Jeder von uns kennt die heiße Welle, die in uns aufsteigt, wenn wir uns einen Fauxpas geleistet haben. Der Puls steigt, unsere Hände werden schweißnass und vielleicht werden wir sogar rot. Am liebsten würden wir uns jetzt in einem Mauseloch verkriechen.
Scham ist ein Gefühl, das wir alle schon erlebt haben. Es ist unangenehm und kann unser Selbstwertgefühl nachhaltig beeinträchtigen.
Doch wusstest du, dass Scham auch eine positive Seite hat? Scham ist ein wichtiger innerer Kompass, denn sie zeigt uns, wo wir Grenzen überschreiten – unsere eigenen oder die der anderen.
Das können gesellschaftlich etablierte Grenzen sein. Etwa darüber, wie man sich in der Öffentlichkeit zeigt – zum Beispiel ohne Flecken auf dem T-Shirt. Scham macht uns aber auch auf Grenzen des moralischen Verhaltens aufmerksam. Genau wie Angst ist sie damit ein wichtiger Hinweisgeber und sollte nicht einfach so übergangen werden.
Problematisch wird es, wenn Scham zum Grundgefühl unseres Lebens wird. Das kann passieren, wenn andere uns regelmäßig absichtlich beschämen oder wir ein niedriges Selbstwertgefühl haben und uns schon in relativ harmlosen Situationen ein großes Schamgefühl überkommt. In diesem Artikel erkläre ich dir die die Unterschiede zwischen Scham und Beschämung und wie du jeweils damit umgehen kannst.
Scham – Ein alltäglicher Begleiter
Das Gefühl der Scham ist tief in uns verwurzelt. Tatsächlich ist es so, dass Kinder bereits Schamgefühle empfinden, noch ehe sie Schuldgefühle entwickeln und ein Verständnis von Gut und Böse haben.
Scham entsteht immer dann, wenn wir spüren, dass wir nicht unseren eigenen oder den gesellschaftlichen Erwartungen entsprechen.
Dieses Gefühl kann uns dazu bringen, unser Verhalten zu ändern und uns weiterzuentwickeln. Allerdings springt der Scham-Alarm häufig schon sehr schnell an. Der Ketchup-Fleck auf dem weißen T-Shirt, eine ungeschickte Bemerkung oder eine unerwartete Kritik – all das kann Scham auslösen.
Jedoch verschwindet das Schamgefühl oft schnell wieder, wenn die Situation vorbei ist. Vielleicht lachen die anderen in der Gruppe einen Moment darüber, wie der Ketchup mit einem lauten Platsch auf meinem Shirt statt auf dem Teller landet. Und eventuell laufe auch ich dabei rot an wie eine Tomate. Aber danach ist die Sache vergessen.
Allerdings ist dies nicht immer und bei jedem so. Während für manche Menschen die Ketchup-Affäre zu einer lustigen Anekdote wird, überlegen sich andere ab diesem Zeitpunkt genau, ob und wann sie ein weißes T-Shirt tragen.
Scham und Beschämung: Der Unterschied
Wie ich selbst mit Scham umgehe, hat zum einen etwas mit meinem Selbstwertgefühl zu tun, aber zum anderen auch damit, wie andere mit meiner Scham umgehen. Denn Vorsicht: Wenn Scham durch äußeren Druck oder Demütigung entsteht, spricht man von Beschämung. Diese Form der Scham verletzt unsere Würde und kann zu einem gefährlichen Kreislauf aus Scham und Angst führen.
Dies kann ganz harmlos beginnen. Vielleicht bekleckerst du dich wie in meinem Beispiel mit Ketchup. Eine normale Reaktion deiner Mitmenschen wäre, erst einmal über die komische Situation zu lachen, dir dann aber Tipps zu geben, wie du dein T-Shirt wieder sauber bekommst, und dir zu versichern, dass ihnen Ähnliches auch schon passiert ist.
Zur Beschämung wird die Situation, wenn sich deine Mitmenschen auch später immer wieder darüber lustig machen und dies mit einer herabwürdigenden Haltung deiner Person verbinden.
Das kann auch ohne direkten Auslöser passieren. Dann wird jemand eventuell dein Aussehen, deine religiöse Überzeugung oder irgendeine Schwäche nutzen, um dich herabzuwürdigen. Dies kann so weit gehen, dass du dich irgendwann für etwas schämst, was dir vorher nie peinlich war.
Wie kannst du nun im Alltag mit Scham und Beschämung umgehen?
Tipp 1: Bewusstmachen statt verdrängen
Der erste Schritt im Umgang mit Scham ist, sie bewusst wahrzunehmen. Überlege, wann und warum du dich schämst. Ist dir „einfach nur“ etwas Peinliches passiert? Dann hilft es, die Sache mit Humor zu nehmen und abzuhaken. Peinliche Dinge passieren uns allen mal.
Oder ist es eine berechtigte Scham, die dir zeigt, dass du etwas ändern solltest? Dann kannst du dich fragen, was du aus deiner Scham lernen kannst.
Gibt es vielleicht eine Möglichkeit, dich in einer ähnlichen Situation in der Zukunft anders zu verhalten?
Wenn du in einem Streit laut geworden bist und dich für deine ungerechten Worte schämst, kannst du zum einen den Betroffenen um Verzeihung bitten, zum anderen kannst du dir überlegen, welche anderen Worte du hättest wählen können. Das hilft dir, künftig anders zu handeln.
Befreiend ist hier auch Gottes Zusage an uns: „Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit“ (1. Johannes 1,9).
Dieser Bibelvers erinnert uns daran, dass Gott uns trotz unserer Fehler liebt und uns gerne vergibt, wenn wir unser Fehlverhalten bereuen. Und er möchte auch dir helfen, eine vergebende Haltung dir selbst gegenüber einzuüben – selbst dann, wenn sich eine Situation vielleicht nicht wieder geradebiegen lässt.
Was aber, wenn es sich gar nicht um richtige Scham, sondern um Beschämung von außen handelt? Dann hilft dir vielleicht der zweite Tipp.
Tipp 2: Deine Würde schützen
Vielleicht hast du schon bemerkt, wie schwer es dich trifft, wenn jemand anderes dich beschämt. Das ist kein Wunder, denn Beschämung greift unsere Würde an. Auch wenn manche Formen der Beschämung klein wirken, können sie zu großen innerlichen Verletzungen führen.
Auch wenn du versucht es mit Humor zu nehmen, hat es Auswirkungen auf dein Selbstbewusstsein, wenn andere immer wieder Witze über deine Ungeschicklichkeit reißen. Irgendwann wirst du dich dann als komplett ungeschickte Person sehen, obwohl dir nur ein- oder zweimal ein Missgeschick passiert ist.
Sei versichert: Niemand hat das Recht, dich zu beschämen. Du bist als Ebenbild Gottes geschaffen worden.
Damit hast du eine besondere Würde, die dir niemand nehmen darf. Von daher: Wenn du merkst, dass jemand dich beschämt, setze klare Grenzen.
Oft hilft es bereits, die betreffende Person darauf anzusprechen, wenn du dich verletzt fühlst. Die meisten Menschen beschämen nicht bewusst andere, sondern tun dies aus reiner Gedankenlosigkeit. Eventuell findet es der andere lustig auf deine Kosten Witze zu reißen und kann sich nicht vorstellen, dass er dich damit verletzt.
Überall, wo du dich in einer Würde verletzt siehst und dich beschämt fühlst, benenne dies klar und bitte den anderen um eine Verhaltensänderung. Hin und wieder reicht es, einmalig auf eine Beschämung aufmerksam zu machen; oft musst du es aber auch mehrfach ansprechen.
Sollte dies nicht fruchten und nach mehrmaligen Hinweisen die Beschämung nicht aufhören, kann es nötig sein, auf Distanz zu gehen. Manchmal mögen dazu größere Schritte nötig sein. Wenn du etwa am Arbeitsplatz immer wieder gemobbt wirst, kann ein Jobwechsel nötig werden, um dich zu schützen.
Wichtig ist aber: Du musst dich nicht schlecht fühlen, wenn du auf Distanz zu Menschen gehst, die dich beschämen. Wenn dadurch eine Beziehung abbricht, ist dies nicht deine Schuld, sondern die des anderen. Umgib dich lieber mit Menschen, die dich wertschätzen. Denke daran, dass du in Gottes Augen wertvoll bist und deine Würde unantastbar bleibt.
Wo es dir schwerfällt, das selbst zu erkennen, lass es dir von anderen zusprechen, eventuell sogar von einer Psychologin oder einem Seelsorger.
Tipp 3: Hilfe und Heilung bei Gott suchen
Ganz gleich, ob du dich zu Recht für dein Verhalten schämst oder andere dich beschämt haben, Gott möchte dir diese Gefühle gerne abnehmen. Er kennt die Verletzungen deiner Seele und möchte dir Heilung schenken. Wenn Scham und Beschämung deine Gedanken beherrschen, wende dich im Gebet an ihn. Er kann dein Selbstbild erneuern und dich von Schuldgefühlen befreien.
In Römer 8,1 spricht Paulus uns zu: „So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind“. Diese Verheißung kann dir eine Ermutigung sein, wenn dir die Last deiner Scham und Schuld zu schaffen macht. Du kannst sicher sein: Auf Gottes Vergebung ist Verlass.
Genauso aber steht Gott an deiner Seite, wenn du von anderen beschämt wirst und darauf reagieren musst. Ebenfalls im Römerbrief steht folgender Satz: „Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt, sondern der Geist selbst tritt für uns ein mit unaussprechlichem Seufzen“ (Römer 8,26).
In diesem Bibelvers geht es eigentlich darum, dass der Heilige Geist vor Gott für uns eintritt, wenn uns selbst die Worte fehlen. Ich glaube aber fest daran, dass er uns auch im Gespräch mit anderen Menschen die richtigen Worte geben kann. Daher wenn du wieder einmal nicht weißt, wie du auf eine Beschämung reagieren sollst, bitte Gott darum, dass er dir die richtigen Worte schenkt und dein Handeln lenkt.
Du kannst sicher sein, Gott steht an deiner Seite, wenn andere dich zu Unrecht niedermachen.
Du kannst ihn im Gebet jederzeit um Schutz und Hilfe bitten. Trau dich ruhig auch andere Christen in deinem Umfeld anzusprechen, um gemeinsam für deine Situation zu beten.
Wage den Schritt in die Freiheit!
Scham kann lähmend sein, aber du musst nicht in ihr gefangen bleiben. Indem du Scham bewusst wahrnimmst, deine Würde schützt und Gottes Heilung annimmst, kannst du Schritt für Schritt Freiheit finden. Beginne noch heute damit, dich aus problematischer Scham zu lösen und dich mit Gottes Augen zu sehen.
In der Bibel lesen wir, dass wir als Menschen nach Gottes Bild geschaffen sind. Wie wäre es, wenn du dir das täglich neu vor Augen führst? In Psalm 139,14 bekennt David: „Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele“. Dieses Bekenntnis kannst du dir zu eigen machen, indem du es aufschreibst und an einer sichtbaren Stelle in deiner Wohnung aufhängst.
Wenn du merkst, dass du allein nicht weiterkommst, scheue dich nicht, Hilfe zu suchen. Je nachdem, wie tief die Schamgefühle in deiner Seele verankert sind, kann ein Gespräch mit einer Psychologin oder einem Seelsorger hilfreich sein.
Denk immer daran: Gott sieht dich mit einem liebenden Blick an. Ermutige dich selbst: „Der Herr ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind, und hilft denen, die ein zerschlagenes Gemüt haben“ (Psalm 34,19).
Vertraue darauf, dass Gott deine Würde bewahrt und dich in deiner Persönlichkeit stärken will.
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