertiefenden Anmerkungen bilden den Schluss des Buches.

Hauptaussagen

In seinen Ausführungen kommt der Pastor und Autor immer wieder auf zwei Dinge zu sprechen:

Erstens: Ob es die Hölle gibt oder nicht, ist nicht zuallererst eine dogmatische Frage, sondern eine, die das Schicksal jedes Menschen entscheidend bestimmt. Deswegen kann es in dieser Auseinandersetzung nicht darum gehen, sich gegenseitig Argumente um die Ohren zu schlagen, um einen Disput zu gewinnen. Stattdessen müssen Theologen und Laien, die sich mit dieser Materie beschäftigen, sauber und aufrichtig arbeiten, damit sie den Menschen sagen können, was Sache ist. Und: Wer davon ausgeht, dass es eine Hölle gibt, sollte alles daran setzen, dass er selbst und andere Menschen dort nicht die Ewigkeit verbringen müssen.

Zweitens: Es mag nicht unserem Bild und unserer Vorstellung von Gott entsprechen, dass er seine Geschöpfe wirklich für alle Ewigkeit auf diese Art und Weise straft. Aber wir müssen uns bewusst sein, dass nicht wir diejenigen sind, die entscheiden können, wie Gott zu sein oder was er zu tun hat. Wir können nur anerkennen, dass Gottes Gedanken höher sind als unsere und einen Weg finden, ihm trotz mancher Fragen und Schwierigkeiten zu vertrauen.

"Hölle light.
Was Gott über die Hölle sagt - und was wir daraus gemacht haben."
Francis Chan
Gerth Medien
ISBN: 3865916694
176 S.
13,99 EUR

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Lesprobe

(Bild: Gerth Medien)

Stärken und Schwächen

Es ist Chans Verdienst, ein Tabuthema ruhig und sachlich aufzugreifen und auch außerhalb von Theologenkreisen ins Gespräch zu bringen. Dabei lässt der Autor sich nicht zu Spekulationen über die Hölle hinreißen und macht auch deutlich, wo wir Fragen offen lassen müssen. Er versucht aufzuzeigen, was nach seinem Verständnis in der Bibel steht – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Die größte Stärke von „Hölle light“ liegt jedoch darin, dass Chan es respektvoll und dennoch deutlich wagt, uns mit einem anderen, größeren Gott zu konfrontieren, als wir ihn oft wahrhaben wollen. Damit fordert Chan heraus, korrigiert aber auch ein einseitiges Gottesbild und – dadurch bedingt - eine einseitige Verkündigung.

Einziger wirklicher Schwachpunkt des Buches ist, dass Chan in seinem Bemühen, Christen aus einer falschen Heilssicherheit aufzuwecken, nicht ausführlich genug deutlich macht, was einen Menschen vor der Hölle retten kann. Hier könnte für bereits verunsichterte Christen der Eindruck entstehen, dass sie sich den Himmel letztlich doch verdienen müssen.

In seiner Anrede an den Leser ist der Autor darüber hinaus manchmal typisch amerikanisch – glücklicherweise geht es für einen Europäer jedoch nicht über die Schmerzgrenze. Ob die FAQs in ihrer Kürze eine gute Ergänzung zum ansonsten ausführlicher gearbeiteten Buch sind, sei dahin gestellt.

Noch ein Wort zum leicht missverständlichen Titel des Buches: Es geht Clan nicht darum, leicht verdauliche Aussagen über die Hölle zu präsentieren. Das light bezieht sich stattdessen auf  die Tendenz, entsprechende biblische Aussagen weichzuspülen. Der englische Titel Erasing Hell (Die Hölle auslöschen) ist hier eindeutiger.

Für wen?

Das Buch ist für alle geeignet, die sich fragen, ob es eine Hölle gibt und welche Bedeutung ihre Existenz für unser Leben hat. Es ist größtenteils leicht verständlich geschrieben: Details sprachlicher oder dogmatischer Art sind meistens in die Anmerkungen ausgelagert, so dass sie den Lesefluss nicht stören. Insbesondere Laien können von dem Buch profitieren, den Chan nimmt sie bewusst in die theologische Diskussion hinein und erklärt dafür notwendige Hintergründe.

Fazit

„Hölle light“ leistet einen guten und wichtigen Beitrag zu einem Thema, dass wir als Christen heute oft scheuen und das doch zur Botschaft von Jesus dazugehört. Es ist zu wünschen, dass solche ruhige und gut verständliche Denkanstöße auch bei anderen Tabuthemen neu möglich werden.

 


Francis Chan über sein neues Buch auf YouTube (in Englisch):


Kommentare

Von Benjamin K. am .

Mir geht es nach dem Lesen völlig anders als der Rezensorin.
Vorweg: ich habe Bells "Love wins" gelesen. Mit Gewinn, weil Bell sehr authentisch ist - aber nicht ohne Zweifel und Anfragen. Von Francis Chan kannte ich einige youtube-Videos, er klang ebenfalls authentisch und tiefgehend - das war meine Erwartung an das Buch.
Zu allererst gefiel mir sein Vorsatz: Ergebnisoffen & auf der Suche nach neuen Erkenntnissen - das klang gut!
Dann die erste Verwirrung: die ersten Kapitel beschäftigen mehr

Von Brigitte R am .

Hallo,
es ist leider ein Trend dieser Zeit, dass es so gut wie überhaupt keine Predigten über die Hölle und Gericht gibt. Das hat die Folge, dass sich die Christen in eine falsche Sicherheit hineindenken und sich GOTT so denken, wie sie ihn gerne hätten oder wie ER ihnen gepredigt wird. Ich höre da genug Unsinn, aber man muss die Predigten mit der Bibel vergleichen und seine Bibel kennen, um beurteilen zu können, ob wahrhaftig das Evangelium gepredigt wurde.

Von Manfred B. am .

Der Satz von Rob Bell "Das letzte Wort hat die Liebe" lässt sich biblisch ergänzen mit Jak.2,13:-"Die Barmherzigkeit triumphiert über das Gericht". Die Lehre von der Allversöhnung leugnet über-haupt nicht die Existenz einer Höl-le. Für den mutwilligen Sünder gilt:"Es ist furchtbar in die Hände lebendigen Gottes zu fallen(Hebr.-10,31). Angesichtst zahlreicher Bibelstellen, die eine am Ende ausgesöhnte Schöpfung nahe-legen, wenn nicht beweisen, verwundert es, mit welcher Absolutheit die Gegner mehr

Von Reader am .

Klar ist es besser, im Original (in der Bibel) zu lesen, als bändeweise Ratgeber-Literatur.
Aber auch wenn ich "Hölle light" bisher nicht selbst gelesen habe, bin ich froh, dass dieses Buch speziell auf die Aussagen von Rob Bell eingeht (der auf einem Willow-Kongress quasi als größtes "Highlight" unter den geladenen Referenten angekündigt wurde).
Beim Lesen des Buches "Das letzte Wort hat die Liebe" bekam ich immer mehr den Eindruck, dass Rob Bell die Dinge eher danach beurteilt, wie er sich mehr

Von Gast am .

Matthäus Evangelium 25,31-46.
Ein Gleichnis passend zum Thema?

Von ERF-Fan am .

Ich kann Herrn Rolf G. unten nur zustimmen: In dem Maße, wie die Bibelkenntnis auch unter den Mitgliedern der Freikirchen abnimmt, umso mehr boomt die endlose Reihe der Ratgeberliteratur. In unserer Gemeinde hat man vor ca. 10 Jahren die Bibel- und Gebetsstunde erfolgreich abgeschafft. Und nun muss man die Folgen tragen: Orientierungslosigkeit, Ratlosigkeit und letzlich dann auch Trostlosigkeit. Man ist dem Lauf der Zeit ausgeliefert, weil man die Heilshaushalterschaften Gottes nicht mehr kennen will und sich über die "Sprache Kanaans" noch lustig macht.
"LIES DIE BIBEL, bet jeden Tag!"

Von FranzX am .

Gutes und wichtiges Thema!
Und: Verstehen, was die Hölle bedeutet, und warum es sie gibt (Gott sie zulässt), können helfen, den Weg von ihr weg zu finden.

Von Rolf G. am .

Eigenartig wie manche Bücherschreiber "mehr wissen" als uns Gott offenbart hat!
Jesus braucht keine hunderte Seiten um "etwas Theologisch zu Verdeutlichen". Das macht ja das schöne an seinen Wort aus.
Wiederum aber klar und Scharf mit einem Satz. Da stellt sich nicht die Frage - gibt es die (eine) Hölle?
Der Feuersee der mit Schwefel brennt, wo einmal der Tod , der Antichrist und alle Menschenkinder die nicht im Buch des Lebens stehen als 2.Tod dort hingelangen.
So sind Bücher dieser Art, mehr


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