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28.10.2023 / Porträt / Lesezeit: ~ 9 min

Autor/-in: Sarah-Melissa Loewen

Wenn Liebe Mauern überwindet

Maik und Irene Löwen begegnen sich im Knast. Eine unmögliche Liebe? Nicht mit Gott an ihrer Seite.


Irene und Maik Löwen stecken mitten im Familientrubel mit drei kleinen Kindern, das jüngste ist noch nicht einmal ein Jahr alt. Ganz normaler glücklicher Familienalltag zwischen Wickeltisch, Spielplatz und Kinderarzt. Doch der Anfang von alldem – die Liebesgeschichte von Maik und Irene – ist alles andere als normal.

Das Paar lernte sich im Gefängnis kennen. Irene war dort Seelsorgerin, Maik Insasse. Keine guten Voraussetzungen für eine Liebesbeziehung. Und doch sind sie heute glücklich verheiratet. Wie kam es dazu? Wenn die beiden ihre Geschichte erzählen, erzählen sie vor allem davon, wie Gott Wunder getan hat im Leben von Maik.

Maik und Irene wachsen mit jeweils mehreren Geschwistern in liebevollen Familien auf. Und doch hat sich ihr Leben in unterschiedliche Richtungen entwickelt.
 

Irenes Herz für Menschen

Irene blickt zurück auf eine behütete und weitestgehend sorgenfreie Kindheit. Sie ist dankbar, dass sie so etwas wie Vernachlässigung, Gewalt oder Suchtprobleme nie persönlich erleben musste: „Irgendwie gehörte ich von klein auf zu den Menschen, die einfach gemocht werden.“

Irene ist empathisch, begegnet Menschen ohne Vorurteile auf Augenhöhe und hat keine Berührungsängste. Sie studiert Theologie, weiß aber schon früh, dass sie im sozialen Bereich arbeiten will. Dabei hat Irene vor allem ein Herz für solche Menschen, die mit Problemen konfrontiert sind, die sie nicht mehr allein lösen können.

Erste Erfahrungen sammelt sie bei der Heilsarmee in Hamburg auf der Reeperbahn. Auf den Straßen von Sankt Pauli trifft sie obdachlose und suchtkranke Menschen, verteilt Essen und Aufmerksamkeit. Sie hört die Geschichten von Menschen, die nichts mehr zu verlieren haben, und ist beeindruckt von ihrer Ehrlichkeit:

Oft lerne ich Menschen kennen, die versuchen, etwas zu beweisen oder gut dastehen wollen. Aber unsere Klienten sind oft sehr, sehr ehrliche Menschen und das finde ich toll.


Andererseits nimmt das Schicksal dieser Menschen sie auch mit. Irene ist berührt davon, was sie im Leben durchgemacht haben. Ihre Abhängigkeiten und Probleme beschäftigen sie. Umso schöner ist es für sie, wenn sie ihnen Hoffnung schenken und dabei helfen kann, Lösungen zu finden und neue Wege zu gehen. Viele Jahre lang ist sie in diesem Bereich ehrenamtlich tätig.
 

Maiks Weg in die Drogensucht

Als Maik damals in die Schule kommt, zeigt sich schnell, dass er eine Lese-Rechtschreib-Schwäche hat und nicht gut hinterherkommt. Er wird auf eine Förderschule versetzt und deswegen viel gemobbt. Schikanen und Demütigungen belasten ihn seine gesamte Schulzeit und darüber hinaus.

So beginnt er schon mit 13 Jahren im Jugendclub regelmäßig Alkohol zu trinken. „Ich habe gemerkt, wie ich durch den Alkohol lockerer wurde und aus mir herauskam. Im Gegensatz zu meinen Realschulfreunden konnte ich vier statt zwei Flaschen Bier trinken. Ich habe gemerkt, ich kann ja doch was! So konnte ich in der Clique irgendwie mithalten, wenn ich schon schulisch ein Versager war.“

Das gibt ihm als Teenager die Anerkennung, die er sucht. Damit kommen aber auch weitere Drogen in sein Leben und er verliert immer mehr den Anschluss an die Schule. Mit 15 Jahren konsumiert Maik das erste Mal Crystal Meth. Schließlich schwänzt er die Schule ganz und geht in der 8. Klasse ohne Abschluss ab.

Maik erzählt seine Geschichte in der Sendung „Zweite Chance im Knast“ bei ERF Mensch Gott. Verfügbar ab dem 15.12.2023.

Gefangen in der Sucht, begeht er immer wieder Straftaten, um die Drogen zu finanzieren. Mit 22 Jahren muss er für eineinhalb Jahre ins Gefängnis. Dort beschließt er, das Ruder rumzureißen und sein Leben zu ändern. Maik nimmt an den Programmen des Blauen Kreuz teil, um seine Sucht zu bekämpfen. Auf diesem Weg lernt er Jesus kennen und findet dadurch neue Hoffnung und Perspektiven für sein Leben.
 

Erste Begegnung im Gefängnis

Durch die Arbeit des Blauen Kreuz treffen sich Maik und Irene. Schon während ihres Studiums hat Irene in der Gefängnisseelsorge gearbeitet. Als sie nach Leipzig umzieht, kommt sie in Kontakt mit dem Blauen Kreuz in Leipzig. Sie schaut sich die Arbeit an und beschließt, sich dort weiter zu engagieren.

Der Verein Blaues Kreuz ist ein christlicher Suchthilfeverband, der von Sucht betroffenen Menschen und deren Angehörigen hilft, einen Weg aus der Sucht zu finden. Dies geschieht mit einem vielfältigen Angebot wie Suchtberatungsstellen, Sucht-Selbsthilfegruppen, betreute Wohnformen sowie ambulante und stationäre Rehabilitation. Außerdem engagiert sich das Blaue Kreuz in der Suchtprävention.

In einer der Gesprächsrunden, die sie mitorganisiert, sitzt Maik. Ein großer, zurückhaltender und nachdenklich wirkender Mann, erinnert sich Irene: „Im Jugendgefängnis ist es oft so, dass die Jugendlichen versuchen, sich selbst und den anderen zu beweisen, dass sie die coolsten und härtesten Typen dort sind. Aber Maik machte einen ganz anderen Eindruck. Er saß einfach ruhig da, hat zugehört und nicht viel gesagt.“

So unauffällig Maik auf Irene wirkt, umso nachhaltiger ist der Eindruck, den sie bei ihm hinterlässt. Der junge Mann verliebt sich Hals über Kopf in die Gefängnisseelsorgerin. In einem Tagebucheintrag vom 28. September 2012 hält Maik seine Gedanken fest.

Er schreibt: „Und da ist noch jemand … Irene Löwen heißt sie. Sie ist so lieb und strahlt eine Herzlichkeit und eine Wärme aus, dass sich nicht nur die Hautporen öffnen, sondern auch das Herz. Die Frau hat etwas in mir ausgelöst, was ich nicht beschreiben kann. Ich beobachte sie schon seit einigen Tagen, und sie kommt mir vor wie ein Engel. Ich glaube, dass ich mich verliebt habe…“

Dass Irene ihm zuhört und ihn nicht verurteilt, gibt Maik ein ungekanntes Gefühl von Annahme und Liebe. Ihre ruhige, unaufdringliche und zugewandte Art beeindruckt ihn. Zunächst zeigt er seine Gefühle nicht offen, sucht aber immer wieder Irenes Nähe. Irgendwann nimmt er seinen Mut zusammen und schreibt ihr eine Karte.

Für Irene kommt seine Liebeserklärung überraschend. Sie lässt sich Zeit und denkt gründlich über ihre Worte nach, bevor sie ihm zurückschreibt. „Ich habe ihm ganz freundlich erklärt, ich bin nicht im Gefängnis, um eine Beziehung anzufangen oder sowas. Aber dass ich ihn trotzdem sehr schätze und froh bin, ihn zu kennen. Aber ich habe ihm komplett die Hoffnung genommen.“

Irene wahrt professionellen Abstand. Ihr wäre in dieser Zeit niemals der Gedanke gekommen, dass Maik einmal ihr Ehemann und der Vater ihrer Kinder werden könnte.
 

Verliebt, verlobt, verheiratet

In den Jahren nach Maiks Haft haben Irene und er immer mal wieder kurzen, aber oberflächlichen Kontakt. Irene gratuliert Maik zu seinem Geburtstag über Facebook und fragt, wie es ihm gehe und wo er gerade im Leben stehe. Nichts Ungewöhnliches für sie, denn Irene hält auch zu anderen Ex-Häftlingen sporadischen Kontakt und begleitet sie noch eine Weile auf ihrem Weg in das Leben nach der Haft.

Doch der Kontakt zu Maik wird immer intensiver. Sie schreiben sich Nachrichten und telefonieren stundenlang. Je mehr Irene Maik kennenlernt, desto mehr kribbelt es in ihrem Bauch. Sie erinnert sich: „Maik ist sehr charmant. Er hatte mit mir geflirtet, ohne aufdringlich zu sein. Wir konnten stundenlang reden.“ Im Rückblick kann sie gar nicht mehr genau sagen, an welchem Punkt sie sich in Maik verliebt hat.

Auch Maik spürt deutlich, dass die Schmetterlinge von damals nicht verflogen sind. Er liebt die stundenlangen Gespräche mit Irene über Gott und die Welt. Schließlich verabreden sie sich im April 2017 für einen Wochenendbesuch. Als Maik mit dem Bus nach Leipzig fährt, ist er sehr aufgeregt und freut sich riesig auf das erste Wiedersehen mit Irene nach vier Jahren.

Sie verbringen ein romantisches Wochenende und beginnen ihre Beziehung. Und dann geht alles ganz schnell: Nach einigen Monaten der Verliebtheit zieht Maik nach Leipzig. So lernen sie sich richtig kennen – und lieben. Ein halbes Jahr später beschließen sie zu heiraten und gründen eine Familie.
 

Gott schenkt Veränderung

Maiks Vergangenheit stellt für Irene kein Hindernis dar. Sie formuliert ihre Gedanken dazu so: „Mir war natürlich bewusst, dass bei Maik das Risiko für einen Rückfall höher ist als bei jemandem, der noch nie Drogen genommen hat, oder dass er schneller eine Straftat begehen könnte, weil er diese Grenze schon einmal überschritten hat. Aber das kann jedem Menschen passieren. Das geht so schnell! Niemand plant, drogenabhängig, obdachlos oder straffällig zu werden. Es passiert einfach, dass Menschen sich verändern, zum Negativen, aber auch zum Positiven.

Ich habe einfach gelernt, nicht zu verurteilen, denn ich weiß nicht, in welcher Situation der andere gesteckt hat.


Durch Irenes Haltung ist eine Beziehung auf Augenhöhe möglich. Außerdem vertraut sie ihrer Menschenkenntnis und ihrem Bauchgefühl: „Bei Entscheidungen und Beziehungen gibt Gott mir oft ein Gefühl dafür, was richtig ist, wer mir guttut und wer nicht.“  So hat sie auch bei Maik auf ihre Intuition gehört. Sie weiß, dass Maik ein guter Mensch ist. Und sie weiß, welche Wunder Gott in seinem Leben schon gewirkt hat und dass er noch weitere Wunder tun wird. Wenn sie Bekannte aus Maiks Vergangenheit treffen, erkennen diese ihn kaum wieder und erzählen verwundert, wie kaputt er früher war.

Auch Maik selbst sieht diese Veränderungen in seinem Leben. Als er mit Anfang 20 im Gefängnis gelandet ist, steht er am Tiefpunkt seines Lebens und weiß, dass er etwas verändern muss: „Ich dachte mir damals im Gefängnis: Was habe ich noch zu verlieren? Nichts! Ich wusste, ich kriege das alles alleine nicht wieder hin. Und so habe ich meinen Stolz abgelegt.

Es war meine Entscheidung, Drogen zu nehmen und kriminelle Dinge zu machen, aber es war auch meine Entscheidung, mein Leben Jesus zu geben.


Ein neues Leben

Heute sieht Maik einen Sinn in seinem Leben und ist ein völlig veränderter Mensch. Er kann es manchmal selbst kaum glauben, wie sein Leben vor einigen Jahren noch war. Heute arbeitet er selbst in der Suchtberatung beim Blauen Kreuz, hält Vorträge an Schulen und gibt Selbstbehauptungstraining. Dabei erzählt er, was er erlebt hat und wie Jesus ihn Stück für Stück in ein neues Leben geführt hat. So kann er anderen Menschen Mut machen.

Familie Löwen
Familie Löwen (Bild: ERF)

In stillen Momenten, wenn sie ihren Mann anschaut, wundert sich auch Irene. „Ich kann es manchmal kaum glauben, wie stabil und stark Maik heute ist. Früher war er schnell niedergeschlagen und hat aufgegeben, wenn er an seine Grenzen gestoßen ist. Heute bringt er sich voll und ganz in seine Arbeit ein und setzt sich nach Feierabend noch geduldig hin und spielt mit den Kindern. Vor ein paar Jahren wäre das unvorstellbar gewesen.“
 

Es hilft nur beten und reden

Dennoch haben Maik und Irene auch mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Im Umgang damit hilft dem Paar besonders Maiks Ehrlichkeit. Irene sagt: „Maik hat gelernt, Konflikte anzusprechen. Sobald er das Gefühl hat, dass etwas zwischen uns steht, spricht er es an. Im Gegensatz zu mir macht er oft den ersten Schritt. So kann Streit zwischen uns nicht lange schwelen. Wir reden sehr viel und beten oft gemeinsam.“

Obwohl Irenes langjährige Erfahrungen beim Blauen Kreuz hilfreich sind, ist Irene sich bewusst, dass sie für Maik gute Freunde oder einen Therapeuten nicht ersetzen kann. „Er kann mit allem zu mir kommen, aber wenn er wirklich akute Hilfe braucht, weil er Suchtdruck verspürt, kann ich ihm nicht den Halt geben, den er dann braucht. Die Erlösung und das Wunder, dass er frei wird, das kann nur Gott allein tun.“ 

Egal wie schmerzhaft die Wahrheit auch sein mag, Irene und Maik sprechen sie voreinander und vor Gott aus. Sie sind immer wieder erstaunt, wie Gott dann das Beste daraus macht und sie durch die Herausforderungen durchträgt. Irene und Maik setzen all ihr Vertrauen auf Gott, er ist das Fundament ihrer Ehe und ihres Lebens.

Mit diesem Gottvertrauen können sie zuversichtlich in die Zukunft blicken. Irene hat keine Angst, dass Maik rückfällig werden könnte. Denn sie weiß: „Selbst wenn etwas passiert, ist Maik in Gottes Hand, ich bin in Gottes Hand und unsere Kinder auch. Wir sind sicher, egal was passiert!“ Und Maik betont: „Der Weg war schmerzhaft, aber es war mein Weg. So habe ich zu Jesus gefunden und hätte ich mich nicht für ein Leben mit Jesus Christus entschieden, wäre ich heute nicht da, wo ich bin.“
 

 Sarah-Melissa Loewen

Sarah-Melissa Loewen

  |  Redakteurin

Sie hat Literatur- und Kulturwissenschaften studiert und war schon immer von guten Geschichten in Buch und Film begeistert. Doch sie findet, die besten Geschichten schreibt Gott im Leben von Menschen. Als Redakteurin erzählt sie diese inspirierenden Lebens- und Glaubensgeschichten. Sie lebt mit ihrem Mann in der schönsten Stadt am Rhein.

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Kommentare (1)

Magdalena M. /

Eine wunder-(Gott kann aus einer Wunde ein Wunder machen!)-bare (Liebes-)Geschichte mit Happy End! Das macht Mut!

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