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© Betanien Verlag

24.05.2023 / Buchvorstellung / Lesezeit: ~ 7 min

Autor/-in: Hanna Willhelm

Wie dein Smartphone dich verändert

Tony Reinke zeigt in seinem Buch auf, wie das Handy den Glauben eines Christen beeinflusst.

Gleich vorab: Das Cover von „Wie dein Smartphone dich verändert“ sieht etwas unheimlich und je nach Geschmack auch wenig ansprechend aus. Zu sehen ist ein menschlicher Oberkörper, der von den Schultern aufwärts aus einem Roboter besteht. In der Hand hält dieses Mischwesen ein Handy, seine Arme und Hände sind dabei menschlich gezeichnet, seine Augen jedoch roboterhaft starr und rechteckig.  

Dazu kommt der Untertitel auf grauem Hintergrund: „12 Dinge, die Christen alarmieren sollten“. Bei einem solch düsteren Titelbild stellt sich für den potenziellen Leser die Frage, ob Autor Tony Reinke buchstäblich ein Schwarzmaler ist, was digitale Technik angeht und ob es sich für eine technikaffine Person überhaupt lohnt, das Buch zu lesen.1

Das Vorwort von Reinke zerstreut diese Bedenken. Denn der Journalist outet sich als intensiver Smartphone-Nutzer und Blogger, der auch Social-Media Plattformen wie Twitter, Facebook und Instagramm bedient.

Als im Sommer 2007 das erste iPhone auf den Markt kam, war er bereits im Herbst desselben Jahres stolzer Besitzer eines solchen Gerätes und staunte darüber, auf einem Parkplatz im Nirgendwo seine Mails abrufen zu können. Der Amerikaner gehört also eher zum Typ Early Adopter2 und ist beileibe kein Technik-Eremit.

Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – macht der 46-Jährige sich intensive Gedanken darüber, was das Smartphone mit all seinen Möglichkeiten insbesondere für Christen bedeutet. Die Zielgruppe des Buches ist also klar definiert. Denn obwohl Reinke auch viel psychologisches und soziologisches Wissen in seine Überlegungen einfließen lässt, geht es ihm in allererster Linie um den Einfluss der digitalen Technik auf das geistliche Leben eines Christen.

Technik gehört zur Schöpfung 

Tony Reinke beginnt mit seinen Überlegungen deswegen auch mit einer kleinen Theologie der Technik. Nach seinem Verständnis hat Gott die technische Entwicklung des Menschen schon im Garten Eden mit eingepreist. Technik steht für Reinke nicht im Gegensatz zu einer guten Schöpfung, sondern gehört dazu. 

Für mich als Naturliebhaberin ist seine Behauptung, dass nicht der natürliche Garten Eden, sondern die technikaffine Stadt Jerusalem das Ziel der Schöpfung ist, allerdings ein wenig befremdlich. Ich selbst würde theologisch nicht so viel Bedeutung in diese beiden Bilder legen.   

Trotzdem ist Reinkes Aussage, dass die technische Entwicklung „von Anfang bis zum Ende von Gott ausgelöst, beabsichtigt und gelenkt“ ist, ermutigend – zumal für ein Buch, das sich im weiteren Verlauf sehr kritisch mit den Auswirkungen des Smartphones auf die Seele auseinandersetzt.

Reinke ist es wichtig deutlich zu machen, dass technische Weiterentwicklung nicht per se schlecht ist. Stattdessen sieht er jede technische Entwicklung als eine Anfrage an den einzelnen, ob er sie zum Guten oder zum Schlechten nutzt. Reinke schreibt:

Jede technische Neuerung ist eine theologische Einladung an Gottes Volk zur erneuten biblischen Besinnung.

Tony Reinke: Wie dein Smartphone dich verändert, S. 37

Permanente Ablenkung und die Angst, etwas zu verpassen 

Einen Beitrag zu dieser theologischen Besinnung will Tony Reinke mit seinem Buch leisten. Und so greift er in jedem der zwölf Kapitel einen kritischen Aspekt permanenter Smartphone Nutzung auf. Er schreibt über die Gefahr, dass wir süchtig nach Ablenkung werden und es nicht mehr schaffen, langweilige oder schwierige Situationen auszuhalten, ohne uns in die leichte und oft oberflächliche Welt von Chats und Statusleisten zu flüchten. 

Er warnt zudem davor, dass wir unsere Lesekompetenz verlieren könnten, weil die Lesegewohnheit am Bildschirm tendenziell schneller und weniger gründlich ist. In diesem Zusammenhang stellt er die Frage, was das im Blick auf das private Bibellesen bedeutet: Verkümmert es zusehends – und damit auch ein wichtiger, wenn nicht sogar der wichtigste Kanal, über den Gott mit uns Menschen kommuniziert? 

Der Journalist schreibt weiter über die Angst, etwas zu verpassen, die sogenannte Fear Of Missing Out (FOMO). Dabei geht es nicht nur um die Befürchtung, Neuigkeiten oder Trends nicht rechtzeitig mitzubekommen. FOMO beschreibt vielmehr eine tiefgehende Angst, zum Außenseiter zu werden, wenn man nicht überall Bescheid weiß oder mithalten kann. 

Das wiederum führt in ein ungutes permanentes Vergleichen untereinander: Wir fragen uns ständig, ob die anderen cooler, hipper oder gechillter sind als wir und was wir tun müssen, damit wir auch so wahrgenommen werden.

Das Netz – eine Bühne zur Selbstdarstellung oder um Gott groß zu machen? 

Als Journalistin haben mich die beiden Kapitel „Wir ernähren uns von künstlichen Produkten“ und „Wir werden hart zueinander“ besonders angesprochen. Im ersten geht Reinke zuerst in sehr groben Zügen der Frage nach, was Kunst ist und welche Rolle sie für den Glauben und die Suche nach Gott spielen kann.

Dann überträgt er diese Überlegungen auf die zahlreichen Texte, Bilder und Videos, die Privatleute, aber eben auch Influencer und Medienschaffende ins Netz stellen.  

Reinke plädiert dafür, dass grundsätzlich alles, was wir posten, für unsere Mitmenschen ermutigend und hilfreich sein und zugleich etwas von Gottes Herrlichkeit widerspiegeln soll.

Das ist ein hoher Anspruch und zum Teil urteilt mir Reinke hier zu einseitig, was seine Bewertung von humoristischem oder sinnfreiem Inhalt angeht.

Trotzdem finde ich diesen Denkanstoß sehr hilfreich, denn er misst jedem Post, jedem Blogbeitrag oder jeder Sendung eine potenziell transzendente Bedeutung bei – und das ist eine faszinierende und erschreckende Sicht zugleich!

Soziale Medien – ein Gerichtshof, bei dem jeder sein Urteil sprechen kann? 

In „Wir werden hart zueinander“ kommt der Autor dann auf Themen wie öffentliche Kritik und Shit Storms zu sprechen. Kritisch fragt er, wie wir als Christen beispielsweise mit dem Versagen geistlicher Leiter oder einflussreicher Persönlichkeiten im digitalen Raum umgehen. Tragen wir dazu bei, dass Betroffene verleumdet werden oder bemühen wir uns um einen sachlichen und barmherzigen Umgang miteinander?  

Es geht Reinke dabei nicht darum, Missstände oder Irrlehren um des lieben Friedens willen unter den Teppich zu kehren. Für ihn ist aber die analoge Welt der primäre Rahmen, in dem solche Themen erörtert werden sollten – und zwar von Menschen, die die fachliche und geistliche Kompetenz dazu haben und von Gott für diese Aufgabe berufen sind.3 

Im Zweifelsfall rät Reinke Userinnen und Usern dazu, die Daumen stillzuhalten und einen Konflikt nicht durch das vorschnelle Weiterleiten einseitiger Nachrichten hochzukochen.

Gottes- und Nächstenliebe als Internetgebote 

Diese Beispiele aus „Wie dein Smartphone dich verändert“ machen klar, dass Tony Reinke eine enge Verbindung zwischen dem geistlichen Leben einer Person und ihrem Verhalten als Smartphone User sieht. Für ihn ist das Smartphone nicht bloß ein bisschen Technik, sondern entweder eine Hilfe oder ein Stolperstein in meiner Beziehung zu Gott, zu mir selbst und zu meinen Mitmenschen.  

Die beiden wichtigsten biblischen Gebote, nämlich Gott und den Nächsten zu lieben, gelten laut Tony Reinke auch im digitalen Raum. Der Autor wird dabei nicht müde zu betonen, dass die heutige Generation nicht die erste ist, die mit Herausforderungen wie permanenter Ablenkung, Kritiksucht oder Sinnlosigkeit zu kämpfen hat. Die Möglichkeiten der Digitalisierung stellen uns aber ganz neu und möglicherweise auch in geballter Form vor diese Fragen. 

Sich damit auseinanderzusetzen und im Umgang mit dem Smartphone Selbstdisziplin zu erlernen, ist für Tony Reinke deswegen eine geistliche Aufgabe, der sich jeder Christ stellen muss – nicht zuletzt im Blick auf die Ewigkeit.

Fazit 

Es ist diese Perspektive, die das Buch von einem allgemeinen Ratgeber über einen gesunden Umgang mit dem Handy deutlich unterscheidet. Mag sein, dass das für den einen oder andern Leser zu abgehoben ist oder das Thema zu sehr vergeistlicht. Ich persönlich glaube, dass es wichtig ist, diese Zusammenhänge wahrzunehmen und sich bewusst damit auseinanderzusetzen. 

Deswegen empfehle ich das Buch an dieser Stelle gerne weiter, auch wenn ich beim Lesen nicht mit jeder Deutung und jeder Schlussfolgerung Reinkes übereingestimmt habe.
 

Meine 5 Lieblingszitate aus „Wie dein Smartphone dich verändert“ 

Wenn wir uns aufrichtig unseren Smartphone-Gewohnheiten stellen und dieses Buch als Einladung annehmen mit Gott darüber zu reden, dürfen wir erwarten, Gnade für unsere digitalen Sünden und unsere digitale Zukunft zu empfangen. Gott liebt uns innig und wartet nur darauf, uns alles zu geben, was wir im digitalen Zeitalter brauchen.

Vorwort, S. 26
 

Wir beten nicht mehr und erkennen nicht, dass er [Gott] aufmerksam zuhört und uns nahe ist. Wir empfinden Gott als fern, weil wir abgelenkt sind. Und dennoch sucht er uns. Er sucht unsere ungeteilte Aufmerksamkeit.

Kapitel: Wir werden süchtig nach Ablenkung, S. 50 
 

Die Herausforderung für den Christen lautet, nicht in Tweets und Textbotschaften allein zu lieben, vielmehr in Taten und realer, leiblicher Anwesenheit (1. Johannes 3,18).

 Kapitel: Wir ignorieren Fleisch und Blut, S. 64

 

Nur wenn wir auf ständige digitale Schmeicheleien verzichten, können wir uns wieder klein und weniger bedeutend fühlen, dafür aber menschlicher und befreit, der Welt zu begegnen, die zu lieben wir berufen sind.

Kapitel: Wir ernähren uns von künstlichen Produkten, S. 113f

 

Die Furcht, das ewige Leben zu verpassen, ist die einzige FOMO, die schlaflose Nächte wert ist – für uns selbst, für unsere Familienmitglieder und für unseren Nächsten.

Kapitel: Wir haben Angst, etwas zu verpassen, S. 187 


[1] Der englische Titel ist im Original weniger reißerisch. Da heißt es lediglich „12 Ways Your Phone Is Changing You“, also „12 Wege, wie Dein Smartphone Dich verändert“. 

[2] Ein Early Adopter ist laut Wikipedia ein Mensch, der die neusten technischen Errungenschaften sehr schnell ausprobiert und für sich übernimmt. 

[3] vgl. Matthäus 18,15-20

 

 Hanna Willhelm

Hanna Willhelm

  |  Redakteurin

Hanna Willhelm ist Redakteurin, Autorin und begeisterte Theologin. Ihre Faszination für die Weisheit und Bedeutung biblischer Texte möchte sie gerne anderen zugänglich machen.  In der Sendereihe "Das Gespräch" spricht sie am liebsten mit Gästen über theologische und gesellschaftlich relevante Themen. Sie liebt Bücher und lebt mit ihrer Familie in Mittelhessen.

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