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© Sergej Falk

04.08.2023 / Interview / Lesezeit: ~ 9 min

Autor/-in: Sarah-Melissa Loewen

„Da wo Kunst ist, da ist Freiheit“

Der Singer-Songwriter Jonnes über seine Leidenschaft und das Wesen seiner Kunst.


Musik ist die große Leidenschaft von Jonnes Vennemann-Schmidt. Für den Musiker aus Ludwigsburg sind seine Lieder ein kreatives Mittel, um über sich selbst, das Leben und die Welt nachzusinnen. Seine Songtexte sind tiefgründig und erzählen viel von dem, was Jonnes bewegt. Im Interview berichtet der Musiker von seinem kreativen Schaffen und was ihm die Musik bedeutet.

 

ERF: Wann hast du angefangen, Musik zu machen?

Jonnes: Ich habe meine Liebe zur Musik schon früh bemerkt. Meine erste Erinnerung an Musik ist, wie mein Vater beim Autofahren leidenschaftlich zu seinen Lieblingssongs auf das Lenkrad getrommelt hat und ich auf dem Rücksitz mit Freude mitgewippt habe. Da habe ich schon gemerkt, dass Musik etwas mit mir macht.  

Die erste Gitarre kam auf recht unkonventionellem Weg zu mir. Ich hatte eine sehr unleserliche Handschrift. Meine Lehrer haben sich beschwert und dann hat meine Mutter mir angeboten: Entweder ich gehe zur Ergotherapie oder ich lerne Gitarre spielen. Ich bin Linkshänder und sie hatte die Hoffnung, dass ich durch das Greifen der feinen Saiten vielleicht auch den Stift besser halte. So habe ich zum ersten Mal eine Gitarre in die Hand genommen und seitdem nicht mehr losgelassen. An meiner Handschrift hat sich dadurch jedoch nichts verbessert.
 

ERF: Gab es einen konkreten Punkt, an dem du gemerkt hast, dass deine Leidenschaft für Musik mehr ist als ein Hobby?

Jonnes: Ich weiß nicht, ob es an der Bodenständigkeit meiner Familie lag, aber über Musik als Beruf hatte ich früher nie wirklich nachgedacht. Ich wollte eigentlich Radiomoderator werden. Ich mochte Musik und Medien und konnte reden wie ein Wasserfall. Aber dann bin ich mit 18 von zu Hause in die Nähe von Hamburg gezogen und war zum ersten Mal ganz allein konfrontiert mit dem Leben.

Kreativität hat verschiedene Facetten: Sie ist Gestaltungskraft, Erfindergeist und individuelles Ausdrucksmittel. Anlässlich unseres Schwerpunktthemas haben wir mit Menschen gesprochen, die kreativ arbeiten und mit ihnen über Inspiration, Fleißarbeit und Selbstverwirklichung gesprochen.

Zuvor schrieb ich meine Lieder noch auf Englisch, doch in dieser Zeit fing ich an, Lieder in meiner Muttersprache zu schreiben. In dieser Zeit habe ich ganz viel in Texten und Songs verarbeitet und das wurde mir immer wichtiger.

Ich mag es, meine Musik zu teilen. Darin liegt glaube ich immer etwas Kostbares. So habe ich hier und da ein paar Konzerte gespielt und gemerkt, dass meine Songs nicht nur mir, sondern auch anderen Menschen guttun. 2010 habe ich im Vorprogramm von Johannes Oerding in Kiel gespielt und mit der Zeit wurden meine Ambitionen, in der Musik zu wachsen, immer größer. Aber selbst, wenn es heute nicht mein Beruf wäre, würde ich immer wieder nach Möglichkeiten suchen, Musik zu machen.
 

Inspiration braucht Achtsamkeit

ERF: Songwriting – ist das pure Inspiration, die „vom Himmel fällt“, oder disziplinierte Arbeit?

Jonnes: Ich würde sagen, es gibt Inspiration, Fleiß und Handwerk. Das Handwerk kann man schulen, weiterbilden und darin wachsen. Ich weiß nicht, ob Inspiration einfach vom Himmel fällt. Aber vielleicht geht es bei Inspiration weniger darum, woher sie kommt, sondern eher darum, ob man einen Zugang zu sich selbst und seiner Außenwelt findet.

Natürlich braucht es dann auch den Fleiß, an einem Song dranzubleiben. Für mich ist es oft die zweite Strophe, die mich beim Songwriting herausfordert. Aber wahrscheinlich würde ich das weniger als Fleiß oder Arbeit bezeichnen, sondern eher als der Inspiration eine weitere Chance zu geben. Manchmal muss man aber auch einen Schritt auf die Inspiration zugehen.
 

ERF: Wie gelingt dir das? Was beflügelt deine Inspiration?

Jonnes: Meine Texte sind oft ein lautes Nachdenken. Die Songs tragen viel, was mir wichtig ist und ich stelle darin meine Fragen an die Welt, an Gott und an den Menschen und gehe ihnen nach.

Dabei bereichert es mich, viel zu lesen und mich mit anderen Menschen zu unterhalten, die außerhalb meiner Bubble und Komfortzone sind. Denn: Alles, was ich sage, kenne und weiß ich schon, aber alles, was andere mir erzählen, ist potenziell neu für mich. Und alles Neue bringt mich an einen Ort, wo ich vorher noch nicht war. Diese Offenheit und Neugier sind das Futter für meine Inspiration.
 

ERF: In dem Song „Perfekt“ gibt es eine Zeile, da singst du: „Schönheit liegt so oft im Auge des Beachters.“ Was meinst du damit?

Jonnes: Das ist eine Zeile von meinem guten Freund Marco Michalzik, mit dem ich diesen Song zusammen geschrieben habe. Bei Schönheit, Kunst und Kreativität geht es auch um Achtsamkeit. Es geht um Sensibilität, um neue Perspektiven und darum, den anderen zu sehen, zu begegnen und zu erleben. In alldem liegt immer Schönheit und es braucht Aufmerksamkeit, um das zu sehen. Das ist manchmal eher eine Frage des Beachtens, nicht des Betrachtens. Ich finde, das ist einfach eine wahnsinnig tolle Zeile von Marco.
 

Zwischen Indie und Mainstream

ERF: Wie du sagtest, sind die Inhalte deiner Songs nachdenklich und sehr persönlich. Gleichzeitig machst du sie mit der Veröffentlichung einem breiten Publikum zugänglich. Erlebst du in dieser Hinsicht eine Spannung?

Jonnes: Ich bin im Pop unterwegs und habe schon als Kind Musik im Vierviertel- oder Sechsachteltakt mit eingängigen Melodien geliebt. Alles, was einen direkten intuitiven Zugang hatte, hat mich angesprochen und davon habe ich dann auch gelernt. So bin ich in der Popularmusik, in dieser Deutsch Pop Welle gelandet.

Ich war im Kontakt mit Major Labels und großen Produzenten und habe denen meine Songs geschickt. Und das Spannende ist, die Rückmeldungen waren oft ähnlich: Super tolle Songs, klasse Stimme, aber die Texte sind nicht kommerziell genug. Das hieß für mich im Klartext: die Texte sind zu tiefgründig, zu komplex.

Foto vom Musiker Jonnes
Singer-Songwriter Jonnes 
(Copyright: Sergej Falk)

Ich mache Musik nicht, um in die Charts zu kommen oder im Radio gespielt zu werden. Das ist nicht mein erstes Ziel. Ich habe zwar eine Absage bekommen, aber ich kann sagen: „Für das, was es sein will, ist es perfekt. Lass die ganzen Vergleiche und die Maßstäbe weg. Egal was andere sagen, oft kennen sie nicht den Zweck“, so heißt es in einem Song von mir. Denn meine Musik trifft das, was ich damit treffen will.

In Bezug auf meine Musik bin ich egoistisch: Wenn mir selbst mein Song gefällt, dann hat sich das Schreiben und Produzieren schon gelohnt. Egal, ob der Song ein Hit wird oder nicht. Und das ist auch der Ansatz meiner Kunst.

Ich würde mir wünschen, dass wir bei Kreativität und Kunst viel weniger an die Außenwirkung denken. Denn ich glaube, dass gerade in der Kunst der Wert als Allererstes im Individuum begriffen werden muss.  – Jonnes


Das macht Songwriting lebendig. Und wenn Menschen mir dann erzählen, dass es ihnen genauso geht wie mir und sie sich durch meine Musik verstanden fühlen, dann ist das natürlich eine schöne Verbundenheit, die ich total genieße. Das will ich auf gar keinen Fall missen. Insofern bewege ich mich musikalisch zwischen den Stühlen, zwischen Indie und Mainstream.
 

Musik sagt mehr als Worte

ERF: Warum hast du begonnen, auf Deutsch zu singen? Es gibt ja auch viele deutsche Künstler, die Englisch singen.

Jonnes: Ich will in der Sprache singen, in der ich träume. Ich will zwischen mir und dem Song keine Barriere haben, sondern einen ganz unmittelbaren Zugang schaffen. Mein Wortschatz ist wie eine Farbpalette und ich wollte so viele Farben wie möglich auf meiner Leinwand benutzen können. In meiner Muttersprache habe ich natürlich den größten Wortschatz.
 

ERF: In deinem Song „So viele Lieder“ thematisierst du deine Beziehung zur Musik. Da singst du: „Ich schreibe noch so viele Lieder, weil in mir etwas Ausdruck sucht. All die unendlichen Gedanken nehmen mir so oft den Schlaf. Ich fühle mich oft so sehr verstanden von dem Klang der Harmonien, denn niemand versteht, mich so wie sie.“ Was gibt dir die Musik?

Jonnes: Ich habe dadurch einen ganz eigenen Zugang zu mir selbst. Genauso, wie ich es in dieser Zeile singe, ist es: Ich fühle mich von der Musik einfach so verstanden. Damals in meiner Pubertät war Musik für mich sehr wichtig, um mich selbst und die Welt zu verstehen und mich mitzuteilen. Das ist auch heute noch so.

Genau dafür ist die Musik für mich ein erweitertes Ausdrucksmittel. Denn mein Wortschatz ist begrenzt und unsere Sprache ist immer ein Kompromiss. Wir haben uns zum Beispiel darauf geeinigt, dass wir Gras halt „Gras“ nennen und was wir darunter verstehen. Aber das Spannende an der Musik ist, dass jeder einen anderen Zugang dazu hat.

Es gibt ein schlaues Zitat von François Morellet, das mir das ganz gut erklärt. Da heißt es, dass Kunstwerke wie Picknickplätze sind, auf denen jeder das verzehrt, was er selbst mitgebracht hat. Das heißt, jeder Mensch hört und „verdaut“ ein Musikstück anders, weil er seine eigenen Erfahrungen und Vorstellungen mitbringt. Das finde ich großartig an der Kunst, an der Musik: Sie bewegt etwas in uns und erlaubt jedem, einen persönlichen Zugang dazu zu finden.
 

ERF: Was sollen deine Songs bei Menschen auslösen oder bewirken?

Jonnes: Ich freue mich, wenn Menschen von meiner Musik bewegt werden. Wenn meine Songs die Leute glücklich machen, finde ich es genauso wunderbar, wie wenn die Leute sich an meinen Texten stören. Zum Beispiel habe ich nach einem Konzert eine Nachricht bekommen von einer Besucherin, die sich an dem Song „Perfekt“ gestört hat.

Aber das Schöne war, wir kamen ins Gespräch darüber, da war eine Begegnung, ein Austausch. Und das finde ich genauso wertvoll wie Freude oder Dankbarkeit. Hauptsache, beim Hören passiert etwas. Gleichgültigkeit wäre das Schlimmste für mich. Wenn Leute sagen: „Macht nichts mit mir.“
 

In der Kunst Freiheit erleben

ERF: In einigen deiner Lieder hältst du Zwiesprache mit Gott. Inwiefern verbindet dich deine Kreativität mit Gott?

Jonnes: Mit Gott verbinden mich grundsätzlich erstmal Herz, Seele, Jesus und andere Menschen. Ich glaube, wir sind alle mit Gott verbunden und durch Kreativität wird diese Verbundenheit erlebbar. Die Grenzenlosigkeit der Kreativität, dieser Bewegung, Schritte zu gehen, ganz egal wohin, darin erlebe ich Gott: seine Liebe und Annahme, Weite und Freiheit. Ich finde, Freiheit ist ein ganz elementares Wesen von Kunst und Kreativität.

ARTHELPS ist eine Organisation aus Stuttgart, die ganz großartige Arbeit leistet. Sie gehen in Favelas und in Kriegsgebiete und machen dort mit den Kindern Kunst – trotz der zum Teil prekären Situation. Denn sie sagen, da wo Kunst ist, da ist Freiheit. Da, wo wir träumen können, wo wir unserer Kreativität nachgehen und ihr Raum geben, erleben wir Freiheit. Diesen Funken wollen sie weitertragen. 

Ich würde mir auch in unserer frommen Szene noch mehr befreiende Kunst wünschen. Manchmal habe ich das Gefühl, unsere christliche Liedkultur ist ein bisschen festgefahren, weil sie sich stark an Idealen orientiert, wie ein Lobpreissong vermeintlich klingen muss.

Ich bringe im Herbst diesen Jahres mein neues Album Psalm 2022 heraus, von dem die erste Single „Gravur“ vor kurzem schon veröffentlicht wurde.

Die Psalmen sind Gebetslieder meiner Glaubensvorfahren und sie sprechen dabei so ehrlich von den Zu- und Widersprüchen in Gott und Mensch, die sie in den Begegnungen und dem Nachsinnen darüber erleben. Diese Ehrlichkeit habe ich mir zum Vorbild genommen. So sind im Jahr 2022 viele meiner ganz eigenen modernen Psalmen entstanden.

Ich wünsche mir, dass das auch andere Leute inspiriert, eigene ganz ehrliche Psalmen zu schreiben. Denn auf diese Weise kann Kunst ein ganz individueller Austausch sein. Und sie kann uns helfen, uns selbst, unser Gegenüber und unsere Welt ein bisschen mehr zu verstehen.
 

ERF: Vielen Dank für das Gespräch.
 

 Sarah-Melissa Loewen

Sarah-Melissa Loewen

  |  Redakteurin

Sie hat Literatur- und Kulturwissenschaften studiert und war schon immer von guten Geschichten in Buch und Film begeistert. Doch sie findet, die besten Geschichten schreibt Gott im Leben von Menschen. Als Redakteurin erzählt sie diese inspirierenden Lebens- und Glaubensgeschichten. Sie lebt mit ihrem Mann in der schönsten Stadt am Rhein.

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