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Mein Familienabenteuer

Die eigene Familie bringt die schönsten Momente mit sich – und die dunkelsten. Wolf-Dieter Kretschmer sieht sie trotz allem als großes Geschenk.


Ich gehöre zu einer speziellen Sorte Mensch. Man nennt uns TCKs – Third Culture Kids,  Drittkulturkinder: Als Kind deutscher Eltern wuchs ich in Afrika auf. Wir sind anders. Das ist unsere Stärke und unser Problem. Unser Reisepass dokumentiert zwar unsere Nationalität, aber wohin wir wirklich gehören, ist uns oft selbst ein Rätsel. Mit Begriffen wie Heimat kann ich wenig anfangen, sehr viel aber mit Familie. An dem, was ich über Familie und mich selbst gelernt habe, möchte ich Sie teilhaben lassen.
 

Unter Mangobäumen und Schirmakazien

Familie war für mich als Kind und Jugendlicher ein Ort der Nähe und Geborgenheit, ein ganz besonderer Ort. Hier habe ich wesentliche Prägungen erfahren. Das hat sicher auch mit meiner besonderen Familiengeschichte zu tun, die in Westafrika beginnt. Geboren und aufgewachsen bin ich in Nordnigeria, wo meine Eltern als Missionare gearbeitet haben.

Auf einer Missionsstation mitten im afrikanischen Busch habe ich eine rundum gute und zumeist sorglose Kindheit erlebt, die eigentlich „nur“ durch ein dramatisches Erlebnis unterbrochen wurde: dem jähen Unfalltod meines Vaters.

Mit dem dritten Lebensjahr reduzierte sich meine Familie schlagartig auf meine Mutter, meinen Bruder und mich. Das war eine dramatische Veränderung, die mich als Kind aber relativ wenig beeinträchtigt hat. Vielleicht lag das daran, dass meine Eltern mir früh „den Herrn Jesus“, wie man damals sagte, als meinen fürsorgenden, guten Hirten lieb gemacht hatten. Für mich kleinen Steppke war immer klar, dass mein Papi im Himmel bei Jesus ist und ich ihn eines Tages wiedersehen werde.

Ich bin im Großen und Ganzen ohne ernsten Mangel aufgewachsen. Ich hege keinen versteckten Groll über das, was uns als Familie zugestoßen ist. Im Gegenteil, ich bin in einer Weise geprägt worden, die mir bis heute ein tiefes Vertrauen in die guten – wenn auch manchmal schweren – Wege Gottes ermöglicht hat. Das verdanke ich meinen Eltern, hauptsächlich meiner Mutter, die mir das vorgelebt hat.
 

Die Suche nach der eigenen Rolle

Im Augst 1982 haben Antje und ich geheiratet. Zwei Jahre später haben wir unser eigenes Familienabenteuer begonnen: Unser erstes Kind war geboren. Familie zu leben will gelernt sein. Das passiert nicht einfach so. Für mich drückt sich das am Besten aus in dem Sprichwort: „Vater werden ist nicht schwer, Vater sein aber sehr.“ Was sich flott daher sagt, habe ich buchstabieren müssen. Wenn man den größten Teil seiner Kindheit und Jugend ohne Vater aufgewachsen ist, muss man sich die neue Rolle erst einmal aneignen.

Ich habe hineinwachsen müssen in etwas, das mir bis dahin fremd war: Vater sein. Dazu musste ich nach Vorbildern suchen und zwischen dem, was ich als beruflichen Auftrag empfand und den sehr berechtigten Bedürfnissen der eigenen wachsenden Familie navigieren lernen.
 

Mündige Menschen auf Augenhöhe

Wenn aus Kindern Teenager werden, kommen neue Herausforderungen auf einen zu. Das Leben wird launiger, aus dem Bad quellen die abenteuerlichsten Duftwolken und plötzlich hat man es mit jungen Menschen zu tun, die zu einem Gegenüber heranwachsen.

Augenhöhe ist für mich ein wesentliches Merkmal dieser Familienphase gewesen: Antje und ich haben miterleben können, wie unsere Kinder äußerlich und innerlich zu uns aufgeschlossen haben. Mit der Zeit wurden sie zum Gegenüber. Dass das holprige Momente eingeschlossen hat, versteht sich.

Wichtig war für uns: Unsere Kinder sollten lebensfähige und mündige junge Frauen und Männer werden. Zu diesem Prozess gehört, dass man immer mehr loslässt, zurücktritt, den Kindern Raum zugesteht, eigene Entscheidungen zu treffen, und zwar hin und wieder auch solche, die man nicht gut findet. 

Für mich ist diese Zeit eine bittersüße gewesen. Einerseits waren meine Frau und ich stolz auf unsere „Großen“, andererseits mochten wir die zunehmende Stille im Haus überhaupt nicht. Die Fliehkräfte nahmen zu. Meine persönliche Heimat, die Kernfamilie, begann sich aufzulösen. Und das war viel schlimmer als das Fehlen der wummernden Basstöne, die gewöhnlich aus dem Zimmer unseres Sohnes dröhnten. Andererseits kann nur der Neues in die Hand nehmen, der zuvor Altes losgelassen hat. Für mich war das ein sehr intensiver Prozess.
 

Die dunkelste Zeit

Dann geschah das Unaussprechliche: Am 3. Oktober 2008 besuchten uns morgens um 8.30 Uhr zwei schwarz gekleidete Polizisten und ein Notfallseelsorger. Ihre bittere Nachricht: Eine unserer Töchter war tödlich verunglückt. Sie war auf dem Rückweg von ihrer Nachtschicht auf der Intensivstation eines Krankenhauses am Steuer eingeschlafen. Mit diesem Tag brach für Antje und mich die dunkelste Zeit unseres Lebens an.

Von einem Moment zum nächsten war alles anders. Das sicher geglaubte Zuhause war schwer getroffen, ja, in Gefahr zu zerbrechen. Ich habe die eigene Sprachlosigkeit gegenüber Gott und anderen Menschen kennengelernt. Und ich habe Trost und Hilfe erfahren.
 

Was mir wichtig geworden ist

Eingangs habe ich geschrieben, wie wichtig mir als Drittkulturkind meine Familie ist. Ich empfinde sie als Geschenk, das ich annehmen und für mich habe entdecken können. Gelernt habe ich, dass Familie gestaltet werden will. Sie ist zerbrechlich und muss gelegentlich gegenüber äußeren Einflüssen beherzt verteidigt werden.

Und noch etwas habe ich gelernt: Das Leben gleicht einer langen Wanderung. Es empfiehlt sich, mit leichtem Gepäck unterwegs zu sein. Und das tut man am besten, indem man Versöhnung praktiziert: mit Gott, dem eigenen Schicksal mit all seinen Facetten und den Menschen, die mir zur Seite gestellt worden sind. Dazu gehört in erster Linie die Familie.


Wolf-Dieter Kretschmer leitet die Redaktion Theologie/Verkündigung. Er ist verheiratet mit Antje. Gemeinsam haben sie 4 Kinder, 3 Schwiegerkinder und 4 Enkel.
 

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Kommentare

Von Gertrud-Linde W. am .

danke für Ihre offene, persönliche Beschreibung, wie Familie bei Ihnen gelingen konnte.


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