Theologie

Ist Gott schizophren? (2)

Wie der einstige Aufruf Gottes zum Völkermord mit der Aufforderung zur Nächstenliebe zusammenpasst.

Im Alten Testament ruft Gott Israel zum Mord an benachbarten Völkern auf. Wie kann man an einen solchen Gott glauben – und wie passt er zu Jesus, der zu Vergebung und Feindesliebe auffordert? Im ersten Teil dieses Artikels wurde bereits deutlich, dass der Bannbefehl Gottes nicht auf eine vollständige Ausrottung des Volkes Kanaan zielte, sondern lediglich darauf, entscheidende Macht- und Militärstützpunkte der Kanaanäer auszuhebeln.

Gerechtigkeit und Liebe im Einklang

Dieses Wissen rückt die geschilderten Ereignisse in ein anderes Licht und nimmt der empfundenen Problematik einen Teil ihrer Schärfe. Die verbleibenden theologischen Fragen können dadurch jedoch nicht aufgelöst werden. Nur ein ganzheitlicher Blick darauf, wie Gott in der Bibel dargestellt wird und wie sein Plan mit dieser Welt aussieht, gibt letztlich Aufschluss über Gottes Handeln in dieser speziellen Situation.

Im vorliegenden Kontext stechen zwei Charaktereigenschaften Gottes in besonderer Weise hervor: er ist absolut heilig, gleichzeitig gerecht. Gott hebt sich von allem ab, was nicht heilig ist. Seit dem Sündenfall (1. Mose 3) besteht zwischen Gott und den Menschen ein unüberwindbarer Bruch, denn weil er heilig ist, kann Gott das Böse nicht tolerieren. Die Bibel beschreibt immer wieder, wie Gott Nationen, Städte oder Individuen bestraft, wenn sie sich trotz wiederholter Warnung nicht ändern. Auch der Krieg gegen Kanaan war eine Strafmaßnahme Gottes, bei der Israel sein Werkzeug war. Denn die religiöse Praxis des Volkes Kanaan beinhaltete Kinderopfer, die in der Bibel an mehreren Stellen verurteilt und unter anderem als Grund für die Zerstörung Kanaans genannt werden (5. Mose 12,29-31). Diese Tatsache wirft ein neues Licht darauf, wie die Eroberung Kanaans beurteilt werden sollte. Denn es besteht ein gewaltiger Unterschied zwischen willkürlicher Gewalt und einer gerechten und angekündigten Strafe.

Der zweite Punkt, der mit Gottes Heiligkeit und Gerechtigkeit zusammenhängt, bezieht sich auf sein Volk: Gott ruft Israel zu einem heiligen, ihn verherrlichenden Lebensstil auf (3. Mose 19,2). Durch die Israeliten wollte Gott seinen heilsgeschichtlichen Plan für die Welt umsetzen. Daher durfte alles, was sie zu einem Bruch dieses Verhältnisses verleiten könnte, keinen Platz in Israel haben. Das direkte Zusammenleben mit den Kanaanäern, die Israel immer wieder zu heidnischen Praktiken anstifteten, bedrohte die Beziehung. Sie zu enteignen und zu vernichten bedeutete auch einen Schutz für das Volk Israel.

Viele Leser der Bibel sehen in dieser Gerechtigkeit und dem Zorn Gottes einen Widerspruch zu seiner Liebe. Denn wie kann ein liebender Gott so zornig werden? Es fällt schwer, diese Eigenschaften zusammenzubringen. Doch gleichzeitig sind sie untrennbar miteinander verbunden. Denn das Einzige, was Gottes Zorn entfachen kann, ist das Böse, das versucht, Gottes liebende Absichten zu untergraben. Sein Zorn ist ein Zorn aus Liebe und steht nicht im Widerspruch zu seiner Liebe, sondern ist ihre natürliche Konsequenz: Gott ist zornig, weil er die Menschen liebt.

Bannbefehl ist Teil des Rettungsplans Gottes

Bei allem moralischen Unbehagen, die die Schilderung des Einzugs in Kanaan auslösen kann, sollte ich nicht vergessen, dass sie Teil des Heilsplanes Gottes ist. Gott wünscht sich nichts mehr, als dass alle Menschen gerettet werden. Er offenbart sich als ein Gott, der in die Geschichte eingreift, um diese geschichtsübergreifende Absicht zu realisieren. Letztlich ist auch das Gericht über die Kanaanäer ein Teil dieser Heilsgeschichte. Lange bevor das Volk Israel bestand, hatte Gott Abraham erwählt und mit ihm einen ewigen Bund geschlossen. Er und seine Nachkommen sollten zu einem Segen für die ganze Welt werden (1. Mose 12,1–2). Durch sie wollte Gott alle Menschen retten. Teil dieser Abmachung war das Versprechen, dass Gott seinem Volk ein Land geben wird (1. Mose 15,7–21). Diese Verheißung ging mit dem Einzug in Kanaan in Erfüllung.

Gerade deshalb ist es erstaunlich, dass das Buch Josua nicht mit einer Eroberung beginnt, sondern mit einer Bekehrungsgeschichte. Die erste kanaanäische Person, die der Leser kennenlernt, ist jemand, der Gottes Souveränität anerkennt und daraufhin in das Volk Gottes aufgenommen wird. Diese Frau Rahab wird sogar im Stammbaum Jesu genannt (Matthäus 1,5).

Anwendung auf heute

Zum Abschluss bleiben zwei Fragen: Besteht zwischen den Anweisungen im Alten Testament und den Idealen des Neuen Testaments generell eine Verbindung oder nicht? Und gibt es im 21. Jahrhundert irgendeine Rechtfertigung, Gottes Anordnung an Josua erneut anzuwenden?

Gottes Befehl, die Kanaanäer auszurotten, war eine Maßnahme, um sein Volk geistlich zu beschützen. Der Götzendienst der Kanaanäer basierte auf einer fragwürdigen Weltanschauung, die alle Lebensbereiche ihrer Gesellschaft beeinflusste. Es war notwendig, diesen Mächten Einhalt zu gebieten. Dies konnte Israel in dieser speziellen Situation zum Teil durch Krieg umsetzen. Für Christen heute ist das aber keine Option. Die Auseinandersetzung mit anderen Weltanschauungen soll vielmehr mit der von Gott bereitgestellten geistlichen Waffenrüstung ausgetragen werden (Epheser 6,10ff).

Zudem beschränkte sich der Bannbefehl Gottes auf eine bestimmte Menschengruppe in einem ganz bestimmten Zeitrahmen. Die Genauigkeit, mit der Gott die Israeliten auffordert, das verheißene Land einzunehmen, lässt keinen Zweifel daran, dass dies nicht wiederholt werden soll.1 Schon im Verlauf des Einzugs erklärt Gott den Israeliten, dass sie nach Frieden streben sollen (5. Mose 20).

Des Weiteren fordert Gott die Israeliten dazu auf, Fremde in ihrer Mitte zu beschützen und für sie zu sorgen – ihnen sogar die Teilnahme an religiösen Festen zu gestatten. Genauso wie Gott ein liebendes Anliegen und Heilsabsichten für diese Menschen hat, soll das Volk Israel ihnen mit Liebe begegnen (5. Mose 10,18–19). Diese gesetzlich vorgeschriebene Fremdenliebe, die sich sowohl durch das Alte (Jeremia 22,3) wie auch durch das Neue Testament (Matthäus 25,43–44) zieht, ist ein starkes Gegengewicht zum historisch begrenzten Befehl zur Vernichtung der Kanaanäer. Unter keinen Umständen sollte die Eroberung ein allgemeingültiges Verhaltensmuster für den Umgang mit anderen Menschen sein – weder für Israel noch für heutige Christen.

Ist Gott ein moralisches Monster? Gottes Befehl, die Kanaanäer auszurotten, ist und bleibt eines der schwierigsten ethischen Themen des Alten Testaments. Doch trotz aller offenen Fragen wird deutlich, dass Gott gute Gründe für sein Vorgehen hatte – auch wenn diese für heutige Leser auf den ersten Blick schwer ersichtlich sind.


Der erste Teil des Artikels "Ist Gott schizophren?"

 


1 Ein wesentliches Detail ist, dass Gott jedes einzelne Volk benennt, an dem Israel den Bann vollstrecken soll.


Kommentare

Von M.Desing am .

Das Gott brutal und grausam sein kann, steht völlig außer Frage und braucht nicht diskutiert zu werden - dazu braucht man sich nur in der Weltgeschichte, der Medizin und der Natur umzusehen. Mit "Schizophrenie" hat das überhaupt nichts zu tun, auch wenn es Liebe, Schönheit und eine faszinierende Schöpfung auch gibt. Mancher Christ sollte aber vernünftigerweise endlich(?) zu Kenntnis nehmen, dass Gott, wenn ER(Sie?Es?) existiert, Schöpfer aller Dinge und Herr der Geschichte ist, auch eine dunkle mehr

Von Jürgen W. am .

Gottes heiliger Zorn hat schließlich seinen Sohn ans Kreuz gebracht, das Kreuz als Blitzableiter für Gottes Zorn. Gott sei Dank und Jesu sei Dank!

Von Martin F. am .

Vielen Dank für Ihre Ausführungen. Ich höre derzeit das Alte Testament in szenischer Lesung. Wenn wir Gott besser kennenlernen wollen, dürfen wir das alte Testament nicht ausblenden, auch wenn das neue Testament unseren ethischen Vorstellungen des 21. Jahrhunderts viel eher entspricht. Der Friede Gottes ist höher als alle unsere Vernunft, also auch höher wie unsere heutigen moralischen Vorstellungen. Gott ließ die Sintflut über die Erde hereinbrechen, weil es ihn reute uns geschaffen zu haben. mehr

Von Markus R. am .

Gottes Zorn ist etwas ganz anderes als wie wir es interpretieren. Da steckt der Schlüssel zum Verständnis. Auch das alte Testament darf man nicht wortwörtlich nehmen. Schliesslich ist es von Menschenhand geschrieben und interpretiert worden, so wie man damals dachte ! Menschen fühlten sich dazu aufgefordert gegen diese u. jene Stämme zu kämpfen. Und Gott war mit ihnen. Das behaupten ja viele, selbst im Islam war Gott immer auf der Seite der Kämpfer bei aller Gewalt. Das sollte einen doch mehr


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