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21.02.2024 / Serviceartikel / Lesezeit: ~ 8 min

Autor/-in: Theresa Folger

Bin ich (k)ein Hochstapler?

Warum das Hochstaplersyndrom (Impostor-Syndrom) dein Wachstum behindert.

Ich erinnere mich noch an eine Präsentation, die ich in einem Uni-Seminar hielt. Schon Wochen vorher hatte ich Angst, dass ich mich auf der Bühne lächerlich machen könnte oder auf die Nachfragen der Kommilitonen keine Antwort parat hätte. Dabei hatte ich mich akribisch vorbereitet.

Als ich dann eine gute Note bekam, war ich überrascht und konnte mich nicht recht freuen. Denn ich sah nur das, was ich hätte besser machen können.

Vielleicht kennst du solche Situationen. Falls ja, bist du damit nicht allein. Laut Studien haben bis zu zwei Drittel aller Menschen zeitweise mit dem sogenannten Hochstaplersyndrom (oder Impostor-Syndrom) zu kämpfen. In diesem Artikel werfen wir einen Blick darauf, wie sich dieses Syndrom auswirkt und warum es dein Potenzial massiv einschränken kann.

Trotz messbarer Erfolge inkompetent?

Der Begriff Hochstaplersyndrom wurde in den 1970er Jahren von den Psychologinnen Pauline Clance und Suzanne Imes entwickelt. Sie beobachteten damals, dass überraschend viele erfolgreiche Frauen den Eindruck hatten, ihr Erfolg basiere auf Glück oder Täuschung, nicht auf eigenen Fähigkeiten. (Inzwischen hat sich herausgestellt, dass auch Männer vom Hochstaplersyndrom betroffen sind.)

Streng genommen handelt es sich nicht um ein Syndrom, da dieser Begriff für Krankheiten verwendet wird, sondern eher um ein Phänomen. Da sich der Begriff Hochstaplersyndrom jedoch eingebürgert hat, verwende ich ihn an dieser Stelle.

Das Hauptmerkmal des Hochstaplersyndroms ist, dass Betroffene sich trotz messbarer Erfolge inkompetent fühlen und den Eindruck haben, dem Umfeld nur etwas vorzumachen. Sie trauen sich selbst wenig zu und führen ihren Erfolg auf externe Faktoren zurück. Daher neigen sie dazu, ihre Leistungen zu relativieren („Ach, das war doch nur Zufall…“).

Neue Aufgaben setzen Betroffene unter Druck, weil sie ständig mit dem eigenen Scheitern rechnen und Angst haben, dass ihre vermeintliche Inkompetenz auffliegen könnte. Daher tun sie alles, um ihre gefühlte Minderwertigkeit zu verbergen. So kommt zu der ständigen Versagensangst noch das Gefühl hinzu, sich dauernd verstellen zu müssen.

Neue Aufgaben setzen Betroffene unter Druck, weil sie ständig mit dem eigenen Scheitern rechnen und Angst haben, dass ihre vermeintliche Inkompetenz auffliegen könnte.

Obwohl das Hochstaplersyndrom überraschend viele Menschen betrifft, wird wenig darüber gesprochen. Ich habe erst vor einigen Jahren von diesem Begriff gehört. Bis dahin dachte ich, ich sei die Einzige, die ihre Fähigkeiten nur vorspiele, während ich alle anderen in meinem Umfeld für kompetent hielt.

Perfektionismus oder Prokrastination

Auch wenn es unlogisch klingt, kann sich das Hochstaplersyndrom in gegensätzlichen Verhaltensweisen äußern: Entweder in unerreichbarem Perfektionismus, bei dem der oder die Betroffene unverhältnismäßig viel Zeit und Energie in ein Projekt investiert. Oder in Prokrastination, also dem Aufschieben von Aufgaben aus Angst vor Scheitern. Beides führt zu Stress und Frustration.

Leider kann es auch das Umfeld nur falsch machen: Lob verstärkt den Leistungsdruck, Kritik bestätigt die Person in ihrem vermeintlichen Unvermögen.

Lob verstärkt den Leistungsdruck, Kritik bestätigt die Person in ihrem vermeintlichen Unvermögen.

Oft irritiert die ständige Selbstabwertung der eigenen Leistung andere auch, weil das Verhalten wie „Fishing for compliments“ wirkt. Oder aber das Umfeld glaubt tatsächlich irgendwann, den Betreffenden zu gut eingeschätzt zu haben – eine klassische „selbsterfüllende Prophezeiung“.

Schon diese Übersicht macht deutlich, dass das Hochstaplersyndrom mit einem hohen Leidensdruck der Betroffenen einhergeht. Doch woher kommt die Annahme, man sei inkompetent?

Ursachen des Hochstaplersyndroms

Das Hochstaplersyndrom wurzelt oft in tiefsitzenden Überzeugungen und Erfahrungen, die bis in die Kindheit zurückreichen. Es kann daher rühren, dass Eltern wenig Lob ausgesprochen haben oder eine hohe Erwartungshaltung an das Kind hatten. Beides kann ein Gefühl der Inkompetenz auslösen.

Ich werde nie vergessen, wie die Eltern einer Freundin eine 1- kommentierten mit den Worten: „Das hätte auch besser sein können.“ Meine Freundin meinte dazu nur: „Sie haben ja Recht …“

Manchmal glauben Kinder auch, sie müssten bessere Noten erbringen als die Geschwister, um von den Eltern gleichermaßen wertgeschätzt zu werden. Wer aber schon früh den Eindruck bekommt, dass seine Leistung nie ausreicht, wird sich selbst gegenüber übermäßig kritisch.

Irgendwann definiert man sich so stark über Leistung, dass alles unterhalb von „perfekt“ inakzeptabel ist. So fühlt man sich immer unzulänglich, egal wie gut man aus der Sicht anderer abschneidet.

Wer schon früh den Eindruck bekommt, dass seine Leistung nie ausreicht, wird sich selbst gegenüber übermäßig kritisch.

Teilweise spielen auch kulturelle Einflüsse eine Rolle. In manchen Kulturen werden Kinder geradezu gedrillt, besonders wenn es nur ein oder zwei Kinder in der Familie gibt. In anderen Kulturen werden an die verschiedenen Geschlechter unterschiedliche Erwartungen gestellt. Aber auch eine genetische Disposition und eine Mischung verschiedener Persönlichkeitsmerkmale können das Hochstaplersyndrom begünstigen.

Studien von Valerie Thiel aus dem Jahr 2011 weisen darauf hin, dass bis zu 70 Prozent der Deutschen zeitweise Hochstapler-Gefühle haben. Vor allem bei einem Jobwechsel treten diese Gefühle auf. Doch in der Regel verschwinden sie mit der Zeit. Je mehr der folgenden Merkmale dauerhaft bei dir auftreten, desto stärker ist das Hochstaplersyndrom bei dir ausgeprägt:

  • Fürchtest du dich, bei neuen Aufgaben zu versagen, obwohl du schon oft erfolgreich warst und andere Vertrauen in dein Können setzen?
  • Hast du Angst, dass die anderen merken, wie wenig du eigentlich weißt und kannst?
  • Hältst du deine Kollegen oft für intelligenter als dich selbst?
  • Erinnerst du dich eher an deine weniger guten als an deine besten Leistungen?
  • Erledigst du selten ein Vorhaben oder eine Aufgabe so gut, wie du gern möchtest? Und bist du unzufrieden, wenn du nicht der Beste oder wenigstens außerordentlich gut warst?
  • Glaubst du manchmal, dass der Erfolg in deinem Leben auf Irrtum oder Zufall beruht?
  • Fällt es dir schwer, Komplimente zu deinen Leistungen entgegenzunehmen, und relativierst deine Leistungen dann?
  • Hast du nach einem Erfolg Angst, dass dir so etwas nicht noch einmal gelingen wird?

Als Christ immer schön demütig sein?

Das Hochstaplersyndrom wurde ursprünglich im beruflichen Kontext beschrieben. Doch ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich dieses Gefühl auch auf das Leben als Christ übertragen lässt, nach dem Motto: „Hoffentlich merkt keiner, dass ich gar kein so guter Christ bin, wie ich nach außen zu sein scheine.“ Authentisches Christsein wird so unmöglich.

Manche christliche Prägung scheint das Hochstaplersyndrom überdies zu fördern. So habe ich die freie Gemeinde meiner Eltern aus Kindertagen als recht tadelnd erlebt. Es ging darum, von sich weg- und auf den Herrn zu schauen, seinen Stolz abzulegen und sich in Demut gebrauchen zu lassen.

Bei mir blieb hängen, dass es sich nicht gehört, Lob anzunehmen oder stolz auf seine eigenen Leistungen zu sein. Viele Bibelverse schienen diese Haltung zu untermauern: „Verleugne dich selbst“ (Lukas 9,23), „ein stolzes Herz ist dem Herrn ein Gräuel“ (Sprüche 16,5), „nichts tut um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den anderen höher als sich selbst“ (Philipper 2,3) und so weiter. Und da auch noch betont wurde, dass wir ohne Jesus nichts tun können (vgl. Johannes 15,5), traute ich meinem eigenen Können nicht mehr.

Dann war da noch die Sache mit den Schätzen im Himmel, die man nur bekam, wenn man sich auf der Erde nicht für seine guten Taten feiern ließ (vgl. Matthäus 6,2). Also versuchte ich früher, jedes Lob abzubügeln oder „nach oben weiterzugeben“, um mir ja nicht den Lohn im Himmel zu vermiesen.

Das schwer zu definierende „gesunde Maß“

Wenn ich das heute lese, macht es mich traurig. Denn es hört sich freudlos, gnadenlos und hoffnungslos an. Um nicht falsch verstanden zu werden: All diese Bibelstellen haben in einem bestimmten Kontext ihre Berechtigung. Aber zwischen Hochmut und der totalen Verleugnung der eigenen Fähigkeiten gibt es viele Abstufungen und das wohlbekannte, aber schwer zu definierende „gesunde Maß“.

Zwischen Hochmut und der totalen Verleugnung der eigenen Fähigkeiten gibt es das gesunde Maß.

Außerdem war das nicht alles, was in meiner damaligen Gemeinde gepredigt wurde; doch es war die Botschaft, die bei mir als sensiblem Kind hängen blieb. Meine Geschwister haben sich übrigens ganz anders entwickelt, trotz derselben Prägung.

Meiner Erfahrung nach ist diese falsch verstandene Form der Tiefstapelei unter Christen allerdings weit verbreitet. Doch keine Gemeinde gewinnt etwas damit, wenn ein guter Teil ihrer Mitglieder damit beschäftigt ist, die eigenen Gaben möglichst gut zu verstecken.

Wie viel Selbstzweifel sind normal?

Fast jeder Mensch leidet gelegentlich unter Selbstzweifeln. Doch wie viel Selbstzweifel sind normal, und wo beginnt das Hochstaplersyndrom? Ich denke da an ein Telefonat mit einer Freundin, die eine neue Stelle als Lehrkraft in der Erwachsenenbildung antrat. Vorher war sie Grund- und Gesamtschullehrerin gewesen, nun war sie überfordert von dem Gedanken, dass sie Erwachsenen etwas beibringen sollte.

Solche Befürchtungen sind bis zu einem gewissen Grad normal, wenn man eine neue Aufgabe übernimmt, mit der man nicht in allen Einzelheiten vertraut ist. Doch im Normalfall sollten diese Ängste mit den ersten Erfolgen geringer werden und langsam verschwinden. So war es auch bei meiner Freundin, die mir vor Kurzem erzählte, wie zufrieden sie jetzt mit ihrem Job sei.

Manchmal lässt sich das Gefühl der Inkompetenz jedoch nicht mildern, egal wie viele nachweisbare Leistungen man erzielt. Vielleicht sind die Selbstzweifel sogar so stark, dass man am liebsten kündigen würde, obwohl es keinen äußeren Anlass dazu gibt. In einem solchen Fall kann man vom Hochstaplersyndrom sprechen.

Was passiert, wenn nichts passiert?

Vielleicht hast du dich in Teilen dieses Textes wiedererkannt. Es kann bereits befreiend sein zu erfahren, dass du mit deinem Empfinden nicht allein bist. Doch das ist nur der Anfang. Denn wenn du an diesem Punkt stehen bleibst, behindert das dein persönliches Wachstum. Unter anderem können folgende Konsequenzen eintreten:

  • Die gefühlte Inkompetenz kann dich daran hindern, berufliche Chancen zu ergreifen oder dich für Beförderungen zu bewerben, selbst wenn du qualifiziert bist.
  • Das ständige Gefühl, deine Erfolge nicht verdient zu haben, wirkt sich negativ auf deine Lebensqualität und deinen Selbstwert aus.
  • Du lebst unter anhaltendem Stress, besonders in Situationen, wo du deine Fähigkeiten unter Beweis stellen musst. Diese chronische Belastung kann erhebliche physische und psychische Folgen haben.
  • Wenn du dich nicht traust, dich anderen zu öffnen, hat dies auch Auswirkungen auf deine zwischenmenschlichen Beziehungen. Vielleicht vermeidest du bestimmte Situationen grundsätzlich und ziehst dich immer weiter zurück.
  • Letztlich kann dein falsches Selbstbild auch deine Beziehung zu Gott stören, wenn du dich ständig für unzulänglich hältst.

Kurz: Die negativen Auswirkungen des Hochstaplersyndroms stellen eine erhebliche und dauerhafte Belastung für dein Leben dar und schränken dich unnötig ein. Aber das muss nicht so bleiben. In dem Artikel 10 Strategien gegen das Hochstaplersyndrom erfährst du, was du konkret dagegen tun kannst.

Als Sofortmaßnahme lies dir den folgenden Vers laut vor (Psalm 119,14): „Ich preise dich darüber, dass ich auf eine erstaunliche, ausgezeichnete Weise gemacht bin. Wunderbar sind deine Werke, und meine Seele erkennt es sehr wohl.“ Auch wenn es sich nicht so anfühlt: Diese Worte aus dem 139. Psalm gelten auch für dich.

 Theresa Folger

Theresa Folger

  |  Redakteurin

Theresa Folger ist Diplomkulturwirtin und erfahrene Redakteurin im Bereich mentale Gesundheit. Sie ist überzeugt, dass die persönliche Glaubensreise mit persönlichem Wachstum einhergeht. Hierfür zeigt sie ihren Lesern biblisch basierte Strategien auf. Daheim hört sie New Classics und probiert gern Vollwert-Backrezepte aus.

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