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© Tristan Gassert / unsplash.com

21.04.2022 / Serviceartikel / Lesezeit: ~ 3 min

Autor/-in: Tanja Rinsland

„Ich liebe Regentage“

Was ich beim Nachdenken über schlechtes Wetter über unerfüllte Gebete lernte.

Tropf. Tropf. Splash. Tropf. Tropf. Splash.

An meiner Fensterscheibe explodieren kleine Tropfensterne. Trüb ist es heute, nass und kalt. Echtes Aprilwetter und ich bin froh, dass ich nicht aus dem Haus muss. Früher hätte ich mich über so viel Grau geärgert oder zumindest darauf gehofft, dass es morgen wieder besser wird.

Doch was ist eigentlich „besseres“ Wetter?

Ein Ökosystem in Gefahr: Der Wald

Vor einigen Jahren habe ich begonnen, regelmäßig zu wandern. Wahrscheinlich der kostengünstigste Outdoorsport, den man so betreiben kann, vor allem wenn man in einem kleinen Dorf am Waldrand lebt, zwischen Taunus, Vogelsberg und Westerwald. Und ja: Wandern bei Regen ist nicht sonderlich schön. Noch weniger schön ist es allerdings, unter langen Reihen toter Bäume zu laufen – und die begegnen mir immer häufiger in unseren heimischen Wäldern.

In 2 Jahren wurden in Deutschland 277.000 Hektar Waldflächen so geschädigt, dass sie wiederbewaldet werden müssen: das ist etwas mehr als die Fläche des Saarlandes.1 

Die Trockenheit der letzten Jahre, gepaart mit extremen Wetterlagen wie Stürme, Starkregen oder Hitzewellen setzen der Natur zu. Die durch Waldbrand zerstörten Flächen haben sich im Jahr 2019 zum Jahresdurchschnitt verdreifacht. Was aus meiner kleinen Menschenperspektive also ganz wunderbar erscheint – sonniges Wetter und ein herrlich warmes Frühjahr – ist aus Sicht des gesamten Ökosystems eine Katastrophe. Darum habe ich angefangen, mich über Regentage richtig zu freuen: denn ohne genügend Wasser verkümmert der Wald, mein Lieblingsort auf Erden.

Unerfüllte Gebete und Tage mit Sonnenschein

Vor einigen Tagen sagte eine Freundin zu mir „Ich glaube, wenn Gott mir jeden Wunsch erfüllt hätte, für den ich im Laufe meines Lebens gebetet habe, hätte ich wahrscheinlich kein gutes Leben gehabt“.

Mir ist ihre Aussage den ganzen Abend nachgegangen, denn wenn ich ehrlich bin: ich wünsche mir schon, dass Gott jedes Gebet erfüllt, dass ich ihm zuraune. Schließlich glaube ich daran, dass Gott Wunder tun kann. Trotzdem zweifle ich manchmal an der Sinnhaftigkeit des Gebets, denn ich erlebe nun mal nicht am laufenden Band Wunder.

Während ich also gerade aus dem Fenster schaue und mich darüber freue, dass es sich so richtig eingeregnet hat und graue Wolken tief über meinem Dorf hängen, muss ich darüber nachdenken, dass es sich mit dem Beten vielleicht genauso verhält wie mit dem Wunsch nach schönem Wetter.

Sonnenschein ist was Feines. Doch wenn es Tagaus, Tagein nur Sonne gibt, dann beginnt die Welt zu stagnieren. Wenn Gott jedes meiner Gebete erhören würde, wenn er mir jede Herausforderung aus dem Weg räumen würde, dann könnte ich nie etwas Neues entdecken. Ich würde nicht lernen, mit meinen Grenzen umzugehen und an ihnen meine Menschlichkeit erkennen. Ich würde nie erfahren, was wirklich im Leben trägt, wenn alles andere wegbricht. Wahrscheinlich würde ich nie verstehen, was Gnade ist und warum ich sie so bitter nötig habe.

Vermutlich hinkt der Vergleich. Was ist, wenn ich für jemand anderen bete? Was ist, wenn mein Wunsch offensichtlich gut ist, wie ein Gebet um Frieden, um Heilung? Wenn ich in meiner Not zu Gott schreie, will ich keine philosophische Antwort, dass mein Leid vielleicht im Gesamtkontext der Menschheit einen Zweck erfüllt – ich will gerettet werden.

Und doch: ich habe gelernt, die Regentage zu lieben. Nicht weil sie mir persönlich so gut gefallen. Sondern weil ich sie nicht aufgrund meiner eigenen Bedürfnisse betrachte, sondern im Kontext eines komplexen Ökosystems. Vielleicht lerne ich irgendwann, auch unerfüllte Gebete zu lieben.

Tropf. Tropf. Splash.

 

[1] https://www.bmel.de/SharedDocs/Downloads/DE/Broschueren/waldbericht2021.pdf
 

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