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© Sarah Delanie

16.12.2023 / Porträt / Lesezeit: ~ 7 min

Autor/-in: Kai Rinsland

Wenn Kaffee zu Kunst wird

Ein kleiner Schluck Kaffee kann viel bewirken. Christina Lambertus hat ihn zum Malen entdeckt.


Kaffee ist vielfältig. Da ist der Duft von frisch gerösteten Bohnen, fein vermahlen, bereit, in eine Tasse aromatischen Kaffee verwandelt zu werden, ein Muntermacher, der dem Gaumen schmeichelt und weltweit Anhänger hat. Dass Kaffee aber auch zur Augenweide werden kann, zeigt Christina Lambertus, wenn sie die Flüssigkeit mit feinen Pinseln auf Aquarellpapier überträgt und dabei sepiabraune Kunstwerke entstehen.

Christina Lambertus (Foto: privat)
Kaffee-Künstlerin Christina Lambertus (Foto: privat)

Die studierte Theologin, Jahrgang 1997, malt gefühlt schon ihr ganzes Leben, teils klassisch mit Stiften, Pinsel, Farben, Kreiden, Wasser, Papier und vielem anderen, mittlerweile auch digital. Auf der Online-Plattform Pinterest hat sie irgendwann entdeckt, dass Kaffee nicht nur gut schmeckt: „Das sah aus wie ausgeschüttet, und aus dem Kaffeefleck wurde dann irgendwas gemalt. Ich fand das cool. Das habe ich dann mit meiner Nichte ausprobiert, und genau so ist das mit dem Kaffee entstanden.“
 

Kaffee in der Praxis – ein ganz besonderer Stoff

Worauf sie beim Malen mit Kaffee achten muss und was das künstlerisch Besondere am beliebten Heißgetränk ist, lernt Christina Lambertus im Lauf der Zeit kennen. „Eine Herausforderung ist natürlich, dass man sich auf nur eine Farbe eingrenzt. Damit lassen sich nur Helligkeitskontraste erzeugen, keine Farbkontraste. Ansonsten ist es ganz ähnlich wie bei Aquarellfarben: Nimmt man zum Beispiel mehr Wasser, gibt es fließende Effekte und so weiter.“

Malen mit Kaffee (Foto: privat)
Malen mit Kaffee (Foto: privat)

„Der Kaffee trocknet auch schneller am Pinsel, dann wird es klebriger“, führt die Malerin weiter aus. „Man muss den perfekten Moment erwischen, damit es richtig hell oder dunkel wird. Ach, und ich benutze momentan immer Instantkaffee, löslichen Pulverkaffee. Der würde zwar nicht supertoll schmecken. Aber damit bekomme ich bessere Kontraste hin.“

Die Ausrüstung also – ein Schnäppchen! Anstatt teure Aquarellfarbe aus dem professionellen Künstlerbedarf zu besorgen genügt ein Besuch im Supermarkt um die Ecke. Die Kosten fest im Griff, entzieht sich der Entstehungsprozess der Kaffeekunst jedoch oft der Kontrolle. Es ist ein immer neues Ausprobieren, wie sich die duftende Essenz auf dem Untergrund verhält, welche Effekte sich erzielen lassen und ob das Ergebnis am Ende der Prüfung durch die Malerin standhält.
 

Kunst ist ein scheuer Augenblick

Christina Lambertus hat früh gelernt, sich immer wieder neu dem leeren Blatt zu stellen und sich dabei dem Reiz des Unbekannten auszusetzen: „Im Kindergarten hat mich eine Erzieherin total ermutigt und mir viel Aufmerksamkeit gegeben. Da hatte ich noch mehr Bock auf Kunst und darauf, noch mehr zu malen. Später im Kunstunterricht habe ich neue Techniken gelernt und habe viel abgemalt von anderen Künstlern. Das mache ich bis heute, auch um besser nachvollziehen zu können: Wie haben die das gemacht?“

Porträts in Kaffee (Foto: Sarah Delanie)
Porträts in Kaffee (Foto: Sarah Delanie)

Ist der Kaffee getrocknet, bleibt das Kunstwerk, wie es ist. Ähnlich wie bei Stiften, Ölfarben und anderen Materialien. Eine Kunstform, die sich – einmal fertig gestellt – der Vergänglichkeit entzieht, anders als zum Beispiel Musik, die nur im Augenblick der Ausführung existiert. Doch Christina Lambertus hat bereits mit anderen ungewöhnlichen Stoffen experimentiert, um zu sehen, wie diese sich in ihren Händen verhalten.

„Mit Salz auf schwarzer Pappe oder mit dem Sand am Strand versuche ich, Menschen oder Gesichter zu formen. Da ist das Gefühl an den Fingern ganz besonders. Du spürst das Material. Dazu kommt eine gewisse Vergänglichkeit. Am Ende lasse ich das Salz wieder von der Pappe rieseln und lasse die Figuren am Strand zurück. Im nächsten Moment sind sie vielleicht zertrampelt oder fortgespült.“
 

Über das Staunen und die Langsamkeit

Fließender Kaffee, rieselnde Körner, staubig-trockene Kreide und viele andere Materialien und Techniken sind zu sehen im Instagram-Account von Christina Lambertus „Kaffee und Kreide“. Die Künstlerin probiert gerne aus, ist Grenzgängerin, und hat sich eine kindliche Unbefangenheit bewahrt.

Auch nach langjähriger Erfahrung entdeckt sie immer wieder Neues: „Diese überraschenden Effekte bringen mich zum Staunen. Obwohl ich selbst voll verantwortlich dafür bin, was ich aufs Papier bringe, bin ich trotzdem überrascht. Mich fasziniert der Entstehungsprozess – aber auch das Ergebnis. Ja, ich staune manchmal am Ende über meine eigenen Kunstwerke.“

„Kunst ist langsam“, beschreibt Christina Lambertus einen weiteren Wesenszug ihrer Arbeit. „Man muss sich Zeit nehmen zum Malen. Jemand schenkt seiner Frau zum Hochzeitstag ein Portrait, aber er macht nicht einfach nur ein Foto. Stattdessen gibt er ein Bild davon in Auftrag. Es ist für mich etwas sehr Besonderes, an diesem langsamen Entstehungsprozess des Geschenks beteiligt zu sein.“

Wenn die Künstlerin sich die Zeit nimmt und zum Pinsel, Stift oder in den Sand greift, dann verliert sie sich schon mal, vergisst zu essen, dann gerät ihr die Zeit aus dem Blick. „Aber ich merke, dass es mich in meiner Persönlichkeit total voranbringt und dass es mir guttut – wie wenig anderes. Auch, nachdem ich gemalt habe. Es hat einfach einen positiven Effekt auf mich.“ So öffnet sich die junge Frau dem kreativen Prozess und lässt die Leere der Gedanken zu. Unbemerkt entsteht über Stunden eine visuelle Botschaft, die den Raum erfüllt wie Kaffeeduft die Rösterei.
 

Kaffeebecher, die überfließen

Es mag ziellos und frei erscheinen, wenn Christina Lambertus über den Prozess des Malens spricht. Es ist ein kreatives Schaffen aus sich selbst heraus. Doch sie verbindet damit viele gute Absichten für die Betrachter ihrer Werke. „Ich hoffe, dass meine Kunst über sich hinausweist, dass Menschen zum Beispiel anfangen, über die Schönheit der Schöpfung zu staunen, dass ihre Vorstellungskraft angeregt wird und Emotionen ausgelöst werden, wie das nur durch Kunstformen wie Musik oder Malerei geschieht. Ich möchte Leute inspirieren und will, dass sie anfangen weiterzudenken.“

Wie bei einer Reihe von Bildern, die sie „Overflowing Cups“ nennt, überfließende Becher, inspiriert von Psalm 23. „Da hab ich mit Kaffee gearbeitet, mit den runden Abdrücken von Tassen. In diese Kreise hinein habe ich Dinge gemalt, die von Genuss handeln. Dinge, die ein Segen sind und für die ich dankbar bin. So wie der Kaffee selbst, der ja auch ein Genuss ist und mit dem ich male. So spiegelt sich das Genießen in dem Werk doppelt wider. Ich will zur Dankbarkeit anregen.“


 

Was Hände über Menschen verraten

In eine Großfamilie hineingeboren, wuchs Christina Lambertus als jüngstes von neun Geschwistern auf. Von Kindesbeinen an war sie umgeben von Menschen, die sie beeinflusst und geprägt haben. Das Zusammensein und aufeinander Achten bot ausreichend Gelegenheit, sich in die Augen zu schauen, das Gegenüber zu sehen, zu beobachten – und zu studieren.

Eine weitere Folge von Bildern der Kaffee-Malerin dreht sich um Hände: „Oft kann man Händen ansehen, was für ein Mensch das ist. Sie zeigen das Alter, oder ob jemand viel gearbeitet hat, solche Dinge. Bei den Werken, die ich interpretiert habe, geht es auch um wichtige Handlungen. Denn Hände stehen ja auch für Taten.“ So hat Lambertus mehrere Kaffee-Studien angefertigt, teils nur Ausschnitte von Werken alter Meister, die Aspekte des christlichen Glaubens spiegeln.


„Bei dem Ausschnitt aus der Sixtinischen Kapelle von Michelangelo geht es um die Beziehung zwischen Gott und Mensch, die Erschaffung Adams, der Mensch als Geschöpf und Gott als Schöpfer. Dann die Fußwaschung nach Ford Madox Brown. Sie steht im direkten Kontrast dazu. Gott ist hier ein Diener, der sich klein macht und Füße wäscht. Wir sind aufgefordert, es ihm gleich zu tun, anderen zu dienen. Und die betenden Hände von Dürer. Sie stehen für das Gespräch mit Gott, die Verbindung zu Gott, die wir brauchen. Sie zeigen die Antwort des Menschen auf das Handeln Gottes aus den anderen Bildern.“
 

Kunst macht etwas mit mir

Benutzt der Schöpfergott Kaffee, um eine Malerin zu inspirieren, oder andere Menschen durch ihre Kunst zu berühren? Über die Frage hat sie selbst auch schon nachgedacht: „Inwiefern spüre ich selbst Gott oder erlebe ich direkt Gott? Ich denke, beim Malen ist es für mich unterschwelliger als zum Beispiel beim Beten oder Bibellesen. Aber Kunst macht etwas mit mir. Es ist etwas, das Gott in mich hineingelegt hat und was ihn total freut. Und das spiegelt etwas wider von seinem Charakter und seinem Wesen, Menschen zu dienen.“

Ein Arbeitsplatz, der nach Kaffee duftet (Foto: Sarah Delanie)
Ein Arbeitsplatz, der nach Kaffee duftet (Foto: Sarah Delanie)

Wenn die Arbeit abgeschlossen ist, kommt es vor, dass das Kunstwerk ganz neue Impulse freisetzt. Anders vielleicht, als der Malerin bislang bewusst war. Ist das Bild gelungen, spricht es den Betrachter auf verschiedenen Ebenen an. „Wenn ich mir ein Kunstwerk von anderen anschaue oder auch etwas von mir, komme ich noch mal viel bewusster ins Nachdenken darüber, mehr als vorher beim Malen selbst. Am Ende denke ich zum Beispiel, krass, ich sehe auf diesem Bild eine Geborgenheit, und das sagt mir etwas darüber, wie Gott sich kümmert und wie er liebt.“

Durch Kunst dem Raum geben, wie Gott ist und was er sagen will. Dabei eine Atmosphäre schaffen, die sinnlich und ansprechend zugleich ist. Mit Kaffeeduft gelingt das noch besser. Ob mit einer Tasse frischem Kaffee in der Hand oder mit duftender Kaffeekunst fürs Auge. Wenn Christina Lambertus abtaucht und immer wieder den Pinsel in die schwarzbraune Flüssigkeit stippt, genießt sie doppelt: „Das ist schon cool beim Malen mit Kaffee, das riecht einfach gut.“
 

 Kai Rinsland

Kai Rinsland

  |  Redakteur und Programmplaner

Der gebürtige Gießener schreibt für ERF.de und koordiniert die Produktion der ERF Antenne. Daneben ist er aktuell die Stationvoice von ERF Plus. Er lebt mit seiner Frau in einem Holzhaus, geht wandern, klettern und e-biken. Er isst gerne Fisch und genießt kräftigen Espresso.

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Kommentare (1)

Wolf-Henning /

Gut geschrieben und interessant, lieber Kai.

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