Andacht Lesezeit: ~ 5 min

Mehr als nur Malochen

Arbeit macht nicht immer Spaß. Kann man trotzdem dankbar für sie sein?


Vor einiger Zeit hat mein Chef das getan, was Chefs in einem Medienhaus nun mal machen: Er hat mich gebeten, einen Artikel zu schreiben. Zum Thema „Dankbarkeit und Arbeit“. „Das wird ein Kinderspiel!“, denke ich mir. Denn ehrlich gesagt kann ich mir keinen schöneren Job vorstellen, als meine Redakteursstelle bei ERF Medien: Ich kann meiner Kreativität beim Schreiben und in der Radioarbeit freien Lauf lassen. Ich darf interessante Menschen kennenlernen und mich in spannende Themen einarbeiten. Kurzum: Ich liebe meine Arbeit – zumindest meistens -, und bin Gott tatsächlich dankbar dafür!

Beim weiteren Nachdenken über das gestellte Thema beschleichen mich dann doch Zweifel. Ob mir der angefragte Artikel wirklich locker von der Hand gehen wird? Denn ich weiß, dass meine Situation nicht selbstverständlich ist. Dafür kenne ich genügend Menschen, die ihre Arbeit nicht unbedingt unter der Rubrik „Dafür bin ich dankbar“ einordnen würden. Zu viel spricht dagegen: Der rechthaberische Chef, schwierige Kollegen, wirtschaftlicher Druck, schlechte Bezahlung, das Gefühl überfordert zu sein oder umgekehrt der Eindruck, mit den eigenen Begabungen nicht wahrgenommen zu werden. Gilt es auch in einer solchen Situation, dass die Arbeitsstelle ein Grund zur Dankbarkeit ist?
 

Das Schlaraffenland ist nicht Gottes Idealvorstellung

Ich merke: Für dieses Thema muss ich tiefer graben. Es reicht nicht, dafür einen Blick in mein Leben oder das meiner Mitmenschen zu werfen. Als Christin und Theologin fange ich mit meiner Recherche bei der Bibel an: Was sagt sie zum Thema Arbeit? Und finden sich darin Hinweise, warum eine Arbeitsstelle auch unter suboptimalen Bedingungen ein Grund zur Dankbarkeit ist?

Erstaunt stelle ich fest, dass die Arbeitswelt kein Randthema in den biblischen Schriften ist. Klar, es kommt darin weder die Frage vor, ob eine 40- oder 32-Stunden-Woche das Ideal ist, oder welche Herausforderungen die Digitalisierung für den Arbeitsplatz mit sich bringt. Aber: Schon auf den ersten Seiten der Bibel geht es um Arbeit – um ihr Potenzial und ihre mühsamen Seiten.

Gott beteiligt den Menschen an der Aufgabe, diese Welt zu verwalten, sie zu kultivieren und zu bewahren (1. Mose 2,15). Wenn man sich diesen Auftrag genauer betrachtet, ist das nichts anderes als das, was jeder und jede von uns in seinem Beruf macht. Egal, ob Landwirt, Erzieherin, Verkäufer, Verwaltungsbeamtin, Ärztin, Ingenieur, städtische Angestellte oder Handwerker – in irgendeiner Art und Weise ist jeder Arbeitnehmer und jeder Arbeitnehmerin an diesem Prozess beteiligt.

Nicht bei jedem Beruf ist das gleich offensichtlich – und doch tragen alle auf ihre Art dazu bei, dass unsere Gesellschaft funktioniert und im Idealfall sogar ein Stückchen lebenswerter wird. Zugegeben: Den Ausgleich zwischen Bebauen und Bewahren bekommen wir noch nicht optimal hin – aber auch daran, dass das besser wird, arbeiten viele von uns.

Die ersten Seiten der Heiligen Schrift machen also klar:

Arbeit gehört wesentlich zum Menschsein dazu. Sie gibt ihm die Möglichkeit, sich kreativ und schöpferisch zu entfalten. Etwas zu tun, das ihn ausfüllt, ihn Stolz macht und ihm in gewisser Weise auch einen Sinn und Erfüllung gibt.

 

Gott ist tätig und wirksam – bis heute. Und als seinen Ebenbildern hat er uns ebenfalls mit dieser Fähigkeit ausgestattet. Ein Leben ohne Arbeit, ein Schlaraffenland ohne jeglichen Einsatz – das war nie die Absicht des Schöpfers. Denn dann würden wir nie die Fähigkeiten entwickeln, die Gott in jeden von uns hineingelegt hat.
 

Dankbar trotz Dornen und Disteln?

Dann aber passiert in der Reihenfolge der biblischen Erzählung etwas, was diesem grundlegenden Auftrag an den Menschen seine Leichtigkeit und Schönheit nimmt. Es kommt zum sogenannten Sündenfall: Der Mensch wendet sich von Gott ab, meint, es besser zu wissen als er. Und damit wird auch die Arbeit mühsam. Die Bibel beschreibt das mit drastischen Worten:

Dein ganzes Leben lang wirst du dich abmühen, um dich vom Ertrag des Ackerbodens zu ernähren. Du bist auf ihn angewiesen, um etwas zu essen zu haben, aber er wird immer wieder mit Dornen und Disteln übersät sein. Du wirst dir dein Brot mit Schweiß verdienen müssen, bis du stirbst. (1. Mose 3, 17b-19a).

 

Hier in diesem Text steckt sie drin, die ganze Mühe, die uns die Arbeit macht: Der problematische Chef, die lästigen Kollegen, die finanziellen Sorgen, die Überforderung und fehlende Wertschätzung und in manchen Ländern auch der nackte Kampf ums Überleben.

Wie passen unter diesem Umständen Dankbarkeit und Arbeit zusammen? Ich glaube nicht, dass der Zusammenhang sich auf die mühsamen Begleitumstände der Arbeitswelt bezieht. Zumindest nicht nur – denn ohne Frage können schwierige Umstände einen Menschen auch reifen lassen, ihn unabhängiger werden lassen von Oberflächlichkeiten und Unwichtigem. Das sind Dinge, für die man durchaus dankbar sein kann, wenn auch oft erst auf den zweiten Blick.

Was aber bleibt, ist die grundlegende Würde, die Gott jedem Menschen mit seiner ganz persönlichen Schaffenskraft verleiht. Gott möchte, dass ich mich mit meinen Fähigkeiten – seien sie überragend oder normal – am Verwalten und Erhalten dieser Erde beteilige. Im Idealfall ermöglicht mir meine Tätigkeit damit auch finanzielle Unabhängigkeit, persönliche Freiheit und eine tiefe Erfüllung.

Aber selbst da, wo das nicht oder nur eingeschränkt gegeben ist, möchte Gott auf meinen Einsatz, meinen Beitrag nicht verzichten. Ich soll mich beteiligen, darf an Gottes Arbeit mitwirken. Dieses Wissen macht mich dankbar und stellt jede Tätigkeit, jede Arbeit in einen größeren Zusammenhang. Denn ich merke: Gott schätzt meine Arbeit wert, selbst wenn Menschen – oder vielleicht sogar ich selbst – es nicht tun.

Das ist auch für diejenigen eine Ermutigung, die an ihrer Arbeitsstelle keine persönliche Erfüllung erleben und ihren Job vor allem als ein Mittel erleben, um ausreichend Geld für den Lebensunterhalt zu verdienen. Für eine solche Situation gibt es vielleicht die Möglichkeit, neben der Arbeit in einem Ehrenamt oder dem Einsatz in einer christlichen Gemeinde schöpferisch tätig zu werden, um so einen Ausgleich zu finden.
 

Unser Einsatz ist gefragt!

Unser Einsatz ist also tatsächlich gefragt. Nicht nur als Broterwerb oder Zeitvertreib. Gott selbst hat ein Interesse daran und hat uns entsprechend beauftragt. Wo Menschen diesen Auftrag ernst nehmen, spiegelt sich auch unter schwierigen Umständen etwas von dem wider, was unser Einsatz bewirken kann.

Ingo Rademacher, Inhaber einer Beratungsfirma, Autor und Publizist und schreibt dazu:

Wir ehren Gott durch unsere Arbeit, und wir repräsentieren ihn – insbesondere durch das „wie“ unserer Arbeit. Ein großer Anspruch – an dem wir wachsen können: Unsere getane Arbeit verkörpert Gottes Bild von Gerechtigkeit, Redlichkeit und Exzellenz. – Ingo Rademacher

 

Das ist möglicherweise der beste Grund dafür, für die eigene Arbeitsstelle dankbar zu sein.


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